Mikrolithen des Mesolithikums

Gründe für die Mikrolithik | Ursprung der Mikrolithik

Mikrolithen (altgriechisch mikrós = klein und lithos = Stein) sind steinzeitliche Kleinwerkzeuge aus Feuerstein oder anderen gut spaltbaren Steinmaterialien.1 Die Blütezeit der Mikrolithen ist das Mesolithikum, dort fanden sie vor allem als Pfeilspitzen, Pfeilbewehrung oder als Widerhaken an Harpunen Verwendung, einige Formen können hintereinander gesetzt als Messerschneide gedient haben.2 Es handelt sich hauptsächlich um Einsätze für Jagdgeräte.3 Dabei wurden die Mikrolithen in oder auf Schäfte aus Holz, Knochen oder Geweih geklebt, Mikrolithen sind Bestandteile von Kompositgeräten. Gelegentlich finden sich erhaltene Reste organischer Werkzeugträger mit ein- oder aufgesetzten Mikrolithen, beispielsweise in Skandinavien.4 → Harpunen mit Mikrolithen.

Gründe für die Mikrolithik

Häufig wird die Vermutung geäußert, die im Mesolithikum stattfindende Wiederbewaldung und die zunehmende Vegetationsdichte, habe die Rohmaterialverfügbarkeit so eingeschränkt, dass die Mesolithiker gezwungen waren, Kleingeräte zu verwenden. Diese These ist wenig durchdacht und lässt sich nicht halten.

Im Verlauf der europäischen Steinzeit wechselten Kalt- und Warmzeiten wiederholt einander ab. Das führte immer wieder zu Perioden mit üppiger Vegetation oder dicken Schneedecken. Bei der Beurteilung der Auffindbarkeit des Rohmaterials spielt die Art der Vegetation keine Rolle; es ist unerheblich, ob der Boden mit Gräsern oder Büschen und Bäumen bewachsen ist. So oder so findet sich in der Natur keine unbedeckte Erde, von extremen Klimazonen wie Wüsten einmal abgesehen. Somit ist davon auszugehen, dass die Rohmaterialien immer gleich gut oder schlecht zu finden waren, unabhängig von der Bewaldung.

Im älteren Paläolithikum wurden vornehmlich große Geräte gefertigt. Auch im Neolithikum, bei teilweise ähnlicher Vegetation, wurden schon vor Einsetzen des Feuersteinbergbaus relativ große Steinwerkzeuge gefertigt. Daraus lässt sich ableiten, dass geeignetes Rohmaterial wohl immer in ausreichender Menge und Größe zur Verfügung stand. Die mikrolithische Technik ist daher sicher kein Zeichen knapper Ressourcen, sie ist vielmehr eine Weiterentwicklung der steinzeitlichen Werkzeugtechnik und eine Anpassung an die Lebensweise.

Setzt man die Länge der Arbeitskanten in Bezug zur benötigten Rohmaterialgröße und zum Gewicht, so schneiden Kerngeräte sehr schlecht ab. Bearbeitete Abschläge und Klingen sind schon bedeutend effizienter. Die Ausstattung von Abschlägen und Klingen mit Handhaben erhöht weiter ihren Arbeitswert, Schäftungen sind schon im Mittelpaläolithikum nachweisbar. Die Bestückung eines Werkzeugträgers mit leicht erneuerbaren Einsätzen ist die höchste Entwicklungsstufe steinzeitlicher Kompositwerkzeuge. Gerade der geringe Rohmaterialbedarf erschließt zum einen die Nutzbarkeit kleiner Rohstücke, andererseits wird das Gewicht mitgeführter Rohmaterialvorräte enorm reduziert, da es höchst effizient genutzt werden konnte. Es handelt sich bei der Mikrolithik offensichtlich um eine hoch entwickelte Anpassung an die mobile Lebensweise.

Weil auch kleine Rohmaterialeinheiten genutzt werden konnten, standen auch die sog. Maaseier vom linken Niederrhein für die Werkzeugherstellung zur Verfügung. Diese Maaseier entstammen der jüngeren Hauptterrasse des Rheins und sind überall verfügbar, wo die Lössschicht erodiert ist. Dadurch steigt die Rohmaterialverfügbarkeit enorm an, nahezu überall stand geeignetes Rohmaterial zur Verfügung. Auch die Reparatur beschädigter Waffen und anderer Werkzeuge wurde durch die Verwendung von Einsätzen verbessert. Bei Bedarf musste nur die Klebestelle erhitzt werden, schon konnte der beschädigte Einsatz durch einen neuen ersetzt werden.

Somit wurden mit minimalem Rohmaterialeinsatz und geringstem Gewicht hochflexible Werkzeuge geschaffen.

Ursprung der Mikrolithik

Der Ursprung der Mikrolithik wird unterschiedlich beurteilt. Arora sieht die jungdyraszeitlichen Stielspitzengruppen als Urheber der Mikrolithik.5 Mikrolithische Dreiecke treten aber schon im Magdalénien auf.6 Auch Gravettespitzen und Rückenmesser des Gravettiens werden als Speerbewehrung angesehen, es handelt sich dabei um das gleiche Prinzip. Fiedler zählt auch die Dufourlamellen des Aurignacien dazu.7 Der Ursprung der mikrolithischen Technik liegt schon in der Altsteinzeit, genauer im Jungpaläolithikum. Allem Anschein nach entwickelte der Moderne Mensch dieses Werkzeugprinzip schon sehr früh. Es handelt sich um eine Entwicklungstendenz zunehmend kleinerer Steingeräte.8

Schon im Oldowan, Altpaläolithikum, und im darauffolgenden Mittelpaläolithikum treten steinerne Kleingeräte auf. Sie werden teilweise als Mikrolithen angesprochen, beispielsweise in der Arbeit von Gisela Freund, Mikrolithen aus dem Mittelpaläolithikum der Sesselfesgrotte im unteren Altmühltal, Ldkr. Kehlheim, 1968, PDF. Meist stammen diese Bezeichnungen aus einer Zeit, in der sämtliche steinerne Kleinwerkzeuge als Mikrolith bezeichnet wurden.9 Aus heutiger Sicht handelt es sich bei Kleinwerkzeugen nur dann um Mikrolithen, wenn sie als Schneideneinsätze fungieren.10 Die alt- und mittelpaläolithischen Kleinwerkzeuge erfüllen dieses Kriterium nicht.

Auch im Neolithikum findet die mikrolithische Technik gelegentlich weitere Verwendung, beispielsweise als Erntemessereinsatz.

  1. Wikipedia/Mikrolith
  2. Martin Heinen, Mikrolithen,  in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 599
  3. S.-K. Arora, Mesolithische Fundplätze und Funde im ehemaligen Kreis Erkelenz, in Achäologie im Kreis Heinsberg II, 1995, Geilenkirchen, S. 242
  4. weitere Fundstellen: Lutz Fiedler/ G. und W. Rosendahl, Altsteinzeit von A bis Z, Pulikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 44, WBG, Darmstadt, 2011, S. 247
  5. Arora, 1995, S. 236
  6. Fiedler et al, 2011,  S. 103
  7. Fiedler et al, 2011, S. 247
  8. Martin Heinen, 2012, S. 599
  9. Arora, 1995, S. 229, Fußnote 2
  10. Fiedler et al, 2011, S. 247