Erkennungsmerkmale steinzeitlicher Artefakte | Steinzeit & Co

Erkennungsmerkmale steinzeitlicher Artefakte

Artefaktbegriff | Grundbegriffe Artefaktmorphologie und Bruchmechanik | Pseudoartefakte | Geo- und Thermofakte | Nachvollziehbarkeit und Sinn | Gegenüberstellung von  Geo-/Thermo-/Pseudoartefakten und Artefakten

Artefaktbegriff

Ein Artefakt ist jeder vom Menschen hergestellte Gegenstand und jeder dabei entstehende Produktionsabfall.1 Fiedler ergänzt das um die Bedingung „in der Vergangenheit“ hergestellt.2 Die Bedingung „in der Vergangenheit hergestellt“ ohne klare zeitliche Grenze ist Unfug – heute ist morgen schon Vergangenheit.

Die oben angeführte Definition von Artefakten ist unzureichend. Lediglich veränderte Objekte werden nicht erfasst, demnach wären die Höhlenmalereien nicht artifiziell. Der Artefaktbegriff muss nicht nur die Herstellung sondern auch die Veränderung von Gegenständen erfassen. Allerdings ist eine Einschränkung notwendig, die Veränderung muss intentionell, sprich absichtlich erfolgen, ansonsten wäre jeder Fußabdruck oder geknickte Zweig ein Artefakt.

Hier wird folgende Definition vorgeschlagen: Artefakte sind sowohl artifiziell und intentionell veränderte oder entstandene Objekte, als auch die bei ihrer Herstellung anfallenden Produktionsabfälle.

Grundbegriffe  Artefaktmorphologie und Bruchmechanik

Die meisten aus der Steinzeit überlieferten Artefakte sind aus Stein gefertigt. Neben Felsgesteinen wurden insbesondere Materialien mit guten Spalteigenschaften zu Werkzeugen verarbeitet. Gesteine mit amorpher, glasartiger Struktur lassen sich besonders gut bearbeiten. Dazu zählen unter anderem Chalcedon, Obsidian, Horn- und Feuerstein. Ein Großteil steinzeitlicher Artefakte wurde seit dem Mittelpaläolithikum aus Feuerstein hergestellt, wo dieser nicht vorkommt, wurde auf andere Materialien zurückgegriffen.

Durch Schlag oder Druck können diese Materialien kontrolliert artifiziell und intentionell zerlegt werden. Allerdings können auch natürliche Prozesse zu einer Zerlegung führen, die aber nicht die Kriterien von Artefakten erfüllen. Artefakte besitzen bestimmte Merkmale, die bei Geo-, Thermo- oder Pseudoartefakten nicht oder in anderer Form auftreten. Wird durch Schlag oder Druck eine Grundform artifiziell von einem Kern oder Rohstück gelöst, enstehen beim Abtrennungsprozess durch die Energieeinwirkung bestimmte Merkmale.

Diese sind Schlagflächenrest, Schlagpunkt, Schlagnarbe, Lanzettsprünge, Bulbus, Wallnerlinien. Im Idealfall sind alle Abschlagmerkmale vorhanden, das ist jedoch nicht zwingend. So treten Lanzettsprünge und Schlagnarben nicht regelhaft auf. Der Bulbus kann sehr flach ausfallen und kaum wahrnehmbar sein, gleiches gilt für die Schlagwellen. Zusätzliche Modifikationen wie Dorsalreduktion und Retuschen lassen sich meist eindeutig von natürlichen Bestoßungen unterscheiden. Die folgende Grafik erläutert die verwendeten Fachbegriffe. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wurden die auch als Schlagwellen bezeichneten Wallnerlinien nicht bildlich dargestellt.

Abschlagmerkmale

Ausführlicher  Artikel: Abschlagmerkmale | Artikel: Schlagflächenreste | Artikel: WallnerlinienArtikel: Unterscheidungsmerkmale von hartem und weichem Schlag

Pseudoartefakte

Pseudoartefakte sind zwar durch menschliche Aktivität, jedoch nicht intentionell entstanden. Dazu zählt beispielsweise Steinbruchabfall. Oft entpuppen sich Quarzitabschläge und –klingen mit und ohne Modifikationen, die gelegentlich als archaische Grundformen oder Geräte angesprochen werden, als römischer Steinbruchabfall, der als Fundamentstickung beim Bau der Villae rusticae genutzt wurde. Im Wegebau bestehen die unteren Lagen oft aus Feuersteinknollen, die im Brecher des Kieswerkes zerkleinert wurden. Dabei entstehen Formen, die Artefakten ähneln. Oft zeigen sich an diesen Pseudoartefakten stufige, stark ausgeprägte Wallnerlinien, die bei der artifiziellen Steinbearbeitung so nicht entstehen können. → Artikel: Wallnerlinien. Weitere typische Pseudoartefakte entstammen beispielsweise dem Schotter für den Wegebau  oder sind von Landmaschinen bei der Bewirtung der Felder zerlegte Stücke. Letztere sind oft an den Kanten bestoßen, sodass sich Retuschen ähnelnde Abplatzungen ergeben.

Pseudoartefakt

Pseudoartefakt: Quarzitabschlag aus römischem Steinbruch mit Kantenbestoßungen, die eine bohrerähnliche Spitze formen

Geo- und Thermofakte

Erschwert wird die Beurteilung des Artefaktcharakters, wenn neben Feuersteinartefakten auch natürliche Stücke in Form von Schotterfeuerstein anstehen. Diese Schotter können durch Fluß- und Gletschertransport, Sedimentdruck oder andere natürliche Krafteinwirkungen bestoßen, angeschlagen, abgespalten oder zerlegt werden. Diese Artefakten ähnelnden, nicht artifiziell und intentionell erzeugten Formen werden Geofakte genannt. Durch thermische Einflüsse geformte Stücke, Thermofakte, sind durch Feuer oder Frost überprägte Gesteine.

Potlids

Durch Potlids stark überprägtes Stück, Interferenzstörungen eingekreist

Ausführlicher: → Thermische Veränderung von Feuerstein

Nachvollziehbarkeit und Sinn

Das wichtigste Kriterium bei der Beurteilung des Artefaktcharakters  ist die Nachvollziehbarkeit und der Sinn. Dabei ist zum einen ein gewisser Grad an Kenntnissen der Artefaktmorphologie und Bruchmechanik gefragt, zum anderen auch eine Objektivität des Beurteilenden. Leider fehlt an dieser Stelle häufig  die Objektivität des Finders, der Wunsch ist Vater des Gedanken und so wird jeder kantenbestoßene Stein zum Phantasiewerkzeug.

So sind beispielsweise die von Alfred Rust3  beschriebenen Nasenschaber, Querhobel und Faustzinken samt und sonders Geofakte; im hohen Alter fehlte ihm die Fähigkeit, Phantasie und Realität zu trennen.

Wenn ein Artefakt vermutet wird, muss eine Bearbeitung erkennbar sein, im Idealfall ist das gegeben. Handelt es sich um fragmentierte Stücke, können Artefaktmerkmale wie Schlagfläche und Bulbus fehlen, das erschwert die sichere Beurteilung. Hier ist in besonderem Maße die Frage nach dem Sinn einer möglichen artifiziellen und intentionellen Modifikation gefragt. Weist beispielsweise ein kindskopfgroßes Trümmerstück eine durch Bestoßungen geformte Spitze auf, wird es sich mit Sicherheit um keinen Bohrer handeln. Ein solches Stück wäre zu unhandlich, um als Bohrer zu fungieren; demnach wird es sich um natürliche Bestoßungen, nicht um eine artifizielle und intentionelle Formgebung handeln. Neben der Größe der Stücke ist auch die Lage und Form möglicher Arbeitskanten kritisch zu beurteilen. So wird aus einer Frostscherbe, die durch Sedimentdruck, Bestoßungen durch landwirtschaftliche Maschinen, Gletschertransport oder Ähnliches stellenweise laterale Ausbrüche aufweist, kein Kratzer.

Gegenüberstellung von Geo-/Thermo-/Pseudoartefakten und Artefakten

Durch den direkten Vergleich von „Nicht-Artefakten“ und Artefakten werden die Unterschiede in Wort und Bild verdeutlicht. Die verschiedenen Gegenüberstellung behandeln unterschiedliche Aspekte und Merkmale:

Stichelähnliches Pseudoartefakt

Abschlagähnliches Pseudoartefakt

Kernähnliches Pseudoartefakt

Pseudoretuschen

–  Pseudokerben

Pseudobuchten

→ Auf­satz zur Unter­schei­dung von Arte­fak­ten und Frost­scher­ben, eng­lisch: Brian Burnin­gham, A guide to the iden­ti­fi­ca­tion of man made flint & tool types, PDF

  1. M. Bolus/R. W. Schmitz, Der Neandertaler, Ostfildern, 2006, S. 188
  2. Lutz Fiedler/ G. und W. Rosendahl, Altsteinzeit von A bis Z, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 44, WBG, Darmstadt, 2011, S. 29
  3. Alfred Rust, Artefakte aus der Zeit des Homo heidelbergensis in Süd- und Norddeutschland, Bonn, 1956