Abschlagähnliches Pseudoartefakt

Abschlagähnliches Pseudoartefakt

Abschlagähnliches Pseudoartefakt aus dem Stein­bre­cher eines Kieswerkes

Dieses Pseudoartefakt kann mit einem Abschlag verwechselt werden, dessen Dorsalseite  ein großes Negativ und Kortexreste zeigt, die Bestoßung der Lateralkante könnte als Retusche gedeutet werden.

Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass das Stück zwei Ventralseiten hat. Das ist ungewöhnlich, normalerweise besitzt ein artifizieller Abschlag eine Dorsalseite und eine Ventralseite.

Abschlag

Abschlag, links Dorsalfläche, rechts Ventralfläche

Allerdings kommen auch artifizielle Abschläge mit zwei Ventralseiten vor, wenn auch selten. Die altpaläolithische Kombewa-Methode hatte Abschläge mit zwei Ventralseiten zum Ziel, dazu wurde zunächst ein großer Abschlag abgetrennt. Anschließend wurde die Schlagfläche so modifiziert, dass von dem nun als Kern fungierenden Abschlag ein weiterer Abschlag auf der Ventralseite als Abbaufläche gelöst werden konnte. Dieser Abschlag  besitzt eine Ventralseite und trägt dorsal den Rest der anderen Ventralseite.

Kombewa AbschlagDie lateralen Aussplitterungen werden ausführlich unter → Artikel: Pseudoretuschen behandelt. In dem Artikel wird dargelegt und erklärt, warum es sich um mechanische Bestoßungen, nicht um artifizielle Retuschen handelt.

Maschinell bestoßene Lateralkante

Maschinell bestoßene Lateralkante

Das Proximalende des Pseudoartefakts, also das Ende, von dem aus die Spaltung erfolgte, besteht aus einem unregelmäßigen Grat. Dieser Grat ist nicht abgeflacht, er bildet keine Fläche, somit fehlt ein Schlagflächenrest. Jede artifiziell erzeugte vollständige Grundform trägt zwingend einen Schlagflächenrest. Dieser kann auch aus einem Rest der Rinde bestehen, wenn die Grundform ohne vorherige Anlage einer Schlagfläche abgetrennt wurde. Andernfalls handelt es sich bezeichnender Weise um einen Teil der vorher angelegten Schlagfläche am Proximalende der Grundform.

Promimalenden, oben Abschlag, unten Pseudoartefakt

Promimalenden, oben Abschlag, unten Pseudoartefakt

Aus den beschriebenen Merkmalen lässt sich schließen, dass das Pseudoartefakt ein Spaltprodukt aus dem Brecher des Kieswerkes ist, durch mechanischen Druck wurde ein Geröll wahrscheinlich gleichzeitig in mehrere Teile gespalten.

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