Pseudoretuschen

Unter dem Begriff Pseudoretuschen werden hier alle Kantenbestoßungen zusammengefasst, die nicht artifiziell und intentionell entstanden sind. Kantenaussplitterungen können durch verschiedene Mechanismen entstehen, neben Sedimentdruck könnnen Gefriervorgänge im Boden zu Turbationen führen, die sog, Kryoretuschen verursachen können. Auch Gletscher- und Flusstransport kann zu Aussplitterungen an den Kanten führen. Die weitaus häufigsten Ursachen für Kantenaussplitterungen bei Oberflächenfunden sind landwirtschaftliche Geräte. Bei der Feldarbeit wird der Boden durch verschiedene Maschinen umgesetzt, Pflug, Grubber, Kreiselegge etc. Dadurch kommen Artefakte mit mehr oder weniger scharfen Metallkanten in Kontakt, was zu Kantenausbrüchen führen kann. Nicht nur Artefakte werden so an den Kanten bestoßen, gleiches gilt auch für Thermo-, Geo- und Pseudoartefakte. Diese wirken dann oft retuschiert und täuschen so einen Artefaktcharakter vor. Eine durch maschinelle Einwirkung erfolgte regelmäßige Kantenbestoßung wird im Folgenden als Pflugretusche bezeichnet, andere Formen werden als sonstige Bestoßungen bezeichnet.

– Pflugretuschen

Die hier als Pflugretusche bezeichnete Form maschineller Bestoßung zeichnet sich durch einen kontinuierlichen, relativ regelmäßigen Verlauf von Bestoßungen aus, der artifiziellen Retuschen sehr ähnlich sieht. Wie schon erwähnt, können Pflugretuschen natürliche Stücke und Artefakte in ihrem Erscheinungsbild verändern. Die Artefakte können retuschierte Werkzeuge oder unretuschierte Grundformen sein. Hier werden zunächst Stücke beschrieben, die keine artfizielle, intentionelle Retusche aufweisen. Typisch sind unter anderem L-förmige Kerben, teilweise mit Brüchen kombiniert, stichelartige Abscherungen und perlretuschenartige Aussplitterungen an Bruchkanten.1

Artikel: Pseudobuchten

Artikel: Pseudokerben

– Kryoretuschen

Durch sich wiederholende Gefrier- und Auftauprozesse kommt es zu Frosthebungen von Steinen bestimmter Größe. Dabei werden kleine Steine nicht so stark angehoben wie größere Exemplare, es kommt zu einer Sortierung von Grob- und Feinmaterial,2Frostsortierung.3 Dadurch können Steine im Boden so aneinander gedrückt werden, dass sie brechen oder die Kanten beschädigt werden, sprich aussplittern. Die Retuschen können sehr regelmäßig sein und aus gleich großen, parallelen Negativen bestehen. Sie unterscheiden sich von artifiziellen Retuschen durch den steilen Winkel von bis zu 90° und übersteilte Grundretuschen, darüber hinaus können die Grate durch die Bewegung im Sediment bestoßen oder abgerollt wirken.4

– GSM-Retuschen

Die Abkürzung GSM-Retuschen steht für Gebrauchs-, Sediment- und Museumsretuschen.

Gebrauchsretuschen entstehen durch die Benutzung von Artefakten als Werkzeug. Die dabei auftretenden Kantenbeschädigungen sind artifiziell, aber nicht intentionell. Sie greifen selten weit auf die Fläche, sind meist partiell und häufig alternierend, erstrecken sich also auf die Dorsal- und Ventralfläche.5

Sedimentretuschen zeigen ein ähnliches Erscheinungsbild, sie greifen selten weit auf die Fläche und sind meist nur partiell. Sie können natürlich entstehen durch Sedimentdruck, aber auch artifiziell, nicht-intentionell durch Begehung von Oberflächen durch Menschen, beispielsweise auf Siedlungsplätzen, insbesondere in Höhlen mit felsigem Untergrund.6

Museumsretuschen sind Kantenbeschädigungen, die durch unsachgemäßen Umgang mit Artefakten entstehen. Diese Beschädigungen können schon bei der Grabung stattfinden, bei der anschließenden Dokumentation, Lagerung oder bei Ausstellungen,7 auch bei Sammlern können solche Beschädigungen entstehen.

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  1. Clemens Pasda, Lateralretuschen, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 473 und 474 Abb. 7
  2. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S.45
  3. Clemens Pasda, 2012, S. 472
  4. Joachim Hahn, 1991, S.129
  5. Joachim Hahn, 1991, S.129
  6. Joachim Hahn, 1991, S.129
  7. Joachim Hahn, 1991, S.129f