Protoneolithikum

Nach gängiger Gliederung der Steinzeit folgt auf das Mesolithikum die Jungsteinzeit, das Neolithikum, am linken Niederrhein beginnend mit der Bandkeramik. Dieser Übergang scheint nicht so abrupt  geschehen zu sein, wie früher angenommen wurde. Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass schon vor dem Auftreten der Bandkeramik ein älteres Neolithikum am linken Niederrhein existierte. Die wenigen Befunde lassen eine unterschiedliche Deutung zu. Entweder handelt es sich um ein Neolithikum, welches die Mesolithiker beeinflusste, oder es handelt sich um eine Übergangsform mit wildbeuterischen und landwirtschaftlichen Elementen, also um Mesolithiker, die neolithische Lebensweisen kopierten.

Wie unter dem Punkt → Neolithikum ausgeführt wird, breitete sich das Neolithikum auf verschiedenen Wegen und mit unterschiedlicher Geschwindigkeit aus, → PDF, Seite 4. Unumstritten erreichte die Idee der neolithischen Lebensweise Südwestfrankreich schon sehr früh. Es entwickelte sich dort über das Cardial die → La-Hoguette-Gruppe. Diese nahm Einfluss auf den Linken Niederrhein.1 Zu diesem Zeitpunkt existierte die älteste Bandkeramik nur rechtsrheinisch, der Schritt über den Rhein geschah erst in der älteren Bandkeramik.2 Bevor die Bandkeramik das hier angesprochene Gebiet erreichte und damit das Neolithikum „offiziell“ begann, gab es also schon neolithisches Gedankengut links des Rheines.

Leider ist bisher die La-Hoguette-Gruppe nur schlecht fassbar, es fehlen Siedlungsbefunde, die umfassende Aussagen zur Lebensweise liefern, es wird allgemein von einer recht dünnen Besiedlung ausgegangen.3 Zur Zeit ist es unklar, ob die La-Hoguette-Gruppe ein keramisches Mesolithikum oder eine andere Art des Neolithikums – bezogen auf die Bandkeramik – darstellt.4 Diese Frage wird offen bleiben, bis eindeutige Befunde eine Antwort liefern. Egal welcher der beiden Möglichkeiten man folgt, beide kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: Entweder ist die La-Hoguette-Gruppe eine neolithisch lebende Gruppe, die die Mesolithiker beeinflusste5 oder es handelt sich um Mesolithiker, die vom Neolithikum beeinflusst wurden. Auch wenn der genaue Entwicklungsstrang noch nicht genau verfolgt und aufgeschlüsselt werden kann, so ist doch eine mesolithische Lebensweise mit neolithischen Elementen nachweisbar. In Stuttgart-Bad Cannstatt fanden sich neben neolithischen Elementen wie Schaf- und Ziegenhaltung sowie Getreidenutzung auch Belege für saisonales Sammeln. Zumindest entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse betrieben die Mesolithiker eine Art Landwirtschaft,6 ein mesolithischer Getreideanbau wird u.a. auch für die Schweiz vermutet. Höchstwahrscheinlich mischte sich die La-Hoguette-Gruppe mit der älteren Bandkeramik. Diese Vermischung äußert sich vermutlich im Flomborn-Stil. → La Hoguette Keramik.

  1. Detlef Gronenborn, Letzte Jäger-erste Bauern, in AiD, 2006, Heft 3, S. 20; Zimmermann, Meurers-Balke, Kalis, Das Neolithikum, in Urgeschichte im Rheinland, Köln, 2006, S.161f
  2. Martin Heinen, Der Ausgriff nach Nordwesten, in AiD, 2006, Heft 3, S.32
  3. Zimmermann, Meurers-Balke, Kalis, 2006, S. 162
  4. Zimmermann, Meurers-Balke, Kalis, 2006, S. 162
  5. Jens Lüning, Missionare aus dem Westen bekehren und belehren, in AiD, 2006, Heft 3, S. 28
  6. Jens Lüning, AiD, 2006/3, S. 28