Das falsche Bild der Urgeschichte | Steinzeit & Co

Das falsche Bild der Urgeschichte

Neandertaler im Wandel der Forschungsgeschichte

Abb 1: Neandertalerdarstellungen im Wandel der Zeit

Neandertaler waren keine dummen, keuleschwingenden Höhlenmenschen. Diese Fehleinschätzung stammt aus dem Beginn der Forschungsgeschichte und ist längst durch neue Erkenntnisse überholt. Leider hält sich dieses Zerrbild hartnäckig und wird durch schlecht recherchierte Literatur und Spielwarenhersteller wie Playmobil ®, der „Höhlenmenschen“ fertigt,1 weiter verbreitet.

Höhlenmenschen

Die in wei­ten Tei­len der Be­völ­ke­rung ver­brei­tete An­nahme, der Ne­an­der­ta­ler habe Höh­len be­wohnt, um sich vor der Kälte zu schüt­zen, die in der Be­zeich­nung “Höh­len­mensch” gip­felt, ist schlicht­weg falsch. Höh­len dien­ten nur gelegentlich als kurz­fris­ti­ger Auf­ent­halts­ort.2

We­der Ne­an­der­ta­ler noch Homo sa­pi­ens wa­ren “Höh­len­men­schen”. Die Menschen der Altsteinzeit lebten wildbeuterisch und waren nicht sesshaft. Sie mussten sich dort aufhalten, wo ihre Beu­te­tiere zu fin­den wa­ren. Die jah­res­zeit­li­chen Tem­pe­ra­tur– und Nie­der­schlags­wech­sel führ­ten zu Wan­der­be­we­gun­gen der gro­ßen Tier­her­den. Der Mensch folgte den Herden und so wur­den die Mit­tel­ge­birge im Som­mer, das Flach­land im Win­ter auf­ge­sucht.3 In der Mittelsteinzeit bestand die Nahrungsgrundlage aus der Jagd auf Standwild, dem Fischfang und dem Sammeln pflanzlicher Nahrung; waren die lokalen Ressourcen erschöpft, musste die Gruppe das Gebiet wechseln. Die hochmobile Lebensweise in der Altsteinzeit und die ebenfalls nomadische Lebensweise der Mittelsteinzeit schließen eine dauerhafte Besiedlung von Höhlen per se aus. In der Jungsteinzeit war der Mensch sesshaft und lebte in festen Häusern.

Bis in die heutige Zeit besitzen Höh­len eine ge­wisse An­zie­hungs­kraft; auch in der Stein­zeit wurden sie häu­fig auf­ge­sucht. Al­ler­dings han­delt es sich nur um kurz­fris­tige Be­le­gun­gen, meist wurde nur der Ein­gangs­be­reich oder der Vor­platz der Höh­len ge­nutzt, um das La­ger auf­zu­schla­gen.4 Die Höh­len lie­fern nur kleine Werk­zeu­gin­ven­tare, wä­ren sie dau­er­haft be­sie­delt ge­we­sen, müss­ten die In­ven­tare um ein Viel­fa­ches grö­ßer sein. Höh­len dien­ten gelegentlich als Be­stat­tungs­plätze und wurden im Jung­pa­läo­lit­hi­kum im Zusammenhang mit Höh­len­ma­le­reien genutzt. Gerade die Skelettfunde in Höhlen führte in den Anfängen der Urgeschichtsforschung zu der irrigen und unreflektierten Annahme, es handele sich um Höhlenmenschen.5

Die Darstellung des Neandertalers

Zeichnung von Kupka 1909

Abb 2: Zeichnung von Kupka 1909

Das Bild des gebückten, stumpfen Neandertalers mit Keule geht auf eine Zeichnung aus dem Jahr 1909 zurück. Marcellin Boule untersuchte das 1908 entdeckte Skelett des „Alten von La Chapelle“, die Überreste eines überdurchschnittlich alten, zahnlosen Neandertalers mit Arthritis der Halswirbelsäule und schadhaftem Knie.6 Boule beauftragte den Maler František Kupka mit der zeichnerischen Darstellung, die u.a. am 27. Februar 1909 in der London Illustrated News veröffentlicht wurde.

Die krankhaften anatomischen Merkmale und der Zeitgeist zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten Boule zu der Annahme, es handele sich um einen mordlüsternden Raubaffen, eine primitive, nicht vollständig aufrecht gehende, ausgestorbene Menschenform, die nicht in den Stammbaum des modernen Menschen gehörte,7 „… ist der Neandertaler eher ganz aus der Vorfahrenreihe des heutigen Menschen auszuschließen.“8

Zahlreiche weitere Darstellungen vor und nach Kupka erreichten nie den gleichen Bekanntheitsgrad. Teilweise entsprachen sie schon weitgehend der heutigen, wissenschaftlichen Sicht des Neandertalers. Ein Video von Quarks & Co zeigt einige dieser Darstellungen: Video

neandertaler Darstellung

Abb 3: Landesmuseum Bonn, Quelle decordoba.blog.de

Die moderne Wissenschaft geht davon aus, dass der Neandertaler trotz einiger anatomischer Abweichungen dem heutigen Menschen sehr ähnlich ist. In normaler Kleidung würde er kaum auffallen. Die folgenden Bilder sind Fotomontagen, Grundlage ist die, im Landesmuseum Bonn ausgestellte, Neandertalerbüste.

Während in der Vergangenheit die „tierischen“ Züge des Neandertalers hevorgehoben wurden, werden heutzutage die „menschlichen“ Merkmale betont. Möglicherweise ist die moderne Darstellung des Neandertalers zu stark an heutigen Menschen angelehnt. Dennoch treten in der normalen Bandbreite der Phänotypen des Homo sapiens Individuen auf, die auch älteren Neandertalerdarstellungen durchaus ähneln.

Boxen

Abb 7: Boxen

Die „typische“ Neandertalerkeule

Es gibt keinerlei archäologische Belege für Keulen in Verbindung mit dem Neandertaler.9

Abbildungsnachweise

Abb1: Links verändert nach UNiesert / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0, rechts nach František Kupka, in London Illustrated News vom 27. Februar 1909, Mitte Kinderzeichnung Philipp Siewerth, 5 Jahre; Abb 2: verändert nach František Kupka, in London Illustrated News vom 27. Februar 1909; Abb 3: Büste aus dem Lan­des­mu­seum Bonn, Quelle decordoba.blog.de; Abb 4: rechts Angus Young, ACDC, links Fotomontage mit Neandertalerbüste LM Bonn, verändert nach Weatherman90 at en.wikipedia; Abb 5: Fotomontage mit Theo Waigel, verändert nach Alexander Hauk / www.bayernnachrichten.de; Abb 6: Fotomontage auf Körper von John Wayne in Rio Bravo, verändert nach Petrusbarbygere, public domain; Abb 7: Fotomontage rechts Ruslan Tschagajew mit Kopf des Neandertalers, verändert nach UNiesert / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0, gegen Nikolai Walujew, Bildquelle illtronic, public domain

  1. Homepage Playmobil®, Magazin 16 mit Playmobil-Figur Höhlenmensch
  2. Thors­ten Uth­meier, Am Ufer lau­ert der Tod — Jagd­plätze des Ne­an­der­ta­lers in der Nie­der­rhei­ni­schen Bucht: Er­geb­nisse ei­ner ar­chäo­lo­gi­schen Pro­spek­tion der Ab­bau­kan­ten im rhei­ni­schen Braun­koh­le­re­vier, in Roots — Wur­zeln der Mensch­heit, 2006, Bonn, S. 273
  3. Thors­ten Uth­meier, 2006, Abb. 2
  4. R. W. Schmitz/J. This­sen, Ne­an­der­tal — Die Ge­schichte geht wei­ter, Ber­lin, 2000, S.131 und 132f
  5. vergl. Script zur WDR-Sendereihe Quarks & Co, Auf der Spur der Neandertaler, PDF, S. 2
  6. Wikipedia/Marcellin Boule
  7. Bärbel Auffermann/Gerd-Christian Weniger, Neandertaler – Kulturträger oder Wilder Mann? Ein kurzer Rückblick auf 150 Jahre Rezeptionsgeschichte, in Gabriele Uelsberg (Hrsg.), Roots//Wurzeln der Menschheit, Mainz, 2006, PDF, S. 185
  8. Konstanze Weltersbach, Homo neanderthalensis und Urmensch: Rekonstruktionen und Lebensbilder, in Physische Anthropologie – Biologie des Menschen, Beiträge zur 14. Jahrestagung der DGGTB, S. 57, PDF
  9. Johanna Bayer, Harald Raabe, Kristin Raabe, Anke Rau, Jo Siegler, Georg Wieghaus, Auf der Spur der Neandertaler, in Script zur WDR-Sendereihe Quarks & Co, PDF, S.16