Prunkbeilklingen im Rheinland | Steinzeit & Co

Prunkbeilklingen im Rheinland

Zur Distribution und Verbreitung neolithischer Prunkbeilklingen aus alpinen Mineralgesteinvarietäten in das Rheinland

Thomas van Lohuizen

Im Jahr 2004 präsentierte das Museum Castello del Buonconsiglio in Trient, Piemont/Italien,1 im Rahmen der großen Ausstellung „Guerrieri, Principi ed Eroi fra il Danubio ed il Po“ eine beeindruckende Kollektion von neolithischen Beil- und Dechselklingen, Armreifen und Anhängern aus grünfarbigen Mineralgesteinvarietäten.

Diese bemerkenswerten Objekte2 aus der Zeit des Neolithikums, insbesondere Beilklingen in großen Formaten mit einem oft sehr dünn ausgearbeiteten Querschnitt, sogenannte Prunkbeilklingen, die oft in scheinbar ungebrauchten Zustand aufgefunden werden, waren bereits über mehr als einhundert Jahren in Frankreich, auf den Britischen Inseln, über Deutschland hinweg bis nach Dänemark geborgen worden und Gegenstände intensiver Recherchen. Doch konnten weder die Gesteinvarietäten noch die Herkunft der aus ihnen angefertigten Objekte, die zumeist ohne jeden Fundzusammenhang angetroffen wurden, sicher angesprochen oder näher datiert werden.

Die Lagerstätten der Gesteinvarietäten wurden erst im Verlauf der Jahre 2003 und 2004 durch umfangreiche Geländeprospektionen in Hochlagen des Monte Viso, Höhe 3.841 m, in den Cottischen Alpen, Provinz Piemont, und auf dem Monte Beigua, Höhe 1.287 m, östlich von Genua in den Apenninen, Provinz Savona, erfasst. Es wurden dort auch die Steinbrüche und Werkplätze zur Gewinnung und Vorbearbeitung der Rohgesteinblöcke angetroffen. Aufgrund der Lage der Gewinnungsplätze in 2000 bis 2400 Meter Höhe3 konnten die Aktivitäten der Steingewinnung nur in den wenigen schneefreien Monaten des Jahres stattfinden. Die nach der C14-Methode gewonnene  naturwissenschaftliche Datierung der Abbauaktivitäten umfasst den Zeitraum von ca. 5.200 – 4.000 Jahre v. Chr.

Die Verarbeitung der gebrochenen Rohgesteine fand in speziellen Werkstätten statt. Von besonderer Bedeutung war der Werkplatz von Rivanazzano bei Pavia.4

Im Rahmen des Europäischen Forschungsprojektes JADE wurde zunächst die spezifische mineralogische Zusammensetzung der genannten Gesteinvarietäten in ihrer direkten Beziehung zu der jeweiligen Lagerstätte durch das Analyseverfahren der Spektroradiometrie erfasst, kategorisiert und katalogisiert. Im Verlauf dieser Arbeiten beschränkte man sich zuletzt auf die Analyse des nur im Bereich zweier Lagerstätten in Europa vorkommenden Mineralgesteins Jadeit. Mit Unterstützung der gewonnenen Daten wurde es möglich, Artefakte aus Gestein dieser Mineralgesteinvarietät unmittelbar mit Gesteinproben der Lagerstätten abzugleichen und gleichzeitig auch Beziehungen zwischen unterschiedlichen Objekten aus dieser Gesteinvarietät festzustellen.

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Dr M. Errera bei der Beprobung des Fundbelegs aus Ratingen Lintorf

Diese Beilklingen aus alpinen Mineralgesteinvarietäten weisen in der chronologischen Abfolge ihrer Herstellung unterschiedliche typologische Merkmale auf und gelangten in weite Teile Westeuropas. Zu den Konzentrationsschwerpunkten der Fundnachweise dieser Prunkbeilklingen gehört auch das Rheinland. Der Austausch dieser, in einem aufwendigen Prozess hergestellten Artefakte verlief über Frankreich entlang der Rhône über die Moselmündung und entlang des Rheinlaufs bis in die Hände der Endabnehmer. Einen deutlichen Hinweis auf diese Austauschlinie bildet der Zusammenfund von gleich fünf vermutlich in einem Lederetui zusammengefasst verborgenen alpinen Beilklingen aus Mainz-Gonsenheim. Für ein Beilfragment aus Jadeit, das aus dem Ruhrmündungsgebiet stammt, konnten zusätzlich direkte Beziehungen zu vier weiteren Beilklingen aus der weiteren Region im Bereich der Moselmündung herausgestellt  werden.

Das Rheinland gehört auch zu den Regionen in Europa, innerhalb derer Prunkbeilklingen aus alpinen Mineralgesteinen eine sekundäre Überprägung erfahren haben. Die ausgetauschten Objekte wurden hier häufiger ergänzend spiegelglänzend poliert. Spuren dieser Politur konnten sich allerdings nur an den Fundbelegen erhalten, die unter geschützten Lagerungsbedingungen überliefert worden sind. In Frankreich, wo sich die Aufmerksamkeit der Forschung bereits sehr früh auf diese Fundgruppe konzentriert hat, wurden Prunkbeilklingen aus alpinen Mineralgesteinvarietäten häufig in  kultisch interpretierter vertikaler Aufstellung, mit dem Nacken nach unten und die Schneidenpartie nach oben orientiert, im Erdreich angetroffen.5  Hinter der Tradition der Deponierung von Prunkbeilklingen aus alpinen Mineralgesteinen werden rituelle Zusammenhänge vermutet, die in ganz Europa gleichartig praktiziert worden sind. In Deutschland gelang diese besondere Beobachtung bis heute nur ein einziges Mal in der rechtsrheinischen Ortschaft Ratingen-Lintorf, Kreis Mettmann. 1995 wurde der Fundbeleg im Verlauf von Bodenbewegungen innerhalb der sandig-lehmigen Sedimente einer Bachaue, einer für solche Fundbeobachtungen charakteristischen Auffindungssituationen im Bereich des landschaftlichen Übergangs zwischen Land und Wasser, beobachtet. Es handelt sich um eine Prunkbeilklinge des  vergleichsweise früh datierenden Typs Durrington aus Eklogit. Das verwendete Gestein stammt aus dem Steinbruch Oncino-Bulé auf dem Monte Viso im Piemont, Italien.

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Beilklinge aus Ratingen-Lintorf aus Eklogit, Monte Viso

Für die konkrete Ausprägung dieses Fundbelegs, mit einer betont rundlich geschliffenen Schneidenpartie und tropfenförmigen Umriss, finden sich direkte Vergleichbelegstücke bislang nur auf Italien beschränkt6. Trotz der geringen Länge von nur 8.2 cm wird dieses Belegstück aufgrund der Auffindungssituation und der frühen zeitlichen Stellung innerhalb der Produktionsabfolge den sogenannten Prunkbeilklingen zur Seite gestellt, da in der frühen Phase der Produktion dieses Typs vor allem solche Kleinformen hergestellt und verbreitet worden sind. Zusammen mit einer als Altfund vollständig erhaltenen Prunkbeilklinge aus Duisburg-Hamborn, Aufbewahrungsort Kultur- und Stadthistorisches Museum Duisburg, dokumentieren die Funde aus dem  rechtsrheinischen Ruhrmündungsgebiet innerhalb des Niederrheinischen Tieflandes die unmittelbare Einbeziehung in den Gebrauch und die rituelle Verwendung dieser von weit her eingetauschten Prunkbeilklingen. Von hier ausgehend verläuft die Verbreitung alpiner Prunkbeilklingenbelege linear entlang der Flussläufe von Ruhr und Lippe bis in den Raum der Salzvorkommen innerhalb der Soester Börde.

Dem zur Seite steht das Fundaufkommen von Prunkbeilklingen aus alpinen Mineralgesteinen innerhalb der „Niederrheinischen Bucht“. Ein herausragendes Belegstück ist das großformatige Bonner Exemplar, Aufbewahrungsort Rheinisches Landesmuseum Bonn, mit tropfenförmigem Umriss.

Prunkbeilklinge mit tropfenförmigen Umriss

Prunkbeilklinge mit tropfenförmigen Umriss

Die meisten der Fundbelege alpiner Prunkbeilklingen des Rheinlandes können dem vergleichsweise spät datierenden Typ Altenstadt zugeordnet werden und finden sich durch intensive landwirtschaftliche Aktivitäten und Bauarbeiten zumeist in bereits weitgehend beschädigten Zustand und wurden bislang ausschließlich als verlagerte Oberflächenfunde angetroffen. Für eine über mehrere Jahre hinweg in zwei Teilstücken aufgelesene Prunkbeilklinge des Typs Altenstadt aus Kerpen-Sindorf konnten auf Grundlage naturwissenschaftlicher Vergleichsanalysen die Herkunft aus der Lagerstätte Oncino-Porco auf dem Monte Viso und direkte Beziehungen zu Prunkbeilklingen des selben Typs aus Coesfeld-Harle, Westfalen, Mönchspfiffel-Niklausrieht, Kyffhäuserkreis in Thüringen und Dumfermline in Schottland nachgewiesen werden.7

Bislang konnten zudem an zwei Fragmenten alpiner Prunkbeilklingen von Fundplätzen aus dem Rheinland zusätzlich sekundäre Behandlungsspuren beobachtet werden. Das Schneidenfragment, des bislang wohl einzigen im Rheinland gefundene Belegstücks einer Prunkbeilklingen aus Jadeit vom Monte Beigua nahe Genua, aus dem weitern Umfeld der Ruhrmündung, wurde nach erfolgten Bruch im Winkel von 180° zur ursprünglichen Mittelachse gedreht und in offensichtlich mühsamer Arbeit zur Miniatur einer Beilklinge umgeformt. Der neue Anschliff, der insbesondere die Bruchkante überprägen konnte und eine neue Schneidenpartie ausgebildet hat, hinterließ deutliche Riefen auf der einstmals glänzend polierten Oberfläche des Werkstücks. Der Bearbeiter verfügte  offenbar über keine handwerkliche Erfahrung im Umgang mit dieser besonders zäh strukturierten Gesteinvarietät. Dies ist auch der einzige Fundbeleg aus Rheinischen Fundzusammenhängen, der im Oberflächenbefund in komplexen Fundzusammenhängen aufgelesen werden konnte. Auf den Fundpunkt konzentriert fanden sich insbesondere  Trümmer Dutzender hoch intensiv verbrannter Beil- und Dechselklingen sowie sonstige verbrannte Werk- und Rohmaterialeinheiten zusammen mit gut einem Dutzend Belegstücken von Beilklingen aus Felsgesteinvarietäten.

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Sekundär überarbeitete Schneide einer Prunkbeilklinge aus Jadeit aus dem Ruhrmündungsgebiet

Auch an einem Schneidenfragment aus der Region der „Niederrheinischen Bucht“ sind sekundäre Schliffspuren im Bereich der Bruchfläche erhalten, die allerdings keine vergleichbar präzise Ausrichtung erkennen lassen. Die Frage, ob es sich bei sekundär bearbeiteten Fragmenten alpiner Prunkbeilklingen im Rheinland um Teilstücke zufällig zerbrochener Beilklingen gehandelt hat oder ob die Zerstörung und sekundäre Bearbeitung der heute vorliegenden Teilstücke ein Bestandteil ritueller Handlungen gewesen ist, bleibt ungeklärt.

Deutlich wird die feste Einbindung der Niederrheinischen Bucht und des Niederrheinischen Tieflandes in die Distributionsstrukturen von Prunkbeilklingen aus alpinen Mineralgesteinvarietäten. Diesen von weither eingetauschten Objekten kam wohl auch in Fragen kultisch-ritueller Zusammenhänge eine besondere Bedeutung zu, deren tiefere Inhalte heute nicht mehr erschlossen werden können, die jedoch in weiten Teilen Westeuropas einheitlich praktiziert worden sind.

  1. Cas­tello del Buon­con­siglio
  2. PDF
  3. Almut Bick, Geheimnisvolle Kult-Beile – Statussymbole der Steinzeit
  4.  R.M. Carinci, G. Chisu, G. Fumagalli, D. Savoia in: archeologica uomo territorio 25-26, S. 47-51; Note di Ravanazzano; PDF 
  5. Depotfund Frankreich
  6. z.B. Depotfund von San Damiano D´ Asti; Katalog: Guerrieri, Principi ed Eroi; Provincia autonomica di Trento, Castelo del Buonconsiglio, Monumenti E Collezioni Provinciali; S. 87ff
  7. P. Pétrequin, A.-M. Pétrequin, M. Errera, L. Klassen: Naturwissenschaftliche Analysen an neolithischen Jadeitbeilen; S. 58 – 60