Mittelpaläolithische Werkzeugindustrien

mittelpaläolithikum

Einleitung | Jungacheuléen | Moustérien | Micoquien / Keilmessergruppen | Moustérien de tradition acheuléenne (MTA)

Einleitung

Im Gegensatz zum Jungpaläolithikum und nachfolgenden Epochen mit stark standardisierten Werkzeugformen ist die Bandbreite mittelpaläolithischer Stücke sehr groß, gewisse Standards sind jedoch auch hier vorhanden. Die Werkzeuge des Neandertalers unterscheiden sich grundlegend von denen des Modernen Menschen. Die Unterschiede sind nicht nur in der Morphologie oder der Fertigungstechnik gegeben; sie liegen insbesondere in der Werkzeugbiografie.

Der Moderne Mensch fertigte seine Werkzeuge für einen bestimmten Zweck, Umnutzungen sind selten. So wurden beispielsweise Klingenkratzer oder Stichel wiederholt nachgeschärft und als solche weiter genutzt.

Kratzer und Stichel

Im Mittelpaläolithikum hingegen fehlte diese reglementierte Fertigungstechnik. Nachschärfungen und Umnutzungen von Artefakten konnten zu neuen Werkzeugen führen.

Aus einem unretuschierten, zum Schneiden genutzten Abschlag konnte durch eine schärfende Retusche ein einfacher Schaber entstehen. Weitere Nachschärfungen konnten den Verlauf der Arbeitskante verändern und so aus einem Bogenschaber einen Gerad- oder Hohlschaber entstehen lassen.

SchaberformenEin einfacher Schaber konnte auch eine zweite Arbeitskante erhalten und ein Doppelschaber werden. Trafen sich die Arbeitskanten durch weitere Nachschärfungen, so entstand aus dem Doppelschaber ein Spitz- oder Winkelschaber, je nach Lage der Spitze zur Längsachse der Grundform.

Entstehung Spitzschaber

Abschläge mit Rücken, die an der Schneide Gebrauchsspuren zeigen, werden als Messer klassifiziert. Wurde eine stumpfe Schneide durch dorsale Retuschen nachgeschärft, wird aus dem Messer mit Rücken ein einfacher Schaber. Wurde der Schaber ventral nachgeschärft, handelt es sich um einen bifaciellen Schaber oder ein Keilmesser.

Damit wird klar, dass Nachschärfungen erheblichen Einfluss auf die Werkzeugtypen haben. Die Nutzungsdauer eines Artefaktes spielt dabei eine bedeutende Rolle. So können sich lange genutzte Werkzeuge durch stärkere formgebende Überarbeitung deutlich von nur kurz genutzten Werkzeugen unterscheiden. Auch die Rohstoffverfügbarkeit wirkt sich auf die Werkzeugtypen aus. Kleine Rohmaterialeinheiten führen zu kleinen Werkzeugen, die nur bedingt nachgeschärft werden konnten. Dadurch können sich Inventare ein- und derselben Gruppe stark voneinander unterscheiden. Folgt man nur der Typologie, so kann das zu falschen Ergebnissen führen.

Auch Gerhard Bosinski geht mittlerweile von einer möglichen Überbewertung der Typengruppen aus.1 Ein Fehlen von Schabern an einem Fundplatz weist nur darauf hin, dass sie dort nicht benötigt wurden; vielfach sind Inventare durch den Verwendungszweck geprägt.

Sicher gibt es Unterschiede in den Werkzeugindustrien bezüglich der Geräteausformung, Inventarzusammensetzung und der Häufigkeit einzelner Typen. Diese können auf unterschiedliche Werkzeugtraditionen hinweisen; sie können aber auch dem Verwendungszweck, der Werkzeugbiografie, der Rohstoffverfügbarkeit, der Art des Lagerplatzes und der Verweildauer geschuldet sein.2 Darüber hinaus ist von Knochenwerkzeugen auszugehen, die mit den Steinwerkzeugen zusammen ein Inventar bildeten. Da sie in der Regel nicht erhalten sind, fehlen dadurch mehr oder weniger große Teile des Inventars und es kann leicht zu einer Fehlinterpretation kommen.3

Auch bezüglich der Datierung und Ausformung der einzelnen Werkzeugindustrien herrscht Uneinigkeit. Neuere Erkenntnisse haben zumindest für das Micoquien ein relativ junges Alter ergeben; eine genaue Datierung ist aber auch hier noch strittig.4 Eine grundlegende Neubearbeitung des Mittelpaläolithikums scheint angebracht.

Gesichert ist hingegen die Erkenntnis, dass schon vor mindestens 120.000 Jahren Steinwerkzeuge mit → Birkenpech geschäftet wurden.5 Ein indirekter Nachweis einer Schäftung ist sogar schon für 200.000 Jahre BC zu führen,6 wobei das Klebemittel selbst jedoch vergangen ist.

Jungacheuléen

Das Jungacheuléen datiert auf etwa 300.000-120.000 Jahre BC, das ist der Zeitraum vom Beginn der drittletzten bis zum Anfang der letzten Kaltzeit und endet in etwa mit dem Auftreten des klassischen Neandertalers. Es ist gekennzeichnet durch langschmale Faustkeile mit kontinuierlich verdicktem Ende und massive, über 10 cm lange, annähernd breitdreieckige Formen. Desweiteren gelten Levalloisspitzen, strunkförmige Kerne und blattförmige Schaber als typisch. Große bis mittelgroße Schaber aus breitflachen Abschlägen wurden meist in Levalloistechnik gewonnen. Regelmäßige, teilweise kantenretuschierte Klingen können ebenfalls Bestandteil dieser Werkzeugindustrie sein,7 die eine sehr lange Tradition hat. Fundstellen des Jungacheuléen sind auch im Rheinland bekannt so liegen beispielsweise einige Funde aus dem Gebiet von Wurm und Rur vor. 8 Die → Emscherkiese lieferten ebenfalls Funde aus dieser Zeit.

Faustkeil Jungacheuléen, Sammlung Peter Schleicher

↑ Faustkeil Jungacheuléen, Sammlung Peter Schleicher

Fundplatzbeschreibung

Moustérien

Das Moustérien, etwa 300.000-35.000 Jahre BC, ist eine Formengruppe, die während der drittletzten bis zum ersten Teil der letzten Eiszeit auftrat. Sie ist durch Abschlagwerkzeuge gekennzeichnet. Diese wurden oft in → Levallois-Technik gefertigt. Meist wird das Moustérien negativ definiert, d.h. durch Fehlen von Faustkeilen bzw Micoquien-Formen.

In der Vergangenheit wurde immer wieder versucht, das Moustérien in verschiedene Typen einzuteilen. So sollen für den „Typ Ferrassie“ Schaber und Doppelschaber sowie Spitzen und Doppelspitzen typisch sein.9 Das „Rheindahlien“, Fundschicht B1, soll sich durch Klingen und fehlende Schaber und Spitzen auszeichnen.10 Daneben gibt es noch weitere Typen, die unterschiedliche kulturelle Gruppen repräsentieren sollen.

„Es zeigte sich (…), dass bestimmte Inventarzusammensetzungen des „Mousterien“ eher mit klimatischen, jahreszeitlichen, habitatspezifischen oder ökonomischen Bedingungen zusammenhängen als mit einigen fest umrissenen ethischen Traditionen. Außerdem stellt sich mehr und mehr heraus, wie sehr die Betrachtung, Bestimmung und Zuweisung von derartigen Inventaren auch von der Einstellung und Sichtweise ihrer wissenschaftlichen Bearbeiter abhängig ist – vor allem, was die Wertung vereinzelt vorkommender Artefaktformen sowie die Art der statistischen Datenerhebung betrifft.“11

Jürgen Richter hat einen interessanten Ansatz zur Typisierung jüngerer Moustérien- Inventare vorgestellt; viele der jüngeren Moustérien-Inventare sind klein und deuten auf eine nur kurze Verweildauer hin. Handelt es sich jedoch um größere Inventare, sprich längere Aufenthalte, so finden sich oft Micoquienelemente. Möglicherweise kann es sich bei diesen als Moustérien-Werkzeuge angesehenen Formen lediglich um einfache Ausführungen handeln, die erst bei einem längeren Aufenthalt durch Nachschärfungen einen typischen Micoquien-Habitus entwickelten.12 Deshalb spricht sich Jürgen Richter bei kleinen Fundinventaren entsprechender Zeitstellung für die Bezeichnung → Moustérien mit Micoquien-Option aus.

Zu diesem Thema ist die folgende PDF lesenswert: Marie Soressi, Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte, 13/2004, Die Steintechnologie des Spätmoustérien

Micoquien / Keilmessergruppen

Das Micoquien scheint eine recht junge Formengruppe zu sein, es wird auf etwa 85.000-45.000 Jahre BC datiert13, teilweise aber auch schon in das → Brörup-Interstadial.14 Es gibt aber durchaus häufig ältere Datierungen; diese beginnen in der Regel im Eem-Interglazial. Leitformen sind schlanke Faustkeile, häufig mit einem verdickten Ende, Halbkeile, Fäustel und Faustkeilblätter.

Die in unterschiedlichen Formen auftretenden Keilmesser werden in zusätzliche Typen klassifiziert. Es handelt sich jedoch immer um beidseitig geschärfte Schneiden mit einem verdickten Rücken.15 H. Müller-Beck schlug für diesen Technokomplex „Späte Faustkeilindustrie mit beidflächigen Schaberformen“ vor. 16 In neueren Publikationen wird meist an Stelle von Micoquien der Begriff der Keilmessergruppen verwendet.

Vereinfacht handelt es sich bei den Leitformen um beidseitig bearbeitete Kerngeräte, Klingen kommen kaum vor, Rheindahlen B1 bildet eine deutliche Ausnahme. Ging man früher davon aus, das Micoquien sei hauptsächlich auf die Mittelgebirge beschränkt gewesen, so weiß man heute, dass auch die der Eifel nördlich vorgelagerten Lösszonen besiedelt worden waren.17

Faustkeilnachbildung, Rheindahlen B1

↑ Faustkeil, Nachbildung, Rheindahlen B1

Moustérien de tradition acheuléenne (MTA)

Das Moustérien de tradition acheuléenne, kurz MTA, wird in die  Zeit nach dem ersten Kältemaximum der  Weichseleiszeit datiert. Das entspricht etwa 60.000-40.000 Jahre BC und fällt damit ausschließlich in die Zeit der späten Neandertaler. Das Zentrum des MTA liegt in Südwesteuropa. Langgestreckte Abschläge mit durch Perlretusche gestumpfter Längskante sind neben dreieckig bis ovalen Faustkeilen mit umlaufend scharfer Kante typisch.18 Ein solcher Faustkeil aus Quarzit wurde in Rheindahlen, Fundschicht A3 gefunden.19 Halbkeile, Fäustel, Kratzer, Schaber und rückengestumpfte Messer sind häufig.20

Faustkeil, MtA, Dordogne

↑ Faustkeil, MTA, Dordogne

Somit fallen in die Zeit des klassischen Neandertalers das MTA und Micoquien/Keilmessergruppen. Ein reines Moustérien existierte zur Zeit des späten Neandertalers nur noch auf der Iberischen Halbinsel und im Nahen Osten. In diesem Zusammenhang sei auf eine Arbeit von Olaf Jöris hingewiesen, die als PDF hier zu lesen ist.

Artikel: Werkzeuge des Neandertalers und des Modernen Menschen

  1. G. Bosinski, Paläolithikum und Mesolithikum im Rheinland, in Urgeschichte im Rheinland, Köln, 2006, S. 113
  2. vgl Martin Heinen, Paläolithische Fundplätze und Funde im ehemaligen Kreis Erkelenz, in Archäologie im Kreis Heinsberg II, Geilenkirchen, 1995, S. 23
  3. vgl H. Müller-Beck in Joachim Hahn (Hrsg.), Eiszeithöhlen im Lonetal, 2.Aufl, Stuttgart, 1985, S. 85f
  4. Jür­gen Rich­ter in Son­der­druck aus „QUARTÄR”, Band51/54, Köln, 2006, Be­mer­kun­gen zu ei­nem Kon­gress in Haifa, Was hat das Mi­co­quien mit dem Jab­ru­dien zu tun?
  5. Jürgen Thissen/Alfred Pawlik, Ältester Klebstoff Mitteleuropas, in AiD, 2010, Heft 3, S. 4
  6. M. Bolus/R. W. Schmitz, Der Neandertaler, Ostfildern, 2006, S. 95f
  7. Martin Heinen, 1995, S. 24
  8. Olaf Jöris, Jungacheuléen-Funde im Kreis Heinsberg, in Heimatkalender des Kreises Heinsberg, Geilenkirchen, 1988, S. 13ff
  9. G. Bosinski, Der Neandertaler und seine Zeit, Köln, 1985, S. 62
  10. Jürgen Thissen, Die paläolithischen Freilandstationen von Rheindahlen im Löss zwischen Maas und Niederrhein, Mainz, 2006, S. 70; G. Bosinski, Urgeschichte an Rhein, Tübingen, 2008, S. 157ff
  11. Lutz Fiedler, G. Rosendahl, W. Rosendahl, Altsteinzeit von A bis Z, WBG, 2011, Darmstadt, S. 254f
  12. vgl dazu Olaf Jöris, PDF, 2002, S. 19ff zu nachgeschärften Keilmessern
  13. Olaf Jöris, 2002, S. 16
  14. Bosinski: Odderade-Interstadial, G. Bosinski, 2008, S. 170; PDF: Jürgen Richter
  15. G. Bosinski, 2008, S. 170
  16. H. Müller-Beck, 1985, S. 87
  17. Martin Heinen, 1995, S. 27
  18. G. Bosinski, 2008, S. 196
  19. G. Bosinski, 2008, S. 198f; ablehnend: Jürgen Thissen, 2006, S 55 f
  20. G. Bosinski, 1985, S. 62