Verwendung einfacher Spitzen mit vollständiger Kantenretusche

Einfache Spitzen mit vollständiger Kantenretusche, Finder Robert Grüttner

Einfache Spitzen mit vollständiger Kantenretusche, Finder Robert Grüttner

Diese Mikrolithen besitzen nur eine retuschierte Kante, die Steilretusche bildet mit der Schneide eine Spitze, der Winkel liegt unter 45°.1 Einfache Spitzen mit vollständiger Kantenretusche werden in Süddeutschland auch kantenretuschierte Mikrospitzen genannt, international ist die Bezeichnung pointes à dos abattu total gebräuchlich.2

Die Verwendung von einfachen Spitzen als Pfeilspitze ist mehrfach belegt:

In Villingen-Schwenkingen wurde eine einfache Spitze gefunden, die in den Beckenknochen eines Auerochsen eingeschossen wurde.3

Schusskanal optisch hervorgehoben, nach Gerhard Lang, 1972, Abb. 1

Schusskanal optisch hervorgehoben, nach Gerhard Lang, 1972, Abb. 1

In Odsherred auf der dänischen Insel Seeland wurde ein auf 8600 Jahre BC datiertes Auerochsenskelett mit mehreren eingeschossenen Mikrolithen gefunden, Uroksen fra Vig.  Zwei einfache Spitzen, allerdings mit spitz-schräger Endretusche, fanden sich im Brustkorb des Tieres.

Auerochse von Vig, verändert nach Wikipedia - Malene Thyssen

Auerochse von Vig, rote Kreise=Einschüsse, verändert nach Wikipedia – Malene Thyssen

Ein zweites Auerochsenskelett stammt ebenfalls von der Insel  Seeland, der Uroksen fra Prejlerup wird auf etwa 7390 Jahre BC datiert. Dieser Auerochse wurde von mindestens 9 Pfeilen getroffen. Unter den Mikrolithen befinden sich neben Bruchstücken und Dreiecken auch einfache Spitzen mit vollständiger Kantenretusche, sie werden wohl als Pfeilspitzen geschäftet gewesen sein, die Dreiecke als seitliche Schneiden.

Auerochse von Prejlerup, Mikrolithen nach P.V. und E.B. Petersen, Foto K. Aaris-Sørensen

Auerochse von Prejlerup, Mikrolithen nach P.V. und E.B. Petersen, Foto K. Aaris-Sørensen

Ein weiterer Beleg einer Schäftung ist der Pfeil von Lilla Loshult. Hier ist eine einfache Spitze als Pfeilspitze eingeklebt, eine zweite einfache Spitze mit vollständiger Kantenretusche ist als zusätzliche Schneide seitlich eingeklebt. → Zeichnung

  1. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 206
  2. Martin Heinen, Mikrolithen, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 601
  3. Ger­hard Lang, Pol­len­ana­ly­ti­sche Unter­su­chun­gen zum Schwen­nin­ger Auer­och­sen­fund mit meso­li­hi­schem Steck­schuss, in Schrif­ten des Ver­eins für Geschichte und Natur­ge­schichte der Baar in Donau­eschin­gen, Heft 29, Vil­lin­gen, 1972, S. 202ff, Abb. 1, PDF