Geschichte des Feuers
Das Feuer war von elementarer Bedeutung für die Entwicklung des Menschen. Durch das Garen der Nahrung war es dem Menschen möglich, seinen enormen Energiebedarf zu decken; das Garen führte zu einer besseren Verdaubarkeit von Fleisch. Erst dadurch war das überproportionale Hirnwachstum möglich.
Feuernutzung
Die erste Feuernutzung des Menschen wird wohl die Zähmung von Wildfeuern gewesen sein. Ein natürlich entstandenes Feuer, beispielsweise durch Blitzschlag oder Selbstentzündung wurde vom Menschen genutzt.1 Der Mensch überwand als einziges Lebewesen die Angst vor dem Feuer, das war der erste entscheidende Schritt zur Beherrschung der Umwelt.
Der Mensch setzte das Feuer für seine Zwecke ein, das bedeutete zielgerichtetes Denken und Handeln. Feuerbewahrung setzte Intelligenz voraus. Die Erkenntnis, dass ein Feuer mit trockenem Brennmaterial gefüttert werden musste, erforderte ein komplexes Denken. Der Mensch wird wohl auch durch leidvolle Erfahrungen gelernt haben, dass ein Feuer gehütet werden musste. Außer Kontrolle geratene oder über Nacht erloschene Feuer könnten erste Fehlschläge gewesen sein. Mit der Zeit lernte der Mensch, ein Feuer zu bewachen und zu unterhalten. Ob die Feuernutzung kontinuierlich erfolgte oder nur zeitweise, ist ebenso ungeklärt, wie der Zeitpunkt der ersten Nutzung.
Es gibt zahlreiche Meinungen bezüglich der ersten belegten Feuernutzung. Älteste Nachweise weisen die Feuernutzung dem Homo Habilis und sogar den Australopithecinen zu. Dabei handelt es sich aber durchweg um umstrittene und offensichtlich nicht haltbare Belege. So sind Koobi Fora in Kenia, Swartkrans in Südafrika, Yuanmou und Gongwangling in China und Sandalja 1 in Kroatien prominente Vertreter solcher Spekulationen.
Der älteste, hinreichend gesicherte Befund ist etwa 790 Tausend Jahre alt. In Israel wurde bei Gesher Benot Ya´aqov eine dem Homo Erectus zugeordnete Feuerstelle gefunden. Der Nachweis wird über verbrannte Steinartefakte und menschliche Nahrungsreste erbracht.2 Eine Untersuchung von über 23000 Samen und Fruchtresten sowie 50000 Holzstücken an der Fundstelle ergab, dass nur 2% der Holz– und Feuersteinstücke verbrannt waren. Ähnliches galt für die Samen und Fruchtreste. Damit kann mit großer Sicherheit ein natürliches Feuer oder Blitzschlag ausgeschlossen werden.
Als weiteres Indiz für Feuernutzung wird die Besiedlung des nordalpinen Europas betrachtet. Ohne Feuer wäre es über sehr lange Zeiträume schlichtweg zu kalt gewesen, um zu überleben.
Feuerbewahrung
Einen zwar sehr jungen, dennoch hoch interessanten Nachweis der Feuerbewahrung finden wir beim Mann von Hauslabjoch, „Ötzi“ genannt. Er führte ein Birkenrindengefäß mit sich, in dem er glühende Holzstücke, zur Isolation in frische Blätter gepackt, aufbewahrte. 3
Anscheinend hatte er Teile seines Feuerzeuges verloren und war deshalb gezwungen, auf die Feuerbewahrung zurück zu greifen. Die gerissene Gürteltasche enthielt eine schwarze Masse, die als Trama des Fomes fomentarius — das Fruchtfleisch des echten Zunderschwamms — identifiziert werden konnte. In dieser Masse fanden sich auch Schwefelkiesflitter, ein unzweifelhafter Hinweis auf die frühere Existenz eines Schlagfeuerzeuges. Allerdings fehlten sowohl der Funkenspender als auch der Funkenlöser, sprich Schwefelkiesknolle und Feuerschlagstein; sie gingen ihm zu Lebzeiten verloren. Keines seiner mitgeführten Feuersteingeräte wies die typischen Gebrauchsspuren in Form von Verrundungen auf. 4. Offensichtlich war der Mann vom Hauslabjoch zwar zeitweise im Besitz eines Schlagfeuerzeugs gewesen, der Verlust der Schwefelkiesknolle zwang ihn jedoch, Glut für ein Feuer mit sich zu führen.
Feuererzeugung
Die Entdeckung, dass heiße Funken ein Feuer entzünden können, ist möglicherweise einem Zufall zu verdanken. Womöglich entstanden bei der Steingeräteherstellung plötzlich Funken, weil der „Schlagstein“ aus Schwefelkies bestand. Ein weiterer Zufall ließ Funken auf leicht brennbares Material fallen und führte so zu seiner Entzündung. Damit war das Schlagfeuerzeug entdeckt worden. Der Mensch hatte nun die Möglichkeit, das Feuer nicht nur zu bewahren, sondern jederzeit selbst zu entzünden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurde Schwefelkies nun gezielt gesucht und aufgesammelt. Damit war die lebensbedrohende Kälte besiegt, die Natur wurde beherrschbarer.
Es existieren die verschiedensten Methoden, Feuer zu erzeugen. Neben neuzeitlichen, wie Streichhölzern — seit 1827, Brennglas, Kompression u.a. gibt es auch urtümlichere Arten der Feuererzeugung. Feuerpflügen, –hobeln und –sägen beruhen auf dem gleichen Prinzip und werden teilweise noch heute von rezenten Kulturen angewendet. Wie beim Feuerbohren beruht die Methode in der Erzeugung von Reibungswärme, Friktionsfeuerzeuge.
Steinzeitliche Feuererzeugung
Im allgemeinen werden zwei Methoden der Feuererzeugung für die europäische Steinzeit angenommen — das Feuerschlagen und das Feuerbohren. Obwohl es für Letzteres keinen zweifelsfreien Nachweis gibt, wird diese falsche Darstellung immer wieder publiziert, auch in der Fachliteratur.

“Erfindung der Feuer-Erzeugung” Zeichnung v. Fidus, in Driesmans, Mensch der Urzeit. Taf. I. 1907
Hingegen sind sehr frühe Hinweise auf Perkussionsfeuerzeuge schon im 19. Jahrhundert bekannt geworden. Es handelt sich um Schwefelkiesknollen, vornehmlich Höhlenfunde. Diese Knollen stammen aus dem Mittel– und dem Jungpaläolithikum und wurden zu den Siedlungsplätzen transportiert. Ein natürliches Vorkommen ist an den Fundstellen ausgeschlossen. Der Beleg aus dem Mittelpaläolithikum, eine halbierte Schwefelkiesknolle aus einer schweizerischen Höhle, weist keine Gebrauchsspuren auf, weshalb die Deutung als Bestandteil eines Kompositfeuerzeuges zwar nicht gesichert, aber sehr wahrscheinlich ist.
Der älteste, durch eindeutige Gebrauchsspuren gesicherte Fund wurde 2004 beschrieben.5 Der Fund stammt aus der Aurignacienfundschicht V der Vogelherdhöhle und ist auf 32. 000 Jahre vor heute datiert worden. Es handelt sich um den bisher ältesten Nachweis der Feuererzeugung weltweit. Die Knolle weist einen nahezu komplett umlaufenden Bereich mit zerstörten Kristallen auf, diese bandförmige Zerrüttungszone stammt von einer aktiven Nutzung.
Weitere, deutlich ältere Funde aus dem Mittelpaläolithikum sind für die Zukunft nicht auszuschließen. Hunderte weiterer Funde von Schwefelkiesknollen aus dem Mesolithikum und Neolithikum mit Gebrauchsspuren, sowie eindeutig bestimmbare Feuerschlagsteine aus Feuerstein und Zunderfunde belegen eine ungebrochene Tradition des Feuerschlagens in Europa. Nachweislich seit der Römerzeit wurde der Schwefelkies vom Eisen als Funkenspender verdrängt, der Quarzit ersetzte häufig den Feuerstein, auch der Funkenfänger wurde teilweise durch andere Materialien ersetzt. Dennoch blieb das Schlagfeuerzeug bis zur Erfindung der Streichhölzer 1827 und auch darüber hinaus in Benutzung.6 Damit handelt es sich um ein Gerät, welches wie kein anderes in der Menschheitsgeschichte über die verschiedensten Entwicklungs– und Kulturstufen hinweg genutzt wurde!
Bedeutung des Feuers
Im Fleisch sind die Nährstoffe in hoch konzentrierter Form vorhanden. Um eine adäquate Proteinversorgung zu erreichen, wären Unmengen von Pflanzenkost notwendig gewesen. Selbst eine beständige Nahrungsaufnahme hätte lediglich den täglichen Bedarf gedeckt, der Mensch hätte jedoch sein Leben mit Kauen verbracht, ohne die Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln.7
Erst die Nahrungsumstellung und das Garen von Fleisch erschloss neue Nährstoffe und ermöglichte so den überproportionalen Hirnzuwachs des Menschen.8 Homo habilis und Homo rudolfensis ernährten sich zunehmend von Fleisch, das ist durch Veränderungen an Gebiss und Gehirn nachgewiesen. Die Zunahme der fleischlichen Nahrungsgrundlage ist hier ausschlaggebend.9 Mit dieser Nahrungsumstellung war der Grundstein zur Menschheitsentwicklung gelegt.
Neben dem Evolutionsvorteil in Bezug auf die Hirnentwicklung hat das Erhitzen der Nahrung weitere Vorteile. So wird das Fleisch bekömmlicher, leichter verdaulich und schmackhafter. Außerdem wurde es haltbarer, durch das Braten oder Räuchern wurde eine zumindest kurzfristige Konservierung erreicht. Auch leicht verdorbenes Fleisch wurde durch Erhitzen bekömmlich, Krankheitserreger wurden abgetötet, das erhöhte ebenfalls die Überlebenschancen.
Eine weitere Folge der verbesserten Versorgungsgrundlage ist die dadurch gewonnene Zeit. Der Mensch war fortan nicht mehr ausschließlich mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Durch den Zeitgewinn konnte er sich anderen Dingen widmen, das förderte die geistige Entwicklung. Gleichzeitig wurde auch die Sprachentwicklung gefördert, denn Kommunikation erfordert Verständigung. Am abendlichen Feuer, nach Verrichtung der überlebensnotwendigen Tätigkeiten hatte man zusätzliche Zeit. Dieser Umstand wird bei der Entwicklung von Sprache eine äußerst wichtige Rolle gespielt haben, denn erst dadurch war die nicht primär überlebenswichtige Kommunikation wirklich möglich.
Wichtig im Zusammenhang mit Licht und Rauch ist die „Sichtbarkeit“ der Gruppen. Dadurch wurde in entscheidendem Maße die Kommunikation und damit der Austausch der vereinzelt lebenden Gruppen erleichtert. Dadurch wurde neben der Sprachentwicklung auch der Technologietransfer gefördert. Das Feuer bietet viele weitere Vorzüge. So spendet ein Feuer Wärme, das spart Kalorien und ist bei schlechter Versorgungslage ein wichtiger Überlebensfaktor. Zudem können auch kältere Regionen besiedelt werden, die Winter werden erträglicher.10
Die Feuernutzung ist bei der Herstellung von Birkenpech unabdingbar, bisher älteste Nachweise werden auf 120000 vor heute datiert. Der komplexe Vorgang der Birkenpechherstellung deutet darauf hin, dass Feuer jederzeit zur Verfügung stand, ein Hinweis auf die Beherrschung der Feuererzeugung. Die jungpaläolithischen Höhlenmalereien wären ohne Feuer als Lichtquelle nicht möglich gewesen. Funde von zahlreichen Fettlampen in den Höhlen von Lascaux und La Mouthe belegen die Feuernutzung.11 Ob Feuer gezielt bei der Jagd auf Tiere verwendet wurde, wie beispielsweise bei den australischen Aborigines, entzieht sich unserer Kenntnis, ist jedoch gut vorstellbar.
Danksagung
An dieser Stelle danke ich Herrn Jürgen Weiner MA recht herzlich für die Ergänzung und Korrektur dieses Skriptes. Herr Weiner ist Wissenschaftler, beschäftigt beim LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, Aussenstelle Nideggen.
- Klima, Begleitbuch zur Ausstellung Klima und Mensch. Leben in Extremen, Münster, 2006, S. 35 ↩
- Daniel Richter et al, Phantom heards and the use of fire at Gesher Benot Yaáqov, Israel, in PaleoAnthropology, 2007: 1−15, 2007, PDF ↩
- Konrad Spindler, Der Mann aus dem Eis, München, 1993, S.114 ff ↩
- ders., S 126 ff ↩
- Jürgen Weiner/Floss,H., Eine Schwefelkiesknolle aus dem Aurignacien vom Vogelherd, Baden-Würtemberg — Zu den Anfängen der Feuererzeugung im europäischen Paläolithikum, Archäologische Informationen 27/1, 2004, S 59 ff ↩
- Jürgen Weiner, Feuerschlagsteine und Feuererzeugung, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 944ff ↩
- (Richard Wrangham: Feuer fangen. Wie uns das Kochen zum Menschen machte – eine neue Theorie der menschlichen Evolution. DVA Verlag, 2009) ↩
- M. Bolus/R. W. Schmitz, Der Neandertaler, Ostfildern, 2006, S. 100 ↩
- Leonard in Spektrum der Wissenschaft, 5/2003 ↩
- Jürgen Weiner, Monopol der Menschheit, in Archäologie in Deutschland, Schwerpunkt Feuer, Heft 4, 2006, S. 28 ↩
- Chr. Heinrich Wunderlich, Und es ward Licht, in Archäologie in Deutschland, Schwerpunkt Feuer, Heft 4, 2006, S. 33 ↩







