Das Kirchborchener Erdwerk aus der Michelsberger Kultur

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Wie der Mensch nach Kirchborchen kam

Ausgangspunkt der Besiedlung der Paderborner Hochfläche waren die Paderquellen. Dieser für Siedlungszwecke so geeignete Platz ist bereits kurz nach Abschmelzen der letzten eiszeitlichen Gletscher um 11000 v. Chr. durch Menschen der älteren Steinzeit aufgesucht worden. Eine in Paderborn gefundene Gravettespitze lässt darauf schließen, dass bereits Jäger aus der späten Magdalénien-Kultur an den Quellen der Pader gelagert haben, also zu einer Zeit, wo die Eiszeit gerade vorbei war. Die ältesten Funde liegen am unteren Quellensaum der Hochfläche, die jüngeren Funde umfassen die gesamte Hochfläche. Lagerplätze von Jägern aus der Mittelsteinzeit sind in größerer Zahl bekannt. Die Menschen der älteren und mittleren Steinzeit lebten als Sammler und Jäger unmittelbar von den Erzeugnissen der Natur. Sie jagten wohl auch noch Mammuts, deren Reste in einigen Kiesgruben des Lippetals, aber auch an der Alme gefunden wurden.

Die jahreszeitlich bedingten Wanderungen der Tierherden bestimmten den Lebensrhythmus der damaligen Menschen. Die damalige Landschaft, war vergleichbar mit Tundralandschaften, wie sie heute noch in Regionen wie Kanada zu finden sind. Der Boden war in der Tiefe dauerhaft gefroren. Die Werkzeuge der älteren Steinzeit waren vor allem der Faustkeil, später kamen Pfeile mit steinernen Pfeilspitzen hinzu und Klingen aus Feuerstein und Steinbeile. Noch später tauchten erste Keramikgefäße auf.

Zu Beginn des Alleröd-Interstadials (einer Warmzeit im 12. Jahrtausend v. Chr.) begannen  in dieser Gegend ausgedehnte Wälder aus Kiefern und Birken zu wachsen. Die Jägergruppen der Altsteinzeit mussten sich an die neuen Umweltbedingungen anpassen, die Tiere ebenfalls. Vermutlich starben mit der Bewaldung auch die Mammuts endgültig aus.

Lagerplätze aus der Altsteinzeit wurden auch in der mittleren und jüngeren Steinzeit immer wieder aufgesucht, manche werden zu festen Siedlungsplätzen geworden sein. Denn in der jüngeren Steinzeit begannen die Menschen sesshaft zu werden. Getreidebau, Viehzucht, fester Wohnsitz sind Kulturerscheinungen der Bandkeramischen Kultur. In der Senne wurde aus dieser Zeit ein jungsteinzeitlicher Glockenbecher gefunden. Auch sind einige typische Querbeile aus dieser Zeit gefunden worden. In der Michelsberger Kultur (etwa 4300 bis 3500 v. Chr.) wurden die Menschen nachweislich auch auf der Hochfläche sesshaft und betrieben Ackerbau. Sie wurde um 3500 v. Chr. von der Wartberg-Kultur (etwa 3500 bis 2800 v. Chr.) abgelöst, die sich regional zuerst in Nordhessen und im südlichen Ostwestfalen entwickelte. In dieser Zeit treten erstmalig Bestattungen in Steinkammergräbern auf. Eine große Anzahl von Steinkammergräbern aus der jüngeren Steinzeit findet sich vor allem im Altenautal und auf angrenzenden Höhen.

Das Kirchborchener Erdwerk

Aus der Zeit der Michelsberger Kultur sind im südlichen Ostwestfalen drei Erdwerke bekannt. Im Jahr 2002 wurde in Kirchborchen auf der Höhe zwischen dem Despental und dem Ettelner Tal ein Teil einer solchen, kurz zuvor durch Luftbildarchäologie entdeckten Anlage ausgegraben. Sie zählt damit zu den ältesten menschlichen Bauwerken der Paderborner Hochfläche und ist das älteste auf dem Gebiet der Gemeinde Borchen. Auf einer Höhe von ca. 240 m über dem Meeresspiegel hat man von hier eine herrliche Aussicht in die Westfälische Bucht hinein und bis hin zu den Höhen des Teutoburger Waldes. Das Erdwerk von Oberntudorf/Alfen liegt in Sichtweite. Wasser gab es zwar nicht unmittelbar, aber doch in erreichbarer Nähe, in den Tälern der Altenau und des Ellerbachs, gut möglich, dass auch das Despental noch regelmäßig Wasser führte. Zum Wasser, zum Ellerbach hin sind weitere Fundstellen mit steinzeitlichen Hinterlassenschaften bekannt, aber auch auf der Hochfläche, die sich unbewaldet bis hinunter nach Borchen erstreckt, kann das aufmerksame Auge so manchen Fund entdecken.

Man weiss heute wenig über den Nutzen und die Verwendung dieser Erdwerke, die Interpretationen sind sehr vielseitig, von Viehkral, Versammlungsort, Fluchtburg bis hin zu Kultplatz und Sternenbeobachtungsort. Auf jeden Fall müssen es imposante Bauwerke gewesen sein. Ursprünglich waren es Anlagen, die aus Gräben, Wällen und Palisaden bestanden. Später, um 3000 v. Chr. war ganz Europa mit solchen Bauwerken überzogen. Es sind die ersten Großbauten Europas und vermutlich auch Vorbilder für Anlagen wie Stonehenge. Die Kirchborchener Anlage besaß eine halbkreisförmige Innenfläche (nach Süden hin durch die abfallende Geländekante begrenzt) von ca. 10 Hektar. Durch die Grabungen weiß man, dass das Erdwerk von nur einem Graben umschlossen wurde und durch einige Tordurchlässen erreichbar war. Von den üblichen Wällen und Palisaden ist durch die intensive Landwirtschaft über die Jahrhunderte kein Rest mehr erkennbar. Innerhalb der Erdwerke finden sich in der Regel keine Siedlungsspuren. Bei der Kirchborchener Ausgrabung fanden sich im Graben Tierknochen und menschliche Schädelreste sowie ein rekonstruierbares Gefäß.

Menschliches Werkzeug

Ältestes Zeugnis menschlicher Existenz an der Stelle des Kirchborchener Erdwerks ist ein Werkzeug im Stil der Rücken- oder Federmesserkultur, die im 11.-8. Jahrtausend v. Chr. existierte. Dieses Stück Feuerstein, gefunden auf dem Acker des Erdwerks, kann ein Hinweis darauf sein, dass bereits im Spätpaläolithikum Jägergruppen den Platz kannten. Die Federmesserkultur ging aus der Magdalénienkultur hervor. Die Jägergruppen folgten von ihren ursprünglichen Jagdgebieten in Frankreich den nördlich ziehenden Wildherden, die den vom Eis befreiten Lebensraum neu eroberten. Gut möglich, dass das Kirchborchener Erdwerk auf einem Jahrhunderte alten Lagerplatz aus dieser Zeit gebaut wurde.

Aus der Erde der Äcker im Erdwerk-Bereich brachte der Pflug in den letzten Jahren eine Vielzahl von Feuersteinwerkzeugen und  Abschlägen. Eine zeitliche Einordnung dieser Werkzeuge ist nicht so einfach, einiges spricht aber dafür, dass auch in der mittleren Steinzeit, im Mesolithikum, sich Menschen hier regelmäßig aufhielten.

Die meisten Funde sind naturgemäß aus dem Neolithikum, speziell der Michelsberger Kulturstufe, aus der auch das Erdwerk stammt. Viele der Funde deuten auf eine Besiedlung des Kirchborchener Erdwerks hin. Auch wenn letzte Gewissheit wohl nur eine Grabung bringen wird, ist schon die Funddichte siedlungsrelevanter Werkzeuge etwas Besonderes.

Die meisten Werkzeuge sind aus Feuerstein. Daraus zu schließen, dass vor allem mit Stein gearbeitet wurde, ist allerdings falsch. Der gebräuchlichste Werkstoff der Steinzeit war Holz. Alles, was die Natur zu bieten hatte, wurde auch genutzt. Durch die Jahrtausende haben aber nur die beständigsten Materialien überdauert: Steine. Wie vielfältig Material und Verarbeitung wirklich waren, kann man nur erahnen, wenn man z. B. Ötzi, den Mann vom Hauslabjoch, anschaut. Nur wenige Jahrhunderte jünger als das Kirchborchener Erdwerk bietet die Gletschermumie einen Einblick in jene tiefe Vergangenheit. Kleidung und Ausrüstungsgegenstände der Menschen werden hierzulande nicht wesentlich anders gewesen sein.

Zu den in Kirchborchen gefundenen Werkzeugen

Klopfsteine, sozusagen die Hämmer der Steinzeit, weisen darauf hin, dass hier direkt vor Ort gearbeitet wurde. Meist sind die Klopfsteine rundlich, zylindrisch, mit zwei Schlagflächen oder aber würfelförmig. Griffdellen an den Seiten verbessern die Handhabung. Mit Klopfsteinen konnte man direkt zuschlagen, um z. B. Farbstoffe zu pulverisieren, Nüsse zu knacken und Samen zu zermahlen, oder mittels eines weicheren Zwischenstücks aus Holz, Knochen oder Geweih auch feinere Abschläge von Feuersteinwerkzeugen zu erzielen.

Besiedlung deutet auch eine gehörige Anzahl von Kratzern an. Kratzer waren ein Art Universalwerkzeug, das für viele Tätigkeiten, wie das Glätten und Sägen von Holz, das Enthaaren und Reinigen von Häuten, das Schneiden von Fleisch, das Schaben und Kratzen von Rillen in Geweih, Knochen, Holz, Elfenbein oder Felswände genutzt wurde.

Viele Klingenreste und Abschläge sind im Fundgut ebenfalls enthalten. Zwei Klingenstücke meiner Sammlung weisen Sichelglanz auf. Dieser entsteht beim Schneiden von Gras, Schilf oder Getreide mit zu Sicheln geschäfteten Feuersteinklingen durch die in den Pflanzen enthaltene Kieselsäure, die sich auf den Schneideflächen absetzt. Für eine Sichel wurden mehrere Klingenstücke in eine Rille eines gebogenen Holz- oder Geweihgriffs eingelassen und mit Pech verkittet. Die meisten Klingengeräte waren wohl geschäftet, um die Handhabung und die Wirksamkeit zu verbessern.

Einen Hämatit-Brocken mit deutlichen Reibespuren habe ich ebenfalls aufgesammelt. Hämatit ist ein Eisenoxidmineral, das zu den frühesten vom Menschen genutzten mineralischen Rohstoffen zählt. Hämatithaltige Mineralgemenge werden in archäologischem Zusammenhang gewöhnlich als „Rötel“ oder auch „roter Ocker“ bezeichnet. Der Abbau von Rötel gehört zu den frühesten Bergbauaktivitäten der Menschheit.

Hämatit, zu Pulver zerrieben, färbt die Haut anhaltend rot. Die Verwendung von Rötel reicht bei einigen genuinen Völkern Afrikas bis in die Gegenwart. So benutzen die Frauen der Himbas, einem Hirtenvolk in Namibia, noch heute ein Gemisch aus zerriebenem Rötel und Tierfett zur Körperpflege. Der Gebrauch von Rötel in der Urgeschichte kann vorwiegend im rituellen Bereich angenommen werden; als Symbol für das Blut und damit für das Leben wurde Rötel beispielsweise bei Bestattungsritualen verwendet, in der Höhlenmalerei und zur Körperbemalung. Seit dem Neolithikum diente Rötel auch zur Bemalung von Keramik.

Ebenfalls innerhalb der Kirchborchener Anlage habe ich mehrere Bruchstücke von Mahlsteinen gefunden. Es handelt sich hierbei um Unterlieger einer einfachen Schiebemühle und zwei Läufersteine. Mahlsteine gelten als typisches Gerät der Jungsteinzeit und wurden zum Zerkleinern von Körnern, Wurzeln oder auch Farbe benutzt.

Zu meinen schönsten Funden gehören Beilklingen aus unterschiedlichen Materialien, sowie etliche Pfeilspitzen in z. T. der typischen Michelsberger Tropfenform. Es ist schon ein besonderes Gefühl, wenn man bei Wind und Wetter (und auch mal bei Regen) auf dem Acker steht und ein frisch gefundenes Werkzeug in der Hand hält, welches rund zwei Jahrtausende älter ist, als die Pyramiden in Ägypten. Die gefundenen Werkzeuge vom Kirchborchener Erdwerk sind zusammen mit anderen Steinzeitfunden und Exponaten zur Geschichte von Schloss Hamborn bei mir in einer Vitrine zu bewundern. Ich zeige sie gerne jedem Interessierten.

 Schlusswort

Zum Schluss noch ein Hinweis für alle, die sich durch den Artikel angeregt fühlen, selbst auf die Suche nach steinzeitlichen Relikten zu gehen: Alle Funde sind als bewegliche Bodendenkmäler in NRW grundsätzlich meldepflichtig. Graben dürfen Privatpersonen nicht. Es ist immer ratsam, sofort Spezialisten heranzuziehen, wenn man etwas findet, da man als Laie oft unwissentlich schöne Funde gar nicht beachtet. Ich selbst habe mein erstes gefundenes Steinbeil mehrere Monate in einer Kiste mit eiszeitlicher Endmoräne liegen gehabt (wie auch den Hämatit), ehe ein Fachmann mir den Fund enthüllte. Seit mein Wissen gewachsen ist und mein Blick geschärft, finde ich auch Dinge, die ich früher nie im Leben aufgesammelt hätte.

Christoph Möllmann

Jahrgang 1963, Studium der Literaturwissenschaft, Anglistik, Philosophie und Medienwissenschaften. Seit über 15 Jahren als Verleger tätig.

Adresse: Schloss Hamborn 94

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