Kernkantenklingen

Primäre Kernkantenklinge

Pri­märe Kern­kan­ten­klinge, Schema

Kern­kan­ten­prin­zip

Eine Kern­kan­ten­klinge ent­steht bei dem Ab­bau von Klin­gen­ker­nen. → Ar­ti­kel: Klin­gen­kerne. Sol­len Klin­gen oder La­mel­len ge­won­nen wer­den, so ist da­für ein Leit­grat er­for­der­lich. Die Schla­gen­er­gie folgt da­bei der ex­po­nier­ten Par­tie der Ab­bau­flä­che,1 “Kern­kan­ten­prin­zip”.2 Liegt ein na­tür­li­cher Leit­grat vor, ist keine Prä­pa­ra­tion er­for­der­lich, dem­ent­spre­chend zeigt die na­tür­li­che Kern­kan­ten­klinge keine Ne­ga­tive der Kern­prä­pa­ra­tion.3

Natürliche Kernkantenklinge ohne Präparationsnegative, modifiziert als Kratzer

Na­tür­li­che Kern­kan­ten­klinge ohne Prä­pa­ra­ti­ons­ne­ga­tive, mo­di­fi­ziert als Kratzer

Kern­prä­pa­ra­tion

Liegt kein ge­eig­ne­ter na­tür­li­cher Grat vor, muss ein Leit­grat durch ent­spre­chende Kern­prä­pa­ra­tion an­ge­legt wer­den. Da­bei wird eine Se­rie von Ab­schlä­gen, an der Schlag­flä­che be­gin­nend, quer zur Ab­bau­rich­tung des Kerns4 bis zum Kern­fuß wech­sel­sei­tig in ei­ner Li­nie ne­ben­ein­an­der an­ge­legt. Da­bei dient ein Teil des vor­an­ge­gan­ge­nen Ne­ga­tivs als Schlag­flä­che für den neuen, ge­gen­stän­di­gen Ab­schlag. So ent­steht ein Leit­grat für den nach­fol­gen­den Ab­bau der ers­ten Klinge. Der Leit­grat muss nicht zwin­gend bi­fa­ci­ell an­ge­legt wer­den, die Prä­pa­ra­tion kann auch uni­fa­ci­ell er­fol­gen.5 Ob der Leit­grat uni­fa­ci­ell, ein­fa­che Kern­kante, oder bi­fa­ci­ell, dop­pelte Kern­kante,6 aus­ge­führt wird, rich­tet sich im We­sent­li­chen nach der Kernmorphologie.

Primäre Kernkantenklinge

Pri­märe Kern­kan­ten­klinge, bifaciell

Pri­märe und se­kun­däre Kernkantenklingen

Die­ser Leit­grat ist die Kern­kante, die ent­spre­chende Klinge die Kern­kan­ten­klinge. Die pri­märe Kern­kan­ten­klinge zeigt auf der Dor­sal­seite die Ne­ga­tive der vor­an­ge­gan­ge­nen Kern­prä­pa­ra­tion.7 Se­kun­däre Kern­kan­ten­klin­gen zei­gen dor­sal auf ei­ner Seite Reste der Prä­pa­ra­ti­ons­ab­schlagne­ga­tive, auf der an­de­ren den Rest des Ne­ga­tivs der Kernkantenklinge.

Kernkantenklinge

Ani­ma­tion hell­grau pri­märe Kern­kan­ten­klinge, mit­tel­grau se­kun­däre, dun­kel­grau Klinge

Ver­brei­tung

Kern­kan­ten sind im Mit­tel­pa­läo­li­thi­kum sel­ten,8 im Jung­pa­läo­li­thi­kum sind sie fes­ter Be­stand­teil der Klin­gen­tech­nik.9 Im frü­hen Jung­pa­läo­li­thi­kum exis­tierte ne­ben dem Leit­grat­prin­zip auch noch das Le­val­lois­prin­zip zur Klin­gen­her­stel­lung.10 Im mitt­le­ren Jung­pa­läo­li­thi­kum wer­den na­tür­li­che Leit­grate ge­nutzt oder Kern­kan­ten prä­pa­riert.11 Im spä­ten Jung­pa­läo­li­thi­kum, Mag­dalé­nien, tre­ten be­son­dere Kern­for­men auf, seg­ment­för­mige Voll­kerne.12 Bei die­sen Ker­nen wird ein lan­ger, bo­gen­för­mi­ger Leit­grat an­ge­legt, der dis­tal und pro­xi­mal zur Klin­gen­pro­duk­tion ge­nutzt wurde. Ein be­son­ders ein­drucks­vol­ler Be­leg ist die 56 cm lange Kern­kan­ten­klinge aus dem Mag­dalé­nien, Etiol­les, Dep. Es­sonne, Frank­reich.13

↑ Klin­gen­kern mit ange­pass­ten Klin­gen, nach Jean-Marc Yvon

↑ Klin­gen­kern mit ange­pass­ten Klin­gen, nach Jean-Marc Yvon

Im Spät­pa­läo­li­thi­kum, Me­so­li­thi­kum und Neo­li­thi­kum sind na­tür­li­che und prä­pa­rierte Kern­kan­ten­klin­gen be­legt. Be­son­ders im Mit­tel­neo­li­thi­kum kom­men sorg­fäl­tig prä­pa­rierte, weich ge­schla­gene14 Kern­kan­ten vor,15 die Kern­kan­ten­klin­gen be­le­gen da­bei häu­fig die An­lage des Leit­gra­tes in Punchtechnik.

Eine Son­der­form von Kern­kan­ten­klin­gen ent­stand beim Ab­bau der Liv­res de Beurre. → Ar­ti­kel: Liv­res de Beurre. Hier er­folgte die Prä­pa­ra­tion von der Seite, so­dass sich die von links und rechts ge­schla­ge­nen Ne­ga­tive in der Mitte der Ab­bau­flä­che tra­fen und so den Leit­grat bil­de­ten. Die ent­spre­chen­den pri­mä­ren Kern­kan­ten­klin­gen tru­gen die dis­ta­len Ab­schnitte der Präparationsnegative.

Schlagrichtungen, schematisch

Schlag­rich­tun­gen, schematisch

  1. Jür­gen Wei­ner, Klin­gen­pro­duk­tion im Neo­li­thi­kum, in Floss (Hrsg.) Stein­ar­te­fakte vom Alt­pa­läo­li­thi­kum bis in die Neu­zeit, Tü­bin­gen 2012, Kerns Ver­lag, S. 692
  2. Jür­gen Wei­ner, 2012, S. 693
  3. Jür­gen Wei­ner, 2012, S. 695
  4. Joa­chim Hahn, Er­ken­nen und Be­stim­men von Stein– und Kno­chen­ar­te­fak­ten, Ar­chaeo­lo­gica Ve­na­to­ria, Band 10, Tü­bin­gen, 1991, S. 79
  5. Lutz Fiedler/ G. und W. Ro­sen­dahl, Alt­stein­zeit von A bis Z, Pu­bli­ka­tio­nen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 44, WBG, Darm­stadt, 2011, S. 185
  6. Hahn, 1991, S. 79
  7. Fied­ler et al, 2011, S. 185
  8. Fund­schicht B 1, Rhein­dah­len lie­ferte ne­ben Klin­gen auch Kern­kan­ten­klin­gen, N. J. Conard, Klin­gen­tech­no­lo­gie vor dem Jung­pa­läo­li­thi­kum, in Floss (Hrsg.) Stein­ar­te­fakte vom Alt­pa­läo­li­thi­kum bis in die Neu­zeit, Tü­bin­gen 2012, Kerns Ver­lag, S. 249
  9. Fied­ler et al, 2011, S. 185; Hahn, 1991, S. 83
  10. Th. Uth­meier, Früh­jung­pa­läo­li­thi­sche Grund­for­mer­zeu­gung in Eu­ropa, in Floss (Hrsg.) Stein­ar­te­fakte vom Alt­pa­läo­li­thi­kum bis in die Neu­zeit, Tü­bin­gen 2012, Kerns Ver­lag, S. 329f
  11. Cle­mens Pasda, Grund­for­mer­zeu­gung im mitt­le­ren Jung­pa­läolt­hi­kum, in Floss (Hrsg.) Stein­ar­te­fakte vom Alt­pa­läo­li­thi­kum bis in die Neu­zeit, Tü­bin­gen 2012, Kerns Ver­lag, S. 367
  12. Ha­rald Floss, Grund­for­mer­zeu­gung im Mag­dalé­nien, in Floss (Hrsg.) Stein­ar­te­fakte vom Alt­pa­läo­li­thi­kum bis in die Neu­zeit, Tü­bin­gen 2012, Kerns Ver­lag, S. 381ff
  13. Olive Moni­que, Pi­geot Ni­cole, Tabo­rin Yvette, Yvon Jean-Marc, Tour­jour plus longe, une lame à crete excep­tio­nelle à Etiol­les (Es­sonne), in Re­vue archéo­lo­gi­que de Picar­die. Nu­méro spé­cial 22, 2005. pp. 25–28, PDF
  14. Lutz Fied­ler, For­men und Tech­ni­ken neo­li­thi­scher Stein­ge­räte aus dem Rhein­land, in Rhei­ni­sche Aus­gra­bun­gen, Band 19, Bei­träge zur Ur­ge­schichte des Rhein­lan­des III, Köln, 1979, S. 150
  15. Hahn, 1991, S. 105