Raubgrabung Abri I am Schulerloch

Utz Böhner beschreibt die Raubgrabung am Abri I am Schulerloch unter Kapitel 5.1.1 in seiner Dissertation: Die Schicht E3 der Sesselfelsgrotte und die Funde aus dem Abri I am Schulerloch – Späte Micoquien-Inventare und ihre Stellung zum Moustérien, Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2008, im Netz findet sich die Arbeit als PDF.

Plan der Raubgrabung

Plan der Raubgrabung, nach Utz Böhner, Abb 32

Zeitlicher Ablauf

1972 begann ein damals 14-jähriger Münchner Schüler, das bis dato unberührte und in situ1 erhaltene Abri I am Schulerloch zu plündern.2 „An zahlreichen Sommerwochenenden vor allem 1972 und 1973 war … [er]… als Raubgräber im Abri I am Schulerloch tätig. Bei jedem Wochenendausflug legte er eine Grube an, die beim Verlassen wieder verfüllt wurde, um die Spuren zu verwischen.“3 1974 und 1976 wurde die Raubgrabung fortgesetzt.4 „Laut Plan hob der Sammler auf der gesamten Fläche des Abri Gruben aus.“5 1976 notierte der mittlerweile 18-jährige Raubgräber: „Die Fundstelle ist erschöpft.“6

Die Raubgrabung erstreckt sich über einen Zeitraum von 4 Jahren. Angesichts größerer zeitlicher Abstände erscheint es aus juristischer Sicht fraglich, ob es sich lediglich um eine Fortsetzungstat handelt. Je nach Auslegung könnten die Grabungen eines Jahres oder jede einzelne Grube als eigenständige Raubgrabung gewertet werden.

Umfang

„Insgesamt konnte von 1991-94 eine 4,5 x 5,5 m große zusammenhängende Fläche ergraben werden … Etwa ein Drittel der Grabungsfläche war gestört. Da die nicht untersuchte westliche Hälfte des Abri vermutlich fast vollständig gestört ist, wurde die Ausgrabung eingestellt.“ 7

Eine grobe Überschlagsrechnung gibt einen Eindruck, wieviel Material umgesetzt wurde, um an die Funde zu gelangen. Laut Utz Böhner wurde nur etwa die Hälfte der Fundstelle untersucht, die Grabungsfläche betrug 4,5 m x 5,5 m =  24,75 m², die Gesamtfläche war demnach etwa 49,5 m² groß. Die untersuchte Fläche war zu einem Drittel gestört, die nicht untersuchte Fläche ist fast vollständig zerstört.8 Die Tiefe der Gruben betrug dabei etwa 80 cm, die Fundstelle weist im westlichen Randbereich eine riesige Grube auf, die 1,5 Meter tief sein soll. 9

Die Flächenangaben aus der Dissertation, multipliziert mit der geringsten Grubentiefe, ergeben folgende Gleichung: 4,5 m x 5,5 m x 0,8 m : 3 + 4,5 m x 5, 5 m x 0,8 m = 6,6 m³ + 19,8 m³ = 26,4 m³

Das entspricht  330 Schubkarren á 80 l oder 2200 Baueimern á 12 l. Diese niedrig angesetzten Werte verdeutlichen den Umfang der Raubgrabung. Sowohl die Vorgehensweise, als auch die Menge des umgesetzten Aushubs unterstreichen die hohe kriminelle Energie und lassen die Raubgrabung als organisiert ausgeführte Straftat erscheinen.

Einzeltäter oder Mittäter?

Bei genauer Betrachtung der in der Dissertation geschilderten Version der Raubgrabung stößt man auf einige Ungereimtheiten.

Angeblich erkannte der 14-jährige das Abri I als möglichen Aufenthaltsort steinzeitlicher Jäger und begann daraufhin die Raubgrabung. Das erscheint sehr unwahrscheinlich.

Nahezu ausgeschlossen ist auch, dass der Münchner Schüler die von München etwa 115 km entfernte Fundstelle auf eigene Faust aufsuchte. An- und Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre sehr zeitraubend, der letzte Teil der Strecke wäre nur zu Fuß zurückzulegen gewesen. Kaum vorstellbar, dass noch genug Zeit verblieben wäre, den Spaten anzusetzen.

Auch der zeitliche Aufwand, die mit Felsstücken durchsetzte Deckschicht zu entfernen, die Fundschicht sorgfältig nach Artefakten zu durchsuchen, eine weitere sterile Schicht abzugraben, die nächste Fundschicht erneut zu durchsuchen und anschließend die Grube zu verfüllen, ist bei der Größe der Gruben enorm. Zusammen mit der zeitraubenden Anreise ist dies wohl kaum von einer Einzelperson zu bewältigen gewesen.

Zudem erscheint es ausgeschlossen, dass die wiederholten „Ausflüge“ den Eltern nicht aufgefallen sein sollen. Doch gibt der Raubgräber an: „Sein Vater, ein eng mit dem Landesamt für Denkmalpflege zusammenarbeitender Heimatsammler, soll von der Aktion keine Kenntnis besessen haben.“10

Möglicherweise war der damals 14-jährige kein Einzeltäter, vielleicht noch nicht einmal der Initiator der Raubgrabung. Viel wahrscheinlicher ist, dass er versuchte, ihm nahestehende Personen zu schützen. In diesem Zusammenhang bemerkenswert  ist der Zeitpunkt der Fundmeldung; diese erfolgte prompt zwei Wochen nach dem Tod des Vaters.

Dokumentation

„Die Grabungen im Abri I am Schulerloch wurden … nur in geringem Maß und unzureichend dokumentiert. Sie erlauben lediglich, den Verlauf der Raubgrabungen grob nachzuvollziehen. Für jede Grube wurden auf einer Karteikarte die Anzahl der Funde, deren Inventarnummer sowie eine Skizze eingetragen. Die Lage der Grube ist zusätzlich auf einem schematischen Gesamtplan … eingezeichnet.“11

„Nach den mündlichen Angaben des Sammlers lagen ursprünglich zwei Fundhorizonte vor. Einer befand sich in ca. 30 cm Tiefe in einem Lehmband, mit einer Streuung der Funde von bis zu 20 cm. Der zweite Fundhorizont war davon durch eine sterile Schicht getrennt und lag in einem gelblichen bis weißlichen Sediment.“12 „Da weder gesiebt, noch in Straten gegraben wurde, blieben der stratigraphische Aufbau der Fundstelle sowie die Anzahl der Fundhorizonte unerkannt.“13 Archäologische Nachuntersuchungen ergaben drei durch sterile Schichten getrennte Fundhorizonte. 14

„Alle Funde einer Grube erhielten ohne Berücksichtigung der Tiefe die selbe Inventarnummer.“ 15 ….Dadurch ist der Befund nicht nur innerhalb der Fundschichten zerstört, zusätzlich sind die Artefakte verschiedener Fundschichten untrennbar vermischt.16

„Die Kartierung der Funde aus den Störgruben zeigt, dass viele Funde vom Raubgräber zurückgelassen wurden. Lediglich die Werkzeuge, einzelne größere Knochen und größere Abschläge wurden mitgenommen.“17 Die vor Ort ausselektierten ”unbrauchbaren“ Stücke füllte er mit dem Aushub wieder zurück.18

Die Funde wurden weder nach Fundschicht getrennt, noch wurde ihre Lage im Planum dokumentiert. Auch wurde innerhalb der Inventare selektiert, nur repräsentative Stücke wurden als interessant angesehen und entwendet. Dieses Vorgehen hat nichts mit falsch verstandenem archäologischem Interesse gemein, hier ging es lediglich um reine Prunksucht.

Fundunterschlagung

„Ursprünglich müssen nach Ausweis der Karteikarten mindestens 685 Funde … vorhanden gewesen sein. Da noch 232 Silices und 5 Faunenreste … erhalten sind, sind mindestens 448 Funde … verloren gegangen.“19

Von mindestens 685 Funden wurden lediglich 237 Funde zurückgegeben. Damit wurde nur etwa ein Drittel der Funde zurückgegeben. Die Erklärung des Raubgräbers: „Die Abschläge sollen angeblich weggeworfen worden sein; die Knochen sind bei einem Umzug 1992 nicht mehr aufzufinden gewesen. Es ist aber wenig plausibel, dass einzeln beschriftete Stücke aus der Sammlung ausgesondert und weggeworfen wurden.“20

Zwei Drittel sind unterschlagen worden. Es ist dabei völlig unerheblich, ob die „wenig plausible“ Verlustversion des Raubgräbers stimmt, die Funde verkauft wurden oder noch immer in der heimischen Vitrine lagern. Entscheidend ist, dass er auch einen möglichen Untergang, ausgenommen durch höhere Gewalt, zu verantworten hat.

Rechtliche Konsequenzen

Die Nachfrage bei Dr. K. H. Rieder, warum die Tat nicht geahndet wurde, ergab folgenden Sachverhalt:21 Kurz nach dem Tod des Vaters im Jahr 1989 nahm Peter S. Kontakt zu Dr. K. H. Rieder auf und berichtete von seiner Raubgrabung. Dr. K. H. Rieder war damals Gebietsreferent für das nördliche Oberbayern im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Das Abri I am Schulerloch liegt jedoch im Landkreis Kelheim im Regierungsbezirk Niederbayern und damit nicht im Zuständigkeitsbereich von Dr. K. H. Rieder.

So reichte Dr. K. H. Rieder die Meldung umgehend an Dr. Michael Rind, damals Kreisarchäologe im Landkreis Kelheim, und Dr. Bernd Engelhard, damals Leiter der zuständigen Außenstelle Landshut, weiter. Somit war die Raubgrabung bei der zuständigen Stelle gemeldet und aktenkundig. Nach Art 23 Abs 1 Satz 3 DSchG Bayern hätte die Raubgrabung zu einer Geldbuße von bis zu 500.000 Deutsche Mark führen können. Zwischen Raubgrabung und Meldung waren jedoch 23 Jahre vergangen, damit war der Verstoß gegen das Denkmalschutzgesetz nach Art 23 Abs 2 DSchG Bayern verjährt und konnte nicht mehr geahndet werden.

Die Grundstückseigentümer, Familie Klösser, wurde ermittelt und in Kenntnis gesetzt. Zivil- und strafrechtlich hätte Familie Klösser als Grundstückseigentümer nach § 984 BGB einen Anspruch auf die Hälfte der Artefakte und hätte Herrn S. nach § 246 StGB wegen Unterschlagung verklagen können. Familie Klösser verzichtete jedoch auf eine Klage.

In Absprache mit allen Beteiligten wurde beschlossen, das Material einer wissenschaftlichen Auswertung zuzuführen und im nächstgelegenen Museum auszustellen. Eine wissenschaftliche Nachgrabung zur Rettung des Restbefundes sollte auch den Umfang der Raubgrabung feststellen; diese Nachgrabung ist in der Dissertation von Utz Böhner beschrieben.

  1. Utz Böhner, Die Schicht E3 der Sesselfelsgrotte und die Funde aus dem Abri I am Schulerloch – Späte Micoquien-Inventare und ihre Stellung zum Moustérien, Berlin, 2000, S. 149
  2. Utz Böhner, S. 49
  3. Utz Böhner, S. 49
  4. Utz Böhner, S. 50
  5. Utz Böhner, S. 51
  6. Utz Böhner, S. 51
  7. Utz Böhner, S. 58
  8. Utz Böhner: „Etwa ein Drittel der Grabungsfläche war gestört. Da die nicht untersuchte westliche Hälfte des Abri vermutlich fast vollständig gestört ist, wurde die Ausgrabung eingestellt.“ S. 58
  9. Utz Böhner: “Die Tiefe betrug etwa 80 cm. Nur in der Westhälfte soll er im Bereich zweier dort gefundener Mammutmolare in bis 150 cm Tiefe vorgestoßen sein.“ S 49
  10. Utz Böhner, S. 49
  11. Utz Böhner, S. 49
  12. Utz Böhner, S. 49
  13. Utz Böhner, S. 49
  14. Utz Böhner: „Die drei Fundhorizonte waren, wie gezeigt werden konnte, bis auf wenige Bereiche an der Felswand und am Hang durch sterile Straten getrennt. Die Funde lassen sich bis auf wenige Stücke durch stratigraphische Beobachtungen einem der Fundhorizonte zuweisen. Die drei Fundhorizonte können somit als Fundschichten bezeichnen werden.“ S. 73
  15. Utz Böhner, S. 49
  16. Utz Böhner: „Die Funde der Raubgrabung konnten keiner der ergrabenen Gruben sicher zugewiesen werden.“ S.  91
  17. Utz Böhner, S. 93
  18. Utz Böhner, S. 49f
  19. Utz Böhner, S. 50
  20. Utz Böhner, S. 50
  21. freundliche Mitteilung von Dr. K. H. Rieder per E-Mail vom 31.07. 2013

Kommentare (4)

  1. Selten erfährt man so detailliert etwas über solche Plünderungen von Fundstellen. Unermesslich und mit nichts zu beziffern ist der Schaden am Erbe der Menschheit, dessen Verursacher im Vergleich zu den meisten Plünderungen nicht anonym geblieben ist. Allerdings ist mir das Motiv der quasi Selbstanzeige unklar. Sie geschah wohl aus Selbstschutz zu einem Zeitpunkt, in dem die strafrechtliche Relevanz nicht mehr gegeben war. Das ist verständlich. Dass hier über all die Jahre das Gewissen geschlagen haben könnte und nur dieser Zeitpunkt abgewartet wurde ist nachvollziehbar und menschlich. Man könnte vor diesem Schritt nun den Hut ziehen, hätte er zu einer endgültigen, vollständigen Aufklärung des Falles geführt. Die Ausführungen in diesem Bericht erwecken aber den Eindruck, dass wohl zu viele Fragen offen geblieben sind. Im eigenen Interesse des Gesetzesbrüchigen dürften nicht so viele Fragen und Spekulationen offen bleiben. So wie geschehen verstehe ich die Offenbarung der Tat nicht ganz. Es erscheint nicht schlüssig und mit dieser freiwilligen Teilaufklärung (?) könnten weitere egoistische, persönliche Motive – Selbstdarstellung – als Triebfeder unterstellt werden. Wenn sich der Täter von seiner „Jugendsünde“ glaubhaft distanzieren will, dann ist ein ganzer Schritt notwendig, der keine sich aufdrängenden Fragen offen lässt. An der Zerstörung einer intakten Fundstelle und der Entwertung der wissenschaftlichen Aussagekraft ändert dies freilich nichts mehr.

  2. Guten Tag,

    selbstverständlich möchte ich zu den erhobenen Vorwürfen Stellung beziehen!
    Grundsätzlich war meine Vorgehensweise, beginnend vor fast 42 Jahren falsch und in der Tat wurde der Urgeschichtsforschung durch diese illegale Grabung schwerer, nicht wieder gutzumachender Schaden zugefügt!
    Die Recherche von Herrn Fuchs entspricht in den Punkten, die aus der Dissertation zitiert wurden den Tatsachen.
    Leider wurden dann auch Passagen eingefügt, die rein persönliche Interpretationen bzw. Vermutungen des Herrn Fuchs darstellen und deshalb von mir aufs schärfste zurückgewiesen werden müssen.

    Folgende Punkte möchte ich noch Richtigstellen.
    -Zeit seines Lebens wollte mein Vater mit dieser illegalen Grabung nichts zu tun haben!
    – Gleichwohl gab er mir unmissverständlich zu verstehen, dass ich die Raubgrabung selbst Anzuzeigen habe, was ich dann selbstverständlich machte, wohlwissend, dass eigentlich aus Archäologischer Sicht fast nichts mehr zu retten war.
    -Hätte ich irgendetwas zu verbergen gehabt hätte ich wohl diesen für mich sehr unangenehmen Schritt nicht gemacht.
    -Die Meldung geschah ausschließlich freiwillig und basiert auf der Notwendigkeit eigener, zwischenzeitlich gewonnenen geschichtlichen Erkenntnissen.
    -Die zeitliche Abfolge der Meldung an Dr. Rieder, just nach 23 Jahren, also unmittelbar nach dem Tod meines Vaters war ein reiner Zufall und er war auch in keinster Weise berechnend!
    -Aus meiner Sammlung wurde bislang nicht ein Stück verkauft, sämtl. Fundstücke wurden gemeldet und bislang in großem Umfang an Zweigstellen staatlicher und regionaler Museen abgegeben.
    -Ich kann zwischenzeitlich auch davon ausgehen, dass mir die Facharchäologie diesen vor nahezu 4 Jahrzehnten begangenen Fehler mittlerweile nachgesehen hat.
    -Bis zum heutigen Tag besteht ein guter Kontakt zur Bayerischen Bodendenkmalpflege.
    -Ich selbst bin Mitglied in der Gesellschaft für Archäologie und habe deswegen auch vor, meine umfangreiche, aus Lesefunden der Region bestehende vorgeschichtliche Sammlung abzugeben.
    -Mein Hobby, die Bayerische Landesarchäologie wird von mir stets ernsthaft und seriös nach den Vorgaben des Gesetzgebers betrieben!

    Es grüßt
    Peter S.

  3. Berichtigung:
    Zitat:
    In Ab­spra­che mit al­len Be­tei­lig­ten wurde be­schlos­sen, das Ma­te­rial ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Aus­wer­tung zu­zu­füh­ren und im nächst­ge­le­ge­nen Mu­seum aus­zu­stel­len.
    Zitat Ende:
    Das angesprochene Material lagert seit Jahrzehnten im Archiv der Uni Erlangen und ich gehe davon aus, dass es dort auch noch längere Zeit liegen wird!

  4. Auf Wunsch des Betroffenen wurde der Name anonymisiert.