Ernährung im Mittelpaläolithikum

steinzeit

↑ Jagd­szene mit Rudi Wal­ter, http://www.urgeschichte.net, Bild­au­tor Soja Scherle

Die Er­näh­rung des Ne­an­der­ta­lers rich­tete sich vor­ran­gig nach den je­wei­li­gen Ge­ge­ben­hei­ten, diese sind vor al­lem das  Klima und lo­kale Fak­to­ren, von de­nen die Fauna ab­hän­gig war. In Zei­ten gu­ter Ver­sor­gungs­lage bil­de­ten sich so­gar Vor­lie­ben in Be­zug auf die Jagd­beute aus. Zu­min­dest in Kalt­zei­ten war Fleisch die be­vor­zugte Le­bens­grund­lage.1

Nicht nur für den Ne­an­der­ta­ler, auch schon für seine Vor­fah­ren gilt: Ohne den enor­men Fleisch­kon­sum wäre das enorme Hirn­wachs­tum und da­mit die Ent­wick­lung des Men­schen so nicht mög­lich ge­we­sen. Das im Ver­hält­nis zur Kör­per­masse über­pro­por­tio­nal große Hirn ist stoff­wech­sel­phy­sio­lo­gisch ge­se­hen ein “teu­res Ge­webe”. → Ex­pen­sive tis­sue hy­po­the­sis. Nur durch die hoch kon­zen­trier­ten und en­er­ge­tisch hö­her­wer­ti­gen tie­ri­schen Fette und Pro­te­ine konnte ein so gro­ßes Hirn ge­bil­det und ver­sorgt wer­den, das ei­nen gro­ßen Teil des täg­li­chen Ka­lo­ri­en­be­darfs für seine Ver­sor­gung be­an­spruchte.2 Wahr­schein­lich hat auch der Feu­er­ge­brauch da­bei eine große Rolle ge­spielt, da erst durch das → Ga­ren das Ver­dau­ungs­sys­tem ent­las­tet und das Fleisch so­mit be­kömm­li­cher wurde.

Jagd

Über weite Stre­cken lebte der Ne­an­der­ta­ler fast aus­schließ­lich von Fleisch.3 Das heißt, der Ne­an­der­ta­ler jagte Tiere, wo­bei über 90% sei­ner Beute aus Groß­säu­gern be­stand.4 Die Un­ter­su­chung ei­nes In­di­vi­du­ums der Kalt­zei­ten er­gab das Er­näh­rungs­pro­fil ei­nes Kar­ni­voren.5 Die Mei­nung von Le­wis Bin­ford und ei­ni­ger an­de­rer, der Ne­an­der­ta­ler habe sich haupt­säch­lich von Aas er­nährt, gilt als über­holt; die Speere und Lan­zen sind ein­deu­tige Jagd­waf­fen.6 Ohne eine ak­tive Jagd wäre der enorme Fleisch­be­darf nicht zu de­cken ge­we­sen. Des wei­te­ren sind die über­aus häu­fi­gen Kno­chen­frak­tu­ren ein deut­li­cher Hin­weis auf eine ak­tive Jagd.7

Ver­schie­dene Jagd­wei­sen sind mög­lich. Auf­grund der Fä­hig­keit zu Schwit­zen ist der Mensch in der Lage, das Wild durch → Hetz­jagd zu er­le­gen; die Beu­te­tiere kön­nen ihre Kör­per­tem­pe­ra­tur nicht über die Haut re­gu­lie­ren, über­hit­zen da­durch und kol­la­bie­ren schließ­lich. Auch die Treib­jagd in sump­fi­ges Ge­lände oder über Klip­pen ist wahr­schein­lich. Die im­mer wie­der pro­pa­gier­ten Fall­gru­ben sind we­der nach­ge­wie­sen, noch wahr­schein­lich. Die Lau­er­jagd ist eben­falls ein mög­li­ches Sze­na­rio. Auch wenn di­rekte Nach­weise für das Mit­tel­pa­läo­li­thi­kum feh­len, kann da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass je nach Si­tua­tion ver­schie­dene Tech­ni­ken an­ge­wen­det wurden.

Spe­zia­li­sie­rung

Die meis­ten Wohn­plätze lie­fern ei­nen bun­ten Quer­schnitt durch die Fauna, ge­jagt wur­den alle vor­bei­zie­hen­den Tiere, ohne be­son­dere Vor­lie­ben.8 Den­noch gab es in be­stimm­ten Ge­bie­ten auch deut­li­che → Jagd­spe­zia­li­sie­run­gen: Dam­hirsch — Na­her Os­ten, Berg­ziege — Mit­tel­asia­ti­sche Ge­birge, Wi­sent– Kau­ka­sus­vor­land und Wolga, Wil­d­esel und Sai­ga­an­ti­lope — Krim, Pferd — Mit­tel­eu­ropa, Höh­len­bär — Al­pen und Kau­ka­sus.9 Uth­meier be­grün­det die Jagd auf jun­ges Groß­wild gut nach­voll­zieh­bar, be­son­ders das → Ar­ti­kel: Mam­mut wurde meist als → Jung­tier er­legt. In­so­fern muss das Bild des un­er­schro­cke­nen Groß­wild­jä­gers re­vi­diert wer­den. Es ist bis­her un­ge­klärt, ob es sich bei die­sen Spe­zia­li­sie­run­gen um Vor­lie­ben han­delte — Ge­schmack — oder ob an­dere Jagd­beute schlech­ter zu er­beu­ten war. Nach G. Bos­in­ski war mög­li­cher­weise die Spe­zia­li­sie­rung auf eine Tier­art auch kul­tisch be­dingt.10 Un­ter­su­chun­gen des Sen­cken­berg In­sti­tuts kom­men zu der Schluss­fol­ge­rung, der Ne­an­der­ta­ler sei “öko-geografisch” aus­ge­rich­tet ge­we­sen. Alle re­gio­nal nutz­ba­ren Nah­rungs­quel­len wur­den aus­ge­schöpft,11 das macht ei­nen Beu­te­tier­kult unwahrscheinlich.

Fisch­fang

An der spa­ni­schen Küste wa­ren → Fisch und Mu­scheln ne­ben Mee­res­säu­gern, wie Rob­ben und Del­fine, ein wich­ti­ger Nah­rungs­be­stand­teil. An­schei­nend gilt das aber nur für Küs­ten­be­woh­ner, Iso­to­pen­un­ter­su­chun­gen er­ga­ben keine Nach­weise von Fluss­fi­schen im Nah­rungs­spek­trum mit­tel­eu­ro­päi­scher Ne­an­der­ta­ler, ein­zig Kno­chen­pro­ben aus der bel­gi­schen Höhle Sclayn be­le­gen Mam­mut­fleisch und Süss­was­ser­fisch als Nah­rungs­grund­lage.12 In­so­fern scheint die Jagd auf Mee­res­säu­ger und der Fisch­fang eine lo­kale Er­schei­nung zu sein, die den ört­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten ge­schul­det ist.

Pflanz­li­che Kost

Pflanz­li­che Kost wurde als Nah­rungs­er­gän­zung ge­nutzt. Früchte und Bee­ren, Pilze und Wur­zeln wa­ren au­ßer­halb der Kalt­zei­ten ein will­kom­me­ner Vit­amin­lie­fe­rant.13 Auch der halb­ver­daute Ma­gen­in­halt von pflan­zen­fres­sen­den Tie­ren, ins­be­son­dere von Ren, wird als mög­li­che Nah­rungs­quelle an­ge­se­hen. Nüsse stan­den zu­min­dest in den warm– ge­mä­ßig­ten Kli­ma­ab­schnit­ten eben­falls auf dem Spei­se­zet­tel, in Ra­butz be­le­gen dies → Ha­sel­nuss­scha­len. Ver­kohlte Früchte, dar­un­ter auch Pflau­men, von der Fund­stelle Neumark-Nord 2 las­sen ein Sam­meln von Obst ver­mu­ten.14 An­hand von Ab­nut­zungs­spu­ren der Zähne kommt das Sen­cken­berg In­sti­tut zu dem Schluss, dass pflanz­li­che Kost ge­nutzt wurde, wenn sie zur Ver­fü­gung stand.

  1. M. Bolus/R. W. Schmitz, Der Ne­an­der­ta­ler, Ost­fil­den, 2006, S. 103
  2. Olaf Jö­ris, Die aus der Kälte ka­men… von der Kul­tur der spä­ten Ne­an­der­ta­ler in Mit­tel­eu­ropa, Mit­tei­lun­gen der Ge­sell­schaft für Ur­ge­schichte, Blau­beu­ren, Band 11, 2002, S. 10f
  3. Kindler/Gaudzinski-Windheuser/Roebroeks/Brühl/De Loecker/Jagich/Laurat, Ne­an­der­ta­ler an den Ufern des Gei­seltal­sees, in AiD, 2010, Heft 2, S. 6
  4. M. Bolus/R. W. Schmitz, Der Ne­an­der­ta­ler, Ostfilden,2006, S.103
  5. Olaf Jö­ris, 2002, S. 12
  6. M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 100
  7. Vi­deo
  8. G. Bos­in­ski, Der Ne­an­der­ta­ler und seine Zeit, Köln, 1985, S. 30; M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 103
  9. G. Bos­in­ski, 1985, S. 31
  10. G. Bos­in­ski, 1985, S. 31
  11. archaeologie-online
  12. M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 104
  13. Mar­tin Heinen/Willy Schol, Die ur­ge­schicht­li­che Be­sied­lung des Mön­chen­glad­ba­cher Rau­mes, in Loca De­si­de­rata, Band 1, 1994, S. 118; al­ler­dings in ge­rin­gem Um­fang, M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 104
  14. Kindler/Gaudzinski-Windheuser/Roebroeks/Brühl/De Loecker/Jagich/Laurat, in AiD, 2010, Heft 2, S. 10
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