Wallnerlinien | Steinzeit & Co

Wallnerlinien

Wallnerlinien

Wallnerlinien, auch Schlagwellen genannt, treten nicht nur an Artefakten auf, sie können auch an Frostscherben und Pseudoartefakten auftreten, die nicht geschlagen wurden. Daher ist der Begriff Schlagwellen irreführend und sollte nicht verwendet werden. Abhängig von Abtrennungstechnik und Materialeigenschaften sind Wallnerlinien unterschiedlich stark ausgeprägt.

Bei den Wallnerlinien handelt es sich um Interferenzerscheinungen bei der Bruchausdehnung.1 Die zur Abtrennung führende Energie breitet sich im Gestein wellenförmig aus, ein ins Wasser geworfener Stein erzeugt ein ähnliches Bild.2 Wallnerlinien sind konzentrisch zum Punkt der Energieeinwirkung ausgerichtet, die konkave Seite zeigt zu diesem Punkt hin.3

Frostscherbe mit kreisförmigen Wallnerlinien

Frostscherbe mit kreisförmigen Wallnerlinien

So kann bei Artefakten die Abtrennrichtung erkannt werden, Kerne tragen das Negativ, die abgetrennten Grundformen das Positiv der Wallnerlinien.4 Doch nicht immer sind die Wallnerlinien zu erkennen, so zeigen glasige Feuersteine und Odsidian die Wallnerlinien in der Regel deutlicher als inhomogene Feuersteine und Quarzite.5 Nordischer Feuerstein zeigt Wallnerlinien meist deutlicher als Westischer Feuerstein, Quarzit und Hornstein zeigen kaum Wallnerlinien.6 Auch die Art der Energieeinwirkung führt zu unterschiedlichen Ausprägungen der Wallnerlinien.

Direkt oder indirekt weich geschlagene Artefakte zeigen oft deutliche Wallnerlinien, da das Schlagmedium eine Verlängerung des Energieimpulses verursacht.7 Ausgesplitterte Stücke zeigen ebenfalls häufig stark ausgeprägte Wallnerlinien,8 da die Energieeinwirkung durch die harte Unterlage verstärkt wird. → Artikel: Ausgesplitterte Stücke

gepunchter Kern

Untersicht gepunchter Kern mit deutlichen Wallnerlinien

Bei hart geschlagenen Grundformen hängt die Ausbildung der Wallnerlinien von der Größe und Beschaffenheit des Schlagsteins und der Geschwindigkeit und Kraft des Schlages ab. Beides zusammen ergibt die Schlagenergie – Masse mal Beschleunigung ergibt die Kraft.9 Je größer die Kraft, desto deutlicher in der Regel die Wallnerlinien.10

Da die Stärke der Wallnerlinien auch von den Materialeigenschaften des gespaltenen Materials abhängt, kann aus diesem Merkmal allein bei Artefakten nicht auf die Schlagtechnik geschlossen werden. Dagegen können Geo- und Pseudoartefakte, die durch hohen Druck und Quetschung entstanden sind, oft sicher erkannt werden. Sie zeigen häufig sehr kräftige, stufige Wallnerlinien.11 Das ist ein sicheres Merkmal für eine nicht-artifizielle Abtrennung, Artefakte zeigen nie einen derartigen Habitus.

Pseudoartefakt

Pseudoartefakt aus dem Brecher eines Kieswerkes mit stufigen, extremen Wallnerlinien

Ein ähnliches Ergebnis liefert ein Trennschlag mit einem Metallhammer. Heftige Kollisionen mit landwirtschaftlichen Maschinen etc. zeigen das gleiche Bild. Die Wallnerlinien sind sehr deutlich zu erkennen, stark ausgeprägt und nahezu perfekt konzentrisch; der Bulbus fehlt. Das folgende Beispiel stammt aus einem neuzeitlichen Steinbruch, in dem Feuerstein mit hartmetallbestückten Metallhämmern zugeschlagen wurde.

Mit Metallhammer geschlagener, großer Abschlag

Mit Metallhammer geschlagener, großer Abschlag

 

  1. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 26
  2. Harald Floss, Grundbegriffe der Artefaktmorphologie und der Bruchausdehnung, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 121
  3. Joachim Hahn, 1991, S. 31
  4. Harald Floss, 2012, S. 121
  5. Harald Floss, 2012, S. 121
  6. Lutz Fiedler, Formen und Techniken neolithischer Steingeräte aus dem Rheinland, in Rheinische Ausgrabungen, Band 19, Beiträge zur Urgeschichte des Rheinlandes III, Köln, 1979, S. 66
  7. vergl. Joachim Hahn, 1991, S. 131
  8. Harald Floss, 2012, S. 121
  9. Wikipedia Kraft
  10. Harald Floss, 2012, S. 120
  11. Joachim Hahn, 1991, S. 44 und 52