Kollektivgrab von Dolni Vestonice

Kollektivgrab

Kollektivgrab, nach Bohuslav Klima1

Fundumstände

1985 wurden oberhalb der ehemaligen Ziegelei bei Dolni Vestonice in leichter Hanglage Belege für eine jungpaläolithische Ansiedelung gefunden. Der zusammenhängende Fundhorizont gehört in den Bodenkomplex BK 1.2 Es wurden zahlreiche offene Feuerstellen ergraben, dazu verstreute Einzelfunde von Steinartefakten und Tierknochen. Lediglich drei Feuerstellen waren mit Steinartefaktkonzentrationen vergesellschaftet. Dabei handelt es sich um „selbständige, typologisch sowie auch durch Rohstoffe voneinander unterschiedliche Ateliers.“3 Demnach handelt es sich um Mehrfachbelegungen des Platzes.

1986 wurde etwas höher liegend eine, durch natürliche Prozesse gestörte, Siedlungsschicht gefunden. Die hierin gefundenen Feuerstellen waren schalenförmig eingetieft, unterscheiden sich somit von den früher entdeckten offenen Feuerstellen. Die Kulturschicht erbrachte zahlreiche Stein- und Knochengeräte sowie Ziergegenstände, sie datiert ins Gravettien, C-14-Analysen ergaben 27660 +/- 80 Jahre BC. Siedlungsstrukturen wurden nicht erkannt, wohl aber seichte Vertiefungen und Fundkonzentrationen, die Siedlungsfläche wurde anscheinend durch große Mammutknochen begrenzt. Aus dem Befund wird auf einen kurzfristigen Rastplatz geschlossen.

Das Grab

Am 13.8. 1986 wurde das Grab entdeckt. Es enthielt die gut erhaltenen Skelette von drei Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 23 Jahren. Die Bestattungen erfolgten zeitgleich. Zuerst wurde das Mädchen, Dolni Vestonice XV, in die Mitte der in den Hang eingetieften Grabgrube gelegt. Es lag auf dem Rücken, mit dem Kopf in südlicher Richtung, Blickrichtung westlich.

Rechts neben ihr wurde der größere Mann, Dolni Vestonice XIV, beigesetzt, er lag auf dem Bauch, ebenfalls mit dem Kopf in südliche Richtung mit Blickrichtung westlich. Sein linker Arm überdeckte die Hand des Mädchens, anscheinend war diese Position beabsichtigt.

Der zweite Mann, Dolni Vestonice XIII, lag rechts von dem Mädchen, in gleicher Aus- und Blickrichtung, auf dem Rücken. Seine Arme wurden so positioniert, dass seine Hände unterhalb des Beckens des Mädchens reichen.

Die Schädel der Bestatteten waren mit Lehm bedeckt, der durch Hämatitstückchen und –pulver eingefärbt worden war. Zusätzlich befand sich eine solche Hämatitkonzentration unterhalb des Beckens des Mädchens, bedeckt durch die Hände von Individuum XIII.

Rötlich=Hämatit, orange=Tierzähne; nach Bohuslav Klima,

Rötlich=Hämatit, orange=Tierzähne, schwarz=Holzkohle; nach Bohuslav Klima

Aus diesem ungewöhnlichen Befund lässt sich vermuten, dass sowohl die besondere Position der Hände bei der Bestattung, als auch die Rotfärbung unterhalb des weiblichen Beckens eine Bedeutung hatte. Der Ausgräber hält es für möglich, dass ein Neugeborenes unterhalb des Beckens der Frau, bedeckt von den Händen des linken Mannes lag, ebenfalls mit Hämatit wie die Köpfe der anderen eingefärbt. Der Nachweis lässt sich nicht erbringen, da keine Säuglingsknochen vorhanden sind. Dennoch ist diese Deutung sehr plausibel, das Fehlen der Säuglingsknochen ist mit deren schlechter Haltbarkeit leicht erklärt.

Das Grab wurde mit Erde bedeckt, teilweise enthielt diese auch gebrannten Lehm, der von den Feuerstellen stammt. Anstatt der bei anderen Bestattungen üblichen Mammutschulterblätter dienten entwurzelte Fichtenstämmchen als Schutz vor Raubteiren.

Hämatit und Beigaben

Wie schon erwähnt, sind die Schädel mit rotgefärbtem Lehm überzogen worden. Teilweise war zusätzlich ein weißer Pulverüberzug erhalten. Der Mann Dolni Vestonice XIV trug anscheinend ein Stirnband mit aufgenähten Wolfs- und Fuchszähnen, seitlich durch kleine tropfenförmige Anhänger aus Mammutelfenbein verziert. Der Mann Dolni Vestonice XIII trug offenbar ein Stirnband mit zwei Reihen durchbohrter Fuchszähne, weitere Tierzähne liegen in einer angedeuteten Linie von der linken Schulter zur rechten Beckenschaufel. Auf dem Schädel des Mädchens lag ein durchbohrter Tierzahn, drei weitere lagen in der Nähe des Kopfes und können ebenfalls zu einem Stirnband gehören.

Im Bereich der Rotfärbung unterhalb des weiblichen Beckens finden sich einige Steinartefakte, in der Mundhöhle des Mädchens fand sich ein verbranntes Bruchstück eines Tierknochens. Die ebenfalls in einer Konzentration links von Individuum XIII beigegebenen tertiären Schneckengehäuse sind nicht durchbohrt, einige sind angebrannt.

Holzkohle

Auf den Schultern und Knien des Mädchens, an den Ellbogen und der linken Schulter von Individuum XIII und im Bereich der Beine aller Individuen befanden sich Holzkohlestücke. Die Holzkohlestücke im Bereich der Beine stehen mit offenen Feuerstellen außerhalb des Grabes in Beziehung. Die erwähnten offenen Feuerstellen gehen ineinander über und bilden einen Bogen. Es handelte sich nicht um eine Art Scheiterhaufen, sondern anscheinend um ein rituelles Feuer, das bei dem Begräbnis entzündet wurde. Das größte Feuer dieser Bogenlinie befand sich unmittelbar westlich des Grabes. Die Blickrichtung der Bestatteten war ebenfalls Richtung Westen, also auf das Feuer gerichtet.

Schlussfolgerung

Aus der Beschreibung des Befundes lassen sich interessante Schlussfolgerungen ziehen. Die Personen sind nicht in zufälliger Lage bestattet worden, sogfältig wurden sie in bestimmten Körperhaltungen niedergelegt. Während der Kopfschmuck in Form von Stirnbändern mit aufgenähten Tierzähnen zur normalen Bekleidung gehören kann, sind die mit Hämatit rot gefärbten Lehmüberzüge Teil des Bestattungsritus. Auch die Holzkohlestücke, die auf den Verstorbenen deponiert wurden, haben eine Bedeutung im Zusammenhang mit der Bestattung. Weiter ist durch die gute Erhaltung der Feuerstellen zu belegen, das sie zum Begräbnisritual gehörten.

 

  1. Bohuslav Klima, Das jungpaläolithische Massengrab von Dolni Vestonice, in Quartär, 1987/02, S. 53ff, PDF
  2. Karel Valoch, Das Mittelwürm in den Lössen Südmährens und seine paläolithischen Kulturen, in Eiszeitalter und Gegenwart, 46/1996, S. 54-64, PDF
  3. Bohuslav Klima, 1987, S. 53