Genom-Forschung

Die Erforschung der Genome fossiler Menschenreste ist eine sehr junge Disziplin. Erst seit Kurzem ist man in der Lage, die schlecht erhaltene DNA zu untersuchen. Die bisherigen Untersuchungsergebnisse verschiedener Studien sind als vorläufig zu betrachten. Die wenigen Studien müssen durch weitere Untersuchungen konkretisiert und korrigiert werden, um noch belastbarere Ergebnisse zu erzielen. Dennoch liefern die Genom-Sequenzierungen schon jetzt sehr bedeutende Erkenntnisse zur Evolution und Verbreitung des Menschen.

Das Neandertaler-Genom | Der Denisova-Mensch | Abstammungslinien

Das Neandertaler-Genom

Die Sequenzierung des Neandertaler-Genoms wurde im Jahre 2006 von Svante Pääbo am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig begonnen. Die erste Version des Neandertaler-Genoms von 2010 zeigte, dass alle außerhalb von Afrika lebenden Menschen Gene des Neandertalers besitzen, der Anteil beträgt zwischen 1,5 und 2,1 %.1 Die Genome von Menschen aus Ostasien und Südamerika mehr Neandertaler-DNA als die Genome europäischer Menschen.2

Ein weiteres Ergebnis war die Entdeckung einer neuen Menschengruppe, der Denisova-Menschen, die mit den Neandertalern verwandt waren und Gene an heute in Ozeanien lebende Menschen weitergegeben hatten.3 Die gleiche Studie belegt, dass Neandertaler mindestens 0,5 % ihres Erbguts an die Denisova-Menschen weitergegeben haben; weiter wurde festgestellt, dass die Populationen von Neandertalern und Denisova-Menschen stets klein waren.

Die lange nur vermutete Vermischung von Neandertalern und Modernen Menschen fand tatsächlich statt, sie geschah vermutlich im Nahen Osten. Auch Neandertaler und Denisova-Mensch haben sich vermischt.

Der Denisova-Mensch

Die zufällige Entdeckung des Denisova-Mensch bei der Sequenzierung des Neandertaler-Genoms wirft ein neues Licht auf die Entwicklung des Menschen. Im Jahre 2010 wurde das Fragment eines Fingerknochens aus der Denisova-Höhle in Südsibirien analysiert. Schnell stand fest, dass die mtDNA eine Sequenz aufwies, die von einer bislang unbekannten, alten Menschenform stammen musste.4

Das Ergebnis der Analysen war, dass Denisova-Menschen und Neandertaler eine gemeinsame Herkunft hatten, aber unterschiedliche evolutionäre Richtungen einschlugen; der der Mensch aus Denisova war weder Neandertaler noch moderner Mensch, sondern eine neue Homininenform.5 Am engsten verwandt sind die Denisova-Fossilien mit den Neandertaler-Funden aus der Vindija-Höhle und der Mesmaiskaja-Höhle.6

Die heute lebenden Nicht-Afrikaner tragen kein Erbgut des Denisova-Menschen in sich. David Reich, Leiter der populationsgenetischen Analyse, stellte fest, dass der Denisova-Mensch in Asien weit verbreitet gewesen sein muss,7 neue Studien des Denisova-Genoms belegen, dass die Population „nie über eine längere Zeit sehr groß gewesen (ist).“8

Abstammungslinien

Evolution

nach U. C. Berkeley

Die früheren Forschungsergebnisse, wonach die Denisova-Menschen DNA-Sequenzen mit heute auf südostasiatischen Inseln lebenden Menschen teilen, wurden weiter präzisiert. Die neuen Daten belegen, dass etwa 0,2 % im Genom heute lebender Festland-Asiaten und Amerikanischer Ureinwohner vom Denisova-Menschen stammen.9 Das Genom der Melanesier hingegen besitzt neben einem Anteil von 1,9 und 3,1 % des Neandertaler-Genoms zusätzlich 4,3 bis 5,3 % vom Genom des Denisova-Menschen.10 Weiter konnte belegt werden, dass mindestens 0,5 % im Erbgut des Denisova-Menschen vom Neandertaler  stammt.11

Im Gegensatz zu Neandertalern stammt bei Denisova-Menschen 2,7 bis 5,8 % der DNA von einem Vertreter der Gattung Homo, dessen Genom bisher nicht untersucht wurde. Diese Menschenart existiert jedenfalls schon vor der Trennung von Neandertaler, Denisova-Mensch und Modernem Mensch, möglicherweise handelt es sich um Homo erectus.12 Die mitochondriale Genomsequenz eines 400.000 Jahre alten Homininen aus der Höhle von Sima de los Huesos, Spanien belegt eine Verwandtschaft mit den Denisova-Menschen. Dieser Hominine und die Denisova-Menschen hatten vor etwa 700.000 Jahren einen gemeinsamen Vorfahren. Angesichts ihres Alters und der Ähnlichkeit zum Neandertaler könnten die Homininen aus Sima mit der Population verwandt sein, aus der später sowohl die Neandertaler als auch die Denisova-Menschen hervorgegangen sind.13

Aus dem Vergleich der verschiedenen Genome mit den Abweichungen zwischen Mensch und Schimpansen wurde abgeschätzt, dass sich die Entwicklungslinien des Denisova-Menschen und des anatomisch modernen Menschen bereits vor 1.314.000 bis 779.000 Jahren getrennt haben, während sich die Entwicklungslinien von Homo sapiens und Neandertaler erst vor 618.000 bis 321.000 Jahren endgültig trennten.14

  1. MPI EVA / CS, Knoten im Stammbaum, Archäologie Online Artikel vom 20.12.2013
  2. MPI Leipzig / CS, Neue Erkenntnisse zum Genom des Denisova-Menschen, Archäologie Online Artikel vom 31.08.2012
  3. Archäologie Online Artikel vom 20.12.2013
  4. Archäologie Online Artikel vom 31.08.2012
  5. MPI / AB, Weder Neandertaler noch moderner Mensch, Archäologie Online Artikel vom 27.12.2010
  6. David Reich et al., Genetic history of an archaic hominin group from Denisova Cave in Siberia, in Nature 468, 2010, Seite 1053–1060
  7. Archäologie Online Artikel vom 27.12.2010
  8. Archäologie Online Artikel vom 31.08.2012
  9. Archäologie Online Artikel vom 20.12.2013
  10. Wikipedia/Denisova-Mensch/Genfluss zu Homo sapiens
  11. Archäologie Online Artikel vom 20.12.2013
  12. Archäologie Online Artikel vom 20.12.2013
  13. MPI EVA / AB, Älteste menschliche DNA entziffert, Archäologie Online Artikel vom 06.12.2013
  14. Wikipedia/Denisova-Mensch/Verwandtschaft mit den Neandertalern