Hausbau im Neolithikum

neolithikum

Mittelneolithisches Haus, erbaut von Sepp Albrecht

 

Anmer­kung: Die nach­fol­genden Textaus­zü­ge sind entnommen aus: Sepp Albrecht, Neue Erkennt­nisse zum früh­neo­li­thi­schen Haus­bau in Mit­tel­eu­ropa, Manu­skript, 2003. Online unter http://albrechts-archäologie.de/ nachzulesen.

Der Autor beschäf­tigt sich mit der Maßfindung im Hausbau. Zunächst werden unterschiedliche Befunde bandkeramischer Häuser analysiert. Dabei zeigt sich, dass die Pfostenlöcher in einem regelmäßigen Rhythmus angelegt sind. Ein durch den Erbauer eines Hauses frei festgelegtes Grundmaß ergibt durch Vervielfältigung alle Abstände der Pfosten zueinander. Dieses Grundmaß wird konstruktives Grundmaß genannt und als kG abgekürzt. Der Autor legt zunächst dar, dass alle für den Haus­bau not­wen­di­gen Län­gen­maße auf ein Viel­fa­ches die­ses Grund­ma­ßes zurück­ge­hen. In einem zweiten Schritt wird das konstruktive Grundmaß auf die Konstruktionshöhen angewendet. Hier zeigt sich, dass durch einfaches Anwenden desselben Maßes alle Höhen ohne komplizierte Berechnungen ermitteln lassen. Plau­si­bel wird dar­ge­legt, wie zu dama­li­gen Zei­ten ein Haus kon­stru­iert wurde.

Darüberhinaus hat der Autor unter Verwendung des Konstruktiven Grundmaßes und seiner Vielfachen ein Haus der Rössener Kultur erbaut. Er stützte sich dabei allein auf die im Folgenden dargelegte Maßfindung. Leider wurde das Experiment nach der Fertigstellung Opfer einer Brandstiftung. Dennoch glichen die nach dem Brand entstandenen Befunde denen ergrabener Hausgrundrisse, ohne einen solchen als Grundlage gehabt zu haben.

Das Experiment im neolithischen Hausbau

von Sepp Albrecht

Voraussetzungen

Bei dem Versuch neolithische Hausbauten in der dritten Dimension darzustellen, sollte darauf verzichtet werden einen vorhandenen Befund auszuwählen, um unter Anwendung von „archäologisch begründeten Erfahrungswerten“ eine Rekonstruktion, in was für einer Form auch immer zu realisieren.“
Zu den „archäologisch begründeten Erfahrungswerten“ die teilweise wie unumstößliche Dogmen in der Fachliteratur erscheinen, ist nur soviel zu sagen, dass von allen Aussagen die dem Verfasser aus der Literatur darüber bekannt geworden sind, keine dabei ist die einer tiefer gehenden bautechnischen Überprüfung standhält.
Was bislang in zum Teil aufwendigen Untersuchungen (Dissertationen), sei es zeichnerisch im Modell oder im Maßstab 1:1 als „Rekonstruktionen“ vorgestellt wurde, sind weil deren dreidimensionaler Aufbau aus „separierten Befundspuren“ abgeleitet wurden,  keine Rekonstruktionen im Sinne der experimentellen Archäologie, sondern der Wirklichkeit nachempfundene Nachbauten. Die Ergebnisse sind weder bautechnisch noch konstruktiv auf andere Hausbauten dieser Zeitstellung zu übertragen. Was eine zentrale Forderung der experimentellen Archäologie beinhaltet.

Im Grundsatz gehen die Archäologen, im Versuch die Häuser rekonstruktiv in allen Dimensionen darzustellen, von der falschen Fragestellung aus.  So ist es zunächst von untergeordneter Bedeutung herauszufinden, wie durch das Ausmessen von Pfostenstellungen im Befund, das zugehörige Haus oberhalb des Begehungshorizontes ausgesehen haben „könnte.“ Größere Aufmerksamkeit dagegen sollte auf die Frage gerichtet werden, wie die in ganz Europa auftretenden systemgleichen Spuren von Pfostensetzungen,  eigentlich entstanden sind. Um dazu Aussagen machen zu können, kann dies nur aus Sicht der neolithischen Bauleute, sowie  der Zeitstellung gemäßen handwerklichen Möglichkeiten erklärt werden.

Häuser der frühen bis mittleren Phase der Bandkeramik.

Eine erste eindeutig zu identifizierende Struktur im konstruktiven Aufbau der Häuser,  ist ab der frühen bis mittleren Phase dieser Kulturepoche zu erkennen. Hier sind fünf dachtragende Pfostenreihen zur Auflage von Pfetten parallel zueinander angeordnet worden. Es ist also auf eine Pfettendachkonstruktion zu schließen, deren parallel verlaufende Pfostenreihen Hinweise darauf geben, dass die Häuser vom Erdboden abgehobene, gleichförmig geneigte Dachflächen hatten.

Wegen der system- aber nicht maßgleichen parallelen Anordnung der Pfosten, die in vielen freigelegten Siedlungen vorgefunden wurden, sind  trotz Änderungen der inneren Strukturen im Befund, diese Häuser nach den gleichen konstruktiven Kriterien zu beurteilen.

Häuser der ausgehenden Bandkeramik.

Hier sind erstmals durch das rundlich bzw. trapezartige Auseinanderstreben der Außenwandpfosten aus der Mittelflucht,  hausformende Veränderungen zu berücksichtigen. Durch den rundlichen bzw. trapezartigen Verlauf der Außenwandpfosten, entstehen im Verhältnis zu gleichmäßig geneigten Dachflächen, unterschiedliche Traufhöhen (Pfostenhöhen in der Außenwand). Beim trapezförmigen Wegstreben der Außenwand entstehen „fallende Traufen“ und beim rundlichen Wegstreben, eine zunächst „fallende und dann wieder ansteigende Traufe“ (Pfostenhöhe  in der Außenwand).

Es gilt:

„Je weiter ein Pfosten aus der Mittelflucht abweicht, um so niedriger ist bei gleicher Dachneigung, die Traufhöhe.“

Das entspricht den Vorgaben die durch „Gesetzmäßigkeiten am Bau,“ die zu allen Zeiten ihre Gültigkeit haben, vorgegeben sind. Die Verbindung der Außenwand mit dem Dachaufbau wird durch längs verlaufende, der Traufe angepasste „Bindehölzer“ hergestellt. Im Bauablauf ist dies in der Weise von Bedeutung, dass erst nach dem die Sparren auf die tragende Innenkonstruktion aufgelegt waren, die Außenwandpfosten in der Höhe, den überstehenden Rofen (Sparren) angepasst wurden. Es ist deshalb  bei diesem Haustyp, wie z.T. in der Fachliteratur beschrieben, von keinem pfettengestützten außenwandlastigen Dachaufbau auszugehen.

Häuser im Mittelneolithikum, Rössen, Stichbandkeramik

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Rössen, Bautyp I, Hambach 260, Bau 1

Verliefen bislang nur die Außenwände trapezförmig bzw. rundlich aus der Mittelflucht weg, so ist bei diesen Bautypen festzuhalten, dass auch die „tragende Innenkonstruktion“ trapezförmig angeordnet wurde. Die statisch relevanten Bauteile sind in ihrem konstruktiven Aufbau mit einem heutigen Sparrendach zu vergleichen. Ein Sparrendach hat im Gegensatz zu einer Pfettendachkonstruktion keine Mittelpfette.
Der statische Zusammenhalt entspricht einer Dreieckskonstruktion.  Die Firstpfette bildet mit der  in der gesamten Gebäudelänge in „gleicher Höhe“ verlaufenden Fußpfette des Innengerüstes, das Grundgerüst. Nach dem Auflegen der Rofen (Sparren) entsteht eine Dreiecksverbindung, die zur statischen Aussteifung keine Mittelpfette, wie sie im bandkeramischen Hausbau üblicherweise eingebaut wurde, benötigt.
Die Außenwände wurden erst dann eingebaut, wenn die dachtragende Konstruktion aufgerichtet und fertiggestellt war. Durch die trapezförmigen, bzw. rundlichen Anordnungen der Außenwände entstehen wie im Hausbau der jüngeren Phase der Bandkeramik auch, „fallende und steigende Traufhöhen“.

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Konstruktionsvorschlag

Wie im Hausbau der Bandkeramik, sind die Häuser dieser Kulturepoche in zwei Gebäudetypen einzuteilen. Kurzbauten mit einem Bauabschnitt (BA I) und Langbauten mit zwei Bauabschnitten (BAII). Bei Kurzbauten verläuft die tragende Innenkonstruktion über die gesamte Gebäudelänge, im Maßverhältnis 2 : 3 trapezförmig. Giebelseitig können sowohl Walmdächer, wie überstehend gleichmäßig geneigte Dachflächen ausgeführt werden. Die Art der Giebelform ergibt sich aus der Anordnung der Pfosten im Eingangsbereich sowie der Pfostenanordnung an der schmalsten Stelle im Nordwesten. Bei den Langbauten mit zwei Bauabschnitten verläuft die Grundkonstruktion zunächst wie im ersten Bauabschnitt beschrieben, im Maßverhältnis 2 : 3 trapezförmig. Nach Erreichen der größten Konstruktivbreite des Innengerüstes (3 Grundmaße), verläuft dieses parallel zur Firstlinie. Die Außenwände können wie gehabt rundlich bis leicht oval aus der Mittelflucht abweichen.

Da bei den meisten Rössener Bauten keine baubegleitenden Gruben vorhanden sind, kann wegen dem geringen Abstand der Außenwandpfosten zur tragenden Konstruktion, von einem bodenbündigen Aufbau des Daches ausgegangen werden (niedrige Traufhöhe der raumabschließenden Außenwand). Das erhöht wegen der von NW nach SE größer werdenden trapezförmigen Dachflächen, die Standsicherheit der Gebäude. Wandpfosten die bei diesen Gebäudetypen tief eingegraben wurden, sind aus statischer Sicht nicht zur Aufnahme von Dachlasten geeignet. Sie bieten wegen ihrer festen Gründung im Boden, sowie einer tendenziell niedrig werdenden Einbauhöhe der Pfosten oder Bohlen, die seitliche Stabilität der Gebäude. (Winddruck, Windsog).

Sonderformen im Hausbau der Stichbandkeramiker:

Hier verlaufen die Außenwände z.T.extrem aus der Mittelfront weg. Um dadurch bedingt eine Verbindung der Innenkonstruktion mit der weit außerhalb stehenden Außenwand herstellen zu können, muss auf die quer liegenden Zangen des Grundgerüstes,  eine „Hilfspfette“ aufgelegt werden. Diese Hilfspfette verändert den Dachneigungswinkel in der Weise, dass die Verbindung der Rofen mit den Außenwandpfosten hergestellt werden kann. Die äußere Form des Hauses wird wegen der Trapezform des Innengerüstes, durch abweichende Dachneigungswinkel bestimmt (Karpfenform). (Urgeschichtlicher Hausbau in Mitteleuropa, Band 7 H.Luley Abb.54,214)

Vom Befund zur Konstruktion:

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Konstruktionszeichnungen zum experimentellen Nachbau

Alle neolithischen Kulturgruppen hatten beim Hausbau im Prinzip das gleiche Problem zu lösen: „Sie mussten, um sich vor den in Mitteleuropa herrschenden Witterungseinflüssen zu schützen, einen Raum schaffen, dessen konstruktive Ausführung sowohl die Standsicherheit des Gebäudes gewährleistete und gleichzeitig ein bequemes Bewirtschaften (Begehen) der Häuser möglich machte“ (Bauzweck). Das Dach war so zu generieren, damit Regenwasser und Schnee ohne Staunässe zu bilden abfließen konnte. Das hatte Auswirkungen bei der Festlegung von Einbauhöhen von tragenden Pfosten (Wänden), im Verhältnis zu gleichmäßig geneigten Dachflächen.

Dazu war es notwendig ein Messsystem zu kennen, das schon beim Gewinnen der geeigneten Bauteile beim Holzeinschlag im Wald eingesetzt werden konnte. Es wurden also nicht zuerst die Pfostenlöcher ausgehoben, sondern der eigentliche Beginn der Baumaßnahme war im Wald beim Holzeinschlag. Alle Abmessungen wurden hier schon festgelegt.

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Giebelvarianten

Es gilt den  Grundsatz zu beachten:

Maßliche Festlegungen zum Bestimmen des konstruktiven Aufbaues können nicht durch Ausmessen von Pfostensetzungen im Befund, sondern nur entsprechend der konstruktiven Beurteilung des vorgefundenen Befundes ermittelt werden. Bauliche Veränderungen die an den geänderten Befundstrukturen zu erkennen sind, ändern nichts an der Vorgehensweise beim Aufbau. Weitere bauliche Eigenheiten, wie das Erreichen gleichmäßig geneigter Dachflächen, sind nicht abhängig von eventuellen Kenntnissen über vorgegebene Winkel, sondern entstehen durch die Anwendung gleicher Grundmaße in der Gebäudehöhe von selbst.

Der in Fachkreisen bekannte Berliner Architekt Prof. Dr. Ernst Neufert, hat in seiner Bauentwurfslehre Ausgabe 1984, 22, zur konstruktiven Maßfestlegung von Gebäuden, einen einprägsamen Satz formuliert: „Dinge werden vom Menschen geschaffen um ihm zu dienen, menschengerecht sind daher Form und Maß dieser Dinge“

In allen neolithischen Gebäuden ist davon auszugehen, dass individuelle an den Körpermaßen eines Menschen abgeleitete, bzw. am Nutzungszweck ausgerichtete Kriterien, bedarfsgerechte Maßfestlegungen getroffen wurden. Dazu ist es nicht notwendig ein wie auch immer benanntes Maßsystem im Sinne von Meter oder Zentimeter zu kennen. Es genügt dazu einen Stock, entsprechend den  maßlichen Vorstellungen des „neolithischen Häuslebauers“  abzulängen. Der Verfasser bezeichnet diese frei bestimmte Länge als konstruktives Grundmaß (kG). Das kG als Vergleichslänge  in allen Dimensionen angewendet, ergibt unabhängig einer bestimmenden Maßfestlegung, eine auf das Quadrat bezogene Konstruktivstruktur in allen Dimensionen.

Unter Anwendung des  kG als Vergleichslänge kann jetzt sowohl beim Holzeinschlag im Wald beim Gewinnen der einzelnen Bauteile, wie beim Einbau der Bauteile zum Aufrichten des Grundgerüstes,  die gleiche maßliche Sprache gesprochen werden. Es gibt  im gesamten neolithischen Hausbau, speziell in der Festlegung von Einbauhöhen der Pfosten im Verhältnis zu gleichmäßig geneigten Dachflächen keine Zwischenhöhen, die von den „neolithischen Bauleuten“ weder rechnerisch, noch messtechnisch, auf die Pfosten und Pfetten übertragen werden konnte.

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Konstruiert und erbaut von Sepp Albrecht

Resümee:

Systemgleiche Befundspuren entstehen durch die gleiche, auf das kG bezogene  Maßstruktur in allen Dimensionen von selbst. Die konstruktiven Abmessungen sind nicht identisch mit den Abmessungen die durch das Ausmessen von Pfostenabständen im Befund ermittelt werden. Als traditionell angewendetes Element, ist das kG  kulturübergreifend in allen neolithischen Kulturstufen beim Hausbau angewendet worden. Neolithische Bauleute kannten kein, wie auch immer benanntes Messystem im Sinne von Meter und Zentimeter. Sie hatten auch  keine Kenntnisse über Winkelfunktionen, die das Verhältnis zwischen der Einbauhöhe von Pfosten und einem vorherbestimmten Neigungswinkel der Dachflächen festlegt.

Hausbau der Bandkeramik

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Betrachtet man die Befundbilder der Hausgrundrisse dieser Kulturperiode, so ist festzuhalten, dass in ganz Mitteleuropa aufgrund der Systemgleichheit der Pfostensetzungen im Befund, es eine einheitliche, auf Tradition beruhende Vorgehensweise beim Aufbau der Häuser gegeben hat. Eine Tradition setzt überliefertes Wissen voraus, das schon während der Einwanderung erster Bauern nach Mitteleuropa, von einer Generation zur Nächsten weitergegeben worden ist. Es ist deshalb etwas verwunderlich, dass in den zahlreichen Rekonstruktionen, und Beschreibungen bislang nur der Versuch  unternommen wurde, anhand ausgewählter Befunde, das dreidimensionale Bild dieser Häuser oberhalb des Befundhorizontes darzustellen.

Dabei wurde die eigentlich Frage ausgeklammert, was für eine Methode beim Aufbau der Häuser dafür verantwortlich ist, warum überall da, wo die Hausgrundrisse dieser Kulturstufe freigelegt wurden, die konstruktiv signifikanten Befundspuren vorgefunden wurden. Wegen der über die Zeitspanne der bandkeramischen Kultur nachgewiesenen Veränderungen im Zusammenleben der Menschen, (Entwicklung zu Lokalen Gruppen) haben sich begleitend dazu die Befundstrukturen verändert.

P.J. Modderman hat 1955 dieses als erster erkannt und hat die von „ihm“ freigelegten Befunde in eine Zeitabfolge eingebunden. Diese Einteilung wurde von den Archäologen die sich mit den Baustrukturen bandkeramischer Häuser beschäftigt haben, irrtümlich auch als bautechnische Grundlage in den dreidimensionalen  Aufbau übernommen. Dabei haben sie übersehen, dass sich Modderman nur nach Merkmalen der inneren Strukturen, Größe, sowie bautechnischen Festlegung der Außenwände orientierte und keinerlei Aussagen über die Konstruktion selbst gemacht hat.

Betrachtet man nun die Anordnung der Pfostensetzungen nach konstruktiven Kriterien, so ist festzuhalten, dass alle von Modderman bezeichneten  „Bautypen“ nach den selben Konstruktionsprinzip errichtet worden sind. So können die Häuser weder in Konstruktion, Aufbau noch im äußeren Erscheinungsbild unterschieden werden.

Auch die explizit genannte „Y-Pfostenstellung,“ die als Gaubenkonstruktion bzw. Eingangsüberdachung zu betrachten ist, hat keinen Einfluss auf die eigentliche Konstruktion. Es handelt sich bei allen von Modderman als Bautypen bezeichneten Häuser, um Pfettendachkonstruktionen mit gleichmäßig geneigten Dachflächen deren Neigungswinkel von 45° durch die Vorgehensweise beim Aufbau der Häuser von selbst entsteht.

Erst in der Endphase der Bandkeramik treten  Änderungen in der Befundstruktur auf, die unmittelbaren Einfluss auf die Konstruktion und äußere Form der Häuser haben. Diese Häuser können wegen den Änderungen im konstruktiven Aufbau sowie der dadurch bedingten Änderungen in der Dachkonstruktion, nunmehr als eigenständige  Bautypen bezeichnet werden. Die hier erkennbaren konstruktiven  Veränderungen,  markieren den Zeitenwandel innerhalb der Kulturgruppen, die der bandkeramischen Kultur nachfolgen (Großgartach-Rössen). So sind die bandkeramischen Häuser, entsprechend unterscheidbarer Befunde, in lediglich zwei  Bautypen aufzuteilen.

Bautyp I

Er ist daran zu erkennen, dass gemäß einer  vierschiffigen Bauweise fünf konstruktiv tragende Pfostenreihen, parallel zueinander angeordnet wurden. Aus dieser Befundanordnung, ist auf eine vom Begehungshorizont abgehobene Pfettendachkonstruktion zu schließen…

Eine wesentliche Rolle spielt dabei, wegen der abgehobenen Bauweise, die Höhenlage der tragenden Pfetten, bzw. die Höhe der eingebauten Pfosten einer Pfostenreihe, im Verhältnis zu den gleichmäßig geneigten Dachflächen. Voraussetzung dafür wiederum ist ein Messsystem, das eine gleiche Höhenfestlegung der Pfetten oberhalb des Begehungshorizontes ermöglichte.

Bautyp II

Ihm gehören die Grundrisstypen an, in der nur die inneren tragenden Pfostenreihen parallel verlaufen. Die Außenwände hingegen, trapezförmig, bzw. rundlich aus der Mittelflucht abweichen. Es gehört zu den unumstößlichen „Gesetzen am Bau,“ die zu allen Zeiten gültig sind, dass unter Einhaltung einer gleichen Dachneigung, Pfosten die seitlich aus einer geraden Gebäudeflucht abweichen, unterschiedliche Einbauhöhen im Verhältnis zu gleich geneigten Dachflächen haben. Je weiter ein Pfosten aus der Mittelflucht abweicht, um so niedriger ist dessen Einbauhöhe über dem Begehungshorizont.

So entstehen so beim trapezförmigen Abweichen der Außenwandpfosten eine fallende und beim rundlichen Auseinanderstreben, eine zunächst fallende und ab etwa der Gebäudemitte in Längsrichtung, eine wieder ansteigende Traufhöhe (Pfostenhöhe). Das hat Auswirkungen sowohl auf die Dachform, die Art der statischen Konzeption, sowie auf den gesamten Bauablauf.

So gibt es bei diesem Bautyp keine Fußpfette, die auf die Außenwand aufgelegt werden konnte. Die Verbindung der Außenwand mit der Dachkonstruktion, wird durch längs verlaufende Bindehölzer hergestellt, wobei die Pfosten in ihrer Einbauhöhe den überstehenden Rofen (Sparren) angepasst werden. Ihr Einbau konnte im Gegensatz zum Bautyp I, deshalb erst dann erfolgen, nachdem die innere Grundkonstruktion errichtet, und die Sparren aufgelegt waren.

Der rekonstruktive Aufbau

Der eigentliche Aufbau eines Hauses beginnt immer mit der Fundamentierung. Einmal wird dadurch eine stabile Gründung gewährleistet und zum anderen, eine ebene Fläche gestaltet um oberhalb davon, gleiche Konstruktivhöhen einhalten zu können. (Moderne Bauweise). Bei der im Neolithikum ausgeführten Holzständerbauweise ist in der Maßfindung der Pfosten oberhalb des Befundhorizontes, von gleichen Voraussetzungen auszugehen. Nur wurde hier keine ebene Fläche gestaltet, sondern die Pfosten wurden oberhalb des Befundhorizontes, mittels einer Vergleichslänge (Maßstock) ins Erdreich eingegraben. Es entstehen so gleiche Einbauhöhen für die aufgelegten Pfetten

Der Höhenausgleich unterschiedlich abgelängter Pfosten, wird beim Eingraben der Pfosten ausgeglichen. (Unterschiedliche Eingrabtiefen der Pfostenlöcher gemessen im Befund). So ist zunächst festzuhalten, dass es zwei Maßfestlegungen gab die von den Erbauern der Häuser beachtet wurden. Einmal ein einzuhaltendes Maß  oberhalb des Befundhorizontes, zum anderen eine frei bestimmte Zusatzlänge am Pfosten die die Tiefe des auszuhebenden Pfostenlochs bestimmt.

Abmessung und Maßbestimmung

Auch für den bandkeramischen Hausbau gilt der Satz, des Architekten Prof. Ernst Neufert die er zur Maßfestlegung von Gebäuden an sich, den er in seiner Bauentwurfslehre formuliert hat (Prof. Ernst Neufert Bauentwurfslehre, 1984, 22): „Dinge werden geschaffen vom Menschen um ihm zu dienen, menschengerecht sind daher Form und Maß dieser Dinge.“

Die konstruktiven Abmessungen eines Hauses wurden entweder durch einen persönlichen Bezug (Kopfstoßhöhe), oder dem zugedachten Nutzungszweck entsprechend, durch den Erbauer eines Hauses frei festgelegt. Der Verfasser bezeichnet dieses Maß, als konstruktives Grundmaß (kG), das in allen Dimensionen eingesetzt, eine auf das Quadrat bezogene Maßstruktur ergibt.

Zur Vorauswahl für die zum Aufbau notwendigen Pfosten und Pfetten, ist das kG auch bei der Beurteilung der zu fällenden Bäume hilfreich. Der eigentliche Aufbau der Häuser begann nicht mit dem Ausheben von Pfostenlöcher, deren Lochtiefe und konstruktiver Abstand, bis dahin gar nicht bekannt gewesen sein kann, sondern mit dem Gewinnen geeigneter Bauteile, wie  Pfosten und Pfetten, beim Holzeinschlag  im Wald.

Zwei Abmessungen sind dabei von Interesse:

Einmal eine gleiche im Raster des kG befindliche Maßfestlegung oberhalb des Begehungshorizontes, sowie einer Längenzugabe die die Eingrabtiefe der  Pfostenlöcher beim eingraben der Pfosten bestimmt. Werden die Pfosten so eingegraben, hatten alle Pfosten einer Pfostenreihe oberhalb des Begehungshorizontes, die gleiche  Höhe. Die Pfostenlöcher selbst können je nach Längenzugabe unterschiedlich sein. das belegt, dass der Höhenausgleich unterschiedlich abgelängter Pfosten im Erdreich erfolgte.

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C. J.Kind, Bandkeramische Siedlung Ulm-Eggingen, Die Ausgrabungen 1989, 40,Haus 6 mit Einzeichnung der quadratischen Struktur, ermittelt durch das kG durch den Verfasser

 

Als Beispiel zum konstruktiven Ausmessen hat der Verfasser das Haus Nr 6 in Ulm-Eggingen ausgewählt. Die konstruktive Gesamtbreite, knapp außerhalb des Befundes gemessen beträgt 6, 30 m. Aus der Viertelteilung der Gesamtbreite von 6,30 m  ergibt sich das kG von 1,55 m. Die Gesamtlänge des Gebäudes von 20, 63 m ist das 17-fache des KG. Daraus ergeben sich die Wandhöhen:

Außenwände                        1 kG    =  1,55 m
Mittelpfetten                       2 kG   =   3,10 m
Firsthöhe                              3 kG    =   4,65 m

Befundabmessungen befinden sich in der Regel nicht im gleichen, auf ein kG bezogenem Raster, sondern weichen maßlich davon ab. Dadurch entstehen zwischen dem Befund und der konstruktiv richtigen Lage der Pfetten Differenzen in der Maßfestlegung.

Diese  werden dadurch ausgeglichen, dass die Pfetten, nicht wie in der Regel dargestellt, mittig über den Pfosten sondern, in seitlich austreibende Astgabeln eingelegt wurden. Nur dann wenn die Pfosten, was selten der Fall ist, ebenfalls im Raster des kG eingegraben wurden, können Pfetten auch mittig über den Pfosten in symmetrische Astgabeln eingelegt und befestigt werden.

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Pfetten mittig aufgelegt

Es kann also nicht sein, dass durch das Ausmessen von Pfostensetzungen im Befund, das Konstruktivmaß ermittelt werden kann. Dies ist nur möglich durch  das Ausmessen der parallel verlaufenden Pfetten, im Raster des kG.

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Pfetten in Astgabeln

Der Aufbau:

Nachdem die im Wald beim Holzeinschlag im Rastermaß des kG abgelängten Bauteile an den vorbereiteten Bauplatz verbracht wurden, begann der eigentliche Aufbau. Einem vernünftigen Bauablauf entsprechend, wurden zunächst die Pfetten am Boden im Raster des kG parallel zueinander ausgelegt.

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Maßbestimmung der Pfosten beim Holzeinschlag im Wald

Danach wurden die Pfostenlöcher entsprechend der Längenzugabe eingegraben. Die Pfostenhöhe über dem Begehungshorizont ist für alle Pfosten einer Pfostenreihe gleich. Erst als alle Pfosten einer Pfostenreihe aufgerichtet waren, konnten die Pfettenteile aufgelegt werden. Die Länge dieser Pfettenteile bestimmten den Rhytmus der Jochabstände im Befund. Es entstand so ein Grundgerüst, das das anschließende Auflegen der Sparren (Rofen) ermöglichte.

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Systembild der Grundkonstruktion und der Pfostensetzung beim seitlichen Abweichen der Ständerpfosten aus der Konstruktivlinie

Entsprechend einer auf das Quadrat bezogenen Konstruktivstruktur entsteht  ein Neigungswinkel der Dachflächen von 45°.

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Aufrichtmethode nach Bauabschnitten

Dieser Winkel musste demnach nicht vor Baubeginn bestimmt werden, sondern entstand durch die methodische Vorgehensweise beim Aufbau im Raster des kG von selbst.

Konstruktive Maßermittlung am Befund

Bautyp I

Anhand eines Befundes wird die konstruktiv bestimmende Abmessung des kG dadurch bestimmt, dass nicht mittig über den Befund der Außenwände, sondern knapp außerhalb davon,  die „konstruktive Gesamtbreite“ des Hauses ermittelt wird.

Grund für diese Vorgehensweise ist, dass die Pfetten in seitlich nach außen gedrehte Astgabeln eingelegt wurden. Gemäß der  parallelen Anordnung der Pfetten im Raster des kG, ist das konstruktive Grundmaß  bei diesem Bautyp, durch die Viertelteilung der konstruktiven Gesamtbreite zu ermitteln. Dieses geviertelte Maß entspricht dann der Abmessung, die von dem Erbauer dieses Hauses schon vor Baubeginn frei festgelegt worden ist. Konstruktive Grundmaße sind Individualmaße ohne dass zu deren Festlegung ein wie auch immer benanntes Messsystem bekannt gewesen sein muss.

Statik und Bauabfolge.

Die eigentliche Stabilität der Gebäudestruktur wird im Gegensatz zu den Annahmen in der rekonstruktiven Archäologie, nicht durch die Eingrabtiefen der Pfosten, sondern durch die Art des konstruktiven Aufbaues oberhalb des Befundhorizontes bestimmt. Horizontal eingebaute Zwischendecken und zur Strukturaussteifung eingebaute Zangenbalken erfüllen im Wesentlichen diese Funktion. Sie ermöglichten auch das Einlegen der Pfetten „seitlich neben den Pfosten“, wenn deren Einbauhöhe oberhalb der körperlichen Erreichbarkeit der Menschen lag.

Tief eingegrabene Pfosten sind kein Indiz dafür, dass große Dachlasten aufgenommen werden, sondern wirken den seitlichen Kräften entgegen die durch Winddruck und Windsog, auf die Dachflächen entstehen. Die weiteren Ausbauarbeiten für diesen Bautyp sind bekannt und in der Literatur gut beschrieben und müssen deshalb hier nicht wiederholt werden.

Bautyp II

Konstruktiv sind die Häuser daran zu erkennen, dass nur die drei mittleren Pfostenreihen parallel verlaufen. Die äußeren Wandpfosten streben entweder rundlich oder trapezförmig aus der Mittelflucht weg. Diese Pfostenreihen werden vermehrt auch als Doppelpfosten ausgebildet eingegraben. Die Außenwände haben demnach keine tragende Funktion sondern sind im konstruktiven Sinne als Windstützen, die seitliche Lasten aufnehmen zu betrachten (Winddruck, Windsog).

Prof. C. J. Kind schreibt zu diesem Haustyp, abgeleitet aus einem Befund des Hauses 24, in der bandkeramischen Siedlung Ulm-Eggingen sinngemäß: „Allerdings fällt auch hier die die stark trapezoide Form des Grundrisses auf.“

Dem trapezoiden Auseinanderstreben der Grundform, wurde durch eine statische Maßnahme dadurch Rechnung getragen, dass am südöstlichen Ende des Gebäudes auf beiden Seiten die Pfosten verdoppelt wurden. Es sollte wohl, durch diese statische Maßnahme das an dieser Stelle am weitesten herausragende Dach gestützt werden. Diese Einschätzung ist richtig, beschreibt aber nicht die daraus resultierende veränderte Dachform dieses Gebäudes.

Es gilt der Grundsatz: „Je weiter ein Pfosten aus der Mittelflucht abweicht, um so niedriger wird bei einer gleichen Dachneigung die Höhe der Pfosten in der Außenwand“. Das kG wird bei diesem Bautyp aus dem konstruktiven Abstand der drei Mittelpfostenreihen festgelegt.

Die Außenwände sind im Abstand maßlich von untergeordneter Bedeutung, da sich deren Einbauhöhen nicht nach dem Maßraster des kG, sondern nach der Höhe über dem Bezugshorizont zur Oberfläche der überstehenden Rofen richtet (Traufhöhe). Durch das gleiche auf das Quadrat bezogene Raster der Innenkonstruktion entsteht wieder die gleiche Dachneigung von 45° wie beim Bautyp I.

Resümee:

Häuser der frühen und mittleren Phase der Bandkeramik unterscheiden sich nicht in der konstruktiven Vorgehensweise beim Aufbau, sondern nur in der Art ihrer Nutzung. Häuser dieser Kulturstufe bezeugen allerdings einen fortschreitenden Wandel in den konstruktiven Zimmereitechniken. Innere Einbauten, die an Hand von Befundspuren zu erkennen sind, können nur funktionell erklärt werden und haben auf die Grundkonstruktion insgesamt keinen Einfluss.

Die Art der geänderten konstruktiven Ausführung, wie er im Bautyp II zu erkennen ist, markiert im Verlauf der bandkeramischen Bautradition den Übergang zu neuen konstruktiven Überlegungen, wie sie dann in der der Großgartacher – Rössener Kulturstufe konsequent umgesetzt wurden. Durch die Anwendung des kG und der beschriebenen Astgabeltechnik ist das Entstehen systemgleicher Befunde innerhalb dieser Kulturepoche zu erklären.

Zeichnungen Sepp Albrecht

Verwendete Literatur:

Sepp Albrecht, unveröffentlichter Aufsatz: „Neue Erkenntnisse zum neolithischen Hausbau in Mitteleuropa 2003.

Sepp Albrecht in „Experimentelle Archäologie in Europa, Bilanz 2003, Heft 2, Hrsg. Prof. Dr. Maomut Fansa Oldenburg, Issensee Verlag Oldenburg 31-42″

Wikipedia: Benutzer Catou, Hausbau im Neolithikum. de

C. J. Kind, „Bandkeramische Siedlung Ulm-Eggingen“.

Bezug:

Rekonstruktion eines mittelneolithischen Mehrzweckbaues der Rössener Kultur im Maßstab 1 : 1 in Bad Krozingen durch den Verfasser. (Abbildung)

Dragoslav Srejovic, 1987, Lepenski Vir.

Helmut Luley, Urgeschichtlicher Hausbau in Mitteleuropa, 1992, Band 7, Abschnitt 9 der Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie der Universität Köln.