Steinwerkzeuge | Steinzeit & Co

Steinwerkzeuge

Altpaläolithikum (Frühmenschen)

Oldowan

Die ältesten bekannten Steinwerkzeuge markieren den Beginn der Steinzeit vor etwa 2,6 Millionen Jahren. Es handelt sich um einfache Abschläge,1 die vorwiegend zur Zerlegung der Jagdbeute genutzt wurden. Sie wurden meist ohne weitere Modifikation benutzt, Retuschen2 kamen nur gelegentlich vor.

Ältere Publikationen bezeichnen verschiedene Kernformen3 als Geröllgeräte, was nicht mehr dem heutigen Forschungsstand entspricht.4 Gebrauchsspurenanalysen belegen lediglich die Nutzung von Abschlägen als Werkzeug.5

Die ältesten Steinwerkzeuge wurden nach ihrem Fundort, Oduvai George in Tansania, von Mary Lea­key als Ol­do­wan­werk­zeuge be­zeich­net. Die Olduvai-Schlucht ist ein Teil des Ostafrikanischen Grabenbruchs; durch Erosion treten dort pleistozäne Ablagerungen zu Tage. Steinwerkzeuge und Humanfossilien können ohne Grabung oberflächlich aufgesammelt werden.

In Südafrika ist mit noch älteren Werkzeugen zu rechnen, da die Paläolgenetik dort die Anfänge der Menschheit vermutet.6 Allerdings liegen dort potentielle Funde tief unter der Oberfläche und sind bisher nicht ergraben worden.

Acheuléen

Im Acheu­léen tre­ten neben einfachen und retuschierten Abschlägen die ers­ten Pro­to­f­aust­keile auf, sie sind etwa 1,8 Mil­lio­nen Jahre alt.7 Protofaustkeile unterscheiden sich deutlich von einfachen Kernen, sie besitzen eine intentionell zugerichtete Spitze und eine stumpfe Basis, Talon.

Mittelpaläolithikum (Neandertaler)

Jungacheuléen

Neben einfachen und retuschierten Abschlägen sind große bis mit­tel­große Schaber8 die häufigsten Werkzeuge. Sie wurden meist aus breit­fla­chen Le­val­loisabschlägen9 gefertigt.

Typisch waren ferner lang­schmale Faust­keile mit kon­ti­nu­ier­lich ver­dick­tem Ende und mas­sive an­nä­hernd breit­drei­eckige For­men. Die Lateralkanten der Faustkeile sind als regelmäßige Schneiden ausgearbeitet.

Es treten auch Levalloisspitzen und gelegentlich lateralretuschierte Klingen10 auf.

Moustérien

Dem Mous­té­rien11 werden einseitig retuschierte Werkzeuge zugeschrieben. Neben Schabern treten Spitzen und retuschierte Klingen auf; Faustkeile fehlen. Meist wird das Mous­té­rien ne­ga­tiv de­fi­niert, d.h. durch Feh­len von Faust­kei­len und anderer bifacieller Formen.

Micoquien

Das Micoquien ist deutlich jünger als das Moustérien. Leit­for­men sind schlanke Faust­keile, häu­fig mit ver­dick­ten Ende, Halb­keile, kleine Faustkeile und Faustkeilblätter. Schaber und Spitzen sind auch hier neben als Werkzeug genutzten Abschlägen und Klingen vertreten. Die häufig auf­tre­ten­den Keil­mes­ser haben beid­sei­tig ge­schärfte Schnei­den und einen ver­dick­ten Rü­cken.

MTA

Etwa parallel zum Micoquien trat das Mous­té­rien de tra­di­tion acheu­léenne auf, kurz MTA. Lang­ge­streckte Ab­schläge mit durch Perl­re­tu­sche ge­stumpf­ter Längs­kante sind ne­ben drei­eckig bis ova­len Faust­kei­len mit um­lau­fend schar­fer Kante ty­pisch. Halb­keile, Fäu­s­tel, Krat­zer, Scha­ber und rü­cken­ge­stumpfte Mes­ser sind häu­fig.

Jungpaläolithikum (Moderner Mensch)

Aurignacien

Im Jungpaläolithikum wurde ein Groß­teil der Werk­zeuge aus Klin­gen ge­fer­tigt. Klin­gen­krat­zer und kan­ten­re­tu­schier­te Klin­gen hatten schneidend-schabende Funk­tion. Sti­chel, aus­ge­split­terte Stü­cke und retuschierte La­mel­len er­gänz­ten zu­sam­men mit bei­ner­nen Ge­schoss­spit­zen den Werk­zeug­be­stand. Die als Kielkratzer, Nasenkratzer und Kielstichel bezeichneten Artefakte sind nach neuen Erkenntnissen keine Werkzeuge, sondern Lamellenkerne.

Gravettien

Im Gravettien tre­ten neue Werk­zeug­for­men auf, Gra­vet­te­spit­zen und Rü­cken­mes­ser. Häu­fig wer­den  Gra­vet­te­spit­zen als mög­li­che Be­weh­rung der Speere von Speer­schleu­dern in­ter­pre­tiert. Bisher fehlen jedoch entsprechende Befunde. Den­noch ist eine Ver­wen­dung als Bewehrung von Spee­ren gut mög­lich, so­gar wahr­schein­lich.

Die Klin­gen­tech­nik wird wei­ter ver­bes­sert; die Zahl der Sti­chel und ein­fa­chen Krat­zer nimmt zu. Selt­sa­mer­weise feh­len bis­her Funde von aus­ge­split­ter­ten Stü­cken im Rhein­land, ob­wohl es ty­pi­sche Ge­räte des Gra­vet­tien sind.

Magdalénien

Auch im Mag­dalé­nien herrschte die Grund­form Klinge vor. Rü­cken­mes­ser, auch Kerb­spit­zen, sind ty­pisch. Kurze Krat­zer, Klin­gen­krat­zer, Sti­chel, Zin­ken und Fein­boh­rer  so­wie aus­ge­split­terte Stü­cke dien­ten vor­nehm­lich der Knochen-, Ge­weih– und El­fen­bein­be­ar­bei­tung.

Spätpaläolithikum

Federmessergruppen

Das Spätpaläolithikum entwickelte sich aus dem Magdalénien, neben Klingen wurden auch Abschläge zu Werkzeugen verarbeitet. Neben Kratzern, Sticheln und Bohrern treten ausgesplitterte Stücke auf. Namen gebend für diese Epoche sind die Federmesser, eine Sonderform von Rückenspitzen.

Stielspitzengruppen

Wäh­rend im süd­li­chen Mit­tel­eu­ropa die Fe­der­mess­er­grup­pen naht­los in das Me­so­li­thi­kum über­gin­gen, ver­ur­sachte der  Tem­pe­ra­tur­rück­gang im Jün­ge­ren Dryas eine tief grei­fende Ver­än­de­rung in Flora und Fauna im Flach­land nörd­lich der Mit­tel­ge­birge; Pferd und Ren­tier kehr­ten zu­rück. Mit der Rück­kehr der Ren­tiere  ent­wi­ckelte sich er­neut eine Gruppe hoch­spe­zia­li­sier­ter Jä­ger. Ihre Le­bens­weise äh­nelte der mag­da­le­ni­en­zeit­li­chen. Das Werkzeuginventar gleicht dem der Federmessergruppen, nur ersetzen die Stielspitzen12 die Federmesser.

Mesolithikum (Jäger, Fischer und Sammler)

Die Ar­te­fakte des Me­so­li­thi­kums zeich­nen sich im All­ge­mei­nen durch ihre ge­ringe Größe aus. Ge­le­gent­lich wird ver­mu­tet, dass die Wiederbewaldung die Su­che nach Feu­er­stein er­schwerte und Urheber der Mikrolithik war.

Diese These ist unsinnig, zu allen Zeiten existierte keine nackte Erde, die die Suche erleichtert hätte. Sobald Eis und Schnee wichen, besiedelten Flechten und Moose die Oberfläche. Auf die Auffindbarkeit geeigneter Steinmaterialien hat die Art der Vegetation keinen Einfluss, entscheidend waren geeignete Aufschlüsse.

Be­trach­tet man je­doch die hohe Mo­bi­li­tät der mesolithischen Gruppen, so ist ein an­de­rer Ge­danke viel ein­leuch­ten­der. Es han­delte sich fast aus­schließ­lich um Kom­po­sitwerk­zeuge, die ei­nen ho­hen tech­ni­schen Ent­wick­lungs­stand be­zeu­gen. Die Aus­beute der Roh­ma­te­ria­lien konnte da­durch um ein Viel­fa­ches ge­stei­gert wer­den. Durch die hoch ent­wi­ckelte Kom­po­sittech­nik war deut­lich we­ni­ger Roh­stoff not­wen­dig; die Gruppe musste nicht ki­lo­schwere Steine mit sich füh­ren, da­durch blieb die Mo­bi­li­tät gewahrt. Zudem konnten auch kleinformatige Rohmaterialien genutzt werden, dadurch standen mehr geeignete Rohmaterialien zur Verfügung.

Die schon im Jung­pa­läo­li­thi­kum ver­ein­zelt auf­tre­ten­den Mi­kro­li­then er­fuh­ren im Me­so­li­thi­kum eine nie wie­der er­reichte Ver­brei­tung. Die Mi­kro­li­then dien­ten größ­ten­teils als Pfeil­be­weh­rung und wur­den als Spit­zen, seit­li­che Schnei­den und Wi­der­ha­ken ver­wen­det. Stichel werden selten, kurze Kratzer sind meist rundum retuschiert, Daumennagelkratzer. In Nordeuropa sind Kern- und Scheibenbeile typisch, in Mittel- und Südeuropa wurden stattdessen Geweihäxte verwendet.

Neolithikum (Ackerbau und Viehwirtschaft)

Ge­ne­rell ist im Neo­li­thi­kum eine deut­li­che Grö­ßen­zu­nahme der Ar­te­fakte in Ver­gleich zum be­son­ders klein­stü­cki­gen Me­so­li­thi­kum zu be­ob­ach­ten. Die nun meist voll­stän­dig über­schlif­fe­nen Fels– und Feu­er­stein­beilklin­gen und Dech­sel­klin­gen hat­ten durch Ro­dungs­tä­tig­keit und Haus­bau ei­nen be­son­ders ho­hen Stel­len­wert.

Sti­chel feh­len im Neo­li­thi­kum gänz­lich, Boh­rer wer­den hin­ge­gen häu­fi­ger. Krat­zer sind nun meist aus Klin­gen oder Ab­schlä­gen ge­fer­tigt und er­set­zen die Dau­men­na­gel­krat­zer weit­ge­hend. Si­chel­ein­sätze mit Ge­brauchs­spu­ren in Form von Po­li­tu­ren (Si­chel­glanz) zeu­gen vom Ein­satz bei der Getreideernte. Pfeile wurden mit Querschneiden oder Pfeilspitzen bestückt.

Die aus zwei Mahlsteinen, Unterlieger und Läufer, bestehenden Schiebemühlen treten ab dem Neolithikum auf und werden erst ab der Latènezeit allmählich durch Rundmühlen ersetzt.

Metallzeiten

Obwohl die Steinzeit definitionsgemäß mit dem Beginn der Bronzezeit endet, waren Steingeräte weiterhin ein wichtiger Bestandteil der metallzeitlichen Werkzeuginventare.

  1. Ein Ab­schlag ist ein durch ei­nen Schlag oder Druck ar­ti­fi­zi­ell und in­ten­tio­nell von ei­nem Roh­stück ab­ge­trenn­tes Ar­te­fakt. Kleine Ab­schläge werden als  Ab­spliss bezeichnet.
  2. Eine Re­tu­sche ist die Form­ge­bung und Stumpfung/Schärfung durch Ab­schläge bzw. Ab­splisse. Pas­sive Kan­ten und Schäf­tungs­be­rei­che wur­den oft ge­stumpft, Ar­beits­kan­ten durch die Re­tu­sche sta­bi­li­siert oder nach­ge­schärft
  3. Ein Kern ist ein prä­pa­rier­tes Roh­stück, das zur Her­stel­lung von Ab­schlä­gen, Klin­gen oder La­mel­len dient. Ent­spre­chend ge­formte Roh­stü­cke kön­nen ohne Prä­pa­ra­tion ab­ge­baut wer­den, seit dem Acheu­léen ist aber eine Prä­pa­ra­tion der Kerne üb­lich.
  4. Ar­ti­kel: Ol­do­wa­n­ar­te­fakte nach Mary Lea­key
  5. Ar­ti­kel: Neu­be­wer­tung der Oldowanindustrie
  6. http://www.steinzeitwissen.de/molekulare-uhr
  7. Mar­tin Vie­weg, Werk­zeug­tech­no­lo­gie neu da­tiert, Bil­d der Wiss­sen­schaft, Ar­ti­kel vom 31.08.2011
  8. Scha­ber be­sit­zen min­des­tens eine re­tu­schierte Längs­kante, seltener ein re­tu­schier­tes Ende. Die Re­tu­sche bil­det eine li­neare, re­gel­mä­ßige Kan­ten­kon­tur. Mit Scha­bern wurde nicht nur ge­schabt, viel­fach hat­ten sie auch eine schnei­dende Funk­tion, Ge­brauchs­spu­ren be­le­gen beide An­wen­dun­gen. http://www.steinzeitwissen.de/artefakttypen/schaber
  9. Bei der Levalloistechnik wird ein Rohstück zunächst durch randliche Negative in Form gebracht. Die seitlichen Negative dienten als Schlagfläche für umlaufende Abschläge, die eine aufgewölbte Fläche formten. Nach oft aufwendiger Präparation des Schlagpunktes erfolgte der eigentliche Zielabschlag.
  10. Klin­gen sind lang­ge­streckte Ab­schläge, die min­des­tens dop­pelt so lang wie breit sind und ei­nen an­nä­hernd par­al­le­len Kan­ten­ver­lauf auf­wei­sen. Be­trägt die Breite ma­xi­mal 1 cm, spricht man von Mi­kro­klin­gen oder  Lamellen.
  11. Gelegentlich wird statt Micoquien der begriff Keilmessergruppen verwendet.
  12. Stiel­spit­zen sind meist aus Klin­gen ge­fer­tigt und be­sit­zen ei­nen durch Re­tu­schen ge­form­ten Stiel. Im Ge­gen­satz zu Kerb­spit­zen ist der Stiel beid­sei­tig durch Re­tu­schen her­aus­ge­ar­bei­tet. Die Re­tu­sche folgt kei­ner fes­ten Re­gel, sie ist über­wie­gend dor­sal, kann aber auch ven­tral oder wech­sel­sei­tig an­ge­legt sein. Der Spit­zen­be­reich kann re­tu­schiert oder un­re­tu­schiert sein, also auch aus ei­ner na­tür­li­chen Spitze be­ste­hen.