Gravettien

“Klei­ner Prinz”, nach Wiki­me­dia ho visto nina volare, Flickr

↑ “Klei­ner Prinz”, nach Wiki­me­dia ho visto nina volare, Flickr

Das Gravettien umfasst in etwa den Zeitraum von 33.000-23.000 Jahren vor unserer Zeit. Somit liegt teilweise eine Überschneidung mit dem Aurignacien vor.

Artefakte

Es treten neue Werkzeugformen auf, die Gravettespitzen und Rückenmesser. Die Klingentechnik wird weiter verbessert. Die Zahl der Stichel und einfachen Kratzer nimmt zu, Kielkratzer werden kaum noch genutzt. Seltsamerweise fehlen bisher Funde von ausgesplitterten Stücken im Rheinland, obwohl es typische Geräte des Gravettien sind.1 Eine alte Typologie mit vielen Abbildungen von Narr gibt es hier.

Speere/-schleudern

Häufig werden die Gravettespitzen als mögliche Bewehrung der Speere von Speerschleudern interpretiert. Belege in Form einer Erhaltung einer Schäftung liegen bisher nicht vor. Insofern können sie nicht einmal sicher als Spitzen einfacher Speere angesprochen werden. Dennoch ist eine Verwendung als Bewehrung von Speerenlange vor den ältesten bekannten Speerschleudern gut möglich, sogar wahrscheinlich. Die ältesten gefundenen Speerschleudern sind reich verziert, geschnitzte plastische Tierdarstellungen gehen über die reine Funktion hinaus; das wird als Hinweis für eine lange Laufzeit der Speerschleudern gewertet, da die frühesten Modelle wohl nur rein funktionell und wahrscheinlich unverziert gewesen sein dürften. Diese Überlegung ist nicht unlogisch, allerdings ohne entsprechende Befunde (noch) nicht belegbar.

Lebensweise

In Südfrankreich und Russland existieren Fundplätze, die auf Grund ihrer Beschaffenheit auf eine deutlich stärkere Gruppengröße als im Aurignacien schließen lassen. Nach Schätzungen lebten bis zu hundert Menschen in einer solchen Gruppe. Häufig finden sich vor allem im Randbereich dieser Siedlungsstellen Gräber. Die Bestatteten wurden teilweise sehr üppig mit Beigaben ausgestattet. → Artikel: Jungpaläolithische Bestattungen. Ob diese großen Siedlungen typisch für das Gravettien sind, kann nicht mit Sicherheit beurteilt werden, da aus anderen Gebieten entsprechende Fundstellen fehlen.

Im Rheinland sind frühe Funde aus dem Denekamp-Interstadial selten, häufiger sind solche aus der darauf folgenden Kaltzeit. Dazu zählen Koblenz-Metternich, Rhens und Mainz-Linsenberg, hier wurde Deutschlands ältester → Zeltring nachgewiesen.

Links

Schwäbische Alb: N. J. Conard/L. Moreau, Current Research on the Gravettian of the Swabian Jura, in Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte, 13/2004, S.29ff, PDF

Donaukorridor: H. Floss/P. Kieselbach, The Danube Corridor after 29,000 BP – New results on raw material procurement patterns in the Gravettian of southwestern Germany, in Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte, 13/2004, S.61ff, PDF

Nord-West Europa: M. Otte/P. Noiret, Le Gravettien du nord-ouest de l’Europe, in Paleo 19/2007, S. 243ff, PDF

Neandertal: R. W. Schmitz, Interdisziplinäre Untersuchungen an den Neufunden aus dem Neandertal, in Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte, 12/2003, S. 25ff, PDF

Linkliste Jungpaläolithikum

  1. Jürgen Thissen, Paläolithische und mesolithische Fundplätze im Kreis Neuss, in Fund und Deutung, Neuss, 1994, S. 24