Retuschen

Messer, Ägypten, ca 3300 - 3200 BC, nach Wikipedia-Rama

Messer mit meisterhafter Parallelretusche, vermutlich Hornstein, Länge 25,5 cm, Ägypten, ca 3300 – 3200 BC, verändert nach Wikipedia-Rama

Die häufigste Modifikation von Steingeräten ist die Retusche, sie dient der Formgebung, Kantenstabilisierung, Handhabung (Stumpfung) bzw. Schäftung.1  Der Stichelschlag ist eine Sonderform der Retusche.2

PerlretuscheDie Perlretusche ist eine sehr fein, nur marginal ausgeführte Retusche.3 Sie wird auch feine Retusche, retouche semiabrupte, retouche marginale abrupte, genannt. Diese Retusche verändert die Grundform kaum, hat keine formgebende Wirkung und dient nur der Kantenstabilisierung.4 Sie kann durch schräges Drücken auf eine harte Unterlage oder einen zeihenden Schnitt mit mäßigem Druck erzeugt werden.5

Kantenretusche

Die (gewöhnliche) Kantenretusche, auch starke Retusche oder heavy retouch,6 ist die häufigste Retusche. Sie zeichnet sich durch relativ kleine, einigermaßen regelmäßige Negative auf. Die basalen Aussplitterungen werden Grundretusche genannt. Diese Retusche ist nicht immer von einer Gebrauchsretusche zu unterscheiden, letztere entsteht beim Gebrach unretuschierter Grundformen beispielsweise beim Schneiden von härteren Materialien.7

Schuppen- und StufenretuscheDie Schuppenretusche wird ebenfalls von einer basalen Grundretusche begleitet. Im Gegensatz zu der gewöhnlichen Kantenretusche sind die Negative deutlich größer und greifen mehr auf die Fläche. Dementsprechend werden die Maße der Grundform stärker reduziert.

Handelt es sich um mehrere Serien von Schuppenretuschen, spricht man von einer Stufenretusche. Sie kann sowohl der Formgebung als auch der Nachschärfung dienen. Mit jeder Serie wird der Winkel der Retusche steiler.

Ein Sonderfall der Stufenretusche ist die Quinaretusche. Diese mittelpaläolithische Art der Retusche wurde überwiegend an sehr dicken Abschlägen ausgeführt.8 Dadurch entsteht eine sehr stabile, steile Arbeitskante, ähnlich der Kante von Stichelbahnen.

annähernd parallele RetuscheDie annähernd parallele Retusche reduziert die Maße der Grundform stark, da die großen, steilen bis schuppigen Negative und die steile Grundretusche den Kantenverlauf stark beeinflussen. Hahn bezeichnet dies als Aurignacienretusche, die vorwiegend weich mit Geweih geschlagen wurde.9

flächige RetuscheDie flächige Retusche dient der Ausformung der Fläche. Dies kann funktionale Gründe haben, etwa die Dickenreduzierung bei Pfeilspitzen, oder der optischen Gestaltung dienen. Bei einer flächigen Retusche wird nur ein Großteil der Fläche bedeckt, Teile der ursprünglichen Oberfläche bleiben sichtbar.

FlächenretuscheBei der Flächenretusche wird die gesamte Oberfläche durch Negative geformt. Diese Retuscheart reduziert die Grundform sehr stark, da mehrere Serien notwendig sind. Flächenretuschen haben optische Gründe. Bekannte Beispiele sind jungpaläolithische Blattspitzen und endneolithische Pfeilspitzen.

gedrücktRetuschen können auch gedrückt werden. Besonders in der Nordischen Dolchzeit, der beginnenden Bronzezeit, wurden regelrechte Schaustücke gefertigt. Aber auch Spandolche aus Grand Pressigny Feuerstein sind gelegentlich komplett mit einer schrägen Parallelretusche überzogen.

RückenretuscheDie bisher beschriebenen Retuschen finden sich überwiegend auf der Dorsalseite, gelegentlich auch (zusätzlich) ventralseitig. Die Rückenretusche hingegen stumpft eine Lateralkante ab. Diese Stumpfung kann der Handhabung dienen oder zu Schäftungszwecken angebracht werden.10 Im ersten Fall wird eine gestumpfte Kante erzeugt, um dort gefahrlos das Artefakt fassen zu können (Fingerauflage).11 Im zweiten Fall wird eine Klebekante geschaffen, beispielsweise bei Mikrolithen, die mit dieser Kante als Projektilbewehrung angeklebt wurden.12 Ebenso können die Kanten gestumpft werden, um eine Schnurschäftung zu schützen.

reflektierte RückenretuscheWird die Rückenretusche auf einer harten Unterlage ausgeführt, so kann die Schlagenergie bei Erreichen des Grates reflektiert werden.13 Ist das der Fall, so spricht man von einer reflektierten Rückenretusche. Diese ist von echten beidseitig retuschierten Rücken abzugrenzen, soweit dies möglich ist.14

 

  1. Harald Floss, Grundbegriffe der Artefaktmorphologie und der Bruchmechanik, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 128
  2. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 133
  3. Harald Floss, 2012, S. 129
  4. Joachim Hahn, 1991, S. 131
  5. vergl. Lutz Fiedler, Formen und Techniken neolithischer Steingeräte aus dem Rheinland, in Rheinische Ausgrabungen, Band 19, Beiträge zur Urgeschichte des Rheinlandes III, Köln, 1979, S. 68; Joachim Hahn, 1991, S. 131
  6. Joachim Hahn, 1991, S. 131
  7. Lutz Fiedler, 1979, S. 67
  8.  Joachim Hahn, 1991, S. 133
  9. Joachim Hahn, 1991, S. 132; Floss hingegen bezeichnet die gewöhnliche Kantenretusche als Aurignacienretusche, Floss, 2012, S. 129
  10. Harald Floss, 2012, S. 128f
  11. Joachim Hahn, 1993, S. 192
  12. Harald Floss, 2012, S. 129
  13. Joachim Hahn, 1993, S. 132, Harald Floss, 2012, S. 129
  14. Joachim Hahn, 1993, S. 132f