Stielspitzen Fertigungstechnik

J. Hahn erwähnt, dass Stielspitzen in der Zwillingskerbrest-Technik hergestellt worden sein sollen. Hierbei werden bilateral zwei Kerben angebracht, anschließend wird die Klinge gebrochen.1 W. Taute führte die Begriffe Zwillingskerbtechnik und  Zwillingskerbrest ein und verband sie mit der Stielspitzenherstellung.2

Zumindest nicht bei den hier vorgestellten Stücken findet sich kein Hinweis auf die von Taute beschriebene Zwillingskerbtechnik. Mehrfach ist zu beobachten, dass die Negative nicht auf beiden Seiten des Stiels durch den Biegebruch gekappt sind. Vielmehr scheint eine Seite des Stieles regelhaft erst nach dem Segmentieren retuschiert worden zu sein. Auch die Spitzen sind, wenn die Stielspitzen aus medialen Klingenabschnitten hergestellt wurden, in den vorliegenden Fällen nur einseitig gekerbt bzw schräg endretuschiert. Hinweise auf bilaterale Kerben sind hier gleichfalls nicht zu erkennen.

Ahrensburger Stielspitze, Finder Robert Grüttner

Ahrensburger Stielspitze, Finder Robert Grüttner

↑ Diese Ahrens­bur­ger Stiel­spitze ist aus einem dis­ta­len Klin­gen­ab­schnitt gefer­tigt. Die rechte Late­ral­kante ist kurz nach dem Stiel kräf­tig retu­schiert. Zur Spitze hin ist die Retu­sche zwar auch vor­han­den, jedoch nur als Perl­re­tu­sche aus­ge­führt, da die natür­li­che Form der Dis­tal­klinge kaum ver­än­dert wer­den musste. Im Spitzenbereich wurden keine Kerben angelegt.

Der Stiel ist beid­sei­tig nach dor­sal retu­schiert. Auch der Stiel ist nicht sym­me­trisch, links ist der Ver­lauf der Retu­sche leicht kon­kav, rechts kon­vex. Die kon­kave Retu­sche zieht sich weit über den Klin­gen­g­rat hin­weg, es han­delt sich um den Rest der Kerbe, die zum Seg­men­tie­ren der Klinge ange­legt wurde. Das Stie­lende zeigt neben einer Ver­dün­nung nach dor­sal Reste eines Bie­ge­bruchs. Ver­mut­lich wurde die rechte Seite des Stiels erst nach der Seg­men­tie­rung retuschiert.

Ahrensburger Stielspitze, Finder Robert Grüttner

Ahrensburger Stielspitze, Finder Robert Grüttner

↑ Der Spit­zen­be­reich die­ser Ahrens­bur­ger Stiel­spitze wird haupt­säch­lich durch ein gro­ßes, geschwun­ge­nes Nega­tiv geformt. Es han­delt sich nicht um eine durch Retu­schen geformte Kerbe, denn die von ven­tral geführ­ten Retu­schen in die­sem Bereich errei­chen nur etwa die Hälfte der Klingenstärke.

Der Stiel ist links bis zum Mit­tel­grat der Klinge nach dor­sal retu­schiert. Die Retu­sche ist links sorg­fäl­tig aus­ge­führt, es han­delt sich ver­mut­lich um den Rest der Bruch­kerbe. Die rechte Seite des Stie­les ist nach ven­tral retu­schiert. Die Retu­sche besteht aus weni­gen gro­ben Negativen und erweckt nicht den Eindruck einer Bruchkerbe.

Stielspitze, Sammlung Robert Grüttner

Stielspitze, Finder Robert Grüttner

↑ Der Spit­zen­be­reich der Ahrens­bur­ger Stiel­spitze wird durch eine leicht kon­kave, recht steile, schräge End­re­tu­sche geformt. Hier­bei han­delt es sich um Reste einer Kerbe, die ange­legt wurde, um die Klinge zu seg­men­tie­ren. Die andere Late­ral­kante wird durch eine natür­li­che Schneide gebil­det. Die Spitze ist in Ori­gi­nal­länge erhal­ten, das Ter­mi­na­lende ist nicht gebro­chen, es weist flüch­tige, steile Retu­schen auf. Der Stiel ist wie der Spit­zen­be­reich nach dor­sal retu­schiert. Auch hier ist deut­lich der Rest einer kon­ka­ven Kerbe zu erken­nen, während die andere Seite weniger sorgfältig ausgeführt ist.

Stielspitze, Sammlung Robert Grüttner

Stielspitze, Finder Robert Grüttner

↑ Bei die­ser Ahrens­bur­ger Stiel­spitze wird der Spitzenbereich durch eine steile, schräge End­re­tu­sche geformt. Die andere Late­ral­kante wird durch eine natür­li­che Schneide gebil­det. Das ist ein Hinweis auf eine einseitige Kerbe. Der Stiel ist links nach dor­sal retu­schiert, etwa bis zum Mit­tel­grat der Klinge. Die rechte Seite des Stie­les ist nicht ein­heit­lich retu­schiert, die Rich­tung wech­selt zwi­schen dor­sal und ventral. Somit liegt hier wohl auch keine beidseitige Kerbe vor.

Ahrensburger Stielspitze, Finder Robert Grüttner

Ahrensburger Stielspitze, Finder Robert

↑ Die­se Ahrens­bur­ger Stiel­spitze ist im Spitzenbereich haupt­säch­lich natür­lich geformt, es handelt sich um das Dis­ta­lende einer Klinge. Nur eine Late­ral­kante weist eine mar­gi­nale Retu­sche auf. Der Stiel ist links nach ven­tral, rechts nach dor­sal retu­schiert. Die Retu­schen redu­zie­ren die Breite nur wenig, der Stiel ist deut­lich brei­ter als bei den ande­ren Exem­pla­ren des glei­chen Fund­plat­zes. Die Basis zeigt einen deut­li­chen Bie­ge­bruch. Während der Bruch links ein Negativ kappt, scheint die rechte Retusche erst nach dem Bruch angelegt worden zu sein. ↓

Stielende links und rechts

Stielende links und rechts

Die beschriebenen Fundstücke schließen nicht aus, dass die Zwillingskerbtechnik existiert, zeigt aber deutlich auf, dass sie kein Muss bei der Herstellung von Ahrensburger Stielspitzen ist. Dennoh können Ahrensburger Stielspitzen auch in Zwillingskerbbruchtechnik hergestellt worden sein, ein deutlicher Hinweis auf diese Technik ist die Vorarbeit einer Ahrensburger Stielspitze, die bei den Externsteinen gefunden wurde.3 Hier ist einseitig eine konkave Kerbe bis etwa zurt Hälfte der Klingenbreite angelegt, die andere Lateralkante weist eine begonnenene Kerbe auf, die Spitze ist bereits fertiggestellt.

Ausführlicher zu den einzelnen Ahrensburger Stielspitzen:

Ahrens­bur­ger Stiel­spitze 1

Ahrens­bur­ger Stiel­spitze 2

Ahrens­bur­ger Stiel­spitze 3

Ahrens­bur­ger Stiel­spitze 4

Ahrens­bur­ger Stiel­spitze 5

Stiel­spit­zen­frag­ment

  1. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 195
  2. W. Taute, Die Stielspilzen-Gruppen im nördlichen Mitteleuropa. Ein Beitrag zur Kenntnis der späten Altsteinzeit, Fundamenta, Reihe A, Band 5. Köln-Graz, 1968
  3. Michael Baales, Die Externsteine, Horn-Bad Meinberg, Kreis Lippe, in H. G. Horn (Hrsg.) Neandertaler & Co. Eiszeitjägern auf der Spur – Streifzüge durch die Urgeschichte Nordrhein-Westfalens, Mainz, 2006, S. 161,  PDF, Abb. 78