Kernähnliches Pseudoartefakt

Pseudokern

Kernähnliches Pseudoartefakt aus dem Steinbrecher eines Kieswerkes

Vergleichsstück Klingenkern, Mittelneolithikum

Vergleichsstück Klingenkern, Mittelneolithikum

Das kernähnliche Pseudoartefakt scheint eine Schlag- und Abbaufläche zu besitzen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass ein Großteil der Abhebungen nicht von der vermeintlichen Schlagfläche erfolgte. Zudem stehen die Spaltflächen teilweise in einem falschen Winkel zur Pseudoschlagfläche. Der Abbauwinkel bei Kernen, d. h. der Winkel zwischen Schlag- und Abbaufläche muß beim harten und weichen Schlag etwa 70°, bei der Verwendung eines Zwischenstücks oder Drucktechnik maximal 90° betragen.1Artikel: Abbauwinkel und Schlagwinkel.

Schlagfläche und Spaltfläche deutlich über 90°

Winkel zwischen vermeintlicher Schlagfläche und Spaltfläche deutlich über 90°

Die stark ausgeprägten Lanzettsprünge zeigen zudem eine Abtrennrichtung, die mit steinzeitlichen Schlag- und Drucktechniken nicht zu erzielen wäre.

Abtrennrichtung

Abtrennrichtung

Von der vermeintlichen Schlagfläche aus ist eine Abhebung erfolgt. Sie ähnelt einem hinge, einem steckengebliebenen Abschlag. Solche „Steckenbleiber“ sind auch bei dem als Vergleich eingestellten mittelneolithischen Kern zu beobachten. Aus verschiedenen Gründen wurden solche nicht durchlaufenden Negative absichtlich geschlagen, beispielsweise zur Dorsalreduktion der Grundform vor der Abtrennung vom Kern oder wie hier seitlich auf die Schlagfläche für einen besser Halt des Zwischenstücks. Ansonsten sind steckengebliebene Abschläge als Schlagunfall zu werten, wenn nicht eine Störung im Stein für das Steckenbleiben verantwortlich war: Der Schlagpunkt lag zu weit vom Schlagflächenrand entfernt, die Schlagenergie war falsch oder der Schlagwinkel war übersteilt. Bei den Pseudokern stimmt weder der Abstand zur „Schlagflächenkante,“ noch die „Schlagrichtung.“ Einem steinzeitlichen Steinschläger wären wahrscheinlich nicht gleich zwei solch schwerwiegende Fehler bei einem einzigen Schlag passiert.

"Steckenbleiber"

„Steckenbleiber“

Der direkte Vergleich der beiden Stücke zeigt deutlich, dass der mittelneolithische Kern ein Abbaukonzept besitzt. Bis auf notwendige Korrekturabschläge vom Kernfuß aus, besitzen alle Negative die gleiche Schlagrichtung; ein Abbaukonzept ist deutlich zu erkennen. Das Pseudoartefakt hingegen wird durch unterschiedlich große, aus verschiedensten Richtungen kommende Spaltflächen gebildet, die seltenst in Bezug zu der vermeintlichen Schlagfläche stehen.

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  1. Wulf Hein, Pfeilspitzen aus Feuerstein, in Das Bogenbauer-Buch, Europäischer Bogenbau von der Steinzeit bis heute, Ludwigshafen, 2001, S. 86 und 89; vergl. Jürgen Weiner, Klingenerzeugung im Neolithikum, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 694