Pseudokerben | Steinzeit & Co

Pseudokerben

Sowohl an Artefakten, als auch an Geo-, Thermo- oder Pseudoartefakten können durch Landmaschinen, natürliche Prozesse etc Ausbrüche entstehen, die Retuschen ähneln. Gelegentlich entstehen dabei Zonen, die Kerben gleichen, sodass der Eindruck eines intentionell gekerbten Artefaktes entsteht. Diese nicht-artifiziellen Kerben werden hier als Pseudokerben bezeichnet. Bei genauer Betrachtung sind oft deutliche Unterschiede zwischen artifiziellen Kerben und Pseudokerben zu erkennen.

Links artifizielle Kerbe; Rechts Pseudokerbe an artifiziellem Klingenfragment

↑ Abb.1: Links artifizielle Kerbe, rechts Pseudokerbe an artifiziellem Klingenfragment, Fin­der Ro­bert Grüttner

Artifizielle Kerben können intentionell und nicht-intentionell entstanden sein. Bei der Kerbtechnik wird zunächst artifiziell und intentionell eine Kerbe angelegt, um beispielsweise geometrische Mikrolithen herzustellen. → Artikel: Kerbtechnik.

Kerben können aber auch angelegt worden sein, um beispielsweise Knochennadeln zu glätten. Darüber hinaus können Buchten und Kerben auch nicht-intentionell beim Werkzeuggebrauch entstehen. Die lateralretuschierten Klingen des Aurignacien weisen oft Buchten auf, die mutmaßlich durch die intensive Benutzung eines Teilabschnitts der Arbeitskante entstanden sind. Es ist wahrscheinlich, dass es sich um Gebrauchsspuren handelt, die nicht intentionell sind. Eine eindeutige Trennung von intentionellen Buchten ist jedoch meist nicht möglich, da sich in diesen Fällen Gebrauchsspuren und Retuschen kaum unterscheiden.1

Artifizelle Kerbe

↑ Abb.2: Artifizelle Kerbe, vermutlich zur Herstellung einer einfachen mikrolithischen Spitze angelegt, Detail aus Abb.1 links

Der vergößerte Abschnitt zeigt gestaffelte Retuschen. Zunächst wurde eine Serie relativ kräftiger Retuschen angelegt, die teilweise durch feinere Retuschen überprägt sind. Eine Serie kleiner Aussplisse glättet den Kantenverlauf. Diese Kerbe ist durch mindestens drei Serien unterschiedlicher Retuschen geformt worden. Damit liegt eine artifizielle, intentionelle Kerbe vor, maschinelle oder natürliche Bestoßungen hinterlassen keine regelmäßig gestaffelten Serien, wie die nachfolgende Abbildung zeigt. Zudem weisen die Retuschen die gleiche Färbung wie die restliche Oberfläche auf. Das ist ein Hinweis auf die Gleichzeitigkeit von Herstellung der Grundform und ihrer Modifikation. Unterschiedliche Patina oder verschieden stark ausgeprägter Glanz hingegen weisen auf unterschiedliche Entstehungszeiten hin. Auch frisch geschlagen wirkende Negative mit scharfkantigen Graten an leicht verrundeten Stücken deuten auf rezente Beschädigungen hin.

Pseudokerbe

↑ Abb.3: Pseudokerbe, vermutlich durch landwirtschaftliche Maschine entstanden, Detail von Abb.1 rechts

Abbildung 3 zeigt eine abrupt endende Kerbe. Es sind weit auf die Fläche greifende Negative sichtbar, die an der Basis ausgesplittert sind. Die flachen Aussplitteungen erzeugen keine stabile Arbeitskante, die Kerbe eignet sich nicht als Funktionsbereich. Auch bei Anwendung der Kerbtechnik wäre die Kerbe steil retuschiert worden, um einen Mikrolithen mit einer Steilretusche zu erhalten.Auch das abrupte Kerbenende ist ein Indiz für eine Pseudoretusche. Ein Großteil wird durch ein stichelschlagähnliches Negativ geformt, ein Stichelschlag an dieser Stelle ergäbe aber keinen Sinn. Es handelt sich um eine Bruchfläche, die entstand, als die Kerbe eingetieft wurde. Auch die fehlende Patina der Ausbrüche belegt zumindest eine große Zeitspanne zwischen dem Schlagen der Grundform und den Ausbrüchen.

Krafteinwirkung

↑ Abb.4: Schematische Darstellung der einwirkenden Kraft

In Abbildung 4 ist der ursprüngliche Verlauf der Lateralkante angedeutet. Das graue Dreieck entspricht etwa der fehlenden Fläche. Sehr gut ist bei den flachen Negativen zu sehen, dass sie mit zunehmender Eindringtiefe länger und breiter werden. Das untermauert eine These eines landwirtschaftlichen Gerätes als Verursacher der Kerbe.

Trifft eine Metallkante bei der Bodenbearbeitung auf ein Hindernis, das fest im Boden eingelagert ist und nicht zur Seite geschoben wird, baut sich an der Kontaktzone ein Druck auf. Bei dem Klingenfragment aus Abbildung 4 war die Lateralkante die Kontaktzone. Dadurch wurden erste kleine Aussplitterungen erzeugt. Mit zunehmender Eindringtiefe steigt der Widerstand gegen die Krafteinwirkung, das hat einen höheren Druck zur Folge, der wiederum größere Aussplitterungen verusacht, die Pfeile zeigen den Bereich an. An einem gewissen Punkt ist der auf die Kante einwirkende Druck so hoch, dass der Stein zur Seite geschoben wird. Das wird auch hier der Fall gewesen sein, während der Drehung ist der stichelschlagähnliche Bruch erfolgt.

Ist der Auftreffwinkel oder Widerstand im Boden geringer, ergeben sich flache Buchten. → Artikel: Pseudoretuschen

  1. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 204