Schwefelkiesknolle mit eingeschliffener Kerbe und Spuren des Funkenlösens

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FrontalVergrößerung

Gliederung

Einleitung | Fundort | Beschreibung | Schliff | Riefen | Erhaltung | Pyritvorkommen | Herkunft | Schwefelkiesnachweise | Vergleichsfunde | Fazit | Mehr zum Thema Feuer

Einleitung

Die hier beschriebene Schwefelkiesknolle mit intentioneller Kerbe war ein Bestandteil eines prähistorischen Feuerzeuges – Schlagfeuerzeug oder auch Perkussionsfeuerzeug genannt. Schwefelkies fungierte dabei als Funkenspender. Mit einem Funkenlöser, meist Feuerstein, wurden kleinste Partikel gelöst. Der bei diesem Vorgang entstehende hohe Druck erzeugte hohe Temperaturen, die zur Oxydation der Partikel führten, wodurch sich glühende Funken bildeten.1 Diese Funken konnten mit einem geeigneten Funkenfänger, beispielsweise dem Fruchtfleisch des Zunderschwammes, Trama des Fomes fomentarius, aufgefangen werden. Mit dem glimmenden Zunder konnte dann ein Feuer entfacht werden.

Ansichten

Die Erhaltung dieser Schwefelkiesknolle stellt in mancher Hinsicht ein Faszinosum dar. Normalerweise sind die prähistorischen Funkenspender längst vergangen, ohne Spuren zu hinterlassen, nur gelegentlich lassen sie sich noch als rostige Klumpen in Gräbern nachweisen. Aus Höhlen und Feuchtbodensiedlungen sind vereinzelt besser erhaltene Stücke belegt, die teilweise mehr oder weniger stark zerrüttete Schlagzonen zeigen.

Bei diesem Exemplar hingegen sind die einzelnen Riefen, die bei der Funkenerzeugung entstanden, deutlich zu erkennen. Zudem zeigt sich, dass die Kerbe eingeschliffen wurde und nicht nur ein Produkt des Feuerschlagens ist. Als Oberflächenfund ist dieses Stück in seiner exzellenten Erhaltung weltweit einmalig.

Fundort

Die Fundstelle liegt auf einer Lössebene im südlichen Stadtbereich von Erkelenz, Kreis Heinsberg, NRW. Keramik, Beilbruchstücke, teilweise als Klopfstein zweitverwendet, Mahl- und Schleifsteinfragmente sowie Feuersteinwerkzeuge und Grundformen weisen auf eine Siedlungsstelle hin. Eine typische Pfeilspitze und die Verwendung von Lousberg- und Valkenburgfeuerstein deuten auf eine spätneolithische Zeitstellung. Das fundreiche Areal ist stellenweise durch Erosionsrinnen (grau) gegliedert. Meist befinden sich die verschiedenen Siedlungsstellen in direkter Nähe zu den Geländeeinschnitten, in spornartiger Lage. Der überwiegende Teil der Siedlungsstellen in diesem Gebiet ist  unvermischt und somit einperiodig.

Fundort

Beschreibung

Es handelt sich um eine fast perfekte Kugel, der Durchmesser schwankt zwischen 30 und 28 mm, das Gewicht beträgt 59,4 Gramm. Die Kerbe ist 25 mm lang, bis zu 8 mm breit und maximal 2 mm tief. Sie läuft an beiden Enden spitzkonisch zusammen. Ihr Querschnitt ist ist flach V-förmig und auffallend symmetrisch. Das Material wurde von Dr. Hollerbach, Institut für Geologie und Mineralogie der Universität Köln, als Schwefelkies, genauer feinkristalliner Pyrit bestimmt.

KerbeVergrößerung

Schliff

Die natürliche Oberfläche der Knolle ist leicht verrollt und verwittert, limonitisiert. Das bedeutet, die Knolle ist aus der primären Lagerstätte ausgewittert und sekundär verlagert worden. Die limonitisierte Rinde ist zur Feuererzeugung ungeeignet, denn es entstehen keine Funken beim Schlagen. Schwefelkiesknollen mit Verwitterungsrinde können nur zum Funkenschlagen genutzt werden, wenn sie geöffnet sind, was durch Zerschlagen der Knolle oder durch Anlegen einer Schlagkerbe erfolgen kann.2 Vermutlich war die Knolle mit etwa 3 cm Durchmesser zu klein, um nach einem Zerschlagen noch ausreichend große Teilstücke zu erhalten, sodass ein Öffnen der Rinde durch eine Kerbe die einzige Option war. Ein aufwendiger Vorgang, da Pyrit eine Härte von 6-6,5 nach Mohs besitzt.3

Vor- und RückseiteVergrößerung

Der Bereich um die Kerbe setzt sich deutlich von der natürlichen Oberfläche der Knolle ab; er ist auffällig glatt. Erst bei mikrofotografischen Untersuchungen zeigen sich parallel verlaufende Schliffspuren, die teilweise rechtwinklig zur Kerbe liegen. Es handelt sich nicht um Spuren des Feuerschlagens; Richtung, Parallelität und Ausformung dieser Kratzerbündel belegen, dass der Bereich um die Kerbe durch Schliff geglättet wurde. Besonders an den gerundeten Kanten der Kerbe sind diese Spuren bei entsprechender Vergrößerung deutlich zu erkennen. Auch die Kerbe selbst weist geschliffene Bereiche auf, die nur teilweise durch Spuren des Funkenlösens überprägt und infolgedessen noch erkennbar sind. Die Riefen bedecken nicht die ganze Fläche der Kerbe, somit kann die Kerbe nicht durch eine Vielzahl von streifenden Schlägen zur Funkenerzeugung entstanden sein. Die Symmetrie der Kerbe, die erhaltenen Flächen mit Schliff innerhalb der Kerbe, sowie die gleichmäßige Rundung der Kerbenkante belegen, dass die Schlagkerbe eingeschliffen wurde. Es handelt sich bei diesem Stück um den ersten eindeutig belegbaren Nachweis einer eingeschliffenen Kerbe.

RundungVergrößerung

Riefen

Die Erhaltung der Knolle ist so hervorragend, dass sich bei entsprechender Vergrößerung einzelne Riefen deutlich erkennen lassen. Die meisten Riefen setzten etwa im oberen Drittel der Kerbe an, überwiegend auf den Flanken der Kerbe. In diesem Bereich sind sie nur schwach eingetieft und entsprechend schmal, meist unter 0,1 mm breit. Im weiteren Verlauf Richtung Kerbenende werden sie tiefer und etwa doppelt so breit, 0,2 mm und mehr. Nahezu alle Riefen verlaufen in der gleichen Richtung, vom oberen Drittel zum Kerbenende hin.

Die Riefen ähneln denen an einem Schwefelkiesstück aus Laussel, Frankreich. Das französische Stück trägt ein Riefenbündel, die Riefen sind stark ausgeprägt und weitgehend parallel. Die Spuren an beiden Stücken weisen auf einen scharfkantigen Feuerschlagstein hin. Nur ein scharfkantiges Funktionsende kann einzelne, langgezogene Riefen entstehen lassen. Generell kommen Funktionsenden verschiedener Geräte in Frage, in vorneolithischer Zeit beispielsweise Stichelschneiden. Auch Abschlag- und Klingenbruchstücke kommen in Betracht, Funktionsende wäre hier die durch Lateralkante und Bruchfläche gebildete Ecke.

Vergleich

Die landläufig bekannten Feuerschlagsteine mit ihrem rundlichen, teils glänzendem Funktionsende können keine solchen Riefen hinterlassen. Ihre Wirkung ist eher zermürbend. In Gräbern, die nachweislich Schwefelkies enthielten, finden sich auch häufig Feuersteinklingen. Meist fehlt die typische Verrundung der Enden, so werden sie nicht als Feuerschlagsteine angesprochen. Hier lohnt eine Nachuntersuchung der scharfen Ecken. Sind diese fein ausgesplittert, könnte dies ein Hinweis auf die andere Erscheinungsform der Feuerschlagsteine sein. Auch die generelle Seltenheit der Feuerschlagsteine mit zermürbten und/oder verrundeten Enden in Fundinventaren4 lässt vermuten, dass bisher nicht alle Funkenlöser als solche erkannt wurden.5

Das Spurenbild, die Art der hierfür verwendeten Funkenlöser und die Größe der Kerbe lassen vermuten, dass nicht streifende Schläge zur Anwendung kamen. Versuche ergaben, dass streifende Schläge, abhängig von der Schlagtechnik, entweder Riefen ergeben, die breit beginnen und schmal enden oder Riefen, die schmal beginnen, breiter werden und wieder schmal enden. Nur kräftiges Kratzen erzeugt Riefen, die sich in ihrem Verlauf weiter eintiefen.6

Kerbe, querVergrößerung

Die Kerbe wurde in zwei Richtungen benutzt. In beiden Fällen wird ein Ende der Kerbe etwa senkrecht nach unten gewiesen haben. Die Lage der Riefen in der Kerbe selbst ist nicht willkürlich. Ein Großteil der Spuren beginnt jeweils im oberen Drittel der Kerbenflanke, in Schlagrichtung betrachtet. Das kann ein Hinweis auf die Händigkeit des Schlägers sein. Die Größe der Knolle lässt vermuten, dass sie passiv verwendet wurde, also mit dem Feuerschlagstein geschlagen wurde.7 Die Kerbe zeigt nur eine geringe Anzahl von Schlagspuren. Dies kann auf eine kurze Nutzung der Knolle hinweisen; möglicherweise wurde die Kerbe auch nachgeschliffen, wenn sie durch die Riefen zu zerfurcht war.

Erhaltung

Es gibt keine wissenschaftlich gesicherte Erklärung für die hervorragende Erhaltung dieses solitären Stückes. Schwefelkies zerfällt oft innerhalb weniger Jahre durch Einwirkung von Feuchtigkeit8 und Sauerstoffeinfluss an der Erdoberfläche zu Eisenoxidhydrat, besser bekannt als Limonit oder Braun-eisenerz.9 Markasit, eine Vorstufe von Pyrit, zerfällt dabei in der Regel schneller. Reiner Pyrit ist weniger anfällig, auch zwischen einzelnen Lagerstätten bestehen erhebliche Unterschiede in Bezug auf die Haltbarkeit.10

Ein anderer Feind ist ein Bakterium, Acidithiobacillus ferrooxidans. Es hat einen auf Schwefel basierenden Stoffwechsel, die Eisenschwefelverbindung wird aufgebrochen, es entsteht unter anderem Schwefelsäure und Eisensulfat. Diese Zersetzung läuft sehr viel schneller als der natürliche Zerfall ab.11

Formel

Nach der Analyse von Dr. Hollerbach, Institut für Geologie und Mineralogie der Universität Köln, spricht die Dichte und die Erhaltung für einen reinen Pyrit ohne Markasitanteil. Dr Hollerbach hält den hohen Eisengehalt des Bodens für eine mögliche Erklärung, warum die Pyritknolle trotz der durch die Kerbe geöffneten Verwitterungsrinde die Jahrtausende überdauert hat. Die freien Eisenanteile des Bodenmilieus können die ungeschützte Schlagkerbe schnell mit einer schützenden Schicht aus Goethit, einer Eisenverbindung, überzogen und so den Zerfall verhindert haben.12 Kugelförmige Eisenausfällungen an den Feuersteinartefakten und anderen Gesteinen belegen einen hohen Eisenanteil im Boden.

Pyritvorkommen

Pyrit ist ein sehr häufiges Mineral und weltweit verbreitet,13 er ist das häufigste Sulfid der Erdrinde.14 Pyrit ist regelmäßiger Begleiter der Stein- und Braunkohle15 und entsteht oft in maritimen Sedimenten.16 So findet er sich regelmäßig in Kreidevorkommen; es ist davon auszugehen, dass Schwefelkies ein regelmäßiger Begleiter von Feuersteinvorkommen ist.17 . Auch sandig-tonige Ablagerungen in Fe-, Mn- und Bauxit-Lagerstätten enthalten Pyrit. 18Er kommt in verschiedensten Formen und Größen vor, auch als Mikrokristall.

Für den prähistorischen Menschen war Schwefelkies aber erst ab einer gewissen Größe interessant; darüber hinaus eignet sich ausschließlich feinkristalliner Schwefelkies zum Feuerschlagen.19 Auch die Erreichbarkeit ist ausschlaggebend, Schwefelkies aus den tief unter der Oberfläche liegenden Steinkohleflözen des Ruhrgebietes ist beispielsweise unerreichbar gewesen.

Herkunft

Um die Herkunft der Knolle zu untersuchen, kann sich die Recherche nur auf Aufschlüsse ausreichend großer Knollen in primärer Lage beziehen, die zu damaligen Zeiten erreichbar waren und auf sekundäre Lagerstätten, die zumindest oberflächennah bzw auch durch Aufschlüsse erreichbar gewesen sein müssen.

Cap Blanc Nez

Cap Blanc Nez

Eine solche Lagerstätte findet sich beispielsweise am Cap Blanc Nez, einer Landzunge an der nordfranzösischen Kanalküste. Aus dem Kreidefelsen wittern Schwefelkiesknollen aus, die dann mit der Zeit durch das Zusammenspiel von Brandung und Sand verrollen. Bei Ebbe können die Knollen leicht in großen Mengen abgesammelt werden. Allerdings beträgt die Entfernung zur Fundstelle etwa 320 Kilometer Luftlinie.

Schwefelkies frisch auf Kreide und abgerollt, Quelle: links Wikimedia/Oryctes, rechts Norbert Kirchhoff

Schwefelkies frisch auf Kreide und abgerollt, Quelle: links Wikimedia/Oryctes, rechts N. Kirchhoff

Nur etwa 40 km vom Fundort der Knolle entfernt liegt der Lousberg bei Aachen. Unter der feuersteinführenden Kreide liegen verschiedene lithostratigrafisch erfasste Schichten. Das sind vom Liegenden zu Hangenden folgende Schichten: Hergenrath-Member, Mospert-Member, Aachen-Member. Der zwischen 10 und 35 Meter mächtige Hergenrath-Member enthält graublaue, weiße und untergeordnet auch rote Tone und Schluffe mit Einlagerungen von Sand, einzelnen dünnen Braunkohlenlagen, Pyrit- und Markasitknollen.20

Hergenrath-MemberHergenrath-Member, Quelle: Wikimedia/Geolina163, Vergrößerung

Der Hergenrath-Member bildet in etwa das untere Drittel des Lousbergs. Durch fluviatile Erosion treten die Pyrit führenden Braunkohleflöze zutage. Die darin enthaltenen Pyrit und Markasitknollen wurden heraus erodiert und oberflächig abgelagert. Ein gut dokumentierter Aufschluss findet sich unmittelbar an der Grenze in Belgien am Autobahnübergang Lichtenbusch. Der Entdecker Bernd Eckel hat 2006 in einem nur etwa 10 cm mächtigem Braunkohleflöz, der dort an einem Hang zutage tritt, reichhaltige Pyritvorkommen entdeckt. Anfänglich sammelte er verwitterte Pyritknollen auf, die oberflächig verstreut lagen. Diese kamen auch bei ersten Grabungen zutage. Bei dem Versuch, ein etwa 1 m langes fossiles Holz zu bergen, stieß er auf erste Pyritknollen in primärer Lagerung. Sie bestehen vorwiegend aus feinkristallinem Pyrit in Kugelform und sitzen oft auf inkohlierten Hölzern, einer Vorstufe zu Kohle. Das Flöz selber enthielt mehrere Hundert Kugeln pro Quadratmeter.21 Es ist davon auszugehen, dass an allen Talhängen und den tiefer gelegenen Senken, wie auch im Aachener Kessel, Schwefelkies in enormen Mengen vorhanden und für den prähistorischen Menschen erreichbar war. Die im Nordwesten des Lousberges unmittelbar über den Tonen des Hergenrath-Members zu Tage tretenden Quellen könnten beispielsweise die Flöze angeschnitten haben und somit die primär gelagerten Pyrite aufgeschlossen haben.

Pyrit Lichtenbusch

Möglicherweise stammt die hier besprochene Schwefelkiesknolle aus dem Aachener Raum. Das erscheint nicht unwahrscheinlich, es ist davon auszugehen, dass ein solch wichtiges Rohmaterialvorkommen nicht unentdeckt blieb. Spätestens der Feuersteinbergbau am Lousberg macht die Entdeckung des Vorkommens wahrscheinlich, da das Gebiet nachweislich im Spätneolithikum gut bekannt war. Die Entdeckung der ausgewitterten Schwefelkiesknollen in Bachbetten ist sehr wahrscheinlich, da die beim Feuersteinabbau als Schlagsteine verwendeten Gerölle aller Wahrscheinlichkeit nach den umliegenden Bächen entnommen wurden.22 Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist eine Entdeckung des Vorkommens und ein gezieltes Absammeln sehr wahrscheinlich.  Denkbar wäre sogar ein Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Lousbergbeilklingen und dem Pyritvorkommen. Vielleicht waren gar nicht die Beilklingen so beliebt, sondern die nicht zu ersetzenden Schwefelkiesknollen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Beilklingen eher sekundäre Tauschgüter waren und nur zusammen mit den Schwefelkiesknollen verhandelt wurden. Die überregionale Bedeutung von Schwefelkies könnte somit die Verbreitung der Lousbergbeilklingen stark beeinflusst haben.

Untersuchungen in dieser Richtung fehlen bisher, die Analyse der Schwefel-Isotopenverhälnisse könnte aber die Herkunft klären.

Kirchhoff: Die Kreideschichten im Südlimburger und Aachener Raum nach Grafiken von Felder/Bosch und Richter

N. Kirchhoff: Die Kreideschichten im Südlimburger und Aachener Raum nach Grafiken von Felder/Bosch und Richter

Schwefelkiesnachweise

Zum Feuerschlagen benutzte Schwefelkiesknollen werden selten gefunden, da sie zu starker Korrosion neigen.23 Der bis­her älteste Nach­weis einer Schwefelkiesknolle mit ein­deu­ti­gen Gebrauchs­spu­ren wurde von Jür­gen Wei­ner ausführlich beschrie­ben; es han­delt sich um  eine 145 g schwere Schwe­fel­kies­knolle aus der Auri­gnaci­en­schicht V der Vogel­herd­höhle, Lonetal, datiert auf 32.000 Jahre vor heute.24 Aus dem Mittelpaläolithikum ist Schwefelkies aus Grabungen bekannt, allerdings ohne Gebrauchsspuren. Die vermutlich intentionell durch Zerschlagen geöffnete Schwefelkiesknolle aus dem Drachenloch, Schweiz, scheint Gebrauchsspuren aufzuweisen; allerdings ist unklar, ob die Spuren vom Ausgräber selbst stammen.25 Bei den meisten Höhlenfunden kann ein natürliches Vorkommen am Fundplatz ausgeschlossen werden. Aus der Vielzahl der Funde von Schwefelkies kann vermutet werden, dass die Technik des Feuerschlagens schon im Mittelpaläolithikum bekannt war.

Vergleichsfunde

Mesolithische und neolithische Gräber liefern gelegentlich indirekte Belege, die Schwefelkiesknollen sind jedoch so stark zersetzt, dass sie nur als Rostklumpen zu erkennen sind.26 Ein besser erhaltener Beleg stammt aus der Seeufersiedlung Risch-Schwazbach, Kanton Zug, Schweiz. Dort wurde eine etwa zur Hälfte aufgebrauchte Schwefelkiesknolle gefunden, die in der Schlagfläche eine etwa 10 mm breite, 5 mm tiefe, im Querschnitt abgerundet V-förmige Rille zeigt.27 Weniger stark abgenutzte Schwefelkiesknollen zeigen oft nur rauhe oder zerkratzte Zonen.28

In seltenen Fällen finden sich Feuerschlagsteine mit anhaftenden Schwefelkiesknollen, ein indirekter Hinweis auf die Niederlegung in einem Beutel. Das nachfolgende Beispiel stammt aus Grab III einer Kollektivgrabnekropole der Soester Gruppe aus Erwitte-Schmerlecke und ist auf der  Seite des DFG Projektes „Genese und Struktur der Hessisch-Westfälischen Megalithik am Beispiel der Soester Gruppe“, SPP 1400 „Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung“ online gestellt. Desweiteren ist es in K. Schierhold / R. Gleser / M. Baales, Zur Genese und Struktur der hessisch-westfälischen Megalithik am Beispiel der Soester Gruppe. In: M. Hinz / J. Müller (eds.), Siedlung, Grabenwerk, Großsteingrab. Studien zu Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt der Trichterbechergruppen im nördlichen Mitteleuropa. Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung 2 (Bonn 2012) 411-429, auf Seite 420, Abb 8, PDF, veröffentlicht.

Schwefelkiesknolle

Schwefelkiesknolle mit ehemals anhaftendem Feuerschlagstein, verändert nach H. Menne, LWL-Archäologie für Westfalen

Keiner der bisher gefundenen Belege besitzt eine vergleichbare Kerbe, einzig und allein die magdalénienzeitliche Schwefelkiesknolle aus dem Trou de Chaleux bei Dinant, Belgien, entspricht dem Fundstück.29 Beide Stücke gleichen sich sowohl in Art und Form der Kerbe als auch in der Größe.30 Auch bei diesem Exemplar ist die Kerbe so klar ausgebildet, dass davon ausgegangen werden kann, dass sie eingeschliffen wurde. Eine nur durch streifende Schläge entstandene Kerbe wäre nicht so symmetrisch und klar umrissen ausgebildet.Vergleich

Fazit

Bei dem Oberflächenfund aus Erkelenz handelt es sich um eine zur Funkenerzeugung genutzte Schwefelkiesknolle mit einer eingeschliffenen Kerbe. Diese Schwefelkiesknolle als Bestandteil eines prähistorischen Feuerzeuges ist in ihrer Erhaltung und Ausprägung singulär. Ein entsprechender Vergleichsfund ist bisher nur durch die magdalénienzeitliche Schwefelkiesknolle aus dem Trou de Chaleux belegt. Dennoch wird es sich wohl um eine gängige Praxis gehandelt haben, große Knollen durch Zerschlagen zu öffnen, um das Innere zu erreichen, bei kleinen Knollen wären die Bruchstücke zu klein und damit unbrauchbar, es bliebe nur das Einschleifen einer Kerbe, um das Innere zu erreichen.

Diese Schwefelkiesknolle mit eingeschliffener Kerbe und Spuren des Funkenlösens ist nicht nur ein äußerst seltener Beleg, da nahezu alle anderen Schwefelkiesknollen längst zerfallen sind, auch ihre Erhaltung ist exzellent, die Kerbe zeigt deutlichste Spuren des Funkenlösens. Es steht fest, dass nicht der üblicherweise als Feuerschlagstein angesprochene Artefakttyp mit verrundeten Enden verwendet worden sein kann. Die Riefen in der Kerbe können nur durch ein scharfkantiges Werkzeug entstanden sein, beispielsweise durch die  Ecke eines Klingenbruchstücks. Damit steht fest, dass neben Feuerschlagsteinen mit verrundeten Funktionsenden auch Funkenlöser mit scharfkantigen Funktionsenden existierten; diese sind bisher allerdings von der Facharchäologie nicht erkannt worden. Gründliche Nachuntersuchungen von Fundinventaren, insbesondere von Feuersteinbeigaben aus Gräbern mit Schwefelkiesnachweisen, können zum Erkennen von Feuerschlagsteinen des oben beschriebenen scharfkantigen Typs von Funkenlösern führen.

Eine Untersuchung des Schwefel-Isotopenverhälnisses dieser und anderer Schwefelkiesknollennachweise könnte die interessante Frage nach deren Herkunft klären. Zudem war die Verbreitung von Lousbergbeilklingen möglicherweise mit der Verbreitung von Schwefelkies aus dem Aachener Raum verknüpft; denkbar ist sogar, dass primär Schwefelkies verhandelt wurde, ohne den Feuer im urgeschichtlichen Europa nicht möglich war31 und die Beilklingen nur zusätzliche Handelsware waren.

Video

Weitere Informationen zu dem Thema finden sich unter Geschichte des Feuers und Prä­his­to­ri­sche Feu­er­zeuge.

  1. vergl. Fritz Seeberger, Steinzeitliches Feuerschlagen – Ein experimenteller Beitrag zur Archäologie, in Archäologisches Korrespondenzblatt, Jahrgang 7, Mainz, 1977, Heft 3, S. 195
  2. Jürgen Junkmanns, Wiedergefunden: Pfeilbogenfragmente, Schlagfeuerzeug und Birkenpechlötstein im Museum für Urgeschichte(n) Zug, in Archäologie der Schweiz, Band 22, 1999, Heft 4, S. 165, PDF
  3. Geo Data Zone, Geolexikon-Pyrit, Onlineartikel
  4. Fritz Seeberger, 1977, S. 196
  5. Gerhard Bosinski und Joachim Hahn stellten im Inventar des Magdalénien-Fundplatzes Andernach-Martinsberg an 15 Klingenfragmenten verrundete Ecken an den Bruchstellen fest, dazu kommen 15 verrundete Bruchenden und 11 verrundete Kratzer-enden, Gerhard Bosinski/Joachim Hahn, Der Magdalénien-Fundplatz Andernach (Martinsberg), in Beiträge zum Paläolithikum im Rheinland, Rheinische Ausgrabungen Band 11, 1972, Bonn, S. 147f. Ein Teil der Artefakte zeigt in diesen Bereichen neben Aussplitterungen und Verrundungen auch feine Schrammen. Diese könnten zumindest teilweise mit dem Feuerschlagen in Verbindung stehen. Weitergehende Gebrauchsspurenanalysen wären hier – wie auch bei oben erwähnten Grabfunden – wünschenswert.
  6. Versuchsreihe mit Pyrit und Klingenbruchstück
  7. vergleiche Jürgen Weiner zur Schwefelkiesknolle aus den Trou de Chaleux: J. Weiner/H. Floss, Eine Schwefelkiesknolle aus dem Aurignacien vom Vogelherd, Baden-Würtemberg – Zu den Anfängen der Feuererzeugung im europäischen Paläolithikum, in Archäologische Informationen 27/1, 2004, 59-78, S. 68
  8. Wikipedia – Pyrit
  9. Wikipedia – Pyrit
  10. Prof. Blumes Bildungsserver für Chemie, Markasit
  11. Roland Krahn, Mechanismen der Schwefelwasserstofferzeugung durch Saccharomyces cerevisiae für die biotechnologische Immobilisierung von Schwermetallen, Dissertation 2000, S. 6, PDF
  12. Dr. Hollerbach per E-Mail vom 19.01.2012
  13. Wikipedia – Pyrit
  14. Mineralienatlas – Lexikon – Mineralienportrait – Pyrit
  15. Mineralienatlas – Lexikon – Mineralienportrait – Pyrit
  16. Universität Oldenburg, Wie ensteht Pyrit?, Onlineartikel
  17. Jürgen Junkmanns, 1999, S. 166, PDF
  18. Mineralienatlas – Lexikon – Mineralienportrait – Pyrit
  19. Jür­gen Weiner/Floss, H., Eine Schwe­fel­kies­knolle aus dem Auri­gnacien vom Vogel­herd, Baden-Würtemberg — Zu den Anfän­gen der Feu­er­er­zeu­gung im euro­päi­schen Paläo­li­thi­kum, Archäo­lo­gi­sche Infor­ma­tio­nen 27/1, 2004, S 63
  20. Deutsche Stratigrafische Kommission, Lithostratigrafisches Lexikon, Aachenformation ID 2008002
  21. Bernd Eckel, „Kugelpyrit“ aus Aachen, in Lapis, Heft 3, 2007, S. 38, PDF
  22. Freundlicher Hinweis von Jürgen Weiner
  23. Jürgen Junkmanns, 1999, S. 165, PDF
  24. Jür­gen Weiner/H. Floss, 2004, S 59 ff
  25. Jür­gen Weiner/H. Floss, 2004, S 64
  26. Jürgen Junkmanns, 1999, S. 165, PDF
  27. Jürgen Junkmanns, 1999, S. 167, PDF
  28. E. Bleuer u. a., Jungsteinzeitliche Ufersiedlungen im Zürcher Seefeld. Ausgrabungen Kanalisationssanierung 1986-1988, Band 2, Tafeln
  29. M. E. Dupont, L’Homme pendant de l`age de la pierre dans les environs de Dinant-sur-Meuse, 1872, PDF
  30. Jürgen Weiner/Christian Fuchs, Ein unglaublicher Oberflächenfund: Schwefelkiesknolle mit Spuren vom Feuerschlagen, in Archäologie im Rheinland 2011, S. 71
  31. Jürgen Weiner, Feuerschlagsteine und Feuererzeugung, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 944