Jungpaläolithikum

Rudi Walter mit Speerschleuder, Bild verändert nach Uwe Krüger

↑ Rudi Walter mit Speerschleuder, Bild verändert nach Uwe Krüger

Das europäische Jungpaläolithikum, etwa 45.000-12.000 Jahre BC, beginnt mit der Ankunft des Modernen Menschen.1 Das Jungpaläolithikum ist in Deutschland mit → Aurignacien, → Gravettien und → Magdalénien vertreten, Chatelperronien und Solutréen fehlen.

Gliederung

Homo sapiens verlässt Afrika | Kunst und Musik | Klingentechnik | Siedlungweise | Jagdwaffen | Siedlungslücke

Homo sapiens verlässt Afrika

Während Europa von Neandertalern bewohnt wurde, entwickelte sich in Afrika Homo erectus zum Homo sapiens. Älteste Nachweise des Homo sapiens datieren auf 200.000 Jahre BC. Vor etwa 100.000 Jahren verließ Homo sapiens den afrikanischen Kontinent.2 Klimawechsel begünstigten die Ausbreitungstendenzen, denn die arabische Wüste wandelte sich zeitweise in eine humide Savanne.3 Im Zuge der Ausbreitung erreichte Homo sapiens den Vorderen Orient, später Asien und vor etwa 45.000 Jahren Europa. Der Weg über die Alpen wurde nicht gewählt, da dort die Lebensbedingungen zu schlecht waren.

In Europa begegneten sich beide Menschenformen, Homo sapiens und Homo neanderthalensis. Wie sich das Zusammentreffen gestaltete, ist umstritten. Einerseits wird Nahrungskonkurrenz und damit verbunden eine Verdrängung oder sogar Ausrottung des Neandertalers durch den Modernen Menschen für möglich gehalten, andererseits wird eine friedliche Koexistenz vermutet. Belege für eine Ausrottung sind nicht erbracht worden. Hingegen wird eine kul­tu­relle Ver­mi­schung in den Über­gangs­kul­tu­ren deut­lich. So traten in Inventaren der baye­ri­schen Alt­mühl­gruppe Blattspitzen auf, die ursprünglich zum Repertoir des Modernen Menschen gehörten.

Ein unwiderlegbarer Beweis für Kontakte beider Nenschenformen stammt aus der Genforschung. Alle heute lebenden Menschen, ausgenommen Afrikaner, tragen etwa 2- 4% der Neandertaler-DNA in sich.4 Das belegt eine Vermischung der Gene außerhalb Afrikas. Es hat eine, wenn auch sporadische, Vermischung statt gefunden. → Artikel: Das Neandertaler-Genom

Bei seiner weiteren Ausbreitung trug Homo sapiens Teile des Neandertalererbgutes in alle neu erschlossenen Gebiete. Die Genanalysen widerlegen die längst überholte multiregionale Theorie, nach der die Menschheitsentwicklung an verschiedenen Orten mit gleichem Ergebnis stattgefunden haben soll. → Artikel: Ab­stam­mungs­li­nien

Kunst und Musik

Der Moderne Mensch brachte hoch entwickelte Kunst nach Europa.5 Früheste Nachweise von Schmuck in Form durchbohrter Schneckenhäuser stammen aus Afrika, etwa 75.000 Jahre BC.6 Anhänger und Perlen, vornehmlich aus Elfenbein, wurden auf die Kleidung genäht oder als Kette getragen.7Artikel: Nadeln Auch durchbohrte Tierzähne, insbesondere Hirschgrandeln, und kleine Schneckenhäuser dienten als Schmuck. Aus der Magdalenahöhle bei Gerolstein stammen verzierte Bruchstücke von mindestens drei Elfenbeinarmringen und weiterer Schmuck. → Artikel: Elfenbeinringherstellung

Durchbohrte Hirschgrandeln, Magdalénien, nach Wikimedia Didier Descouens

↑ Durchbohrte Hirschgrandel, Magdalénien, nach Wikimedia Didier Descouens

Darüber hinaus wurden zahlreiche Kleinplastiken gefertigt, meist Tierdarstellungen. Besonders bekannt ist der fabelwesenartige Löwenmensch aus dem Hohlenstein-Stadel im Lonetal. → Homepage Löwenmensch.

Die vielfach gefundenen „Venusdarstellungen“ mit einem Alter von bis zu 42.000 Jahren stellen nicht nur Kunstobjekte dar, sie sind wohl auch Fruchtbarkeitssymbole. →  Artikel: Venusdarstellungen.

Eindrucksvolle Internetauftritte von Höhlenmalereien: → Grotte Chauvet und → Lascaux. → Artikel: Höhlenkunst. Inzwischen wurden auch mehrere Flöten aus Vogelknochen und Elfenbein gefunden, die einen sicheren Hinweis auf  Musik zu dieser Zeit liefern.

Flöte aus Flügelknochen, Geißenklösterle, Aurignacien

↑ Flöte aus Flügelknochen, Geißenklösterle, Aurignacien

Siedlungsweise

Der Moderne Mensch war äußerst mobil, auf seinen Wanderungen sammelte er Rohmaterialien zur Steingeräteherstellung auf, die teilweise über 200 km weit transportiert wurden. Im Gravettien lebten bis zu 100 Individuen in einer Gruppe, im Aurignacien waren die Gruppen kleiner. Die Gruppen waren zeitweise sesshaft. Tote wurden in der Nähe der Siedlungsstelle rituell mit zahlreichen Grabbeigaben beerdigt. → Artikel: Jungpaläolithische Bestattungen.

Es bestand durch das ganze Jungpaläolithikum hindurch das System Basislager – Jagdlager.8 Das heißt, die gesamte Gruppe wohnte im Basislager, von dort aus brachen Teile der Gruppe als Jagdgesellschaft auf und kehrten nach erfolgreicher Jagd mit der Beute wieder zur Gruppe zurück. Mehrfach wurden auch Behausungsgrundrisse aus Mammutknochen gefunden, ein Zeichen für eine klimatisch bedingte Holzarmut.

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Klingentechnik

Mit dem Jungpaläolithikum verbunden ist die konsequente Anwendung des Klingenkonzepts.9 Klingen kommen zwar auch im Mittelpaläolithikum schon vor, stehen jedoch in ihrer Bedeutung den Abschlägen nach. Im Jungpaläolithikum wurden die Kerne zur Klingenherstellung speziell präpariert. Es wurde ein Leitgrat angelegt, die sogenannte Kernkante. Dadurch wurde die Schlagenergie so geleitet, dass langschmale Abschläge, die Klingen abgetrennt werden konnten. → Artikel: Kernkantenklinge.Klingentechnik

Das Klingenkonzept unterscheidet sich grundlegend von der Levalloisklingenherstellung.10 Klingen sind nun bevorzugte Ausgangsformen für Werkzeuge. Abschläge wurden seltener modifiziert, weisen jedoch oft auch Gebrauchsspuren auf.

Gelegentlich erreichen die Klingen enorme Maße. Eine 56 cm lange Kernkantenklinge aus dem Magdalénien, Etiolles, Dep. Essonne, Frankreich, wurde von einem zwischen 70 und 80 cm langen, etwa 40 kg schweren Klingenkern mit einem 65 cm langen Leitgrad geschlagen.11 Danach folgte eine Klingenserie mit Längen von 40-30 cm.

↑ Klin­gen­kern mit ange­pass­ten Klin­gen, nach Jean-Marc Yvon

↑ Klin­gen­kern mit ange­pass­ten Klin­gen, nach Jean-Marc Yvon

Der „Kleine Prinz“ von Caverna delle Arene Candide, Italien, hielt eine immerhin 23 cm lange Klinge in der Hand.12

"Kleiner Prinz", nach ho visto nina volare

↑“Kleiner Prinz“ mit Riesenklinge, nach ho visto nina volare, Flickr

Jagdwaffen

Erstmalig sind Speere mit Bewehrung nachgewiesen. Mittels Birkenpech wurden Rückenmesser seitlich als Schneide angebracht. Die Speere wurden mittels Speerschleudern verschossen und hatten dadurch eine größere Reichweite als einfache Speere. Die bisher  älteste Speerschleuder, von der sich das Hakenende aus Geweih erhalten hat, stammt aus der Höhle Combe Sauniére, Frankreich, und wurde mit der C-14-Methode auf 19.630 +/- 320 Jahre BC datiert.13 Die Gravettespitzen können ebenfalls Speerbewehrungen gewesen sein und lassen somit eine frühere Verwendung der Speerschleuder vermuten.14 Vielfach wurden  beinerne Geschossspitzen gefunden.15 Neben Rückenmessern treten auch erstmals wirkliche Mikrolithen auf. Es handelt sich um gleich- und ungleichschenklige Dreiecke. → Artikel: Schäftungsweise jungpaläolithischer Dreiecke.

Geschossspitzen, links Spätmagdalénien, Grottes d‘Istruitz, nach Wikiedia Didier Descouens, rechts La Madelaine, nach Wikimedia Rama

↑ Geschossspitzen, links Grottes d‘Istruitz, nach Wikiedia Didier Descouens, rechts La Madelaine, nach Wikimedia Rama

Auch die Erfindung von Pfeil und Bogen fällt in das Jungpaläolithikum, bisher früheste Nachweise datieren ins Magdalénien. Wie auch die Speerschleuder könnte die Bogenwaffe älter sein, die Spitzen von Parpallo werden oft als Hinweis auf Pfeile gesehen.16 Aber auch der hohe Entwicklungsgrad der gefundenen Waffen deutet auf eine Weiterentwicklung primitiverer Vorgänger hin. So waren die Bögen aus astfreien Hölzern zusammengesetzt und die Pfeile bestanden aus Vor- und Hauptschaft, ferner waren sie mit einer Befiederung versehen. An dieser Stelle eine Verlinkung zu einer Dissertation, die sich mit → Schussverletzungen befasst, aber auch auf das Alter von Pfeil und Bogen eingeht.

Obwohl die Temperaturen um 30.000 Jahre BC im Jahresmittel nur wenige Grade unter den jetzigen lagen, sah die Umwelt ganz anders aus als heute. Unsere Gegend war durch eine Grassteppe geprägt, in der → Mammut, Wollhaarnashorn, Wildpferde, Ren, Elch, Eisfuchs, Schneehase und Wolf lebten. Da in den Alpengletschern und an den Polkappen viel Wasser gebunden war, gab es nur wenige Niederschläge und die Landschaft war auch im Winter nur geringfügig mit Schnee bedeckt. So konnten die großen Pflanzenfresser, die an den tiefen Schnee nicht angepasst waren, ausreichend Nahrung finden. Die Pflanzenwelt bestand aus einer kräuterreichen Grassteppe mit einigen Büschen, Sträuchern und vereinzelten Bäumen/Baumgruppen. Die Menschen des frühen Jungpaläolithikums lebten hauptsächlich von der Jagd auf die großen Pflanzenfresser und zum Teil vom Sammeln von wilden Früchten, Wurzeln und Beeren. Sie wohnten in zeltartigen Behausungen an windgeschützten Orten. Jagdlager schlugen sie an Stellen auf, die von Tierherden passiert wurden. Dort zerlegten sie auch die Jagdbeute und trugen die Teile dann zum Hauptlager zurück. Die Lebensweise der altsteinzeitlichen Jäger und Sammler war dem jahreszeitlichen Wechsel der Wildherden angepasst. Die Jagd am Ende der Eiszeit war hoch spezialisiert und oft nur auf ein bestimmtes Tier ausgerichtet. Mit der Speerschleuder verfügte man bereits über eine hochwirksame Jagdwaffe, mit der man ein Rentier mit einem Wurf aus der Distanz erlegen konnte.

Siedlungslücke

Zwischen dem Gravettien und dem Magdalénien klafft eine Lücke von etwa 7.000 Jahren. In dieser Zeit, dem zweiten Kältemaximum der letzten Eiszeit, war nicht nur Nordrhein-Westfalen entvölkert. Die klimatischen Bedingungen während des Hochglazials waren so schlecht, dass weite Gebiete Europas unbewohnbar waren. Mit steigenden Temperaturen und damit besseren Lebensbedingungen kehrten Natur und Mensch allmählich wieder zurück.

steinzeit

↑ Hochglazial,, 20000 BC

Weitere Artikel zum Jungpaläolithikum

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  1. Archäologie Online, Artikel vom 04.11.2011:  vor etwa 43000 bis 45000 Jahren
  2. A. Naica-Loebell, Der moderne Mensch kam durch die Hintertür
  3. Archäologie Online, Homo sapiens wanderte durch feuchte Wüste Arabiens,02.12.2011
  4. Archäologie Online, Wieviel Neandertaler steckt in uns und warum?, 16.09.2011
  5. Kate Wong, The Morning of the Modern Mind, in Scientific American, June 2005, PDF, S.86ff
  6. Kate Wong, Frühe Spuren des menschlichen Geistes, in Spektrum der Wissenschaft, Dezember 2005, PDF, S. 38
  7. siehe dazu Steven L. Kuhn/Mary C. Stiner, Body Ornamentation as Information Technology: Towards an Understanding of the Significance of Early Beads, in Rethinking the human revolution new behavioural and biological perspectives on the origin and dispersal of modern humans, PDF
  8. Jürgen Thissen, 1994, S. 31
  9. Martin Heinen/Willy Schol, Die urgeschichtliche Besiedlung des Mönchengladbacher Raumes, in Loca Desiderata, Köln 1994, S. 136
  10. Jürgen Thissen, Paläolithische und mesolithische Fundplätze im Kreis Neuss, in Fund und Deutung, Neuss 1994, S. 22
  11. Olive Monique, Pigeot Nicole, Taborin Yvette, Yvon Jean-Marc, Tourjour plus longe, une lame à crete exceptionelle à Etiolles (Essonne), in Revue archéologique de Picardie. Numéro spécial 22, 2005. pp. 25-28, PDF
  12. P. B. Pettitt/M. Richards/R. Maggi/V. Formicola, The Gravettian burial known as the Prince (“Il Principe”): new evidence for his age and diet, in Antiquity., 77 (295). pp. 15-19, PDF
  13. Wulf Hein, Die Speeschleuder, S. 2, PDF
  14. Martin Heinen/Willy Schol,1994, S 136
  15. Bolus/Conard, Zur Zeitstellung von Geschossspitzen aus organischen Materialien im späten Mittelpaläolithikum und Aurignacien, in Sonderdruck aus Archäologisches Korrespondenzblatt, 36/2006, Heft 1, S. 1ff, PDF
  16. Jürgen Junkmanns, Präzise und von hoher Durchschlagskraft, in Archäologie in Deutschland, 2004, Heft 6, S. 23, Foto S. 24