Totenkult im Mittelpaläolithikum

Gräber

Die Neandertaler → bestatteten ihre Toten, das bedeutet ein intentionelles Niederlegen und Bedecken der Verstorbenen. Das ist eine sehr bedeutsame Tatsache. Bestattungen gelten als Hinweis auf eine Jenseitsvorstellung. Bisher wurden etwa 300 Gräber gefunden (→ Karte), ausschließlich in Höhlen und → Abris, da dort die Erhaltungsbedingungen besonders gut sind. Gräber im Freiland werden wohl fast überall vergangen sein. Sorgfältige → Kinderbestattungen aus Dederiyeh zeugen davon, dass  keine Unterschiede zwischen Sippenmitgliedern gemacht wurden; Frauen, Männer und Kinder wurden mit gleicher Sorgfalt bestattet.1  Daraus lässt sich ableiten, dass in der Gruppe keine geschlechtsspezifischen Unterschiede gemacht wurden. Der Nachwuchs hatte die gleiche Bedeutung wie die fruchtbare Frau oder der jagende Mann. Häufig wurde eine flache Grube ausgetieft, der Tote in verschiedenen Stellungen ohne feste Regel bestattet, es wurden aber auch natürliche Vertiefungen genutzt.2

Siehe auch Jörg Orschiedt, Die Bestattungen der Neandertaler, Onlineartikel

Grabbeigaben

Verschiedentlich  wurden Tierknochen in den Gräbern gefunden und als Speisebeigaben interpretiert. An anderer Stelle befanden sich Gruben mit Tierknochen neben den Gräbern. Hier wird ebenfalls von Speisebeigaben ausgegangen, da Speiseabfälle nur verstreut wurden und Abfallgruben für diese Zeit nicht nachgewiesen sind. Andere Gräber sollen Farbpigmente oder Farbsteine enthalten haben. Teilweise sollen auch Geweihe oder Hörner der Hauptjagdbeute als Symbol beigegeben worden sein. Grabbeigaben würden auf eine Jenseitsvorstellung hinweisen,3 allerdings sind die Grabbeigaben für das Mittelpaläolithikum keineswegs gesichert, erst im Jungpaläolithikum sind Grabbeigaben eindeutig nachweisbar.4 Da die meisten Befunde aus alten Grabungen stammen, die nicht nach heutigem Standard gegraben wurden, ist eine objektive Beurteilung meist kaum möglich.5 Oft handelt es sich offenbar um Deutungen der Ausgräber. Auch das „Blumengrab von Shanidar“ bildet keine Ausnahme. 1960 entdeckt, ergab die Untersuchung des umgebenden Sedimentes die Pollen von 7 Blumenarten. Da eine Einschleppung durch Tiere oder Windtransport ausgeschlossen wurde, soll es sich angeblich um Grabbeigaben in Form von Blumen oder Blüten handeln.6 Dies wird in neueren Publikationen wieder angezweifelt, zahlreiche Knochenfunde der persischen Rennmaus deuten auf Einschleppung hin, da gerade die Blumen nachgewiesen wurden, die  bevorzugt zum Nestbau verwendet werden.7

Friedhöfe

An länger oder mehrfach bewohnten Plätzen sind sogenannte → Friedhöfe entdeckt worden. Allerdings liegen die einzelnen Bestattungen zeitlich weit auseinander. Insofern ist es fraglich, ob die Gräber absichtlich oder zufällig nahe beieinander  angelegt wurden.8  Besonders rätselhaft ist eine Kleinkindbestattung. Neun gleich große, symmetrisch angelegte Grabhügel bilden eine Gesamtstruktur. Nur einer diente der Bestattung, die anderen sind leer, Lutz Fiedler und Christian Humburg sehen darin eine → Symbolsprache. Die neun Hügel könnten für die neunmonatige Schwangerschaft stehen.9

Teilbestattungen

Oft werden Teilbestattungen vermutet, wenn menschliche Schädel in einem Befund fehlen. Die Verschleppung durch Tiere darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden. Einzelne Schädel werden dementsprechend als Schädelbestattungen gedeutet. Diese Schädel sind häufig manipuliert, das Hinterhauptloch ist oft vergrößert worden. Hier wird die Entnahme des Hirns durch den Menschen vermutet. Zumindest die Untersuchungen des Schädels vom Monte Circeo belegen ausschließlich Raubtieraktivitäten.10 Einen eindeutigen Hinweis auf eine Teilbestattung bzw nachträgliche Schädelentnahme liefert das 1984 untersuchte Grab in der Kebara Höhle, Israel. Es ist gesichert, dass der etwa 6000 Jahre alte Neandertaler zunächst komplett bestattet wurde. Nachdem die Weichteile vergangen waren, wurde der Schädel wieder ausgegraben und entfernt. Eine Störung durch Tiere konnte ausgeschlossen werden. Zusammen mit dem Befund von Marillac, der mehrere Schädelfragmente und isolierte Zähne erbrachte, dürfte das auf Schädelbestattungen in Form von Sekundärbestattungen hinweisen.11

Entfleischungen

Zahlreiche Neandertalerknochen weisen Schnittspuren auf. So auch die Schädeldecke des namengebenden Individuums. 12 Außerdem sind die Langknochen anscheinend häufig zerschlagen worden. Die Schnittspuren unterscheiden sich meist deutlich von Schlachtspuren an Tierknochen. Es wird sich dabei vermutlich um eine Entfleischung der Knochen, insbesondere der Schädel gehandelt haben.13 Vermutlich galt der Schädel, wie in vielen anderen Kulturen auch, als Sinnbild des Menschen. Die Entfleischung  bereits bestatteter Körper hat in der Völkerkunde zahlreiche Parallelen.  Häufig ist dort eine anschließende Sekundärbestattung. Ausführlicher hierzu Wenzel ab Seite 57. Offenbar zerschlagene Langknochen haben manchmal eine überraschende Erklärung.

Ein schönes Beispiel sind die zerbrochenen und teilweise Brandspuren tragenden Knochen aus einer → Höhle bei Krapina in Kroatien. Die Ausgräber führten Kannibalismus als Ursache an. Allerdings ist neben natürlichen Ursachen vor allem wahrscheinlich die Grabungsmethode für diese Spuren verantwortlich, da die Grabung mit Dynamit durchgeführt wurde. Eine Nachuntersuchung der Knochen durch Jörg Orschiedt führt die Brüche auf Sedimentdruck zurück, Schnittspuren werden im rituellen Kontext angesiedelt, Kannibalismus ausgeschlossen.14

Ein weiteres Beispiel für eine verfälschte Darstellung der Tatsachen: Der von Carles Lalueza-Fox beschriebene → „Massenmord„- der gute Mann vergisst zu erwähnen, dass die Knochen zusammen mit Steinen durch den → Einsturz des Höhlenbodens 20 Meter tief abgestürzt sind. Diese Tatsache kann  Erklärung für die zerbrochenen Langknochen sein.

Kannibalismus

Obwohl die meisten Manipulationen an menschlichen Knochen eine andere Ursache haben können, ist auch Kannibalismus möglich. Der eindeutigste Hinweis stammt aus Frankreich. Die Fundstelle Moula-Guercy, eine vor etwa 100.000 Jahren besiedelte Höhle, lieferte neben Steinartefakten auch Knochenfunde. Neben Rothirschknochen fanden sich die Knochen von mindestens 6 Menschen: 2 Kinder, 2 Jugendliche und 2 Erwachsene. Die Menschenknochen zeigen die gleichen Schlachtspuren wie die Tierknochen. Sie wurden intentionell zerschlagen und weisen Schnittspuren auf. Mit großer Sicherheit kann angenommen werden, dass zunächst das Fleisch entfernt wurde, anschließend Schädel und Langknochen aufgeschlagen wurden. Hirn und Knochenmark wurden entnommen. Der anschließende Verzehr ist hier anzunehmen. Auch die Verteilung von Menschen- und Tierknochen an der Fundstelle ist identisch.15 Aus all diesen Umständen ist hier eindeutig von Kannibalismus auszugehen. Über die Motive kann allenfalls spekuliert werden. Hunger, Ritual oder Konflikt? Wir wissen es nicht. Festzuhalten ist, dass es sich hierbei um den bisher einzigen klaren Hinweis handelt. Ob es sich hier um eine einmalige Begebenheit handelt oder ob eine Regelmäßigkeit anzunehmen ist, kann hier nicht beurteilt werden.

  1. M. Bolus/R. W. Schmitz, Der Neandertaler, Ostfildern, 2006, S. 133
  2. R. W. Schmitz/J. Thissen, Neandertal – Die Geschichte geht weiter, Bonn, 2000, S. 171
  3. Bosinski, Der Neandertaler und seine Zeit, Köln, 1985, S. 44ff
  4. M. Bolus/R. W. Schmitz, Der Neandertaler, Ostfildern, 2006, S. 135
  5. R. W. Schmitz/J. Thissen, 2000, S. 171f
  6. R. W. Schmitz/J. Thissen, 2000, S. 174
  7. M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S.135
  8. M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 133
  9. R. W. Schmitz/J. Thissen, 2000, S. 172ff
  10. M. Bolus/R. W. Schmitz, S. 135
  11. R. W. Schmitz/J. Thissen, 2000, S. 181
  12. R. W. Schmitz, R. W. Schmitz/J. Thissen, 2000, S. 183f
  13. R. W. Schmitz/J. Thissen, 2000, S. 181
  14. Jörg Orschiedt, Der Fall Krapina – neue Ergebnisse zur Frage von Kannibalismus beim Neandertaler, in Quartär 55/2008, S.63-81, PDF
  15. M. Bolus/R. W. Schmitz,  S. 137f