Mittelpaläolithische Kunst

Inwieweit der Neandertaler ein Kunstempfinden hatte, hängt u.a. von der Begrifflichkeit ab. Fast alle anerkannten Kunstnachweise entfallen auf den Modernen Menschen. Auf den Neandertaler bezogen wäre es wohl angebrachter, von einem ästhetische Empfinden zu sprechen. Die überaus sorgfältige Bearbeitung der Faustkeile wird von verschiedenen Autoren als Indiz für ein ästhetisches Formempfinden gedeutet. Das leuchtet ein, denn die immer wieder zu beobachtende Symmetrie der Faustkeile ist nicht allein deren Funktion geschuldet. Die reine Werkzeugfunktion kann durch eine deutlich simplere Bearbeitung erreicht werden. Anscheinend fertigten die Steinschläger diese Werkzeuge mit  besonderer Hingabe. Ob die sorgfältige Bearbeitung Kunst oder Kult war, soll hier nicht beurteilt werden. Festzuhalten ist jedoch, dass der Faustkeil eine besondere Stellung unter den Werkzeugen einnimmt.

Für ein ästhetisches Empfinden werden oft die Moustérienartefakte von Fontmaure angeführt, die nicht nur aus dem farblich auffälligen Rohstoff Jaspis bestehen, sondern darüberhinaus eine perfekte Symmetrie aufweisen. Aber auch die Kuriositätensammlungen von Fossilien und Mineralien deuten in diese Richtung.1 Der Tagebau Espenhain bei Markkleeberg, Sachsen, liefert Befunde, die auf ein gezieltes Aufsammeln fossiler Seeigel hinweist. Die Fundschicht könnte ein Alter von 390.000-130.000 Jahren haben und fiele dann evtl sogar in die Zeit vor dem klassischen Homo neanderthalensis.2 Zwei weitere Belege für Aufsammlungen stammen aus Nordfrankreich, ein fossiler Seeigel und ein Stück  Galenit aus Mery sur Yonne und aus der Grotte de l´Hyène zwei Fossilien und ein Stück Schwefelkies.3

In diesem Zusammenhang soll auch die mögliche Körperbemalung erwähnt werden. → Schminke für die Neandertaler. An mehreren Wohnplätzen wurden rote, gelbe und schwarze Pigmente gefunden. Schwarze Manganoxidbrocken wurden teilweise zu regelrechten Farb- oder Schminkstiften geformt. Die Fundstelle Pech de l´Azé lieferte etwa 250 Farbbrocken.4 Ob diese Naturfarben auch der Körperbemalung dienten kann nur vermutet werden. Gesichert ist lediglich, dass Farbe im Leben des Homo neanderthalensis eine große Bedeutung hatte.

Ansätze zu einem ästhetischen Empfinden mögen vorhanden gewesen sein, diese sind jedoch nicht mit der hochentwickelten Kunst des Jungpaläolithikums vergleichbar. Hier sind deutliche Unterschiede zwischen beiden Menschenformen zu erkennen. Dass es durch Kontakte zu einer Nachahmung kam, ist durch neue Erkenntnisse anscheinend belegbar.5

  1. M. Bolus/R. W. Schmitz, 2006, S. 139
  2. Joachim Schäfer, Urmenschen am Fluss, in Archäologie in Deutschland, 2007, Heft 1, S. 21 ff
  3. R. W. Schmitz/J. Thissen, 2000, S. 167
  4. M. Bolus/R. W. Schmitz, S. 138
  5. Jean-Jacques Hublin, Sahra Talamo, Michèle Julien, Francine David, Nelly Connet, Pierre Bodu, Bernard Vandermeersch and Michael P. Richards, New Radiocarbon Dates from the Grotte du Renne and Saint Césaire support a Neanderthal Origin for the Châtelperronian, PDF