Neue Erkenntnisse zum Mesolithikum in Nordrhein-Westfalen

Von Martin Heinen

Nachdem die Erforschung des rheinisch-westfälischen Mesolithikums in den 1970er Jahren durch die Arbeiten von Surendra K. Arora einen spürbaren Aufschwung erlebte, wurde es in der Folgezeit zunehmend ruhiger um die mehr als 4500 Jahre währende Epoche der letzten Jäger und Sammler. Ursache für die lange Jahre andauernde Stagnation der Mesolithforschung war dabei weniger mangelndes Interesse, als vielmehr der meist schlechte Erhaltungszustand der primären Quellen. Bei mindestens 95% der gut 1000 bekannten mesolithischen Stationen in NRW handelt es sich um Oberflächenfundplätze, deren ursprüngliche Strukturen durch häufig Jahrhunderte langes Überpflügen weitgehend zerstört sind. Ihre Aussagekraft ist deshalb eng begrenzt. Zur Verbesserung des Forschungsstandes mangelt es an gut erhaltenen, modern gegrabenen und absolut datierten Fundstellen. Seltene Ausnahmen sind z. B. die gut konservierten Plätze Scherpenseel-Heidehaus und Bedburg-Königshoven im Rheinland sowie jüngst Oelde-Weitkamp und Vreeden in Westfalen. Ungestörte mesolithische Plätze finden sich im Freiland nur dort, wo die Hinterlassenschaften in Geländevertiefungen abgelagert oder nachträglich von Sedimenten überdeckt wurden. Gute Erhaltungsbedingungen weisen in der Regel Flugsanddünen, Hochflutablagerungen, Moor- und Verlandungssedimente sowie kolluvial verfüllte Senken auf. Höhlen und Felsdächer bieten als Sedimentfallen von Natur aus eine gewissen Schutz für archäologische Relikte.

Im Gegensatz zu dem besser erforschten Neolithikum fehlen in NRW die Grundlagen für eine chronologische Gliederung des Mesolithikums. Forschungsergebnisse aus Belgien und den Niederlanden haben jedoch in den letzten Jahren auch bei uns zu neuen Erkenntnissen geführt, vor allem zur jüngeren Hälfte der mesolithischen Epoche.

Heute gilt es als gesichert, dass das Rheinland und Teile Westfalens seit etwa 7400 v.Chr. über mehr als zwei Jahrtausende hinweg dem großen westeuropäischen Kulturkreis des Rhein-Maas-Schelde-Mesolithikums (=RMS-Mesolithikum) angehörten.

Um die Mitte des 8. Jtsds. v.Chr. kam es in weiten Teilen Westeuropoas zu Veränderungen in der materiellen Kultur des Mesolithikums. Mit flächenretuschierten Mistelblatt- und anderen blattförmigen Spitzen sowie flächig bearbeiteten Dreiecken traten neuartige mikrolithische Pfeilbewehrungen in Erscheinung, die heute als Leitform des RMS-Mesolithikums gelten. Die Gründe für die Entwicklung der neuen Waffenspitzen sind für uns kaum nachvollziehbar, doch müssen es über das rein Funktionale hinausgehende Motive gewesen sein.

Auf Grundlage der der unverwechselbaren Mikrolithen lässt sich die Verbreitung des RMS-Mesolithikums auf ein ca. 150000 km² großes Gebiet zwischen der Seine im Süden, dem Ijsselmeer im Norden, dem Atlantik im Westen und dem Rhein-Mosel-Verlauf im Osten bis in die westfälische Bucht hinein eingrenzen. Von den 324 bekannten Fundplätzen entfallen 47 auf das westliche Deutschland. Zum gegenwärtigen Forschungsstand zeigt sich ein Verbreitungsschwerpunkt entlang der niederländischen und belgischen Maas, von wo aus eine bruchlose Fortsetzung der RMS-Stationen ins Rheinland festzustellen ist (Abb. 1).

Die zur Verfügung stehenden Quellen zeichnen das Bild einer westeuropäischen Jäger-Sammler-Bevölkerung, die vom Früh- bis zum Endmesolithikum im Flachland wie auch in den Mittelgebirgen lebte und deren Siedlungsplätze die traditionellen Strukturen und Organisationsmuster zeigen. Sie nutzten in starkem Maße belgischen Wommersom-Quarzit zur Produktion ihrer Steingeräte, zu ihrer Jagdbeute gehörten die im Mesolithikum üblichen Großsäuger Hirsch, Reh, Wildschwein und Auerochse. Neben einer Knochen- und Geweihindustrie, die Schmuck aus durchbohrten Muscheln und Zähnen beinhaltete, legte man in den Siedlungen zu bestimmten Zwecken Gruben an. Die Bevölkerung kannte sowohl Körper- als auch Brandbestattungen und stattete die Körpergräber mit Beigaben aus, was auf Jenseitsvorstellungen schließen lässt.

Wie im gesamten RMS-Gebiet finden sich in NRW sowohl Belege für die frühmesolithische Stufe RMS-A, z. B. Stolberg-Brockenberg, Teveren 115, Haltern II, und Grefrath-Auf dem Bend I, als auch für die spätmesolithische Stufe RMS-B, z. B. Korschenbroich-Ueddinger Broich, Haltern I, Erkelenz 2, Gocher Berg, Goch-Kessel (Abb. 2) und Lüxheim.

Mit dem Beginn des Spätmesolithikums im ersten Drittel des 7. Jtsds. folgte das RMS-Mesolithikum einem europaweiten Trend zur Produktion von regelmäßigen Klingen und trapezförmigen Mikrolithen. Im Laufe einer 200-300jährigen Übergangsphase verdrängten Trapeze und Trapezspitzen die traditionellen mikrolithischen Spitzen, Segmente und Dreiecke. Die flächenretuschierten blattförmigen Spitzen und Dreiecke wurden dagegen ohne Einschränkung beibehalten, was diese als elementaren Teil der RMS-Kultur ausweist.

Im Lauf des 7. Jtsds. kam es zu weiteren Entwicklungen in der Waffentechnik, an denen die RMS-Bevölkerung maßgeblich beteiligt war. Westlich von Rhein und Mosel stattete sie die nun typischen asymmetrischen Trapezspitzen mit einer rechts-schrägen Kantenretusche aus und nach der Wende zum 6. Jtsd. zusätzlich mit einer flachen ventralen Basisretusche, einer „Retouche Inverse Plate“ (RIP). Trapezspitzen des letztgenannten Typs sind bei uns äußerst selten; zurzeit lässt sich mit dem Gocher Berg (Abb. 3) nur eine Belegstation anführen.

Kurz vor Mitte des 6. Jtsds. entstand im RMS-Gebiet eine neue Spitzenform, die „Danubien Spitze“ aus der wenige Jahrhunderte später die asymmetrischen Pfeilspitzen der Bandkeramik hervorgingen. In mesolithischer Tradition stehend, sind die bandkeramischen Pfeilspitzen ein wichtiges Indiz für die kontinuierliche Entwicklung vom Meso- zum Neolithikum.

Mit den „Danubien Spitzen“ und nach wie vor flächenretuschierten Mikrolithen ging das RMS-Mesolithikum in die zweite Hälfte des 6. Jtsds. Radiokarbon-Daten aus dem letzten Viertel dieses Jahrtausends und Funde von Mistelblattspitzen in bandkeramischen Gruben belegen seine Existenz bis in die jüngere Bandkeramik hinein.

Seit etwa 5500-5400 v. Chr. Lag die RMS-Region im Einflussbereich der benachbarten vollneolithischen Kulturen, der Ältesten Bandkeramik und Cardial-Keramik sowie der protoneolithischen Gruppe „La Hoguette“. Dies scheint nicht ohne Folgen geblieben zu sein, denn spätestens ab 5300 begann die RMS-Bevölkerung mit der Produktion einer eigenen Keramik – der Limburger Ware. Zeugnis dieses Prozesses ist die auf belgischen Fundplätzen nachgewiesene Vergesellschaftung von flächenretuschierten Mikrolithen und Limburger Keramik sowie die deckungsgleiche räumliche Verbreitung von RMS-Mesolithikum und Limburger Ware. Dass sich die Entwicklung auch im Rheinland und Teilen Westfalens vollzog, zeigen z. B. die Limburger Fundstellen Langweiler 8, Köln-Lindenthal, Laurenzberg 7, Xanten oder auch Bochum-Hiltrop.

Auf welcher ökonomischen Basis die Bevölkerung der RMS-Region in den letzten Jahrhunderten des 6. Jtsds. existierte, ist noch weitgehend ungeklärt. Es wird angenommen, dass es sich ähnlich wie bei der Gruppe La Hoguette um eine protoneolithische Lebensweise handelte, die möglicherweise mit einem Wanderhirtentum verbunden war. Dass es daneben Bevölkerungsteile gab, die die traditionelle mesolithische Lebensform beibehielten, ist sehr wahrscheinlich. Bis zur vollständigen Neolithisierung des RMS-Gebietes kann von einem Nebeneinander unterschiedlicher Wirtschaftssysteme ausgegangen werden:  Jäger und Sammler lebten neben Hirten und bandkeramischen Bauern. Erst am Ende der Bandkeramik dürfte sich in deren Siedlungsraum die neolithische Wirtschaftsweise vollends durchgesetzt haben. Außerhalb davon lebten aber noch weit bis in das Mittelneolithikum hinein Wildbeuter in mesolithischer Tradition.

M. Heinen, The Rhine-Meuse-Schelde Culture in Western Europe. In: M. Sreet u.a., Final Palaeolithic and Meslithic Research in Reunified Germany. Journal of World Prehistory 15, 4, 2001, 400-403; Ders., The Rhine-Meuse-Schelde Culuture in Western Europe. Distribution, chronology and development. In: C.-J. Kind (Hrsg.),  After the Ice Age. Materialh. zur Arch. in Baden-Württemberg, 78, 2006, 75-86

Alle Abb.: M. Heinen (1: Kartierung LVR [Ch. Duntzel])

Abschrift mit Genehmigung des Autors: Martin Heinen 2010: Neue Erkenntnisse zum Mesolithikum in Nordrhein-Westfalen. In: Otten, Th., Hellenkemper, H., Kunow, J. & Rind, M.J. (Hrsg.) Fundgeschichten – Archäologie in Nordrhein-Westfalen. Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen, Bd. 9, S. 55-58