Grundformproduktion

Kerne |Kernformen |Abbauwinkel und Schlagwinkel |Schlagwinkel und Schlagenergie

Abschläge und Klingen, werden von Kernen geschlagen. Sowohl die Kerne als auch die Abschlagprodukte werden Grundform genannt. Gelegentlich wurden auch Frostscherben als Werkzeug modifiziert, sie mußten nicht geschlagen werden, sondern lagen als „natürliche Grundform“ schon vor.

Kerne

Ein Kern ist eine Rohmaterialeinheit, von der Abschläge und/oder Klingen geschlagen werden. Die Rohmaterialeinheit kann ein Geröll, Fladen, eine Knolle oder Platte sein. Damit Grundformen produziert werden können, muss eine geeignete Schlagfläche vorhanden sein. Liegt diese nicht schon durch die Form des Rohstücks natürlich vor, muss sie angelegt werden; die Schlagfläche ist die Fläche, von der aus die Grundformen geschlagen werden. Das Anlegen der Schlagfläche wird auch als Öffnen des Rohstücks bezeichnet.1

Anlegen der Schlagfläche

Anlegen der Schlagfläche durch Köpfen der Knolle

Die Fläche, von der die Grundformen abgespalten werden, ist die Abbaufläche. Sie zeigt die sog. Negative, das sind die am Kern sichtbaren Gegenstücke der Ventralflächen der geschlagenen Grundformen. Rohmaterialeinheiten mit nur einem Negativ werden nicht zu den Kernen gezählt, sie werden als angeschlagene Gerölle bezeichnet. Es kann sich dabei um einen Testabschlag handeln, zum Überprüfen der Abbauwürdigkeit. Abhängig von den Eigenschaften des Rohmaterials kann ein „Schälen“ notwendig sein. Insbesondere Gerölle weisen oberflächennah zahlreiche Mikrorisse auf, die durch Bestoßungen im Schotter entstanden. Diese Störungen verhindern einen geregelten Abbau und müssen durch Entrindungsabschläge entfernt werden, bevor die eigentliche Produktion der Zielabschläge erfolgen kann. Die Entrindungsabschläge sind oft durchaus nutzbar, die kortextragenden Abschlagkratzer der Michelsberger Kultur belegen das.

Kernschema

Hellgrau Rinde; Mittelgrau Schlagfläche; Dunkelgrau Abbaufläche mit Negativen

Kernformen

Ein Kern kann eine oder mehrere Schlagflächen besitzen. Kerne mit zwei gegenüberliegenden Schlagflächen, von denen aus im Wechsel geschlagen wurde, werden als bipolare Kerne bezeichnet. → Artikel: Bipolare Kerne.

Bei Kernen mit wechselnden Schlagflächen handelt es sich oft um das letzte Stadium der Grundformproduktion. Vor dem Verwerfen wurden noch opportunistische Abschläge gewonnen, dabei diente das Negativ eines vorangegangenen Abschlags als Schlagfläche für den nächsten. → Fundbeschreibung: Opportunistischer Kern

Diskoide Kerne besitzen ähnlich wie opportunistische Kerne wechselnde Schlagflächen, hier erfolgt der Abbau jedoch nach einem klaren Konzept kreisförmig vom Rand her. → Artikel: Diskoide Kerne

Klingenkerne müssen speziell präpariert werden, damit langgestreckte, kantenparallele Abschlagformen, die Klingen, geschlagen werden können. Mehr dazu → Artikel: Klingenkerne. Auch die Livres de Beurre stellen eine Sonderform dar. Mehr dazu → Artikel:Livres de Beurre. Levalloiskerne besitzen ein spezielles Abbaukonzept. Mehr dazu → Artikel: Diskoide Kerne.

Abbauwinkel und Schlagwinkel

Die Schlagfläche muß in einem geeigneten Winkel zur vorgesehenen Abbaufläche liegen.  Dieser Winkel liegt bei der direkten Schlagtechnik etwa um 70° oder weniger. Bei der indirekten Schlagtechnik, der Verwendung eines Zwischenstücks, kann der Winkel bis zu 90° betragen.

Der Abbauwinkel ist durch die Bruchmechanik und die Form und Richtung der Übertragung der Schlagenergie vorgegeben. Ist der Winkel zu groß, kann sich die Schlagenergie nicht so im Kern ausbreiten, dass die gewünschte Grundform abgespalten wird. Dabei handelt es sich um sehr komplexe Vorgänge mit vielen Variablen. Hier erfolgt nur eine stark vereinfachte Darstellung.

Abhängig vom Abbauwinkel muss die Grundform in einem bestimmten Winkel geschlagen werden. Dieser Winkel wird Schlagwinkel genannt. Schlag- und Abbauwinkel ergeben einen Gesamtwinkel. Dieser Gesamtwinkel ist für den Abbau entscheidend und muss eine bestimmte Größe haben. Bei einem großen Abbauwinkel über 70° wäre der Schlagwinkel bei Verwendung eines Schlagsteins oder Geweihschlägels so flach, dass die Schlagenergie auf Grund der Form des Schlaggerätes nicht im richtigen Winkel übertragen werden kann, das Schlaggerät würde abrutschen oder an der falschen Stelle auftreffen. Durch die spitze Form des Zwischenstücks kann der Schlagwinkel flacher ausfallen, daher kann der Abbauwinkel etwa 90° Grad betragen. Die nachfolgenden, grob schematischen Grafiken verdeutlichen das.

Schlagwinkel mit Schlagstein bei etwa 70° Abbauwinkel

Schlagwinkel mit Schlagstein bei etwa 70° Abbauwinkel

Abbauwinkel etwa 90° bei Verwendung eines Zwischenstücks

Abbauwinkel etwa 90° bei Verwendung eines Zwischenstücks

Falscher Auftreffpunkt bei Verwendung eines Schlagsteins bei Abbauwinkel über 70°

Falscher Auftreffpunkt bei Verwendung eines Schlagsteins bei Abbauwinkel über 70°

Schlagwinkel und Schlagenergie

Schlagunfälle sind unerwünschte Schlagergebnisse. Diese können durch einen falschen Schlagwinkel, falsche Schlagenergie oder Störungen im Rohmaterial verursacht werden. Beispielhaft sind die Folgen falscher Schlagwinkel und Schlagenergie grafisch dargestellt.

 

  1. Jürgen Weiner, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag,  S. 701