Kerbtechnik

Kerbreste, Finder Robert Grüttner

Kerbreste, Ventralseite mit Bruchfacette, Finder Robert Grüttner

Die Kerbtechnik steht in Verbindung mit der Herstellung von Mikrolithen, früheste Belege stammen aus dem Magdalénien. Mit Hilfe der Kerbtechnik wurden die störenden Bulbuspartien der mikrolithischen Dreiecke entfernt.1 Insbesondere bei geometrischen Mikrolithen, den Dreiecken, Trapezen und Segmenten, wurden mit dieser Technik zu dicke Bulbuspartien und zu dünne, gebogene Klingenenden entfernt.

Zunächst wurde eine Kerbe angelegt, um den störenden Bulbusbereich zu entfernen. Die Kerbe konnte auf unterschiedliche Weise angelegt werden, beispielsweise in Drucktechnik mit einer Geweihsprosse. Eine andere Möglichkeit ist in der Grafik aufgezeigt.

Anlegen der ersten Kerbe,

Anlegen der ersten Kerbe, nach Wikimedia/José-Manuel Benito Álvarez

Anschließend wurde der Bulbusbereich durch Kerbschlag oder Kerbbruch abgetrennt. Dabei wurde eine schräg verlaufende Bruchfacette angestrebt. Dieser schräge Verlauf erleichterte die weitere Bearbeitung des Mikrolithen. Ein Bruch rechtwinklig zur Ventralfläche würde die Retusche erschweren, ein Bruchverlauf nach dorsal würde das Stück unbrauchbar machen. Die Bruchfacette, Pfeil, wird nach ihrer dreieckigen Form piquant trièdre genannt.2

Kerbrest mit Bruchfacette, piquant trièdre

Kerbrest mit Bruchfacette, nach Wikimedia/José-Manuel Benito Álvarez

Nachdem der Kerbrest abgetrennt war, wurde bei geometrischen Mikrolithen eine zweite Kerbe angelegt. Andere Formen, beispielsweise einfache Spitzen, benötigten keine zweite Kerbe. Einen interessanten Einblick auf die Reihenfolge der Arbeitsabläufe gibt ein unvollendetes Segment. Hier wurde zunächst die erste Bruchfacette fertig retuschiert, während die andere Seite noch nicht segmentiert ist und nur eine Kerbe aufweist. →  Vor­ar­beit Seg­ment

Anlegen der zweiten Kerbe

Anlegen der zweiten Kerbe, nach Wikimedia/José-Manuel Benito Álvarez

Danach wird das distale Ende auf gleiche Weise entfernt, der Rohling für den Mikrolithen ist nun fertig. Durch weitere formgebende Retusche kann so beispielsweise ein Dreieck, Trapez oder Segment gefertigt werden.

Rohling und fertige Mikrolithen

Rohling und fertige Mikrolithen,nach Wikimedia/José-Manuel Benito Álvarez

Anmerkung: Früher wurden Kerbreste als Mikrostichel bezeichnet, weil sie tatsächlich für kleine Stichel gehalten wurden. Inzwischen ist erkannt worden, dass es sich ausschließlich um nicht weiter genutzte Produktionsabfälle, also keine Werkzeuge, handelt. Die irreführende Bezeichnung wird leider im Dänischen immer noch geführt, mikrostikkel.

  1. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 205
  2. Matin Heinen, Mikrolithen,  in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 600