Siedlungsweise im Mittelpaläolithikum

steinzeit

↑ Feuerszene mit Rudi Walter, http://www.urgeschichte.net, Bildautor C. Ebert

 

Weder Neandertaler noch Homo sapiens waren „Höhlenmenschen“. Höhlen dienten als Bestattungsplätze und waren Orte kultischer Handlungen zumindest im Jungpaläoliothikum, Höhlenmalereien. Durch alle Zeiten hinweg besitzen Höhlen eine gewisse Anziehungskraft. So wurden sie auch in der Steinzeit häufig aufgesucht. Allerdings handelt es sich nur um kurzfristige Belegungen, meist wurde nur der Eingangsbereich oder der Vorplatz der Höhlen genutzt, um das Lager aufzuschlagen.1 Überwiegend wurde im Freiland gesiedelt. Die Freilandstation → Molodova I am Dnjestr in der Ukraine gehört zu den wenigen Stellen mit gut erhaltenen Behausungsresten. Dort wurde eine ringförmige Struktur aus Mammutknochen und Stoßzähnen gefunden. Der Durchmesser beträgt etwa 10 Meter und wird als jurtenartiges Kuppelzelt gedeutet. Im Innenraum lassen sich mehrere Feuerstellen nachweisen.2

Die Siedlungsweise im Mittelpaläolithikum war stark geprägt durch die Verfügbarkeit der Nahrungsquellen. Wo und wie lange gesiedelt wurde, war primär abhängig vom Wild. Versiegten die Nahrungsquellen in einem Gebiet, beispielsweise wenn die Herden weiter zogen, musste die Gruppe weiter ziehen. Dadurch waren lokale und klimatische Verhältnisse eher von sekundärer Bedeutung. Das Klima änderte sich in diesem langen Zeitraum der Menschheitsgeschichte sehr stark. Die tendenzielle Abkühlung wurde durch wärmere Episoden unterbrochen und gipfelte in der letzten Kaltzeit. Mit dem Klima wandelte sich die Flora und dadurch bedingt die Fauna. Da der Mensch in hohem Maße von der Tierwelt abhängig war, musste er sich diesem Wandel anpassen. Änderten sich die Gewohnheiten und Lebensräume der Tierwelt, übernahm der Mensch auch den neuen Lebensraum. Diese Anpassung vollzog sich nicht sprunghaft, sondern langsam und kontinuierlich. Siedlungsräume wurden nicht bewusst aufgegeben oder erschlossen, sie ergaben sich durch die begrenzenden Faktoren Klima, Vegetation und insbesondere Fauna. Jürgen Thissen benutzt dafür den Begriff „wanderndes Biotop“, eine kurze und prägnante Beschreibung dieser Lebensweise.

Bedingte Sesshaftigkeit

In den warm-gemäßigten Klimaabschnitten herrschten in weiten Teilen Europas lichte Laubmischwälder vor. Eiche, Ulme und Linde prägten das Bild. Buchsbaum und Weinrebe weisen auf mediterrane Verhältnisse hin. Dies wird auch durch die Fauna belegt, es lebten sogar wärmeliebende Tiere wie z.B. das Flusspferd in Mitteleuropa. Die Wälder waren der Lebensraum von Waldelefant, Nashorn und Hirsch.3 Diese Tiere waren im Wesentlichen standorttreu. Dementsprechend kann es zu einer kurzzeitigen Sesshaftigkeit der Menschen gekommen sein, da oft nur kurze Jagdausflüge nötig waren, um die Gruppe eine gewisse Zeit lang zu versorgen.4 Solche Basislager sind aber bis jetzt nicht entdeckt worden, alle bisher bekannten Fundplätze deuten auf kleine Gruppen hin, die sich nur eine begrenzte Zeit an einem Ort aufhielten.5 Ein untersuchter → Zahn ergab für den betreffenden Neandertaler einen Aktionsradius von 20 Kilometern. Allerdings ist dieses Ergebnis mit Vorsicht zu genießen, fest steht letztlich nur, dass der Geburts- und Auffindungsort 20 km entfernt liegen. Auf Standorttreue und damit echte Sesshaftigkeit kann daraus nicht geschlossen werden.

Mobilität

Zu Beginn der Kaltzeiten herrschte ein feucht-kühles Klima vor. Nadelwälder, besonders Kiefern, prägten die Landschaft. Die Winter waren schneereich und sehr kalt6, die Sommer relativ kühl. Das heutige skandinavische Klima ist ähnlich.7  In den Wäldern lebte noch Standwild wie Hirsch und Elch. Möglicherweise zogen auch Ren, Pferd, Wisent und Mammut bei den jahreszeitlichen Wanderungen durch die Nadelwälder. Vermutlich zog auch das Standwild in den extrem kalten Wintern in die geschützteren Lagen der Mittelgebirge.  Wahrscheinlich mussten die Menschen wie die Tiere wandern, um zu überleben.8

In den Kaltphasen der Eiszeiten gab es in Mittel- und Osteuropa keine Wälder mehr. Offene Grassteppen bedeckten die Landschaft. Bäume wuchsen allenfalls in den Flusstälern. Es herrschte ein kontinental-trockenes Klima.9 Die Winter waren schneearm und sehr kalt. Lang anhaltende Staubstürme traten besonders im warmen Sommer auf, es war die Zeit der Lössbildung.10 Die Lösssteppen waren sehr wildreich; Ren, Pferd, Wisent, Mammut und Nashorn durchstreiften die prärieartigen Steppen auf ihren Wanderungen.11 Diese Wanderbewegungen verlangten den Menschen eine hohe Mobilität ab.  Die Jagdausflüge wurden zu länger dauernden Unternehmungen. Es handelte sich zumindest um kurzfristige Jagdaufenthalte. Ob das System Jagdlager – Basislager des Jungpaläolithikums schon bestand, ist noch offen. Sicher ist nur, dass die Jagdplätze nicht gleichzeitig Wohnplätze der Gruppe waren.12 Allerdings folgte der Mensch den Tierherden nicht auf Schritt und Tritt. Vielmehr jagte der Mensch größtenteils die in seinem Gebiet lebenden oder dieses durchstreifenden Tiere. Dies belegen die an den Wohnplätzen gefundenen Knochen verschiedener Tierarten, beispielsweise die von Ariendorf.13 Dennoch folgte man tendenziell den Wanderbewegungen der Herden, die letztlich alle in die gleiche Richtung zogen.14

Hohe Mobilität kann auch an Hand der verwendeten Rohmaterialien für die Steinwerkzeuge nachgewiesen werden. Teilweise betragen die Distanzen zwischen Vorkommen und Fundplatz 100 km und mehr.15  Ein Rückzug aus den Lösssteppen bei Einsetzen des Winters in die geschützteren Mittelgebirgszonen ist sehr wahrscheinlich. Ein wichtiger, wenig beachteter Aspekt ist die Holzarmut zu dieser Zeit. Holz war ein wichtiger Rohstoff: Brennmaterial, Baumaterial und Werkzeugrohstoff. Zwar gab es Bäume in den Flusstälern, das ist durch Pollenanalysen belegt, doch  erreichten sie in den Kaltphasen oft kaum Strauchgröße. Kälte und sehr kurze Wachstumszeiten führten zu diesem Zwergwuchs. Somit stand kaum geeignetes Holz beispielsweise für Speere zur Verfügung. Bei der Grabung von Stellmoor wurden Birkenblätter gefunden, die so klein waren, dass vier von ihnen einen Pfennig bedeckten.16 Das Brennstoffdefizit konnte durch das Verbrennen von Gräsern und Knochen der Jagdbeute ausgeglichen werden, wie zahlreiche Funde von Knochenkohle beweisen.17 Knochen wurden zielgerichtet zerkleinert und als Brennstoff eingesetzt, der natürliche Fettgehalt in Verbindung mit der Knochenstruktur führte zu einer langen Brenndauer.18 Baumaterialien und Werkzeugrohstoffe mussten jedoch weiterhin über große Entfernungen beschafft und transportiert werden.

Die extrem unwirtlichen Zeiten der Glaziale führten wohl zu einer Entvölkerung Mitteleuropas und damit auch des Rheinlandes.19 Der schmale eisfreie Korridor zwischen nordischer und alpiner Vereisung wird wohl weder Mensch noch Tier gelockt haben. Primär sind wohl nicht nur die extremen Temperaturen, sondern indirekt auch die Flora und Fauna begrenzende Faktoren.

  1. R. W. Schmitz/J. Thissen, Neandertal – Die Geschichte geht weiter, Berlin, 2000, S.131 und 132f
  2. Schmitz/Thissen, 2000, S. 135; G. Bosinski spricht von 8 Metern Aussendurchmesser, Der Neandertaler und seine Zeit, Bonn 1985, S. 38
  3. M. Bolus/R. W. Schmitz, Der Neandertaler, Ostfildern, 2006, S. 87
  4. G. Bosinski, Der Neandertaler und seine Zeit, Köln, 1985, S. 26
  5. G. Bosinski, Paläolithikum und Mesolithikum im Rheinland, in Urgeschichte im Rheinland, Köln, 2006, S. 118
  6. G. Bosinski, 2006, S. 109
  7. M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 87
  8. G. Bosinski, 1985, S. 26f
  9. M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 87; G. Bosinski, 2006, S. 109
  10. G. Bosinski, 2006, S. 109
  11. G. Bosinski, 1985, S. 27
  12. G. Bosinski, 1985, S. 27
  13. Axel von Berg, Ariendorf, in Urgeschichte im Rheinland, Köln, 2006, S. 294f
  14. G. Bosinski, 1985, S. 26f
  15. G. Bosinski, 2006, S. 113/118
  16. Alfred Rust, Vor 20.000 Jahren, Neumünster, 1962, S. 72. Anm: Die ergrabenen Schichten sind viel jünger, entsprechen jedoch den klimatischen Verhältnissen
  17. M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 112
  18. Susanne Birker, Was Knochenkohle im Gustav-Lübke-Museum in Hamm über das Leben der Neandertaler verrät, in Neandertaler und Co, Mainz, 2006, S. 286f
  19. Olaf Jöris, 2002, S. 16; G. Bosinski, 2006, S. 109