Kernscheiben

Kernscheiben, Sammlung Robert Bollow

Kernscheiben, Sammlung Robert Bollow

Kernscheiben, auch Kerntabletts, sind Sonderformen von Präparationsabschlägen. Durch diese Abschläge wurden die Schlagflächen von Kernen erneuert. Das Anlegen einer neuen Schlagfläche kann aus verschiedenen Gründen notwendig sein, beispielsweise um den Abbauwinkel zu korrigieren; bei gepunchten Klingenkernen ist die Schlagfläche nach einigen Klingenserien so facettiert, dass sie erneuert werden muss.

Der Abschlag selbst ist die Kernscheibe, sie trägt an den Lateralkanten die gekappten Klingennegative.1 Es treten zwei Varianten auf, Kernscheiben mit glatter Dorsalfläche und solche mit facettierter Dorsalfläche.

Kernscheiben mit glatter Dorsalfläche

Kernscheiben mit glatter Dorsalfläche dienen der Korrektur des Abbauwinkels bei Kernen. Wird im Lauf der Grundformproduktion der Abbauwinkel zu steil, muss dieser korrigiert werden. Das kann durch Abtrennen des Kernfußes erfolgen, durch seitliche Präparationsabschläge quer zur Abbaufläche2 oder durch Anlegen einer neuen Schlagfläche.3 Im letzten Fall wird durch einen seitlich geführten Schlag die alte Schlagfläche des Kerns entfernt, das Negativ dieses Abschlages ist die neue Schlagfläche. Durch den Schlagwinkel kann der Querschnitt der Kernscheibe festgelegt werden, in der Regel ist er keilförmig, dementsprechend ändert sich der Abbauwinkel am Kern.

Kernscheiben mit facettierter Dorsalfläche

Kernscheiben mit facettierter Schlagfläche treten im älteren Neolithikum auf und stehen im Zusammenhang mit der Punchtechnik bei Klingenkernen. Sie wurden abgetrennt, um noch abbauwürdige Kerne erneut zu öffnen. Im Idealfall verläuft das Negativ parallel zur alten Schlagfläche und ändert den Abbauwinkel nicht.

Facettierte Kernscheibe, idealisiert in Drauf- und Seitenansicht

Facettierte Kernscheibe, idealisiert und schematisiert in Drauf- und Seitenansicht

Die facettierte Schlagfläche entstand, wenn von der Abbaukante aus rundum kurze, übersteilte Abschläge abgetrennt wurden, die meist als step- oder hinge-fracture endeten. Die so entstandenen Negative dienten dem präzisen Ansetzen des Punches bei der Klingenproduktion.4

Schrägansicht Kernscheibe

Schrägansicht facettierte Kernscheibe

Nach einigen Klingenserien konnte die Schlagfläche nicht erneut präpariert werden, da die Negative immer kürzer wurden und der Punch nicht mehr angesetzt werden konnte. Gleichzeitig war es nicht mehr möglich, erneut vom Schlagflächenrand aus neue Negative auf der stufigen Schlagfläche anzulegen, da die vorherigen step- und hinge-fractures nicht unterlaufen werden konnten. In diesem Falle musste eine Kernscheibe abgetrennt werden.5 Dadurch entstand eine neue Schlagfläche, die nun erneut so präpariert werden konnte, dass der Punch wieder einen Halt fand. Diese Abläufe konnten sich mehrfach wiederholen, bis der Kern erschöpft war.

Abbauschema im Schnitt

Abbauschema im Schnitt

  1. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 79
  2. Joachim Hahn, 1991, S. 79
  3. Joachim Hahn, 1991, S. 79, 81
  4. Jürgen Weiner, Klingenerzeugung im Neolithikum, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 705
  5. Joachim Hahn, 1991, S. 104