Verbreitung des Neolithikums

Verbreitungswege

Entstehung des Neolithikums

Wege

Vom Nahen Osten ausgehend verbreitete sich das Neolithikum über die heutige Türkei weiter und erreichte schließlich Mitteleuropa. Am linken Niederrhein trat das Neolithikum mit der Bandkeramischen Kultur etwa 5300 Jahre BC auf. Die älteste Bandkeramik, die sich in der Rhein-Main-Region etabliert hatte, ist nur rechtsrheinisch anzutreffen. Eine Sonderstellung nimmt die Siedlung Niederkassel-Uckendorf ein. Es handelt sich hier um eine Siedlung mit ältest bandkeramischen Elementen, die weit außerhalb des eigentlichen Verbreitungsgebietes liegt. Möglicherweise handelt es sich um eine der letzten Stationen des frühen Neolithikums, bevor die Bandkeramik den Rhein überschritt.1

Verbreitung

Die Art der Verbreitung der Bandkeramik  und der Idee der neolithischen Lebensweise gab lange Zeit Rätsel auf. Es handelt sich um einen sehr schnellen Prozess. Dieser ist mit generationsbedingten Ausbreitungstendenzen nicht erklärbar, denn diese betragen meist nur einige km pro Generation. Die Ausbreitung des Neolithikums geschah jedoch wesentlich schneller. Die früher weit verbreitete Annahme von → Einwanderungswellen, nach der sich ein Strom von Menschen über das Land wälzte, ist durch den heutigen Wissensstand nicht mehr haltbar. Offensichtlich erfolgte die Verbreitung durch andere Mechanismen. Innerhalb einer Generation wurden große Strecken zurückgelegt. Diese „sprunghafte“ Ausbreitung wird wie folgt erklärt: Eine Menschengruppe verlässt mit Saatgut und Viehbestand die heimatlichen Gefilde und siedelt in einer weit entfernten Gegend. Dabei sind „Sprünge“ von 150-200 km belegt. Dies wird als → Leapfrog-Prinzip bezeichnet, in etwa mit Bockspringen übersetzbar.

Dabei wurden die verwandtschaftlichen Beziehungen von Pioniersiedlung und Muttersiedlung aufrecht gehalten, dies ist durch Rohstoffversorgung nachweisbar.2 Der Grund für diese sprunghafte Verbreitung des Neolithikums durch die Bandkeramische Kultur ist rätselhaft. Was veranlasste die Menschen, ihre Heimat zu verlassen und neue, weit entfernt liegende Gebiete zu erschließen?

Ein Bevölkerungsdruck würde zwar Siedlungsneugründungen in neuen Gebieten erklären, aber nicht diese großen Entfernungen. Hier wird ein Prestigegewinn vermutet. Die sogenannten Pioniere hatten in den neuen Gebieten anscheinend einen besonderen Status, ähnlich wie die Pilgrim Fathers in Amerika. Das könnte ein Motiv für Siedlungsgründungen in neuen Gebieten sein. Direkte Hinweise darauf gibt es nicht. Die zahlreichen bandkeramischen Idole und Besonderheiten in der Siedlungsstruktur können auf eine Verehrung der Gründerväter hindeuten, Jens Lüning sieht darin religiös-mystische Motive und schließt auf eine religiös motivierte Kulturexpansion.3

Verbreitungsart

Die Einwanderung nach dem Leapfrog-Prinzip für sich allein kann nicht den gewaltigen Ausbreitungsprozess  der neolithischen Lebensweise erklären. Es würde mehrere Generationen dauern, bis die Gruppe groß genug wäre, den nächsten Sprung zu machen. Die Ausbreitung des Neolithikums geschah aber, wie schon dargelegt, mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Demnach muss ein weiterer Faktor bei der Verbreitung des Neolithikums eine Rolle gespielt haben. Überall dort, wo Pioniersiedlungen gegründet wurden, kam es zwangsläufig zu Kontakten mit den dort wildbeuterisch lebenden mesolithischen Gruppen. Diese Kontakte haben zu einer Verbreitung der neolithischen Idee beigetragen, anders ist die rasante Verbreitung nicht erklärbar.

Aktuelle DNA- und Isotopenanalysen belegen ein nebeneinander von Mesolithikum und Neolithikum über 2000 Jahre hinweg. → Artikel: Mesolithische und neolithische Parallelgesellschaften

Mesolithiker füllten die Gruppenstärke durch Heirat auf und übernahmen so die bandkeramische Lebensweise, sie wurden Neolithiker. Belegt wird diese These durch die → Fortführung mesolithischer Traditionen im neolithischen Kontext. Dies wird auch durch fortgesetzte mesolithische Bestattungsbräuche belegt. Die Kontinuität mesolithischer Pfeilspitzen in bandkeramischem Kontext wird dahingehend interpretiert, dass auch mesolithische Männer in neolithische Gruppen einheirateten. Es fand also nicht nur ein „Frauentausch“ statt. Nicht nur Saatgut und Vieh wurden auf diese Weise verbreitet, auch das Wissen. Ohne dieses Wissen um Aussaat und Pflege, Erntezeiten und Bevorratung, über Generationen angesammelt und vervollständigt, wäre eine landwirtschaftliche Lebensweise kaum denkbar. Gerade die immer gleiche Hausbautradition und die Gleichartigkeit der Bandkeramischen Inventare spricht für diesen Wissenstransfer, dieser wiederum ist nur durch Kulturübergabe zu erklären, ein „Nachmachen“ hätte andere Ergebnisse, womöglich ein Scheitern zur Folge.

Küste

Parallel zur Verbreitung über den Landweg breitete sich das Neolithikum auch entlang der Mittelmeerküste aus, → PDF Seite 4. Diese Verbreitung war deutlich schneller. Eine Verbreitung über den Seeweg im Sinne von Schiffen, beladen mit Mensch, Tier und Saatgut anzunehmen, wäre sicherlich falsch, zumindest sind solche Schiffe nicht nachgewiesen. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Gebiete entlang der Küste einfacher zu erschließen waren. So erreichte das frühe Neolithikum sehr früh auch Westeuropa. Von dort ausgehend entwickelte sich in Südwesteuropa das Cardial. Alternativ wird eine Herkunft aus Afrika in Erwägung gezogen.4

Entstehung des Neolithikums

  1. Martin Heinen, Der Ausgriff nach Nordwesten, in AiD, 2006, Heft 3, S. 32f
  2. Erich Calßen, Early neolithic social networks in western Germany, In: Posluschny, A. und Lambers, K. und Herzog, I. (Hrsgg.): Layers of Perception. Proceedings of the 35th International Conference on Computer Applications and Quantitative Methods in Archaeology (CAA), Berlin, 2.-6. April, 2007 (Koll. Vor- u. Frühgesch. 10). Bonn 2008 372, PDF
  3. Jens Lüning, Missionare aus dem Westen bekehren und belehren, in AiD, 2006, Heft 3, S. 28ff
  4. Detlef Gronenborn, Letzte Jäger-erste Bauern, in AiD, 2006, Heft 3, S. 18ff, Grafik S. 19