Jungpaläolithische Bestattungen

Bestattung Sungir, Gravettien, nach José-Manuel Benito Álvarez

Bestattung Sungir, Gravettien, nach José-Manuel Benito Álvarez

Die ältesten bekannnten Gräber datieren in das Gravettien. Nahezu alle Gräber weisen deutliche Parallelen auf, ungeachtet ihrer geografischen Lage.1 Das weist auf gemeinsame Wurzeln hin, vermutlich bestanden Bestattungsbräuche schon lange bevor der Moderne Mensch Europa erreichte.2 Männer- und Frauengräber unterscheiden sich nicht in Hinblick auf ihre Ausstattung, was auf einen adäquaten Status der Geschlechter schließen lässt.3 Auch Kinder wurden sorgfältig bestattet,4 sogar Neugeborene.5

Der rote Farbstoff Hämatit spielte nicht nur im Leben der Menschen eine große Rolle, auch bei Bestattungen begleitete er die Toten. Die Gräber wurden meist mit Mammutschulterblättern oder anderen großen Knochen abgedeckt, waren diese nicht verfügbar, wurden Hölzer oder große Steine dazu genutzt. Schmuckgegenstände als Grabbeigabe sind die Regel, häufig waren die Gräber sehr reich ausgestattet.6

Beispiele

Dolni Vestonice Kollektivgrab, Gravettien: 2 Männer, 1 Frau zwischen 16-23 Jahre, Grababdeckung mit Fichtenstämmen und Erde, Köpfe mit rot gefärbtem Lehm bedeckt, Stirnbänder mit Tierzähnen, besondere Lage der Toten zueinander, Nachweis von Feuerstellen in Zusammenhang mit der Bestattungszeremonie.

Bohuslav Klima, Das jungpaläolithische Massengrab von Dolni Vestonice – Vorläufige Mitteilung, in Quartär, 1987/02, S. 53ff, PDF

Krems Wachtenberg, Gravetteien, 27.000 BC: ein etwa dreimonatiger Säugling wahrscheinlich in einem mit einer Knochennadel zusammen gesteckten und mit Hämatit gefüllten Beutel/Fell beerdigt; in 1 Meter Entfernung Doppelbestattung von 2 Neugeborenen, vermutlich Zwillinge, ebenfalls in einem mit Hämatit gefülltem Beutel/Fell mit je einer Kette aus Mammutelfenbeinperlen, eine Kette mit über 30 Perlen7; Grababdeckung Mammutschulterblatt, beide Gräber am Rand des Siedlungsplatzes.8 Der Knochenkamm des Mammutschulterblattes, Crista, wurde durch 8 Schläge künstlich entfernt.9 Eine nahegelegene Feuerstelle wird als Herd bezeichnet, scheint also nicht rituell zu sein.10

Christine Neugebauer-Maresch, Der Werdegang der Altsteinzeitforschung in Österreich, in Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte, 19/2010, S. 51ff, PDF

Predmost Kollektivgrab, Gravettien: Schlecht dokumentierte Grabung, Tote nach Norden oder Süden ausgerichtet, 19 Individuen in einer gemeinsamen Grube in Gruppen angeordnet -A= 1 Mann, 2 Frauen, 1 Kind, B= 1 Mann, 1 Frau, 1 Jugendliche, 3 kleine Kinder, C= 3 Säuglinge, 1 Kleinkind,  D= 1 Mann, Rest unklar; Kein Schmuck, Hämatit oder Beigaben, Grababdeckung aus zwei Mammutschulterblättern und großen Kalksteinen, schwache Brandschicht deutet auf rituelles Feuer bei der Beisetzung hin.

Bohuslav Klima, Das paläolithische Massengrab von Predmosti, Versuch einer Rekonstruktion, in Quartär, 1991/10, S. 187ff, PDF

Dolni Vestonice Frauengrab, Gravettien: 1 Frau, etwa 40 Jahre, Kopf, Brust und einige Beigaben mit Rötel bestreut, Grab mit zwei Mammutschulterblättern abgedeckt,11 Steinwerkzeuge und Polarfuchs als Beigabe, zusätzlich Mammutbecken als gut sichtbare Stele/Grabstein12

Saint Germain la Riviere, Magdalénien: Durchbohrte Hirschgrandeln als Schmuck, obwohl der Rothirsch zu der Zeit nur in weit entfernten Gebieten heimisch war, Hinweis auf Fernbeziehungen13

„Die Höhle von Cro Magnon barg fünf Skelette, einen Greis, zwei Männer, eine Frau und einen Fötus … Die Ockerspuren auf den Skeletten deuten nicht auf eine geschlechtsspezifische Färbung hin.

In Großbritannien auf der Halbinsel Paviland (SüdWales) wurde ein männliches Skelett gefunden, das mit Ocker bedeckt war. Die kuriose Bezeichnung als »red lady« deutet auf die Menge des gefundenen Farbstoffes hin.

Grimaldihöhlen in Italien. Dort wurden etliche Skelette gefunden, die in Ocker gebettet waren oder Ockerbestreuung aufwiesen.

In der Grotte des Enfants zeigten zwei Skelette, eines Mannes und einer Frau, um die Schädel herum und unter den Schädeln Ockerfärbung, die Schädel waren mit einer Steinplatte bedeckt.“14

Caverna delle Arene Candide, Italien: Der als „Kleiner Prinz“ bezeichnete junge Mann, der vor etwa 23.000 Jahren beigesetzt wurde, trug einen Pelzumhang, der aus Eichhörnchenfell bestand. 423 Schwanzknochen wurden dem Umhang zugeordnet. Der Prinz lag in einer Schicht aus Ocker ausgestreckt. Der Kopf des jungen Mannes war nach links gewandt, umgeben von Hirschzähnen und hunderten durchbohrter Muscheln. Sie stammten vermutlich von einer Kopfbedeckung. Gehänge aus Mammutelfenbein, durchbohrte Cypraea-Muscheln und vier Lochstäbe aus Hirschgeweih umgaben ihn. In der rechen Hand hielt er eine 23 cm lange Feuersteinklinge.15

P. B. Pettitt/M. Richards/R. Maggi/V. For­mi­cola, The Gra­vet­tian burial known as the Prince (“Il Prin­cipe”): new evi­dence for his age and diet, in Anti­quity., 77 (295). pp. 15–19, PDF

"Kleiner Prinz", nach ho visto nina volare

„Kleiner Prinz“, nach Wikimedia ho visto nina volare, Flickr

Sungir, Gräberfeld, Gravettien: Bestattungsareal mit 8 Individuen, eine ungewöhnliche Grabbeigabe war ein großer Oberschenkelknochen mit abgeschlagenen Gelenken, der möglicherweise von einem Neandertaler stammt. Die Markhöhle dieses Knochens war mit Ockerpulver ausgefüllt.

Sungir 1 Gravettien: Grab eines etwa 60 jährigen Mannes, reiche Ockergaben, reich verzierte Kleidung, Bestattung unterhalb einer weiteren Bestattung, Nachweis von Holzkohle.

O. Badhder, Eine unge­wöhn­li­che paläo­li­thi­sche Bestat­tung in Mit­tel­ruß­land, in Quartär 1967/13, S. 191ff, PDF

Doppelgrab Sungir: Bestattung von zwei Kindern, Speere aus Mammutelfenbein, weitere Wurfspieße und Dolche als Beigaben, üppig verzierte Kleidung.

O. Bahder, Das zweite Grab in der jungpaläolithischen Siedlung Sungir im mittleren Rußland, in Quartär, 1970/10, S. 103 ff, PDF

  1. Reinhard Lohmiller, Ocker – Monografie einer Farbe, Dissertation, Frakfurt a. M., 1999, PDF, S.37
  2. vergl. J. Zilhao. Burial evidence for the social differentiation of age classes in the early Upper Paleolithic, in Comportements des hommes du Paleolithique moyen et superieur en Europe: territoires et milieux, S. 238, PDF
  3. R. Zumann, Archäologische Beiträge zur Genderforschung – Paläolithikum, MAO 3, PDF, S.10
  4. Müller-Karpe, Geschichte der Steinzeit, München, 1998, S. 142
  5. siehe Krems-Wachtenberg
  6. vergl. Reinhard Lohmiller, 1999, ab Seite 36
  7. Stefan Anitei, Stone Age Babies under Mammoth Bone, Softpedia, 17. Nov 2006, Onlineartikel
  8. Thomas Kramar, Drei Babys, mit Elfenbein bestattet, 16.11.2006, Die Presse. com, Onlineartikel
  9. Otto H. Urban, 30.000 Jahre alte Säuglingsbestattungen im eiszeitlichen Löss von Krems-Wachtberg, ORF ON Science, Onlineartikel
  10. R. Peticzka/D. Riegler/F. Holawe, Exkursionsführer, Standort 4, PDF, Abb. 25, S. 34
  11. KLima, Übersicht über die jüngsten paläolithischen Forschungen in Mähren, in Quartär, 1957/04, PDF, S. 115
  12. Rudolf Zumann, Archäologische Beiträge zur Genderforschung – Paläolithikum, Mainzer Archäologie Online 3, S. 12
  13. Marian Vanhaerena, Francesco d’Errico, Grave goods from the Saint-Germain-la-Rivière burial: Evidence for social inequality in the Upper Palaeolithic, in Journal of Anthropological Archaeology Volume 24, Issue 2, June 2005, Pages 117–134
  14. Reinhard Lohmiller, 1999, S. 37
  15. Wikipedia/ Arene Candide; P. B. Pettitt/M. Richards/R. Maggi/V. For­mi­cola, The Gra­vet­tian burial known as the Prince (“Il Prin­cipe”): new evi­dence for his age and diet, in Anti­quity., 77 (295). pp. 15–19, PDF