Stangenwaffen | Steinzeit & Co

Stangenwaffen

Lanze von Lehringen

Lanze von Lehringen, Creative Commons ver­än­dert nach Uni­ver­si­tät Hei­del­berg, Nach­lass Ernst Wahle

Begriffserklärung

Speere und Lanzen gehören zu den Stangenwaffen.1 Ein Speer kann als Wurf- und Stichwaffe verwendet werden, Lanzen und Spieße hingegen sind reine Stichwaffen. Obwohl der Begriff Lanze von den römischen, leichten Wurfspießen, lancea, hergeleitet ist, fehlen ihnen die entsprechenden Flugeigenschaften. Nach heutiger Terminologie ist die Lanze die Stichwaffe des Reiters, der Spieß die Stichwaffe des Kämpfers zu Fuß und der Speer eine Wurfwaffe.2

Schöninger Speere

Speer VII

Speer VII, verändert nach © P. Pfarr NLD / Wikimedia Connons / CC BY-SA 3.0 DE

Bei den Schöninger Speeren handelt es sich eindeutig um Wurfgeschosse,3 da der Schwerpunkt unterhalb der Mitte liegt.4  Experimentelle Nachbauten besitzen die gleichen Flugeigenschaften wie heutige, in der Leichtathletik genutzte Speere.5 Sechs Speere sind aus Fichtenholz gefertigt, Speer IV hingegen aus Kiefernholz. Die Speere sind zwischen 1,80 und 2,50 Meter lang und wurden sehr sorgfältig bearbeitet; Astansätze wurden geglättet, auf einer Länge von etwa 60 cm wurden die Stämmchen angespitzt, dabei wurde die Spitze selbst neben dem zentralen Markstrahl außermittig angelegt.6 Dadurch besteht die Spitze aus kernigem Holz, der Markstrahl besitzt eine deutlich geringere Festigkeit und wurde deshalb absichtlich nicht als Spitze verwendet.

Jagdbeutereste in Form von Tierknochen mit Schnittspuren stammen von mindestens 15 Pferden. Das Pferd macht etwa 90% der erbeuteten Tiere aus, der Rest entfällt auf Rothirsch und Wisent.7

Lanze von Lehringen

Lanzenspitze

Lanzenspitze

Die Lanze von Lehringen ist aus Eibenholz gefertigt und hat ihren Schwerpunkt oberhalb der Mitte und ist nicht als Wurfgeschoss konzipiert; es handelt sich um eine reine Stichwaffe. Die Länge beträgt 2,40 Meter, ihr Durchmesser überschreitet nur im letzten Drittel den eines Besenstiels, sie ist also ein recht zierliches Gerät.8 Gefunden wurde sie zwischen den Rippen eines Waldelefanten im Uferbereich eines Sees bei Verden an der Aller.

Dieser Fund wird vielerorts als Beleg für die aktive Jagd angeführt.9 Das vermittelt allerdings einen falschen Eindruck. Höchstwahrscheinlich war das Tier krank/verletzt oder im sumpfigen Seeuferbereich eingesunken und geschwächt. Möglicherweise wurde ihm dann mit der Lanze der Todesstoß versetzt, eventuell war der Waldelefant auch bereits verendet.  Hierzu T. Uthmeier ab Seite 21 (PDF). Diese Vorgehensweise ist sicher nicht als der „eindrucksvollste Befund zur Jagd der Neandertaler“10 zu bezeichnen. Die Vorstellung, der Neandertaler hätte sich mit diesem Zahnstocher an einen gesunden, wehrhaften Waldelefanten herangewagt, ist ähnlich realitätsfern11 wie die Mammutjagd in Roland Emmerichs Film 10.000 BC.12

bilder steinzeit

„Jagdszene“

Wie zahlreiche Jagdbeutereste verschiedenster Fundplätze belegen, wurden meist nicht adulte  Tiere gejagt. 13 Die erwachsenen  Großsäuger waren zu wehrhaft, außerdem wäre die Fleischmenge viel größer als der Bedarf gewesen.14 Es wurden vornehmlich junge Großsäuger gejagt.15

Steinbewehrungen

Bisher fehlt der direkte Nachweis für mittelpaläolithische  Speere/Lanzen mit Steinspitzen, da noch kein geschäftetes Exemplar gefunden wurde. Aus der Fundschicht Rheindahlen B3 liegen Spitzen mit stielartig verjüngtem Ende vor, die zumindest für eine Schäftung geeignet waren.16 Von den 40 Spitzen des Inventars sind 27 gebrochen, die Spitzenpartien sind häufig zersplittert. Das deutet ebenfalls auf eine Schäftung hin.17 Ähnliche Spitzen von La Cotte de Saint Brelade, Kanalinsel Jersey, werden auch als Lanzenspitzen diskutiert.18

Im Jungpaläolithikum wurde der Speer nicht geworfen, sondern mittels eines hölzernen Wurfarmes geschleudert. Die Speerschleuder hatte eine größere Reichweite und Durchschlagskraft als einfache Wurfspeere. Aus dem Jungpaläolithikum sind Belege für steinerne Bewehrungen überliefert.

Anmerkung zur Feuerhärtung

Hartnäckig hält sich die Meinung, es habe in der Steinzeit feuergehärtete Holzwaffen gegeben. Auch namhafte Archäologen, beispielsweise G. Bosinski19 und R. W. Schmitz/J. Thissen 20, behaupten unreflektiert, die Spitze der Lanze von Lehringen sei im Feuer gehärtet worden.

Untersuchungen der Schöninger Speere konnten zweifelsfrei klären, dass keine Brandspuren vorhanden sind.21 Ob eine Holzhärtung durch Feuer überhaupt möglich ist, ist bisher nur von Marvin Fehrenbacher im Rahmen von „Jugend forscht“ 2007 untersucht worden.22 Fehrenbacher stößt dabei an die Grenzen seiner Untersuchungsmöglichkeiten. Dementsprechend bleibt die Frage, ob eine Feuerhärtung bei Holz überhaupt möglich ist, weitgehend ungeklärt.

Somit wäre eindeutig zu klären, ob die Feuerhärtung möglich ist und ob tatsächlich Brandspuren vorhanden sind, die auf einen solchen Vorgang hinweisen. Des Weiteren müssten vergleichende Untersuchungen der Holzhärte im Bereich der vermeintlich gehärteten Spitze und an anderer Stelle der Stangenwaffe erfolgen.

Selbst wenn der Nachweis erbracht würde, dass die Spitzenpartie eine größere Härte als der Rest aufweist, wäre noch lange nicht bewiesen, dass diese Technik intentionell angewendet wurde.  So wäre auch eine Holztrocknung über dem Feuer möglich oder ein Ankohlen, um die Bearbeitung zu erleichtern.

  1. Philipp Roskoschinski, Keule, Speer und Schwert aus Holz – Hölzerne Waffen oder Hölzer in Waffengestalt?, AAB Grabungsberichte, S.2, PDF
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Lanze
  3. M. Bolus/R. W. Schmitz, Der Neandertaler, Ostfildern, 2006, S.97
  4. D. Mania in Der Brockhaus Multimedial, wissenmedia GmbH, 2010, Stand Oktober 2011, Suchbegriff: Frühe Menschheitsentwicklung
  5. Wikipedia/Schöninger Speere
  6. Hartmut Thieme, Die ältesten Speere der Menschheit, in Archäologie in Niedersachsen 1, 1998, 47-49, PDF
  7.  Boudewijn Voormolen, Ancient hunters, modern butchers -Schöningen 13II – 4, a kill – butchery site dating from the northwest European Lower Palaeolithic, Dissertation, Leiden 2008, PDF, ab S. 29
  8. Wikipedia/Lanze von Lehringen
  9. z.B. Stefan Wenzel, Leben im Wald-die Archäologie der letzten Warmzeit vor 125000 Jahren, Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte, 11/2002, S. 50
  10. Zitat Stefan Wenzel, s. 50
  11. Listige Jäger
  12. Lehm statt Mut
  13. R. W. Schmitz/J. Thissen, Neandertal – Die Geschichte geht weiter, Berlin, 2000, S. 155; Stefan Wenzel, 2002, S. 51
  14. Kadaveresser statt Jäger
  15. Baby-Mammut…
  16. R. W. Schmitz/J. Thissen, Neandertal- Die Geschichte geht weiter, Berlin, 2000, S. 156
  17. J. Thissen, Die paläolithischen Freilandstationen von Rheindahlen im Löss zwischen Maas und Niederrhein, Rheinische Ausgrabungen, Band 59, Mainz, 2006, S.96
  18. R. W. Schmitz/J. Thissen, 2000, S. 156
  19. G. Bosinski, Der Neandertaler und seine Zeit, Köln, 1985, S. 32f
  20. R. W. Schmitz/J. Thissen, Neandertal – Die Geschichte geht weiter, Berlin, 2000, S. 154
  21. Jürgen Weiner, Kenntnis-Werkzeug-Rohmaterial. Ein Vademekum zur Technologie der steinzeitlichen Holzbearbeitung. Archäologische Informationen 26/2, 2003, 407-426
  22. M. Fehrenbacher, Steinzeitliche Speere im Feuer gehärtet? PDF