Neolithische Steinartefakte

Im Neolithikum bevorzugten die einzelnen Kulturen verschiedene Rohstoffe. Das hängt zum einen mit der Verfügbarkeit der Rohstoffe und der Kenntnis der Lagerstätten zusammen, zum anderen handelt es sich wohl tatsächlich auch um eine „Geschmacksfrage“. Seit dem Jungpaläolithikum wurden farblich auffällige, exotische Materialien verarbeitet, beispielsweise die rosafarbenen Artefakte aus fossilem Holz1; daneben spielen auch kulturelle Beziehungen eine Rolle, zum Beispiel die 650 km vom Vorkommen am Plattensee gefundenen Radiolitartefakte aus bandkeramischem Kontext.2 Sehr gut ist auch die Verbreitung der Amphibolitdechselklingen durch verwandtschaftliche Tauschnetzwerke belegt.

Generell ist im Neolithikum eine deutliche Größenzunahme der Artefakte in Vergleich zum besonders kleinstückigen Mesolithikum zu beobachten. Im Gegensatz zum Mesolithikum wurde Feuerstein nicht mehr nur aufgesammelt, sondern auch bergmännisch gewonnen. Das geschah teilweise im Pingenbau, teilweise im Untertagebetrieb, beispielsweise in  den Feuersteinminen bei Rijckholt.3  → Die Minen von Rijckholt. Inzwischen sind viele Feuersteinbergwerke bekannt. Der Lousbergfeuerstein konnte aufgrund der Lagerungsbedingungen im Tagebau gewonnen werden.4 Dadurch standen größere Rohstoffmengen zur Verfügung und zwar in Bezug auf Quantität, Qualität und Abmessung.

Die nun meist vollständig überschliffenen Fels- und Feuersteinbeilklingen und Dechselklingen hatten durch Rodungstätigkeit und Hausbau einen besonders hohen Stellenwert. Sie lösten die schon im Mesolithikum auftauchenden Kernbeile und teilgeschliffenen Scheibenbeile sowie die Geweihäxte ab. Stichel fehlen im Neolithikum gänzlich, Bohrer werden hingegen häufiger. Kratzer sind nun meist aus Klingen oder Abschlägen gefertigt und ersetzen die Daumennagelkratzer weitgehend. Sicheleinsätze mit Gebrauchsspuren in Form von Polituren (Sichelglanz) zeugen vom Einsatz bei der Getreideernte.

Altneolithikum

In der hiesigen Bandkeramik war der graue bis schwarze Rijckholtfeuerstein bevorzugter Rohstoff.5 Er wurde oberflächig aufgesammelt, zu dieser Zeit wurde er noch nicht im Untertagebergbau gewonnen. Die Siedlungsarchäologie konnte eine Hierarchie bezüglich der Rohstoffverteilung nachweisen. Anscheinend waren die Siedlungen keineswegs gleichberechtigt, der Zugang zum Rohmaterial war kontingentiert. Die Weitergabe erfolgte „down the line“, die Qualität, Quantität, teilweise auch die Größe nahm dabei ab.6 Einen Einblick gibt auch die Untersuchung der Siedlung → Altdorf B.

Die linksrheinisch fehlende älteste Bandkeramik soll hier kurz erwähnt werden. Der nahe gelegene Fundplatz Niederkassel-Uckendorf weist neben Keramik auch Silexartefakte auf, die eine verwandtschaftliche Beziehung nach Bayern nahelegen. Zwei aus Bayern stammende Hornsteinartefakte, sowie die typische primäre Facettierung der Schlagflächen von Klingen lassen diesen Schluss zu.7 Diese hoch entwickelte Klingentechnik scheint aus dem Mesolithikum zu stammen, wie auch die noch in der ältesten Bandkeramik vorkommenden Trapeze. In jüngeren Inventaren verliert sich diese Art der Klingentechnik.8

Einen weiteren Hinweis auf verwandtschaftliche Beziehungen und ein darauf beruhendes Tausch-/Handelsnetz liefern die Dechselklingen aus Amphibolit. Es handelt sich hierbei um komplett überschliffene quergeschäftete Beilklingen.  Es werden zwei Formen unterschieden: schmalhohe und breitflache Dechselklingen. Die völlig veralteten Bezeichnungen Schuhleistenkeil und Flachhacke werden leider immer noch verwendet. Der → Amphibolit wurde über 400 km weit bis hierher verhandelt. Ein weiters Importgut ist der gerne genutzte Farbstein → Hämatit , er gelangte aus 120 km weit entfernten Lagerstätten bis an den linken Niederrhein.9 Reibplatten aus Sandstein dienten zum Zerreiben der Farbsteine zu Pulver, Getreidemühlen bestehen aus Unterlieger und Läufer. Sie wurden aus Eifeler Quarzsandstein oder Basaltlava gefertigt und gelangten möglicherweise ebenfalls durch Tausch oder Handel in unsere Gegend.

Die mesolithischen Trapeze wurden bald von nur randlich retuschierten, dreieckigen Pfeilspitzen abgelöst. Schwach konvexe Kratzer, Klingenbohrer, langrechteckige Erntemesser und ausgesplitterte Stücke sind Leittypen.10

Mittelneolithikum

Im Mittelneolithikum ist insbesondere für Rössen eine Vorliebe für den gelblich-braunen Rullenfeuerstein zu beobachten.11 Da die oberflächig vorhandenen Rijckholtvorkommen nahezu erschöpft waren, wurde der belgische Rullenfeuerstein verarbeitet. Die Knollen konnten ohne großen Aufwand im Pingenbau gewonnen werden, da die umgebende Kreide verwittert war, die Knollen lagen somit frei. Diese Pingen sind noch heute im Wald sichtbar.12 Rijckholtfeuerstein wurde noch sporadisch genutzt, ebenso belgischer Obourg-Feuerstein. Zu den in der Bandkeramik genutzten Dechselklingen kommen durchbohrte Breitkeile und symmetrisch geschliffene Beilklingen. Charakteristisch sind flächig retuschierte, dreieckig bis herzförmige Pfeilspitzen, stark retuschierte Klingen, Spitzkratzer und trapez- oder segmentförmige Erntemesser.13

Jungneolithikum

Mit der Michelsberger Kultur treten erstmals meist vollständig überschliffene Feuersteinbeilklingen auf. Diese sind den Dechseln an Haltbarkeit deutlich überlegen. Die als zugeschlagener Rohling in die Siedlung gelangten Beilklingen, sogenannte Planken, wurden auf Schleifwannen aus Sandstein geschliffen und vor Ort geschäftet. Spitznackige, trapezförmige Beilklingen mit ovalem Querschnitt aus Feuerstein oder Felsgestein sind typisch.14 Neben Flint aus Spiennes, Belgien wurde vornehmlich Rijckholtfeuerstein genutzt, erstmals im Untertagebau.15 Die Feuersteinartefakte weisen eine regelrechte Formgebung auf, eine deutliche Parallele zu der sorgfältig geglätteten Keramik und vollständig überschliffenen Beilklingen.

Die weit verbreiteten Lousbergfeuersteinbeilklingen sind bisher noch nicht im Michelsberger Kontext gefunden worden. Die Zuweisung ins Jungneolithikum (ohne kulturelle Zuordnung) erfolgt an Hand der Typologie. Die bisher einzig verlässliche Datierung des Feuersteinabbaus am Lousberg kann an Hand von Holzkohlekonzentrationen erfolgen. Diese wurden bei den Grabungskampagnen unter Leitung von Jürgen Weiner ergraben. Damit war erstmals eine absolute Altersbestimmung möglich. Die Datierung dieser Proben ergab einen Zeitraum von 3600-3200 Jahre BC. Somit fällt die Nutzung theoretisch  noch in die Zeit der Michelsberger Kultur.16 Diese ist jedoch in ihrer Endphase im Rheinland kaum noch vertreten, demnach scheint der Abbau eher spätneolithisch zu sein.

Die Michelsberger Pfeilspitzen sind meist flächenretuschiert. Sie haben blatt- oder herzförmige und dreieckig bis langovale Formen. Klingenkratzer tragen kräftige Kantenretuschen, es kommen auch meist große ovale Abschlagkratzer vor.  Während ausgesplitterte Stücke in vielen Kulturen vorkommen, sind die oft steilretuschierten großen Spitzklingen eine echte Leitform.17

Typische Artefakte der jungneolithischen Michelsberger Kultur. Eine ab dem Jungneolithikum auftretende Sonderform sind „Dechselklingen aus Steingrundform„.

Spätneolithikum

Das Spätneolithikum lässt sich am linken Niederrhein, wie auch in einigen andern mitteleuropäischen Gebieten, nicht deutlich fassen, eine direkte Folgekultur ist bisher nicht nachgewiesen. Dennoch wäre es falsch, ein etwa 600 Jahre dauerndes Siedlungsvakuum anzunehmen, da in benachbarten Gebieten sehr wohl neolithische Kulturen und Gruppen aus dieser Zeit nachweisbar sind.18

Einen indirekten Siedlungsnachweis liefert der Feuersteinabbau am Lousberg. Wie schon erwähnt, entfällt die Datierung der Holzkohlestücke auf einen Zeitraum von 3600-3200 Jahre BC. Damit ist ein Nachweis für eine spätneolithische Nutzung (und Besiedlung)19schon erbracht. Berücksichtigt man weiterhin die Lage der Grabung, so ergibt sich zusammen mit der rekonstruierten Abbaumethode folgendes Bild:

Die datierte Holzkohle wurde in relativer Nähe zum Rand der Kuppe gefunden. Der Abbau erfolgte vom Rand aus zur Mitte hin. Damit ist die weitere, ins Zentrum orientierte Nutzung jüngeren Datums. Das sind bisher die gesicherten Fakten. Die tatsächliche Dauer der Nutzung des Lousbergs könnte durch einen randlich beginnenden, bis zur mittig stehengebliebenen Kalkklippe verlaufenden Suchschnitt erforscht werden. Möglicherweise könnten datierbare und klassifizierbare Befunde und Funde eine kulturelle Zuweisung ermöglichen.

Neben den Lousbergbeilklingen  treten auch solche aus Valkenburgfeuerstein auf, sie werden ebenfalls dem Spätneolithikum zugeordnet. Valkenburgfeuerstein wurde im Untertagebau gewonnen, → Spuren dieses Abbaus sind heute noch zu finden.

Endneolithikum

Auch das Endneolithikum, die Zeit der Schnurkeramik und Glockenbecher, ist hier nur dürftig nachgewiesen. Bekannt sind hauptsächlich Grabungsbefunde. Siedlungsbefunde mit typischen Feuersteinartefakten fehlen weitgehend, sodass hier keine formenkundlichen Merkmale herausgestellt werden können.

Lediglich Grabbeigaben können beschrieben werden. So ist für schnurkeramische männliche Krieger eine → Streitaxt typisch. Diese Streitäxte aus Felsgestein sind aufgrund ihrer Ausformung zeitlich datierbar. Ebenfalls schnurkeramisch sind die sogenannten Spandolche. Diese sehr langen Feuersteinklingen sind einseitig randlich oder flächig retuschiert, gelegentlich wurden sie aus dem südfranzösischem Grand-Pressigny-Feuerstein gefertigt.20Erhaltene Schäftungen.

Typisch für glockenbecherzeitliche Gräber sind → geflügelte und gestielte Pfeilspitzen. Es handelt sich um äußerst sorgfältig gearbeitete, flächenretuschierte Spitzen. Oft sind diese auch mit Armschutzplatten vergesellschaftet. Es handelt sich dabei um flache, rechteckige, sorgfältig geschliffene Steinplatten mit zwei oder vier Durchbohrungen. Anscheinend wurden diese Platten so am Unterarm befestigt, dass dieser vor der zurückschnellenden Bogensehne geschützt wurde. Die glockenbecherzeitlichen Dolche sind aufwändig gearbeitet und beidseitig flächenretuschiert, in Süddeutschland treten schon Kupferdolche auf.21

  1. u.a. Kern und Rückenmesser, ausgestellt im Landesmuseum Bonn
  2. Jens Lüning, Missionare aus dem Westen bekehren und belehren, in AiD, 2006, Heft 3, S. 30
  3. P.J. Felder, Feuersteinbergbau in Ryckholt-St. Geertruid(NL 1) und Grime´s Gaves (GB 13)-Ein Vergleich, in 5000 Jahre Feuersteinbergbau, Bochum, 1980, S. 120ff
  4. Jürgen Weiner/Gerd Weisgerber, Die Ausgrabungen des jungsteinzeitlichen Feuersteinbergwerks „Lousberg“ in Aachen 1978-1980 (D 3), in 5000 Jahre Feuersteinbergbau, Bochum, 1980, S. 105, Abb. 69; Jürgen Weiner, Der Lousberg in Aachen, Rheinische Kunststätten, Heft 436, S. 14ff
  5. A. Zimmermann, Zur Feuersteinversorgung der Jungsteinzeit im Rheinland, in 5000 Jahre Feuersteinbergbau, Bochum, 1980, S. 262
  6. Zimmermann, Meurers-Balke, Kalis, Das Neolithikum, in Urgeschichte im Rheinland, Bonn, 2006, S. 174ff
  7. Martin Heinen, Der Ausgriff nach Nordwesten, in AiD, 2006, Heft 3, S. 32f
  8. Zimmermann, Meurers-Balke, Kalis, Das Neolithikum, in Urgeschichte im Rheinland, Bonn, 2006, S. 163
  9. A. Zimmermann, 1980, S. 262
  10. Martin Heinen/Willy Schol, Die urgeschichtliche Besiedlung des Mönchengladbacher Raumes, in Loca Desiderata-Mönchengladbacher Stadtgeschichte, Band 1, Köln, 1994, S. 173; A. Zimmermann, 1980, S. 162f
  11. A. Zimmermann, 1980, S. 262; Martin Heinen/Willy Schol, 1994, S. 173
  12. Jürgen Weiner, fernmündliche Auskunft
  13. Martin Heinen/Willy Schol, 1994, S. 173f
  14. Martin Heinen/Willy Schol, 1994, S. 179f
  15. A. Zimmermann, 1980, S. 262
  16. Jürgen Weiner, Der Lousberg in Aachen, Rheinische Kunststätten, Heft 436, S. 25
  17. Martin Heinen/Willy Schol, 1994, S. 180
  18. Matin Heinen/Willy Schol, 1994, S. 187
  19. Zimmermann/Meurers-Balke/Kalis, 2006, S. 193
  20. Zimmermann/Meurers-Balke/Kalis, 2006, S. 195f
  21. Zimmermann/Meurers-Balke/Kalis, S. 196