Venusstatuetten/Frauendarstellungen

Venus_von_Willendorf

↑ Abb 1: Venus von Willendorf, 11 cm hoch, Material Kalkstein, Alter ca 25000 Jahre. Rötelreste belegen eine ursprünglich vorhandene Bemalung. Das Material und Beifunde weisen bezüglich der Herkunft auf Stranska Skala, Mähren hin. Weitere in Willendorf gefundene Statuetten sind abstrakter gearbeitet.

Anmerkung: Die Urgeschichtsforschung ist keine exakte Wissenschaft und kann lediglich Funde und Befunde deuten. Dabei können Wahrscheinlichkeiten als möglich angesehen werden, die Grenze zu eigener Interpretation ist leicht überschritten. So ist der folgende Text nur als These zu sehen!

Die oft überaus detailierte Darstellung der Geschlechtsmerkmale bei den Frauendarstellungen ist auffällig. Während das Gesicht oft gar nicht oder nur schemenhaft dargestellt wird, werden die Schamlippen nicht nur symbolhaft angedeutet, sondern plastisch herausgearbeitet, die Brüste sind meist riesig. Deshalb werden diese Figurinen oft als Fruchtbarkeitssymbole gedeutet. Zumindest das Geschlecht hat sicher eine herausragende Bedeutung in der Darstellung.

Besonders aufällig ist außerdem die extreme Körperfülle der meisten Figuren, die teilweise auch als schwanger gedeutet werden. Betrachtet man die „Rubensdamen“ genauer, so erkennt man, dass es sich nicht um Schwangere handelt, die Merkmale einer Schwangerschaft sehen anders aus.

Schwangere vs Venus von Willendorf

↑ Abb 2: Schwangere vs Venus von Willendorf

Die heutzutage als Problemzonen angesprochenen Bereiche Reiterhose, hängender Bauch und aufgewipptes Gesäß sind keine Begleiter einer Schwangerschaft. Die folgende Gegenüberstellung mit einer 215 kg wiegenden Frau zeigt deutlich, dass bei der Venus von Willendorf Körperfettansammlungen dargestellt werden. Bis auf die Arme sind die Körper nahezu identisch.

215 kg Frau

↑ Abb 3: 215 kg Frau vs Venus von Willendorf

Dieser Aspekt ist sehr interessant. Er belegt, dass es schon in der Steinzeit Übergewicht gab, anders wäre die realistische Darstellung der Fettansammlungen an den anatomisch richtigen Stellen nicht möglich gewesen. Ein generelles Übergewicht der aktiv jagenden und sammelnden Sippenmitglieder ist schon durch die Lebensweise nahezu ausgeschlossen. Bei der Jagd ist eine gute körperliche Verfassung zwingend notwendig. Übergewicht würde dem entgegenstehen und den Jagderfolg schmälern. Da Fleisch die Hauptnahrungsgrundlage war, kann so kein extremes Übergewicht aufgebaut worden sein.

Die steinzeitlichen Jäger werden zwar in Zeiten guter Ernährungslage kurzzeitig Fettreserven angelegt haben, diese aber auch wieder verbraucht haben. Bei rezenten Naturvölkern ist oft eine wechselnde Verfügbarkeit der Nahrung zu beobachten. Die Buschmänner beispielsweise sind in der Lage, bei guter Versorgungslage große Mengen zu essen, gleichzeitig können sie gut eine Zeit mit wenig oder ohne Nahrung überstehen. Sie sind an diesen Wechsel biologisch angepasst. Ähnliches dürfte auch für die steinzeitlichen Jäger und Sammler gegolten haben. Diese Ernährungsweise führt aber nicht zu einem generellen Übergewicht.

So ist die Frage weiterhin ungeklärt, woher die korrekte Kenntnis des Phänotyps extrem übergewichtiger Frauen stammt. Möglicherweise wurde zumindest eine Frau der Sippe, einer Bienenkönigin gleich, bevorzugt mit Nahrung versorgt und hatte somit eine Sonderstellung. Die oft verkürzt oder sehr dünn dargestellten Arme der Venusstatuetten könnten darauf hinweisen, dass sie nicht in die üblichen Arbeitsabläufe involviert waren.

Ob die überdurchschnittlich gute Versorgung dazu diente, die Gebährfähigkeit zu garantieren, lässt sich nicht mit Bestimmtheit klären. Dennoch sprechen einige Aspekte dafür. Ein stark schwankendes Nahrungsangebot wirkt sich negativ auf eine Schwangerschaft aus. Eine sinkende Geburtenrate wäre der Fall. Noch entscheidender ist die gute Ernährung der Mutter während der Stillzeit. Bei Mangelernährung stoppt der Milchfluss, der Säugling muss verhungern, da ihm keine alternative Nahrungsquelle zur Verfügung steht. Die übermäßigen Fettreserven einer „Steinzeitvenus“ würden die Kindersterblichkeit zumindest in dieser Hinsicht minimieren. Damit könnte es sich bei dieser Form von Übergewicht tatsächlich um eine Überlebensstrategie handeln.

Die Vermutung, üppige Frauen seien ein Schönheitsideal gewesen und alle Frauen seien demnach übergewichtig gewesen, erscheint sehr unwahrscheinlich. Es ist davon auszugehen, dass Männer und Frauen sich die lebensnotwendigen Arbeiten teilen mussten, den Luxus fetter, arbeitsunfähiger Frauen konnte man sich sicher nicht leisten. Generelles Übergewicht ist ein Begleiter unserer Zeit und tritt bei wildbeuterisch lebenden Völkern nicht auf.

Fazit

Möglicherweise war zumindest eine Frau aus der Sippe überdurchschnittlich gut ernährt, um die Versorgung des Nachwuchses zu garantieren. Es handelt sich bei den Frauenstatuetten nahezu immer um dicke Frauen, allerdings nicht um Schwangere. Die überdeutliche Darstellung der Scham unterstreicht den Aspekt der Fruchtbarkeit, die verkümmerten Arme deuten eine Sonderstellung an. Ein generelles Übergewicht ist auszuschließen.

Weitere Statuetten

Venus von Bras­s­em­pouy

↑ Abb 4: Kopf der Venus von Brassempouy, la Dame à la capuche, Fragment einer Statuette, 3,65 cm hoch, Material Elfenbein, Alter 21000 bis 26000 Jahre, FO Grotte du Pape. Eine Besonderheit ist die relativ detailierte Ausarbeitung des Gesichts, bisher ohne Vergleich.

Petr Novák, Wikipedia

↑ Abb 5: Venus von Dolní Věstonice, Mähren, 11,1cm hoch, Frauendarstellung aus Keramik (Lehm mit Knochenmehl gebrannt), Gravettien ca 25000 bis 29000 Jahre. Es handelt sich um den bisher ältesten Beleg von Keramik. Neben der Venusstatuette wurden verschiedene Tierdarstellungen aus Keramik und zwei Öfen gefunden.

steinzeit

↑ Abb 6: Venus von Kostenki, 11,4 cm hoch, Elfenbein, Beifunde unter anderem weitere Venusstatuetten. Mehr Informationen → Fundort.

steinzeit

↑ Abb 7: Die Venus von Laussel, ca 50 cm hoch, Kalkstein, Alter etwa 25.000 Jahre. Im Gegensatz zu anderen Darstellungen handelt es sich hierbei um ein Halbrelief. Der Gegenstand in der Hand wird als Wisenthorn gedeutet. Bildquelle: Ernest Albert Parkyn, Introduction to the study of prehistoric art (London 1915) Plate V, Figure 45.

 Abbildungsnachweise

Abb 1: verändert nach © Mathias Kabel / Wikimedia Commons / CC-BY 2.5; Abb 2: verändert nach links © Tom Adriaenssen / Wikimedia Commons / CC-BY-3.0, rechts nach © Mathias Kabel / Wikimedia Commons / CC-BY 2.5; Abb 3: links verändert nach Dr. med. Karl-Heinz Günther/DocCheck, rechts nach © Mathias Kabel / Wikimedia Commons / CC-BY 2.5; Abb 4: verändert nach © Elapied / Public Domain; Abb 5: verändert nach © Petr Nowák / Wikimedia Commons / CC-BY 2.5; Abb 6, 7: Quelle: www.praehistorische-archaeologie.de;