Doppelgrab Sungir

Literatur: O. Bahder, Das zweite Grab in der jungpaläolithischen Siedlung Sungir im mittleren Rußland, in Quartär, 1970/10, S. 103 ff, PDF

Zeichnung des Grabbefundes

1969 wurde in 3m Entfernung von der ersten Grabanlage, → Sungir 1, ein zweiter Bestattungskomplex ergraben. Auch hier wurden über dem primären Begräbnis die Überreste einer weiteren Grabstätte entdeckt. Tausende von Elfenbeinperlen, durchbohrte Fangzähne vom Polarfuchs und ein geschlossener Fingerring aus Elfenbein, zwei Steinanhänger und eine Quarz-Spitze in lang ausgezogener Mandelform gehören mit großer Wahrscheinlichkeit zu der oberen Bestattung, von der nur schwach erhaltene kalzinierte Knochenreste übrigblieben. 74 cm unter der oberen Grabstätte wurde der Boden einer schmalen und langen Grabgrube abgedeckt, in der Kopf an Kopf zwei Kinder lagen, Sungir 2 männlich, Sungir 3 weiblich.1 Auch hier wurden die Leichname mit rotem Ocker bedstreut.2

Beigaben

Die Menge und Art der Beigaben ist erstaunlich und ungewöhnlich. Es handelt sich um Speere, die komplett aus Mammutelfenbein gefertigt wurden. Dem etwa 9-10 Jahre alten Mädchen waren ein 1,66 m lange Elfenbeinspeer, acht Wurfspieße und zwei Dolche beigegeben worden.

Der etwa 11-13 alte Junge war mit einem 2,42 m langen Elfenbeinspeer beerdigt worden, zusätzlich wurden ihm drei Wurfspieße und ein Dolch mitgegeben. Etwa mittig auf dem Speer lag eine durchbrochene Elfenbeinscheibe, die offensichtlich als Verzierung angebracht worden war. Eine ähnliche Scheibe fand sich bei dem Mädchen. Beide trugen Armreifen aus Mammutelfenbein und Daumenringe aus Knochen. Darüberhinaus befanden sich geschnitzte Tierfiguren aus Elfenbein und weitere Schmuck- und Kunstgegenstände im Grab.

Bei den als Speer oder Lanze bezeichneten Artefakten wird es sich wohl nicht um Waffen handeln, da diese viel zu schwer waren, um praktisch nutzbar zu sein.3

Kleidung

Die Kleidung der Kinder war reichhaltig mit Perlenbändern aus Mammutelfenbein verziert, jeweils über 5000 Einzelperlen.4 Aus der Art und Lage der Perlen können Rückschlüsse auf die Kleidung gezogen werden. Demnach trugen beide reich mit Perlen verzierte Mützen. Die Oberbekleidung wurde vorne von Nadeln aus Mammutelfenbein zusammengehalten. Die Hosen entsprechen der von Sungir 1. An den Füßen trugen die Kinder vermutlich Stiefel, wenn die Perlenverteilung richtig interpretiert wird. Der Junge trug einen Gürtel mit etwa 250 durchbohrten Fuchszähnen.

  1. Ergebnis von DNA-Analysen
  2. Vincenzo Formicola, From the Sunghir Children to the Romito Dwarf – Aspects of the Upper Paleolithic Funerary Landscape, in Current Anthropology, Volume 48, Number 3, June 2007, PDF, S. 446
  3. Paul Pettit, The Palaeolithic Origins of Human Burial, London, 2010, S. 206
  4. Vincenzo Formicola,  2007, S. 447