Besondere Eigenheiten des Siedlungsareals und außergewöhnliche Fundstücke | Steinzeit & Co

Besondere Eigenheiten des Siedlungsareals und außergewöhnliche Fundstücke

von Thomas van Lohuizen

Besonderheiten 

Während bis heute vor allem die Region der „Niederrheinischen Bucht“ im Fokus des aktiv forschenden Interesses der neolithischen universitären und staatlichen Facharchäologie im Rheinland steht, werden gravierende „blinde Flecken“ insbesondere in Bezug auf das Auftreten wichtiger neolithischer Fundplätze entlang des Rheinlaufs offenbar. So fand P. Krull auf einer Geländeerhebung bei Büttgen-Driesch, Rheinkreis Neuss, über mehrere Jahre hinweg ein weit überregional bedeutendes Aufkommen von lithischen Artefakten und insbesondere von Keramikbelegen aus Siedlungsaktivitäten der endneolithischen rheinischen Becherkulturen.

Für den Bereich des „Worringer Bruchs“ bei Köln sind wichtige Chancen einer einheitlichen Erfassung der dort einmal reich vorhandenen lithischen Artefaktaufkommen vertan worden. Dort haben private Sammler über Jahrzehnte hinweg reiches Fundmaterial aus dem Zusammenhang gerissen und undokumentiert verschleppt. Nun erweitert das hier vorgestellte hoch komplex strukturierte Fundareal im Niederrheinischen Tiefland das Fundaufkommen zur Geschichte ab der Zeit des mittleren Neolithikums im Rheinland offenbar um einen weiteren, möglicherweise sogar überregional wirksamen, zentralen Standort dessen Bedeutung für die Forschung gerade darin liegt, dass er sich nicht innerhalb des weit „überforschten“ Gebietes der Niederrheinischen Bucht befindet!

Ein Werkplatz zur Herstellung von Felsgesteinbeilklingen

Dem Fundaufkommen zufolge befand sich im nördlichen Bereich des mutmaßlichen Siedlungshügels ein möglicher Werkplatz zur Herstellung von Beilklingen aus Felsgesteinvarietäten. Am Geologischen Landesamt in Krefeld wurde grünlich-grau  gefärbter  „Silt“- oder „Schluffstein“ als die zur Beilklingenproduktion weit bevorzugte Gesteinsvarietät identifiziert. Die Grundformen wurden überwiegend aus Geröllen gewonnen, die zunächst flächendeckend gepickt und anschließend überschliffen wurden. Gelegentlich wurde nur der Bereich der Schneidenpartie beschliffen. Die Variationsbreite der Produktion schloss auch kleinformatige Beilklingen mit ein. Es entsteht der Eindruck eines stark bedarfsorientierten und breit gefächerten Werkzeugsortiments. Beilklingen aus „Siltstein“ finden sich auch in die umliegenden Region hinein verbreitet.

Die Frage, ob es sich in diesem Zusammenhang um einen regional wirksamen zentralen Werkplatz gehandelt haben kann, können zuletzt nur zukünftige Forschungsinitiativen der zuständigen Fachämter und Universitäten klären helfen. Neben den zur Beilklingenproduktion notwendigen Schlagsteinen fanden sich auch Trümmer von Schleifwannen. Zahlreich sind auch Belege von Beilklingen aus Quarzit, Tonschiefer, Basalt und weiteren unterschiedlich ausgeprägten Vulkaniten. Zwei Belegstücke bestehen aus Mineralgesteinen. Statistisch gilt ein Bedarf von sechs Beilklingen pro Haushalt und Generation. Für das Gesamtfundareal ist die exzeptionell hohe Anzahl der Fundnachweise von Beilklingen aus Silex- und Felsgesteinvarietäten ein deutlicher Hinweis auf eine über Jahrhunderte oder Jahrtausende hinweg bestandene kontinuierliche Präsenz von Siedlungsaktivitäten und/oder zeitweise überdurchschnittlich hohen Dichte von Siedlungsaktivitäten im Gelände.

Verbrannter Silex

Neben dem Werkplatz zur Produktion von Felsgesteinbeilklingen liegt ein regelrechtes „Trümmerfeld“ mit Belegen Dutzender vollkommen verbrannter Silexbeilklingen, verbrannter Dechselklingen aus Silex, verschiedener verbrannter Silexgerätschaften, verbrannter Silexgrundformen und verbrannter Silexrohstücke. Eine vergleichbar hohe Fundkonzentration verbrannter Gerätschaften und Rohgesteine ist für keinen anderen neolithischen Fundort im Rheinland nachzuweisen. Ob die gleichfalls diesem Fundaufkommen entstammende sekundär überarbeitete Schneidenpartie einer „Prunkbeilklinge“ aus Jadeit vom Mont Beigua bei Genua auf kultisch-rituelle Praktiken hindeuten kann, ist aus dem Oberflächenfundaufkommen heraus nicht zu erschließen. Bislang liegt der Anteil verbrannter Silices im Bereich der anderen Fundkonzentrationen im Gelände bei Werten zwischen 25% und 35 %.

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Beilklingenbruch als sekundär genutzte Rohmaterialressource

Auf dem Gesamtfundgelände konnten annähernd 1.000 Silices mit Schliffpartien aufgelesen werden. Ein sehr kleiner Anteil dieser Fragmente geht wohl auch auf das Vorhandensein von Dechselklingen aus Silices zurück. Darunter befindet sich die Schneidenpartie einer kleinformatigen Meißelklinge aus Rijckholtfeuerstein. Die Masse der Nachweise beschliffener Silices stammt jedoch von sekundär abgearbeiteten, gebrochenen Beilklingen die, sofern dies noch an den jeweiligen Fragmenten nachvollziehbar ist, weit überwiegend facettiert geschliffene Längskantenverläufe aufweisen.

Unter den zu Beilklingen verarbeiteten Silexvarietäten des Fundgeländes (Rijckholt, Valkenburg, Lousberg, Simpelveld, hellgrau-belgischer, nordischer Feuerstein, taubengrauer/taubenblauer Hornstein und zumindest ein Dutzend nicht näher zu lokalisierender Varietäten), stellt Feuerstein der Varietät „Rijckholt“ überraschend nicht die Masse der beschliffenen Fundbelege, sondern bildet nur eine der fundstarken Gruppen neben weiteren Silexvarietäten unter denen insbesondere der „taubengraue/taubenblaue“ Silex, eine Silexvarietät die möglicherweise nahe St. Mihiel in Frankreich gewonnen und zu Beilklingen verarbeitet worden ist, quantitativ hervor tritt.

Die Anzahl der sicher ansprechbaren Sekundärprodukte aus Beilklingenbruch ist gegenüber den in Form abgebauter Kernsteine hinterlassenen Beilklingenfragmenten gering. Es handelt sich um kleinformatige Kratzer, Pfeilspitzen, Pfeilschneiden und opportunistisch gearbeitete „ad-hoc“-Gerätschaften. Beilklingenbruch als Rohmaterial zur Herstellung von Grundformen weist jedoch ab einem bestimmten Abbaustadium keine Schliffpartien mehr auf. So kann z. B. für eine Pfeilschneide ohne Schliffpartie aus Feuerstein der Varietät „Lousberg“ die Herkunft der verwendeten Grundform von einer abgebauten Beilklinge über das verwendete Material auch nur als „wahrscheinlich“ erschlossen werden. Felsgesteinbeilklingenbelege sind sekundär häufiger als Schlagsteine und Retuscheure verwendet worden.

Sonderformen

Vom Siedlungshügel liegen zwei singuläre Silexartefakte vor. Es handelt sich um eine sichelförmig gebogene Klinge aus Feuerstein der Varietät „Rijckholt“ die im Bereich des Proximalendes noch einen Rest der Kortex trägt. Die Klinge ist innerhalb des konkav eingewölbten Innenbogens fein ansteigend retuschiert. Der konvex gebogene „Rückenverlauf“ blieb unbearbeitet und weist an mehreren Kanten intensive Verrundungen auf, die auf die Bewegung des eingefassten Werkstücks innerhalb einer der Länge nach angelegten Schäftung zurück zu führen sind. Außergewöhnlich ist der vollständige Schliff der Dorsalfläche.

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Bei dem zweiten bemerkenswerten Fundbeleg handelt es sich um ein im Umriss zungenförmiges, bifaciell hochfein flächig retuschiertes Artefakt aus einer transluziden, nordischen Feuersteinvarietät. Die deutliche Abrundung der äußeren Spitze spricht nicht unbedingt gegen eine mögliche Funktionsbestimmung als großformatige Pfeilspitze. Dieser Fundbeleg kann auch als mögliche Miniaturform einer spitznackigen Silexbeilklinge mit gerader Schneidenpartie und ovalem Querschnitt gesehen werden. So erstaunlich diese Annahme zunächst erscheint, ist sie bei näherer Betrachtung nicht zu widerlegen.

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Gleichfalls ohne Vergleich ist eine hochgradig spiegelnde, glänzend polierte Beilklinge mit ovalem Querschnitt aus einer bislang noch nicht identifizierten, rötlich gefärbten, feinkristallinen Gesteinsvarietät von der nur noch ein Trümmerstück aufgelesen werden konnte. Die extrem intensiv ausgeführte Politur der Oberfläche entspricht der Ausprägung der Oberflächenbehandlung sogenannten „Prunkbeilklinge“ aus alpinem Mineralgestein. Die rote Färbung spricht gegen Jadeit als Ausgangsmaterial und lässt die Verwendung einer Mineralgesteinsvarietät aus der Gruppe der Achate vermuten.

Pfeilspitzen und Pfeilschneiden

Aus dem kurzen Prospektionszeitraum von lediglich 8 Jahren stammen vom Gesamtfundareal bereits mehr als 100 Belege von Pfeilspitzen und über 100 Fundnachweise von Pfeilschneiden. Insgesamt handelt es sich um mehr als 200 Projektile aus einem Zeitraum von zumindest 2.000 Jahren Kulturgeschichte. Auf das zeitliche Spektrum der am Ort vertretenen  Kulturerscheinungen bezogen, erscheint die Anzahl der aufgelesenen Geschosseinsätze zwar nicht allzu hoch, doch gibt es im Rheinland aus mehr als 130 Jahren Forschungstätigkeit keinen weiteren Fundplatz, der auf vergleichbar begrenztem Raum ein derart hohes Fundaufkommen von Geschossspitzen aus dieser langen Zeitspanne überliefert hat. In der typologischen Abfolge finden sich insbesondere Projektile aus der Zeit des jüngeren und späten Neolithikums in deutlich hohen Anteilen repräsentiert. Projektile des Mittel– und Endneolithikums fanden sich dem gegenüber vergleichsweise selten.

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 Schlussbemerkung

Vom Zeitabschnitt des Mittelneolithikums an bis zum heutigen Tag ist das Gesamtfundareal über alle Kulturerscheinungen und Zeithorizonte, die Bronze- und Eisenzeit, die römische Kaiserzeit, die Spätantike, die fränkische, karolingische und frühottonische Epoche mit eingeschlossen, kontinuierlich besiedelt worden.

Zu den Befunden im Gelände zählen noch eisenzeitliche und römisch-kaiserzeitliche Hofstellen, eine spätantike Handelsniederlassung sowie fränkische Hofstellen die mit zur Versorgung der bis in die Zeit des frühen 11. Jhs. bestandenen Siedlung mit Handelsfunktionen beigetragen haben.

Wie sich die zuständige Facharchäologie in Zukunft der Herausforderung der Dokumentation und Sicherung dieses außergewöhnlichen Platzes in ihrem Zuständigkeitsgebiet stellen will, wird sich in den kommenden Jahren zeigen müssen, bevor der weitere Ausbau von Siedlungen und Straßen sowie die intensive Bewirtschaftung der Böden das hier gelegene umfangreiche Kulturerbe vollkommen zerstören  werden. Welch immensen Verlust an wissenschaftlichen Potentialen ein zu langes Zögern herbeiführen kann, zeigt die inzwischen fast vollständige Zerstörung eines vergleichbaren neolithischen Zentralortes am Kreuzungspunkt einer Fernverbindung über Land mit dem Rheinlauf nahe Urmitz (Kreis Mayen-Koblenz/Rheinland-Pfalz). Von dem heute fast vollkommen abge- und überbauten etwa 100 Hektar großen Komplex blieben nur wenige selektiv aufgelesene „attraktive“ Funde erhalten, die in verschiedenen Sammlungen und Museen verstreut sind.

Allzuviele auch nur annähernd vergleichbar bedeutende Herausforderungen an die Archäologie im Rheinland, wie sie der neue Fundplatz am Niederrhein darstellt,  werden in Zukunft kaum mehr zu erwarten sein.