Pseudobuchten

Abschlag mit Pflugretusche

Abschlag mit Pflugretusche

Es gibt ver­schie­dene An­halts­punkte, die bei dem oben abgebildeten Stück für eine Pflug­re­tu­sche spre­chen. Der Ab­schlag weist meh­rere Stel­len mit Aus­split­te­run­gen auf, die keine durch­ge­hende Arbeitskante bilden.

Es han­delt sich da­bei um bucht­ar­tige Be­rei­che, die la­te­ral und ter­mi­nal lie­gen. Ar­ti­fi­zi­ell an­ge­legte Buch­ten lie­gen aus Grün­den der Hand­ha­bung meist la­te­ral, ab­ge­se­hen von hohl-endretuschierten Stü­cken.

Ein Groß­teil der Aus­split­te­run­gen greift auf die Ven­tral­flä­che. Ein wei­te­rer Hin­weis auf nicht-artifizielle Re­tu­schen, denn na­hezu re­gel­haft wur­den Ar­te­fakte nach dor­sal re­tu­schiert — bi­fa­ci­elle Stü­cke na­tür­lich ausgenommen.

Die un­ter­schied­li­che Größe der Buch­ten könnte mit verschiedenen Querschnitten der zu be­ar­bei­tenden Ma­te­ria­lien zusammenhängen. Allerdings muss eine Bucht nicht den Querschnitt des zu bearbeitenden Materials besitzen, eine Kerbe mit einem großen Radius reicht vollständig aus, so weisen die meisten gebuchteten Artefakte auch nur eine Bucht auf. Der un­re­gel­mä­ßige Kan­ten­ver­lauf der Buch­ten hin­ge­gen ent­spricht nicht dem Bild ei­ner ar­ti­fi­zi­el­len Retusche.

Bei nä­he­rer Be­trach­tung der gro­ßen Bucht fällt auf, dass die Aus­split­te­run­gen klein be­gin­nen, zur Mitte hin län­ger wer­den und am Ende quasi auf Null aus­lau­fen. Das ist ein ty­pi­sches Er­schei­nungs­bild von Pflug­re­tu­schen. Sie ent­ste­hen, wenn ein land­wirt­schaft­li­ches Ge­rät seit­lich mit ei­ner Me­tall­kante auf das Ar­te­fakt trifft. Der Druck steigt durch die Be­we­gung der Ma­schine an, da­durch wer­den die Aus­split­te­run­gen grö­ßer. Mit der Größe der Aus­split­te­run­gen wächst auch der Wi­der­stand, ist er grö­ßer als der des um­ge­ben­den Bo­dens, be­ginnt sich das Ar­te­fakt zu dre­hen, der Druck wird ge­rin­ger, die Aus­split­te­run­gen klei­ner. Die Bucht ist dar­über­ hin­aus in nur ei­nem “Ar­beits­gang” en­stan­den und weist keine Ge­brauchs­spu­ren auf. Der Saum der Aus­split­te­run­gen ist so scharf­kan­tig, als wäre er gerade erst ge­schla­gen worden.

Zu- und abnehmende Länge der Aussplitterungen

Zu- und abnehmende Länge der Aussplitterungen

Eine von ei­nem Stein­schlä­ger an­ge­legte Re­tu­sche würde nicht so starke Un­ter­schiede in der Länge und Größe der Ne­ga­tive auf­wei­sen. Meist wer­den zu­nächst etwa gleich große Ne­ga­tive ge­schla­gen, die in ei­nem wei­te­ren Ar­beits­gang be­gra­digt wer­den. Da­durch er­gibt sich eine Kom­bi­na­tion aus gro­ber Re­tu­sche und fei­ner Kan­ten­be­ar­bei­tung. Wo die feine Kan­ten­be­ar­bei­tung nicht statt­fin­det, wird die Kante beim Werk­zeug­ge­brauch au­to­ma­tisch be­gra­digt, das ist ins­be­son­dere bei Krat­z­er­kap­pen zu beobachten.

Konvexe, artifizielle Retusche

Konvexe, artifizielle Retusche

Das hier zur Ver­deut­li­chung der Aus­füh­run­gen ge­zeigte Stück zeigt eine Se­rie etwa gleich gro­ßer Ne­ga­tive. Zu­dem sind ei­nige klei­nere Ne­ga­tive und Ge­brauchs­spu­ren in Form wei­te­rer Aus­split­te­run­gen und leich­ter Po­li­tu­ren auf den Gra­ten zu er­ken­nen. Diese ar­ti­fi­zi­elle, in­ten­tio­nelle Re­tu­sche un­ter­schei­det sich deut­lich von der oben ge­zeig­ten Pflugretusche.