Mesolithikum

Mikrolithen

Mikro­li­then vom Gocher Berg, © Mar­tin Heinen

Das Meso­li­thi­kum (Mit­tel­stein­zeit) beginnt am Nie­der­rhein mit dem Nach­eis­zeit­al­ter, etwa 9.500 Jahre BC und geht gegen 5.300 Jahre BC in der Band­ke­ra­mik auf. In Nord­deutsch­land und Däne­mark begann das Meso­li­thi­kum spä­ter, die Ertebölle-Kultur endete dort erst gegen 4100 Jahre BC, als der Nie­der­rhein schon lange neo­li­thi­siert war. Die Tren­nung Paläolithikum-Mesolithikum ist will­kür­lich, sie besteht, da das Meso­li­thi­kum erst um 1900 als sol­ches erkannt wurde,1 bis dahin klaffte eine Lücke in der Stein­zeit. In Wirk­lich­keit ist ein naht­lo­ser Über­gang des Spät­pa­läo­li­thi­kums in das Meso­li­thi­kum zu beob­ach­ten,2 inso­fern ist die Drei­tei­lung der Stein­zeit sehr unglücklich.

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Autors: Mar­tin Hei­nen 2010: Neue Erkennt­nisse zum Meso­li­thi­kum in Nordrhein-Westfalen. In: Otten, Th., Hel­lenk­em­per, H., Kunow, J. & Rind, M.J. (Hrsg.) Fund­ge­schich­ten — Archäo­lo­gie in Nordrhein-Westfalen. Schrif­ten zur Boden­denk­mal­pflege in Nordrhein-Westfalen, Bd. 9, S. 55–58. Ver­brei­tung des Rhein-Maas-Schelde-Mesolithikums mit Kar­tie­rung und Chro­no­lo­gie bestimm­ter Mikrolithenformen.

Glie­de­rung

Klima

Die Meso­li­thi­ker

Bevöl­ke­rung

Sied­lungs­weise

Nah­rung

Kunst

Mas­ken

Stein­ar­te­fakte

Orga­ni­sche Artefakte

Roh­ma­te­ria­lien

 

Klima

Das Meso­li­thi­kum erstreckt es sich über Praebo­real und Boreal bis zum Frühat­lan­ti­kum. Die durch­schnitt­li­chen Juli-Temperaturen stie­gen von 15°C über 18°C auf 21°C. Damit ist es teil­weise deut­lich wär­mer als heute mit etwa 17°C gewe­sen. Im Praebo­real setzte die Wie­der­be­wal­dung ein. Birke und Kie­fer kehr­ten zurück, im Boreal folg­ten Hasel, Eiche, Ulme und Erle. Es han­delte sich aber noch um offene Land­schaf­ten, durch­setzt mit Heide und aus­ge­dehn­ten Gras­flä­chen. Im Frühat­lan­ti­kum feh­len die offe­nen Gebiete, es brei­tete sich dich­ter Wald aus, Lin­den domi­nier­ten. Mit der Wie­der­be­wal­dung änderte sich auch die Fauna. Zuerst ver­schwan­den die Ren– und Mam­mut­her­den, spä­ter auch größ­ten­teils Pferd, Elch und Auer­ochse. Stand­wild wie Rot­hirsch, Reh und Wild­schwein ver­brei­tete sich rasch.3 Dadurch kam es zu einem tief­grei­fen­den Wan­del der Lebens­weise,4 der sich jedoch lang­sam vollzog.

Die Meso­li­thi­ker

Die spät­pa­läo­li­thi­schen Jäger folg­ten den in käl­tere Gebiete nach Nord und Nord­ost zie­hen­den Her­den oder sie begrün­de­ten durch Umstel­lung die meso­li­thi­sche Lebens­weise. Das nie­der­rhei­ni­sche Meso­li­thi­kum hat seine Wur­zeln in der Ahrens­bur­ger Kul­tur.5

Mit dem Auf­kom­men des Neo­li­thi­kums zogen die meso­li­thi­schen Jäger in andere Gebiete ab oder wur­den Trä­ger der band­ke­ra­mi­schen Kul­tur.

Exkurs, ver­glei­che: Das Auf­kom­men der bäu­er­li­chen Lebens­weise, auch neo­li­thi­sche Revo­lu­tion genannt, wurde frü­her mit Ein­wan­de­rung aus der Levante erklärt. Die Paläo­ge­ne­tik belegt, dass es sich nicht um die Aus­brei­tung einer gro­ßen Volks­gruppe han­delt, es ist viel­mehr die Erfolgs­ge­schichte einer Idee, vgl. Diese Idee konnte sich viel schnel­ler Aus­brei­ten, als Men­schen es je gekonnt hät­ten. Auch die anfäng­li­che Fort­füh­rung meso­li­thi­scher Werk­zeug– und Bestat­tungs­tra­di­tio­nen in band­ke­ra­mi­schen Inven­ta­ren ver­deut­li­chen dies. Es han­delt sich nicht nur um Ein­wan­de­rung, son­dern auch um Akkul­tu­ra­tion. Die Idee der bäu­er­li­chen Lebens­weise wurde durch Pio­nier­sied­lun­gen ver­brei­tet, mehr dazu spä­ter. Die herr­schende Lehre nimmt die Aus­brei­tung über das Kapa­ten­be­cken und den Kau­ka­sus nach Mit­tel­eu­ropa an. Der Import von Schaf und Ziege aus dem Nahen Osten ist gesi­chert, Gen­ana­ly­sen bele­gen inzwi­schen die Abstam­mung aller euro­päi­schen Rin­der von Rin­dern aus dem Nahen Osten.6 Es gibt jedoch auch Hin­weise auf Getrei­de­an­bau im Meso­li­thi­kum, die zeit­lich vor der Ver­brei­tung der Band­ke­ra­mik lie­gen, Seite 7. Gele­gent­lich wei­sen Pol­len­dia­gramme von meso­li­thi­schen Fund­plät­zen ver­mehrt Grä­ser­pol­len auf, die auf einen Getrei­de­an­bau hin­wei­sen könn­ten. Des­halb wird ein spo­ra­di­scher, spät­me­so­li­thi­scher Getrei­de­an­bau in Erwä­gung gezo­gen. Bis­her ist jedoch nicht end­gül­tig geklärt, ob es sich um Grä­ser– oder Getrei­de­pol­len han­delt. Aller­dings lässt der Nach­weis von Lich­tun­gen die Annahme von gar­te­n­ähn­li­chen Anbau­flä­chen wahr­schein­lich erschei­nen. Die noch wenig erforschte La-Hoguette-Gruppe wird als mög­li­cher Urhe­ber eines meso­li­thi­schen Getrei­de­an­baus ver­mu­tet. 7 Für eine Ein­wan­de­rung von band­ke­ra­mi­schen Grup­pen spricht vor allem die Tat­sa­che, dass ein gan­zes “Paket” über­ge­ben wurde, ange­fan­gen beim Vieh, über Getreide bis hin zur Kera­mik und zum Haus­bau. Hätte keine Ein­wan­de­rung statt­ge­fun­den, wäre höchst­wahr­schein­lich nur ein Teil der band­ke­ra­mi­schen Kul­tur über­nom­men wor­den. Inso­fern ist eine Kom­bi­na­tion aus Über­nahme und Ein­wan­de­rung anzu­neh­men. Wei­tere gene­ti­sche Unter­su­chun­gen könn­ten das Ver­hält­nis zwi­schen Ein­wan­de­rung und Über­nahme wei­ter kon­kre­ti­sie­ren, wenn eine mög­lichst große Zahl von Indi­vi­duen aus ver­schie­de­nen Regio­nen ein­be­zo­gen wird.

Bevöl­ke­rung

Die meso­li­thi­sche Bevöl­ke­rungs­dichte der Nie­der­rhei­ni­schen Bucht, 3584 Qua­drat­ki­lo­me­ter, wird nach eth­no­gra­phi­schen Stu­dien mit 180 Per­so­nen ange­ge­ben, wobei sie unter den güns­ti­gen prä­bo­rea­len und borea­len Bedin­gun­gen auch höher gewe­sen sein kann, höchs­tens jedoch meh­rere hun­dert Men­schen.8

Sied­lungs­weise

Die Meso­li­thi­ker hat­ten sai­son­be­dingte Lager. Im Som­mer gab es im Berg­land kleine Lager, die von einer ein­zel­nen Fami­lie bewohnt wur­den. Die Behau­sungs­größe lag zwi­schen 4 und 15 Qua­drat­me­tern. Dies lässt sich aus Jagd­beu­te­res­ten und Sied­lungs­größe schlie­ßen. In die­sen Som­mer­la­gern sind Mikro­li­then häu­fig, Krat­zer hin­ge­gen sel­te­ner. Im Win­ter schlos­sen sich 3 bis 4 Fami­lien zusam­men und errich­te­ten meist im Flach­land große Win­ter­la­ger. Die Größe die­ser Lager vari­iert zwi­schen 50 und 200 Qua­drat­me­tern. Häu­fig lagen diese Lager direkt am Was­ser. Win­ter­la­ger lie­fern in etwa gleich viele Krat­zer und Mikro­li­then.9 Diese Lager­plätze wur­den nicht durch­ge­hend belegt, waren die Nah­rungs­grund­la­gen in einem Gebiet weit­ge­hend erschöpft, zog die Gruppe “noma­di­sie­rend” wei­ter, mehr­mals im Jahr wurde der Stand­ort gewech­selt, indem neue und alte Auf­ent­halts­orte in einer Art Kreis­lauf auf­ge­sucht wur­den.10 Man könnte dies als sai­so­nale Gebiet­streue anspre­chen. Es exis­tier­ten spe­zia­li­sierte Lager­plätze, bes­tes Bei­spiel sind die “Röst­stel­len”. Das sind Plätze, an denen große Men­gen von Hasel­nüs­sen durch Rös­ten im Feuer halt­bar gemacht wur­den. Güns­tige Plätze wur­den wie­der­holt auf­ge­sucht,11 nach Arora lässt sich aus der Zahl der Herd­stel­len auf die Bele­gungs­häu­fig­keit schlie­ßen (Som­mer­la­ger)12 Ein gutes Bei­spiel aus unse­rem Raum lie­fert die Niers mit ihren zahl­rei­chen neben– und über­ein­an­der lie­gen­den meso­li­thi­schen Fund­stel­len.13 Die Behau­sun­gen hat­ten unter­schied­li­che Bau­wei­sen. So sind neben Wand­schir­men recht­eckige, rund­li­che, bogen­för­mige und elip­ti­sche Hüt­ten­for­men bekannt. Sie bestan­den aus einem Raum, der zwi­schen 5 und 30 Qua­drat­me­ter groß war, teil­weise waren die Fuß­bö­den mit Holz (Rei­sig) oder Stei­nen aus­ge­legt. Je nach Größe leb­ten 4 bis 9 Per­so­nen dort.14 2008 wurde in Star Carr, Nord­ost­eng­land, ein beson­ders gut erhal­te­nes Rund­haus ergra­ben.15

Nah­rung

Neben der Jagd auf Stand­wild mit Pfeil und Bogen hatte der Fisch­fang eine große Bedeu­tung, er deckte etwa 20–30 % des Nah­rungs­be­darfs.16 Nicht nur hoch ent­wi­ckelte Fisch­fang­ge­räte, wie Aal­ste­cher, wur­den ein­ge­setzt, auch Ein­bäume, ein­fa­che Boote aus einem Stamm, wur­den schon benutzt. Gejagt wurde Elch, Rot­hirsch, Reh, Wild­schwein und Auer­ochse, aber auch Klein­wild und Feder­wild wurde bejagt,17 teil­weise mit Kol­ben­pfei­len. Auch das Sam­meln von Bee­ren, Früch­ten und Pil­zen war ein bedeu­ten­der Nah­rungs­zweig. Ins­be­son­dere ver­kohlte Hasel­nuss­scha­len bele­gen den inten­si­ven Ver­zehr der gerös­te­ten Nüsse. Die durch Rös­ten halt­bar gemach­ten Hasel­nüsse waren eine wich­tige Nah­rungs­re­serve. Es sind vie­ler­orts Röst­stel­len belegt, die nicht nur von einer inten­si­ven Nut­zung der Nüsse, son­dern auch von einem hoch ent­wi­ckel­ten Ver­fah­ren zeu­gen. Gleich meh­rere Röst­stel­len wur­den am Duven­see gefun­den. Grund­sätz­lich ist davon aus­zu­ge­hen, dass pflanz­li­che Kost und Fisch im Som­mer eine große Bedeu­tung hatte, im Win­ter musste mehr gejagt wer­den.18

Kunst

Die jung­pa­läo­li­thi­sche Kunst wird nur rudi­men­tär fort­ge­setzt. Ver­ein­zelt tre­ten ein­fa­che Ritz­li­nien und geo­me­tri­sche Mus­ter auf. Sie sind nicht sehr zahl­reich und fin­den sich ver­ein­zelt auf Kno­chen, Geweih, Schie­fer und den Kort­ex­par­tien von Arte­fak­ten. Im Kor­tex­be­reich eines früh­me­so­li­thi­schen Kern­steins aus Kreuz­tal, Kreis Siegen-Wittgenstein, fand sich ein ein­ge­ritz­tes Git­ter­mus­ter.19 Ein durch­loch­ter und mit Ritz­li­ni­en­mus­ter ver­zier­ter Retu­scheur aus Sindorf/Bergheim lässt sich nicht sicher dem Meso­li­thi­kum zuord­nen.20 Schmuck war jedoch sehr beliebt, Kno­chen­plätt­chen mit und ohne Ver­zie­rung, rezente und fos­sile Schne­cken­häu­ser, durch­bohrte Zähne, beson­ders Hirsch­gran­deln, Fischwir­bel und Schlund­zähne von Karp­fen zeu­gen von einer rich­ti­gen Mode.

Ein ganz beson­de­rer Fund wurde 1987 an der Erft gemacht. Auf einer meso­li­thi­schen Sied­lungs­stelle in Bedburg-Königshoven wur­den zwei Hirsch­ge­weih­mas­ken gefun­den.  Es han­delt sich um Rot­hirsch­ge­weihe mit Schä­del­res­ten. Die Schä­del­kno­chen wur­den seit­lich durch­bohrt, um sie am Kopf zu befes­ti­gen. Ver­mut­lich erfolg­ten die Boh­run­gen durch das Fell, sodass die Mas­ken mit Fell und Ohren getra­gen wur­den. Sie wer­den als zere­mo­ni­elle Scha­ma­nen­mas­ken gedeu­tet.21 Dies wäre ein wich­ti­ger Hin­weis auf die Glau­bens­welt der Meso­li­thi­ker.22 Ein beson­de­res Grab aus Sachsen-Anhalt wird nach Gra­bungs­be­fun­den als das einer Scha­ma­nin bezeich­net. Diese Tat­sa­chen rei­chen nicht aus, um Scha­ma­nis­mus zu bele­gen, wohl aber geben sie einen Hin­weis auf eine kul­ti­sche evtl auch reli­giöse Glau­bens­welt. Das bele­gen auch die teil­weise üppi­gen Grab­bei­ga­ben und Schä­del­be­stat­tun­gen  im Mesolithikum.

Hirsch­ge­weih­mas­ken

Stein­ar­te­fakte

Die Arte­fakte des Meso­li­thi­kums zeich­nen sich im All­ge­mei­nen durch ihre geringe Größe aus. Es ist falsch, darin eine Ärm­lich­keit zu sehen. Es han­delt sich fast aus­schließ­lich um Kom­po­sitwerk­zeuge, die einen hohen tech­ni­schen Ent­wick­lungs­stand bezeu­gen. Die Aus­beute der Roh­ma­te­ria­lien konnte dadurch um ein Viel­fa­ches gestei­gert wer­den. Gele­gent­lich wird ver­mu­tet, dass die geschlos­sene Vege­ta­ti­ons­de­cke die Suche nach Feu­er­stein erschwerte. Betrach­tet man jedoch die hohe Mobi­li­tät, so ist ein ande­rer Gedanke viel ein­leuch­ten­der. Durch die hoch ent­wi­ckelte Kom­po­sittech­nik war deut­lich weni­ger Roh­stoff not­wen­dig. Die Gruppe musste nicht kilo­schwere Steine mit sich füh­ren, dadurch blieb die Mobi­li­tät gewahrt. Durch die kei­nen Abmes­sun­gen der Werk­zeuge waren auch die Maaseier, die von vor­her­ge­hen­den und nach­fol­gen­den Kul­tu­ren kaum als Roh­ma­te­ri­al­lie­fe­rant beach­tet wur­den, als Roh­ma­te­rial geeig­net.23 Neben einem gewis­sen Pro­zent­satz wei­ter ent­fernt lie­gen­der Roh­stoffe wur­den haupt­säch­lich lokale Roh­ma­te­ria­lien ver­wen­det, am lin­ken Nie­der­rhein sind dies vor allem die Maas­schot­ter, die an ver­schie­de­nen Auf­schlüs­sen wie Wurm– und Rur­tal, ver­füg­bar waren. Die schon im Jung­pa­läo­li­thi­kum ver­ein­zelt auf­tre­ten­den Mikro­li­then erfuh­ren im Meso­li­thi­kum eine nie wie­der erreichte Beliebt­heit. Die Mikro­li­then dien­ten als Pfeil­be­weh­rung, sie wur­den als Spitze und seit­lich ein­ge­klebte Wider­ha­ken ver­wen­det. Eine teil­weise erhal­tene Schäf­tung ist hier zu sehen, eine andere Schäf­tung hier. Die Ent­wick­lung der Mikro­li­then­ty­pen und die ver­wen­de­ten Roh­ma­te­ria­lien ermög­li­chen eine Datie­rung der Funde. Ker­b­reste sind eben­falls typisch für das Meso­li­thi­kum, kom­men aber nicht bei jeder Gruppe vor. Krat­zer in ver­schie­de­nen Aus­füh­run­gen sind wich­tige Werk­zeuge. Boh­rer sind nicht so häu­fig, auch Sti­chel und aus­ge­split­terte Stü­cke sind sel­te­ner. Ebenso sind Kanten-, End­re­tu­schen und gekerbte Stü­cke unty­pisch. Kern­beile sind in die­ser Region sel­ten, tre­ten aber ver­ein­zelt auf. Die Klin­gen sind häu­fig sehr schmal, sel­ten län­ger als 45 mm. Diese schma­len Klin­gen wer­den auch Lamel­len oder Mikro­klin­gen genannt, wenn die Breite unter 10 mm liegt. Die Unter­schei­dung von Klinge und Lamelle/Mikroklinge anhand der Breite ist eine will­kür­lich gezo­gene Grenze. Eine unsin­nige Unter­schei­dung, han­delt es sich doch um die­selbe Grund­form. Eine Beschrei­bung der Klin­gen als klein dimen­sio­niert trifft hier bes­ser zu. Die Kerne haben oft eine oder zwei Abbau­flä­chen und eine oder zwei Abbau­rich­tun­gen. Häu­fig sind sie zwi­schen 25 und 45 mm lang, 15 bis 35 mm breit und 10 bis 25 mm dick. Der Längen-Breiten-Index liegt zwi­schen 2:1 und 1:1. Es han­delt sich also um recht kleine Kerne,24 die oft bis auf win­zige Reste abge­ar­bei­tet wurden.

Orga­ni­sche Artefakte

Neben den Stein­werk­zeu­gen nutz­ten die Meso­li­thi­ker Werk­zeuge aus orga­ni­schen Stof­fen; als Ver­gleich Bil­der aus ver­schie­de­nen Epo­chen. Diese sind meist ver­gan­gen. Um so erfreu­li­cher sind die Funde aus den See­ufer­be­rei­chen von Hohen Vie­cheln und Frie­sack. Der eng­li­sche Fund­platz Star Carr muss hier eben­falls genannt wer­den. Durch diese Funde ent­steht ein ech­tes Lebens­bild des Meso­li­thi­kums, es wird deut­lich, dass die Stein­ar­te­fakte nur ein klei­ner Bestand­teil des Gerä­te­spek­trums sind und für sich allein betrach­tet ein Zerr­bild erzeu­gen. Die Fund­stelle Uecker­mün­der Heide lie­ferte u.a. den Nach­weis einer Flöte. Die Meso­li­thi­ker fer­tig­ten aus Kno­chen Geschoss­spit­zen, Har­pu­nen, Dol­che, Pfrieme, Hacken, Mei­ßel und gelochte Schmuck­plätt­chen. Aus Elch– und Hirsch­ge­weih, teils geschäf­tet, wur­den Hacken, Beilklin­gen und Stein­beil­fas­sun­gen gefun­den. Die Holz­funde bestan­den aus Spee­ren, Pfei­len und Bögen, Grab­stö­cken und Pad­del­bruch­stü­cken, die zu an ande­ren Orten gefun­de­nen Ein­bäu­men gehö­ren. Pflan­zen­fa­sern wie Baum­bast wurde zu gedreh­ten und gefloch­te­nen Schnü­ren und Stri­cken ver­ar­bei­tet. Netze für den Fisch­fang lie­gen frag­men­ta­risch in gekno­te­ter und unge­kno­te­ter Mach­art vor. Netz­schwim­mer aus Kie­ferrinde sorg­ten für Auf­trieb. Von ande­ren Fund­stel­len sind Fisch­reu­sen (Nach­bau) aus Hasel– und Wei­den­ru­ten bekannt, auch bei­nerne Angel­ha­ken wur­den gefun­den. Zum Fisch­fang all­ge­mein. Erst die Funde die­ser ver­schie­dens­ten Fisch­fang­ge­räte zei­gen deut­lich, wie hoch ent­wi­ckelt der Fisch­fang mit Angel, Aal­ste­cher, Netz, Fisch­zaun und Reuse war. Die Beilklin­gen aus Geweih und die Kno­chen­mei­ßel lösen die Frage nach den Holz­be­ar­bei­tungs­ge­rä­ten, die in Stein nur sel­ten nach­ge­wie­sen sind, Kern­beile, und in der hie­si­gen Gegend sehr sel­ten sind.25 Hier noch eine quer­ge­schäf­tete Klinge der Ertebölle-Kultur mit erhal­te­nem Griff.

Roh­ma­te­ria­lien

In meso­li­thi­schen Inven­ta­ren tre­ten lokale, wei­ter ent­fernt und weit ent­fernt anste­hende Roh­ma­te­ria­lien auf. Dabei ist zu beob­ach­ten, dass Roh­ma­te­rial in gro­ßen Men­gen (bis 90%)  etwa 30–35 km  weit mit­ge­führt wurde. Nur etwa 10% wurde aus grö­ße­ren Ent­fer­nun­gen her­bei­ge­führt. Das gilt ins­be­son­dere für den Wommersom-Quarzit.26 An die­ser Stelle wird auf Fund­stel­len in Mön­chen­glad­bach Bezug genommen:

Zu den loka­len Roh­stof­fen zäh­len Maas­schot­ter– und Maasei­er­feu­er­stein. Maas­schot­ter­feu­er­stein ist in der älte­ren Haupt­ter­rasse ent­hal­ten. Diese ist jedoch von der Jün­ge­ren, feu­er­stein­freien und Löss­pa­ke­ten bedeckt. Damit war der Maas­schot­ter­feu­er­stein nur an Auf­schlüs­sen erreich­bar. Dazu zählt das tief ein­ge­schnit­tene Tal der Wurm, sowie Ver­wer­fun­gen, bei­spiels­weise die Rur­rand­ver­wer­fung zwi­schen Baal und Jülich. Hin­ge­gen sind Maaseier in allen Ter­ras­sen ent­hal­ten und sind über­all dort ver­füg­bar, wo der Löss ero­diert ist.

Zu den nähe­ren Roh­stoff­quel­len zählt der Limburger-Kreideflint. Die­ser steht im Deutsch-Niederländisch-Belgischen Län­der­drei­eck an. Es wer­den ver­schie­dene Arten unter­schie­den. Lous­berg–, Rijck­holt-, Simpelveld-, Val­ken­burg-, Vet­schau­feu­er­stein. Anhand von Schlag­ab­fäl­len kann gefol­gert wer­den, dass meist Kerne oder Roh­stü­cke mit­ge­führt wur­den, die Werk­zeug­her­stel­lung fand am Wohn­platz statt.27

Die ent­fern­ter lie­gen­den Lager­stät­ten sind Wom­mer­som, eine Quar­zit­la­ger­stätte, ca 100 km von Mön­chen­glad­bach ent­fernt; Obourg­flint aus Bel­gien, ca 180 km weit ent­fernt; bal­ti­scher Flint aus dem Geschiebe, 50 km und mehr von hier ent­fernt. Wom­mer­som­quar­zit wurde ver­stärkt im Spät­me­so­li­thi­kum genutzt, hier wird ein etap­pen­wei­ser Fern­han­del ange­nom­men, wie auch bei den Mit­tel­meer­schne­cken in Süd­deutsch­land, die als Schmuck­stü­cke teils 800 km weit gehan­delt wur­den. Wom­mer­som­quar­zit ist hier häu­fi­ger mit Fer­tig­pro­duk­ten ver­tre­ten28, teil­weise wur­den impor­tierte Klin­gen hier wei­ter verarbeitet.

Links

Zum Aus­klang des Meso­li­thi­kums, PDF: Le Méso­li­thi­que du bas­sin de l’Ourthe (Bel­gi­que): implan­ta­tion dans le pay­sage et néolithisation

  1. W. Traute u.  Müller-Beck, Eis­höh­len im Lone­tal, 2.  Aufl., Stutt­gart 1985, S. 151
  2. G. Bos­in­ski, Paläo­li­thi­kum und Meso­li­thi­kum im Rhein­land, in Urge­schichte im Rhein­land, Köln, 2006, S. 151
  3. Jür­gen This­sen, Fund und Deu­tung — Neuere archäo­lo­gi­sche For­schun­gen im Kreis Neuss, in Ver­öf­fent­li­chun­gen des Kreis­hei­mat­bun­des Neuss 5, Neuss 1994, S. 38
  4. W. Traute u. Müller-Beck, 1985, S. 154
  5. Jür­gen This­sen, Fund und Deu­tung, S. 38; Arora, Meso­li­thi­sche Fund­plätze und Funde im ehe­ma­li­gen Kreis Erkelenz, in  Archäo­lo­gie im Kreis Heins­berg II, Gei­len­kir­chen 1995, S. 236
  6. Bollongino/Burger/Haak, DNA-Untersuchungen bei Men­schen und Rin­dern, in AiD, 2006, Heft 3, S. 24
  7. Det­lef Gro­nen­born, Letzte Jäger-erste Bau­ern, in AiD, 2006, Heft 3, S. 18
  8. Arora, Meso­li­thi­sche Fund­plätze und Funde im ehe­ma­li­gen Kreis Erkelenz, in Archäo­lo­gie im Kreis Heins­berg II, 1995, Gei­len­kir­chen, S. 240
  9. Arora, 1995, S. 237
  10. Mar­tin Heinen/Willy Schol, Die urge­schicht­li­che Besied­lung des Mön­chen­glad­ba­cher Rau­mes, in Loca Desi­de­rata, Band 1, Köln, 1994, S. 147
  11. G. Bos­in­ski, Urge­schichte am Rhein, Tübingen,2008, S. 455; Mar­tin Hei­nen, Der spätpaläolithisch-mesolithische Ober­flä­chen­fund­platz “Ued­din­ger Broich”, Gemeinde Kor­schen­broich, Kreis Neuss, in  Archäo­lo­gi­sches Kor­re­spon­denz­blatt 20, 1990, Heft 1, S. 17
  12. Arora, 1995, S. 238
  13. Mar­tin Heinen/Willy Schol, 1994, S. 149
  14. Arora, 1995, S. 237
  15. David Wigg-Wolf, Ältes­tes Haus Bri­tan­ni­ens, in AiD, 2010, Heft 6, S. 74
  16. Arora, 1995, S. 239
  17. G. Bos­in­ski, 2008, S. 440
  18. Arora, 1995, S. 239
  19. M. Baa­les, Meso­li­thi­sche Gra­vie­rung auf Feu­er­stein­kern, in AiD, 2009, Heft 5, S. 57
  20. Ingrid Koch/Jürgen Wei­ner, Rät­sel­hafte Rit­zun­gen, in AiD, 2006, Heft 3, S. 48f
  21. skep­tisch  Mar­tin Street/Michael Baa­les, Bedburg-Königshoven, Erft­kreis, Früh­me­so­li­thi­scher Fund­platz, In Urge­schichte im Rhein­land, Köln, 2006, S. 303f
  22. Ger­hard Bos­in­ski in Urge­schichte im Rhein­land, Köln, 2006, S. 156
  23. G. Bos­in­ski, 2008, S. 455
  24. Arora, 1995, S. 242ff
  25. G. Bos­in­ski, 2008, S. 476
  26. Arora, Die unter­schied­li­chen Stein­ma­te­ria­lien im Neo­li­thi­kum (Anm Druck­feh­ler: Meso­li­thi­kum)  des Nie­der­rhein­ge­bie­tes, in 5000 Jahre Feu­er­stein­berg­bau, Bochum, 1980, S. 251
  27. Arora, 1980, S. 256
  28. Arora, 1980, S. 256