Mittelpaläolithikum

Chris Guenther und Rudi Walter, Bildautor Sonja Herle

↑ Chris Guenther und Rudi Walter, verändert nach  Sonja Herle

 

Das Mit­tel­pa­läo­li­thi­kum schließt nahtlos an das Altpaläolithikum an, es beginnt in Europa etwa 300.000 Jahre BC mit dem Auftreten von Knochenfunden mit deutlichen Neandertalermerkmalen.

Neandertaler in Europa | Klimaschwankungen in Europa | Anpassung an Umwelt und Klima

Neandertaler in Europa

Die Neandertaler gingen aus Homo heidelbergensis hervor, dessen fortschrittliche Formen bereits erste Neandertalermerkmale zeigten.1 Die Neandertalermerkmale akkumulierten sich weiter, bis die Stufe des Präneandertalers etwa um 300.000 Jahre vor unserer Zeit erreicht wurde.2 Damit begann eine neue Epoche der Steinzeit, das Mittelpaläolithikum. Prä­ne­an­der­ta­ler, früher und klas­si­scher Nean­der­ta­ler werden zusam­men­ge­fasst, da die Werk­zeug­in­dus­trien und –tech­ni­ken zum über­wie­gen­den Teil reine Durch­läu­fer sind.3 Der klas­si­sche Nean­der­ta­ler lebte etwa zwi­schen 115.000 und 35.000 Jah­ren vor unse­rer Zeit.4

Klimaschwankungen in Europa

Das Mittelpaläolithikum wurde durch das Klima der Eiszeiten geprägt. Warme bis mediterrane Klimata wechselten mit siedlungsfeindlichen Phasen, wobei letztere deutlich länger dauerten. Zur Zeit des größten Kältemaximums in der Saaleeiszeit, ca 200.000 – 150.000 Jahre BC, erreichten die skandinavischen Gletscher zeitweise Neuss und Düsseldorf, was zu einer Blockade des Rheinlaufs führte.5Karte: Eisrandlagen. Auch die Zeit des klassischen Neandertalers ist durch  eine Kaltzeit, die Weich­se­leis­zeit stark geprägt. → Grafik:  Tem­pe­ra­tur­wech­sel. Gleichzeitig mit dem Nordeis breiteten sich die alpinen Gletscher aus. Somit waren in den Glazialen weite Teile Deutschlands mit Eismassen bedeckt. Es verblieb zwar ein eisfreier Korridor, dieser war jedoch kalt und lebensfeindlich und damit unbewohnbar. Die Warmzeiten dauerten jeweils nur 11.000 – 15.000 Jahre, die Kaltzeiten oft über 100000 Jahre. Somit ist das Mittelpaläolithikum größtenteils von der Kälte geprägt.

Die erste Hälfte des späten Mittelpaläolithikums, ca 127.000 – 75.000 Jahre BC, zeichnet sich durch ein recht stabiles Klima aus. Es ist der Beginn des Jungpleistozän. → Artikel: Jungpleistozän. In den warmen Interstadialen kehrte die Vegetation allmählich zurück, das ist durch Bodenbildungen belegt. Die vorherrschende Lösssteppe war eine Kraut- und Grasvegetation – der Lebensraum von Mammut, Wollnashorn, Pferd und Rentier. In diesen Zeitabschnitten herrschten recht gute Jagd- und damit Lebensbedingungen. Zur Zeit der Lösssteppen herrschte ein kaltes, trockenes Klima, Bäume und Sträucher gediehen nur in Wassernähe. In den feuchtgemäßigten Abschnitten der Warmzeiten bildeten sich über Birken- und Kiefernwälder, schließlich auch Eichenmischwälder, bis mediterrane Verhältnisse eintraten. Die Waldflächen wurden durch große Graslandflächen aufgelockert. Das Grasland war der Lebensraum von Pferd, Elefant, Nashorn, teilweise auch Flusspferd. Durch Pflanzenverbiss wurde das Entstehen dichter Wälder verhindert. Mit dem Klimawechsel änderte sich auch die Flora und Fauna.

Anpassung an Umwelt und Klima

Die Menschen im Mittelpaläolithikum waren auf Grund wechselnder Klimata  immer wieder gezwungen, sich unterschiedlichen Lebensbedingungen anzupassen. Dies konnte nur durch körperliche Anpassung und intelligentes, zielgerichtetes Verhalten geschehen. Der Körperbau des Homo neanderthalensis war kompakt, der Stoffwechsel auf Kälte eingestellt. Zusätzlich schützte man sich mit Fellen vor der Kälte, das ist indirekt durch die Pelztierjagd belegt.

Die in weiten Teilen der Bevölkerung verbreitete Annahme, der Neandertaler habe Höhlen bewohnt, um sich vor der Kälte zu schützen, die in der Bezeichnung „Höhlenmensch“ gipfelt, ist schlichtweg falsch. Höhlen dienten allenfalls als kurzfristiger Aufenthaltsort.6 Die Höhlen und Abris liefern nur kleine Werkzeuginventare, wären sie dauerhaft besiedelt gewesen, müssten die Inventare um ein Vielfaches größer sein. Zahlreiche Freilandstationen belegen den Aufenthalt der Neandertaler im freien Gelände, nicht in Höhlen. Die Neandertaler hielten sich dort auf, wo ihre Beutetiere zu finden waren. Die jahreszeitlichen Temperatur- und Niederschlagswechsel führten zu Wanderbewegungen der großen Tierherden. So wurden die Mittelgebirge im Sommer, das Flachland im Winter aufgesucht.7 Behausungsreste sind bisher nicht gesichert überliefert, allerdings lassen sich mobile Zelte oder zumindest einfache Schutzdächer vermuten.8, zusammen mit dem Feuergebrauch konnte so auch größerer Kälte widerstanden werden. → Artikel: Geschichte des Feu­ers.

Ein weiterer Beleg für die hohe Entwicklungsstufe des Neandertalers ist die Beherrschung der hochkomplexen Technik zur  Herstellung und Verwendung von → Birkenpech. Es handelt sich um einen „Steinzeitkleber“, mit dem Steinwerkzeuge geschäftet, d.h. in Holzhandhaben eingeklebt wurden. Bisher wurden noch keine Speere mit Steinspitzen gefunden, die Geräteform Spitze lässt aber die Existenz solcher Waffen vermuten. Die Fundstelle Königsaue A lieferte ein Stück Birkenpech mit Abdrücken eines flächenretuschierten Steinwerkzeugs sowie der Holzmaserung und einen Fingerabdruck, ein eindeutiger Beweis für geschäftete Kompositwerkzeuge.9 Der älteste Beleg für eine Schäftung kann nur indirekt geführt werden. Ein Abschlag der Fundstelle Neumark-Nord, etwa 200.000 Jahre BC, trug Reste von Eichenrindensubstrat. Anhand der Verteilung und der deutlich sichtbaren Verfärbung kann darauf geschlossen werden, dass sich dieses Substrat bei der Arbeit zwischen Griff und Abschlag ansammelte. Damit ist dies nicht nur der bisher älteste Beleg eines Kompositwerkzeuges,10 sondern gleichzeitig ein Beleg für den hohen Entwicklungsstand und die praktische Intelligenz des Neandertalers.

Die Mär vom stumpfen und dummen, Keule schwingenden Höhlenmenschen ist schlichtweg falsch.

Die ersten Distanzwaffen waren Lanzen und Speere. Die zwischen 270.000 und 400.000 Jahren BC datierten Schöninger Speere11 sind als Wurfspeere konzipiert worden.12 Die Lanze von Lehringen hingegen ist eine Stichwaffe. →  Artikel: Stangenwaffen.

Der Mensch hat bei der Jagd einen evolutionären Vorteil gegenüber der Beute: Er kann schwitzen. Die Beutetiere nicht, sie können ihre Körpertemperatur nur durch Hecheln regeln. Dadurch sind sie bei Hetzjagden gezwungen, immer wieder inne zu halten, weil der Körper überhitzt. Durch beständiges Aufscheuchen des Wildes steigt dessen Körpertemperatur immer weiter an, schließlich kollabiert es und ist eine leicht erlegbare Beute. Eine weitere mögliche Jagdmethode waren Treibjagden, bei denen die Beute über Klippen oder in morastige Uferbereiche gejagt wurde. Fallgruben sind archäologisch nicht belegt, werden jedoch immer wieder in der Literatur unreflektiert für möglich gehalten.

Weitere Artikel zum Mittelpaläolithikum

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  1. M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 56
  2. M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 57
  3. G. Bos­in­ski, Der Nean­der­ta­ler und seine Zeit, 1985, Köln, S. 53
  4. Olaf Jöris, Die aus der Kälte kamen…von der Kultur später Neandertaler in Mitteleuropa, Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte Blaubeuren, Band 11, 2002, S. 52, PDF
  5. Klaus Heine, in Heine, Beiträge zum Quartär der nördlichen Rheinlande, Der Vorstoß des nordeuropäischen Inlandeises am Niederrhein (Raum Kleve – Kalkar – Goch), S. 39ff,  PDF
  6. Thorsten Uthmeier, Am Ufer lauert der Tod – Jagdplätze des Neandertalers in der Niederrheinischen Bucht: Ergebnisse einer archäologischen Prospektion der Abbaukanten im rheinischen Braunkohlerevier, in Roots – Wurzeln der Menschheit, 2006, Bonn, S. 273
  7. Thorsten Uthmeier, 2006, Abb. 2
  8. G. Bosinski, 2006, S.117
  9. M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 96
  10. M. Bolus/R. W. Schmitz, S. 96
  11. H. Thieme, Onlineartikel, Schöninger Speere; Jöris/Baales, Zur Altersstellung der Schöninger Speere, in Veröffentlichungen des Landesamtes für Archäologie, Band 57, Festschrift für Dietrich Mania, 2003, S. 281ff, PDF
  12. Stefan Wenzel, Leben im Wald – die Archäologie der letzten Warmzeit vor 125000 Jahren, in Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte, 11/2002, S. 35-63, 50ff, PDF