Spätpaläolithikum

Federmesser, nach Schaaffhausen, Der Neanderthaler Fund, Bonn, 1888

Fe­der­mes­ser nach Schaaff­hau­sen, Der Ne­an­dertha­ler Fund, Bonn, 1888

 

Das Spät­pa­läo­li­thi­kum ent­wi­ckelte sich aus dem Mag­dalé­nien1 und wird auf etwa 12.000 bis 9.500 Jahre BC da­tiert. Es ist die Zeit des Alleröd-Interstadials. In die­ser Zeit fand eine Wie­der­be­wal­dung statt.

Fe­der­mess­er­grup­pen

Wur­den die Fe­der­mess­er­grup­pen frü­her als aus­klin­gen­des Mag­dalé­nien an­ge­spro­chen,2 wer­den sie nun als Azi­lien oder Fe­der­mess­er­grup­pen be­zeich­net.3 Die Kli­ma­er­wär­mung führte zu ei­nem Fau­nen­wech­sel, die gro­ßen Her­den der Gras­fres­ser, Pferd und Ren­tier, zo­gen nach Nord­os­ten in sub­ark­ti­sche Zo­nen ab, nur ver­ein­zelt war das Pferd noch an­zu­tref­fen. Das ver­langte den Men­schen eine Um­stel­lung der Jagd– und Le­bens­ge­wohn­hei­ten ab. So ent­wi­ckel­ten sich aus den Jä­gern des Mag­dalé­nien schließ­lich die Fe­der­mess­er­grup­pen.4 Diese leb­ten in klei­ne­ren Ver­bän­den und wa­ren we­ni­ger sess­haft als im Jung­pa­läo­li­thi­kum. Die hohe Mo­bi­li­tät wird durch die oft von weit her stam­men­den Stein­roh­ma­te­ria­lien be­legt.5 → PDF mit Kar­tie­rung.

Nur zwei Fund­stel­len in Nordrhein-Westfalen da­tie­ren in den Be­ginn des Spät­pa­läo­li­thi­kums, das Grab von Ober­kas­sel und Riet­berg bei Gü­ters­loh am Ober­lauf der Ems. Erst aus der Zeit nach dem Fau­nen­wech­sel, ab 11.500 Jahre BC, sind die Funde sehr zahl­reich.6

Der in die Zeit der Fe­der­mess­er­grup­pen fal­lende Laa­cher See Vul­kan­aus­bruch führte zu erst­klas­sig er­hal­te­nen Fund­plät­zen die­ser Zeit, da diese durch die Bims– und Asche­schich­ten kon­ser­viert wur­den.7 Be­lege von gro­ßen Zel­t­rin­gen wer­den als tipi– oder jur­ten­ar­tige Be­hau­sun­gen ge­deu­tet.  Aus ih­rer Größe wird ge­schlos­sen, dass die ge­samte Gruppe zu­sam­men un­ter­wegs war. Ob es das noch im Mag­dalé­nien exis­tie­rende Sys­tem Ba­sis­la­ger — Jagd­la­ger gab, ist nicht ge­klärt, Wes­se­ling scheint mög­li­cher­weise ein Ba­sis­la­ger ge­we­sen zu sein.8

In Nord­west­eu­ropa wer­den for­men­kund­lich ver­schie­dene spät­pa­läo­li­thi­sche Grup­pen un­ter­schie­den. Der Nie­der­rhein lag im Ein­fluss­be­reich der Tjonger-Gruppe, die dar­über hin­aus in Süd– und Mit­tel­hol­land, Nord­bel­gien und im Ems­land ver­brei­tet war. Ty­pisch für die Tjonger-Gruppe sind Fe­der­mes­ser mit ein– oder zwei­fach ge­knick­tem Rü­cken. Die Rissen-Gruppe trat in Nord­west­deutsch­land und den nord­öst­li­chen Nie­der­lan­den auf. Das Ge­biet der Wehlener-Gruppe ist Süd-Schleswig und Nordost-Niedersachsen, in Süd­schwe­den und Dä­ne­mark wird diese Gruppe Bromme-Kultur ge­nannt. Da­ne­ben kom­men alle im Spät­pa­läo­li­thi­kum üb­li­chen Stein­werk­zeuge wie Rü­cken­mes­ser, kurze Krat­zer, Sti­chel so­wie end– und la­te­ral­re­tu­schierte Klin­gen und Ab­schläge vor.

An­ders als im Mag­da­le­nien wur­den die Werk­zeuge nicht mehr haupt­säch­lich aus Klin­gen, son­dern auch aus Ab­schlä­gen ge­fer­tigt. Die Aus­gangs­form spielte bei der Her­stel­lung der Ge­räte nur noch eine un­ter­ge­ord­nete Rolle.9 Das Ge­rä­te­spek­trum wurde klei­ner als das des Spät­mag­dalé­nien.10 Ne­ben Pfeil und Bo­gen wurde bei der Jagd ver­mut­lich auch noch die Speer­schleu­der ein­ge­setzt.11 Die Speere be­sa­ßen har­pu­n­en­ar­tige Spit­zen aus Kno­chen und Ge­weih mit ein­rei­hi­gen Wi­der­ha­ken. Die Fe­der­mes­ser tre­ten so häu­fig auf, dass sie für diese Kul­tur na­men­ge­bend wur­den. Sie wur­den of­fen­sicht­lich als Pfeil­spit­zen ver­wen­det, zu­sam­men mit seit­lich an­ge­brach­ten Rü­cken­mes­sern bil­de­ten sie die Pfeil­be­weh­rung. Pfeil­schaft­glät­ter­funde las­sen ver­mu­ten, dass die Pfeile etwa 10 mm dick wa­ren.12

Federmesser, Zeichnung Dr. Martin Heinen

Fe­der­mes­ser, Zeich­nung Dr. Mar­tin Heinen

Ein Fund­platz mit au­ßer­ge­wöhn­li­chen Be­fun­den ist → Ar­ti­kel: Wes­se­ling. Wei­tere Fund­plätze als PDF: → Ket­tig, → Bad Brei­sing, → Rüs­sels­heim 122.

Stiel­spit­zen­grup­pen

Ahrensburger Stielspitzen, Finder Robert Grüttner

Ah­rens­bur­ger Stiel­spit­zen, Fin­der Ro­bert Grüttner

Die Stiel­spit­zen Grup­pen sind eben­falls nach den ty­pi­schen Ge­schoss­spit­zen die­ser Zeit be­nannt. Bei sei­nen Gra­bun­gen in Stell­moor fand Al­fred Rust zahl­rei­che Pfeile, un­ter an­de­rem auch eine noch er­hal­tene Schäf­tung ei­ner Stiel­spitze.13 Er­staun­li­cher­weise be­stan­den die Pfeile aus ei­nem Kom­po­sitschaft — Haupt­schaft und Vor­schaft mit Spitze — beide durch eine Steck­ver­bin­dung zu­sam­men­ge­setzt. In der holz­ar­men Zeit war der 80 cm lange  Haupt­schaft schwer zu be­schaf­fen; flüch­tete das an­ge­schos­sene Wild, so löste sich die Steck­ver­bin­dung und der wert­volle Schaft ging nicht ver­lo­ren. Wahr­schein­lich stel­len die Pfeile von Stell­moor eine Wei­ter­ent­wick­lung ein­fa­cher, ein­tei­li­ger Pfeile dar. In der Kul­tur­schicht wur­den auch le­dig­lich an­ge­spitzte Pfeile ohne Be­weh­rung ge­fun­den.14

Steckschäftung Stielspitze, nach Rust

Steck­schäf­tung Stiel­spitze, nach Rust15

Wäh­rend im süd­li­chen Mit­tel­eu­ropa die Fe­der­mess­er­grup­pen naht­los in das Me­so­li­thi­kum über­gin­gen, zeigte sich im nörd­li­chen Mit­tel­eu­ropa ein an­de­res Bild. An­ders als in Süd­deutsch­land ver­ur­sachte der  Tem­pe­ra­tur­rück­gang im Jün­ge­ren Dryas eine tief grei­fende Ver­än­de­rung in Flora und Fauna im Flach­land nörd­lich der Mit­tel­ge­birge. Der Wald­be­stand nahm ab, le­dig­lich ver­ein­zelte Bäume hiel­ten sich, eine Step­pen­land­schaft brei­tete sich in den Hoch­la­gen er­neut aus.16 Pferd und Ren­tier kehr­ten zu­rück.17Gra­fik: Wanderbewegungen

Mit der Rück­kehr der Ren­tiere  ent­wi­ckelte sich er­neut eine Gruppe hoch­spe­zia­li­sier­ter Jä­ger. Ihre Le­bens­weise äh­nelte der mag­da­le­ni­en­zeit­li­chen.  Wie­der wa­ren die Jä­ger ge­zwun­gen, dem Wild auf den jah­res­zeit­li­chen Wan­de­run­gen zu fol­gen, da es ihre Haupt­jagd­beute war. Dem­ent­spre­chend wa­ren sie hoch­mo­bil. Auf­grund der ty­pi­schen Pro­jek­til­form, der → Ar­ti­kel: Stiel­spitze, wer­den diese Grup­pen fol­ge­rich­tig Stiel­spit­zen Grup­pen ge­nannt. → Ar­ti­kel: Stiel­spit­zen Fer­ti­gung. Jä­ger der Ah­rens­bur­ger Kul­tur be­sie­del­ten Nord­deutsch­land bis hin zum Rhein­land und über die Mit­tel­ge­birgs­grenze hin­aus.18Gra­fik: Ver­brei­tungs­karte Ah­rens­bur­ger Jäger

Die Ren­tiere sam­mel­ten sich zwei­mal jähr­lich zu gro­ßen Her­den und zo­gen im Herbst nach Nor­den ins Flach­land, im Früh­jahr nach Sü­den in die Mit­tel­ge­birge.19 So­mit konn­ten ei­ni­ger­ma­ßen dau­er­hafte La­ger­plätze nur in den Som­mer– und Win­ter­mo­na­ten ent­ste­hen, den Rest des Jah­res er­rich­te­ten die Jä­ger schnell zu ver­le­gende La­ger­plätze.20

Auch in Hin­blick auf die Stein­be­ar­bei­tung er­ge­ben sich Par­al­le­len zum Jung­pa­läo­li­thi­kum. Die gute Klin­gen­tech­nik und die Be­vor­zu­gung der Klinge bei der Werk­zeug­pro­duk­tion steht dem Jung­pa­läo­li­thi­kum vom Ha­bi­tus her deut­lich nä­her als den Fe­der­mess­er­grup­pen.21 Auch die schon zu Be­ginn des Jung­pa­läo­li­thi­kums her­ge­stell­ten Lyng­by­beile tau­chen wie­der auf und sind ver­mut­lich aus­schließ­lich den Stiel­spit­zen­grup­pen zu­zu­ord­nen.22

Link­liste Spätpaläolithikum

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  1. Ma­tin Heinen/Willy Schol, Die ur­ge­schicht­li­che Be­sied­lung des Mön­chen­glad­ba­cher Rau­mes, in Loca De­si­de­rata, Band 1, Köln, 1994, S. 140; G. Bos­in­ski, Ur­ge­schichte am Rhein, Tü­bin­gen, 2008, S.377
  2. Her­mann Schwa­be­dis­sen, Das Al­ter der Federmesser-Zivilisation auf Grund neuer na­tur­wis­sen­schaft­li­cher Un­ter­su­chun­gen, 1957, S. 200ff, PDF
  3. G. Bos­in­ski, Pa­läo­li­thi­kum und Me­so­li­thi­kum im Rhein­land, in Ur­ge­schichte im Rhein­land, Köln, 2006, S. 146
  4. Mar­tin Hei­nen, Pa­läo­li­thi­sche Fund­plätze und Funde im ehe­ma­li­gen Kreis Er­kelenz, in Ar­chäo­lo­gie im Kreis Heins­berg II, Gei­len­kir­chen, 1995, S. 59
  5. Mar­tin Hei­nen, Der spätpaläolithisch-mesolithische Ober­flä­chen­fund­platz “Ued­din­ger Broich”, Ge­meinde Kor­schen­broich, Kreis Neuss, in Ar­chäo­lo­gi­sches Kor­re­spon­denz­blatt 20, Mainz, 1990, Heft 1, S. 12; Jür­gen This­sen, 1994, S. 31
  6. Jür­gen Rich­ter, Das Pa­läo­li­thi­kum in Nordrhein-Westfalen, in H. G. Horn (Hrsg.) Ne­an­der­ta­ler & Co. Eis­zeit­jä­gern auf der Spur — Streif­züge durch die Ur­ge­schichte Nordrhein-Westfalens, Mainz, 2006, S. 108f
  7. vergl. → Baales/Jöris/Street, Im­pact of the Late Gla­cial Erup­tion of the Laa­cher See Volcano, Cen­tral Rhi­ne­land, Ger­many, PDF; Fe­lix Ried, Der Aus­bruch des Laa­cher See-Vulkans vor 12.920 Jah­ren und ur­ge­schicht­li­cher Kul­tur­wan­del am Ende des All­eröd. Eine neue Hy­po­these zum Ur­sprung der Bromme-Kultur und des Per­st­unien, PDF
  8. ab­leh­nend: G. Bos­in­ski, 2008, S. 380; Jür­gen This­sen, 1994, S. 31
  9. Mar­tin Hei­nen, 1995, S. 59
  10. Jür­gen This­sen, Pa­läo­li­thi­sche und me­so­li­thi­sche Fund­plätze im Kreis Neuss, in Fund und Deu­tung — Neuere ar­chäo­lo­gi­sche For­schun­gen im Kreis Neuss, Neuss,1994, S. 31
  11. G. Bos­in­ski, 2008, S. 379
  12. G. Bos­in­ski, 2008, S. 378
  13. Al­fred Rust, Vor 20.000 Jah­ren, Ren­tier­jä­ger der Eis­zeit, 2. Aufl., Neu­müns­ter, 1962, S. 190
  14. Al­fred Rust, 1962, S. 190
  15. Rust, 1962, S. 189
  16. Mi­chael Baa­les, Um­welt und Jag­döko­no­mie der Ah­rens­bur­ger Ren­tier­jä­ger im Mit­tel­ge­birge, Römisch-Germanisches Zen­tral­mu­seum, Mo­no­gra­phien Band 38, Bonn, 1996, S. 341
  17. Mi­chael Baa­les, 1996, An­hang — Der Groß­fau­nen­wan­del an der „Grenze“ Spätpleistozän/Holozän in Mit­tel­eu­ropa und auf den Bri­ti­schen In­seln, S. 329
  18. Mi­chael Baa­les, S. 256
  19. Mi­chael Baa­les, 1996, S. 256
  20. Mi­chael Baa­les, 1996, S. 256
  21. Mi­chael Baa­les, Anhang-Der kul­tu­relle Wan­del an der „Grenze“ Spätpleistozän/Holozän im nörd­li­chen und nord­west­li­chen Mit­tel­eu­ropa und in den an­gren­zen­den Ge­bir­gen, 1996, S. 332
  22. Mi­chael Baa­les, 1996, S. 323