Durchlochte Felssteingeräte

Durchlochte Keile | Axtköpfe | Keulenköpfe | Funktion

Durchlochte Keile

Die Gruppe der durchlochten Keile umfasst durchlochte Dechselklingen und sog. Breitkeile, auch Steinhammer, Setzkeile, Arbeitsäxte.

– Durchlochte Dechselklingen

Schuhleistenkeil durchbohrt

Creative Commons Lizenzvertrag verändert nach Universität Heidelberg, Nachlass Ernst Wahle

Durchlochte Dechselklingenwerden meist als durchlochte, hohe Schuhleistenkeilebezeichnet. Sie treten sehr selten schon in der ältesten Bandkeramik auf, im Mittelneolithikum werden sie zahlreicher,1 im Jungneolithikum fehlen sie fast vollständig.2

Es handelt sich bei diesen Exemplaren um schmalhohe Dechselklingen, die im hinteren Drittel eine Bohrung besitzen, die parallel zur Schneidenachse verläuft. Die Bohrung, meist 2 bis 2,5 cm, gelegentlich auch geringer, lässt auf einen Schaft mit gleichem Durchmesser schließen.3
Es handelt sich um eine Art Zwitter – die Klinge eines Dechsels geschäftet wie eine Parallelbeil; allerdings handelt es sich nicht um einen üblichen Beilholm. Der geringe Durchmesser der Bohrung lässt nur einen gleich dicken und damit federnden Schaft zu. Damit handelt es sich um parallelgeschäftete Beile mit einem flexiblen Schaft.4

In der Forschungsgeschichte wurden alle Dechselklingen ursprünglich als Geräte zur Bodenbearbeitung angesehen, als Flachhacken und Pflugschare. Mittlerweile ist die Deutung als Bestandteil von Querbeilen etabliert, auch wenn sich die alten, irreführenden Bezeichnungen, Flachhacke und Schuhleistenkeil, noch immer halten. Die durchbohrten Schuhleistenkeile werden von einer niederländischen Autorengruppe als Übergangsform zu Parallelbeilen angesehen.5 Das ist jedoch Unsinn! Schon im Mesolithikum und in der Bandkeramik waren T-Äxte mit schaftparalleler Schneide bekannt.

Grab 16 des bandkeramischen Gräberfeldes Niedermerz 3, Kreis Düren enthielt eine Sonderform einer schmal-hohen Dechselklinge, beide Enden sind spitz, ohne echte Schneide, Fiedler vermutet auch hier eine Waffe.6 Ein ähnliches Stück stammt aus Polleben, Landkreis Mansfeld-Südharz, Sachsen-Anhalt, und wird als Doppelhacke bezeichnet. Treffender ist die Bezeichnung Armkeule.7

"Doppelhacke", Bandkeramik, verändert nach Juraj Lipták, Landesmuseum für Vorgeschichte Halle

Creative Commons Lizenzvertrag Armkeule, Bandkeramik, verändert nach Juraj Lipták, Landesmuseum für Vorgeschichte Halle

– Durchlochte Breitkeile

Insbesondere für die Rössener Kultur sind die sogenannten Breitkeile typisch. Klar ausgeprägte Exemplare haben einen dreieckigen bis bügeleisenförmigen Umriss, bei weniger symmetrischen Exemplaren ist die Trennung von durchlochten Dechselklingen schwierig.8

Bügeleisenförmige Breitkeile, Rössener Kultur, verändert nach Universität Heidelberg, Nachlass Ernst Wahle

Creative Commons Lizenzvertrag Bügeleisenförmige Breitkeile, Rössener Kultur, verändert nach Universität Heidelberg, Nachlass Ernst Wahle

Rössener Breitkeile mit natürlich schrägem Nacken, verändert nach Universität Heidelberg, Nachlass Ernst Wahle

Creative Commons Lizenzvertrag Rössener Breitkeile mit natürlich schrägem Nacken, verändert nach Universität Heidelberg, Nachlass Ernst Wahle

Häufig wurden die Breitkeile aus Amphibolit hergestellt, der meist über weite Entfernungen importiert werden musste; das spricht für eine besondere Wertschätzung der Geräte. Breitkeile werden als Äxte oder axtförmige Geräte angesprochen9 oder als Spaltkeile bei der Herstellung von Holzbohlen interpretiert. Die Interpretation als Axt mag auf einige Formen der Breitkeile zutreffen, andere Exemplare sind dagegen so schlecht austariert, dass eine Verwendung als Holzbearbeitungsgerät ausgeschlossen erscheint.

Breitkeile sollen auch beim Spalten von Holzstämmen eingesetzt worden sein, eine niederländische Autorengruppe führte dazu ein Experiment durch.10 Ein nachgebildeter Breitkeil sollte mit einem Holzhammer in die Stirnseite eines Holzstamms getrieben werden. Der Versuch scheiterte sowohl bei frischem als auch bei trockenem Holz.

Vergleicht man den Schneidenwinkel der Breitkeile mit heutigen Spaltkeilen, so erklärt sich das Scheitern des Experimentes von selbst. Moderne Spaltkeile besitzen einen Winkel zwischen 10 und 15 Grad, bei den Breitkeilen ist er etwa dreimal so groß. Damit muss entsprechend mehr Kraft beim Eintreibversuch aufgewendet werden, was unweigerlich zum Bruch der Geräte führt.

Um dennoch den Stamm zu spalten, wurden mit dem Breitkeil Holzkeile in die Stirnseite des Stammes getrieben. Dieser Versuch war schließlich erfolgreich. Die Schlussfolgerung, ein Breitkeil eigne sich zum Spalten von Holz, da mit ihm Holzkeile eingetrieben werden können, ist lachhaft – die Holzkeile lassen sich mit allen möglichen Gegenständen eintreiben, angefangen bei Holzknüppeln bis hin zu menschlichen Oberschenkelknochen. Wurde man der niederländischen Argumentation folgen, wäre ein Oberschenkelknochen ein zur Holzbearbeitung verwendbares Werkzeug.

Gegen eine Verwendung der Schneide als Arbeitsende spricht bei einigen Exemplaren die Tatsache, dass die Schneide stumpf ist. Generell sind bei Breitkeilen im Schneidenbereich Arbeitsspuren selten zu beobachten, wohingegen der Nacken häufiger Spuren aufweist.

– Äxte

Der Begriff Axt impliziert Fällarbeiten und Holzbearbeitung im weitesten Sinne. Eine so genutzte Axt benötigt eine scharfe Schneide, einen nicht zu großen Schneidenwinkel und muss entsprechend geschäftet sein. Der Axtkopf muss stabil genug sein, um die auftretenden Kräfte zu absorbieren. Nicht alle in der Archäologie als Axt bezeichneten Geräte erfüllen diese Bedingungen.

Neben kräftigen Äxten traten auch schlanke Formen auf, die sich nicht zur Holzbearbeitung eigneten.11 Insbesondere der durchlochte Bereich ist ein Schwachpunkt; bedingt durch die Umrissform verbleibt seitlich ein sehr geringer Querschnitt, der leicht bricht. Aus diesem Grund wurde bei einigen Typen die Umrissform so gestaltet, dass im Bereich um die Bohrung ein größerer Querschnitt erhalten blieb. Trotz dieser Maßnahme waren die Querschnitte und Umrissformen für einen Arbeitseinsatz zu gering dimensioniert. Neben der Formgebung sprechen die Verzierungen gegen eine profane Nutzung; die Schneide war meist stumpf, teilweise war sie ebenfalls verziert, diese Äxte werden als Prunkäxte bezeichnet.

Im Zuger See, Schweiz, wurde eine Doppelaxt mit erhaltener Schäftung gefunden. Die mit zwei gegenständigen scharf geschliffenen Schneiden versehene Axt aus Serpentit hatte einen 1,20 Meter langen Escheschaft. Dieser war auf ganzer Länge mit Birkenrinde verziert, die ein regelmäßiges Lochmuster aufwies. Die Schäftung weist sie als Prestigeobjekt oder Waffe aus, eine Nutzung als Arbeitsgerät ist aufgrund der Schaftlänge nicht möglich. → Video

Auch die spät- bis endneolithischen Streitäxte sind keine Arbeitsgeräte. Die aufwendige Formgebung spricht gegen eine profane Nutzung, die geringen Querschnitte würden beim Arbeitseinsatz schnell zu einem Bruch im Bereich der Durchlochung führen. Darüberhinaus sind die Schneiden der meisten Stücke stumpf und eignen sich nicht zur Holzbearbeitung.

Streitäxte der Rheinischen Becherkulturen, Endneolithikum

Streitäxte der Rheinischen Becherkulturen, Endneolithikum

– Keulen

Steinerne Keulenköpfe sind  erstmals vereinzelt aus dem Frühmesolithikum bekannt12 und sind im gesamten Neolithikum anzutreffen.13 Im Verhältnis zu Beilen und Dechseln sind sie selten.14 Einfache Geröllkeulen sind lediglich durchlocht. Durch beidseitiges Picken entsteht ein sanduhrförmiges, bikonisches Loch.15 Neben einfachen Geröllkeulen treten im Neolithikum u. a. auch kugelige und scheibenförmige Formen auf, sie wurden durch Picken und Schleifen in die entsprechende Form gebracht.16 → Artikel: Keulenköpfe

Geröll- und Scheibenkeulen sowie kugelige Keulen haben unterschiedliche Verbreitungsschwerpunkte. Die häufigere Form im Neolithikum ist die Scheibenkeule. In der Bandkeramischen Kultur sind Scheibenkeulen häufiger als im frühen Mittelneolithikum. In der Stichbandkeramik und bei der Rössener Kultur werden Keulenköpfe wieder häufiger.17

neolithikum

Keulenkopf in Fundsituation, Finder Thomas van Lohuizen

Ein Kuriosum ist dieser, vermutlich aus einer zerbrochenen Streitaxt gefertigte, Keulenkopf. Er stammt aus Weißenfels, Burgenlandkreis, Sachsen-Anhalt und wird der schnurkeramischen Kultur zugesprochen.

Keulenkopf

Creative Commons Lizenzvertrag Keulenkopf, verändert nach Juraj Lipták, Landesmuseum für Vorgeschichte Halle

– Funktion

Das verstärkte Aufkommen durchlochter Felssteingeräte wird auf den erhöhten Bedarf an effektiveren Waffen zurückzuführen sein, da die bisherigen Schäftungsarten eher für den Werkzeuggebrauch geeignet schienen.18 Mittlerweile setzt sich die Deutung als Waffe stärker durch.19 Die zumindest gelegentliche Verwendung von Dechseln ist durch das Massaker von Talheim aufgrund der Schädelverletzungen zweifelsfrei nachgewiesen.18 Lutz Fiedler sieht in allen durchlochten Steingeräten „Kriegsgeräte“, also Waffen.21

Neben der Deutung als Waffen ist auch die Deutung als Würdezeichen oder Prestigeobjekt möglich.22 Dafür sprechen teils weit importierte Rohmaterialien, fehlende Gebrauchsspuren an den Schneiden, die aufwendige Formgebung und die zu Arbeitszwecken ungeeigneten Querschnitte vieler Formen.

Zápotocký sieht in den einfachen (Arbeits-)Hammeräxten unspezialisierte Waffen, d. h. Geräte, die zugleich Waffen waren; die Streitäxte bezeichnet er als spezialisierte Waffen.23 Darüberhinaus sieht er in den Streitäxten, wie auch in den Keulenköpfen, Statussymbole.24

Vermutlich handelt es sich bei der großen Gruppe der durchlochten Felssteingeräte einerseits um Arbeitsgeräte, andererseits um Waffen und Würdezeichen, die eine besondere Stellung des Besitzers symbolisieren.

Weitere Themen:

→ Holz­be­ar­bei­tung in der Altsteinzeit

→ Beile und Äxte der Mittelsteinzeit

→ Neo­li­thi­sche Beile und Äxte — Übersicht

→ Neo­li­thi­sche Beile und Äxte — Linkliste

→ Beilklin­gen des Neo­li­thi­kums im Rheinland

→ Dech­sel­klin­gen aus dem älte­ren Neolithikum

→ Grund­le­gen­des zu Dechselklingen

→ Dech­sel­klin­gen aus Steingrundform

→ Beil– und Axtschäftungen

→ Keulenköpfe

  1. Eric Biermann, Alt- und Mittelneolithikum in Mitteleuropa – Untersuchungen zur Verbreitung verschiedener Artefakt- und Materialgruppen und zu Hinweisen auf regionale Tradierungen, Köln, 2001/2003, PDF, S. 107
  2. Lutz Fiedler, Formen und Techniken neolithischer Steingeräte aus dem Rheinland, in Rheinische Ausgrabungen, Band 19, Beiträge zur Urgeschichte des Rheinlandes III, Köln, 1979, S. 130
  3. vergl. Kai Rie­del, Mate­rialo­ri­en­tierte und funk­tio­nelle Unter­su­chun­gen von Hirsch­ge­weih­ge­rä­ten aus dem Lei­ne­tal bei Kol­din­gen / Glei­din­gen, Lkr. Han­no­ver, Dis­ser­ta­tion, 2003, S. 69, PDF
  4. vergl. Beile und Äxte der Mittelsteinzeit
  5. D.C.M. Raemaekers/J. Geuverink/M. Schepers/B.P. Tuin/E. van der Lagemaat/M. van der Wal, A biography in stone – Typology, age, function and meaning of Early Neolithic perforated wedges in the Netherlands, in Groningen Archaeological Studies, Volume 14, 2011, S. 7, Figur 4, PDF
  6. Lutz Fiedler, 1979, S. 120
  7. Jürgen Weiner, Ein vollständiger Keulenkopf aus Pfaltdorf, in Archäologie im Rheinland 2001, Stuttgart, 2002, S. 35
  8. Leo Verhart, Contact in stone: adzes, Keile and Spitzhauen in the Lower Rhine Basin – Neolithic stone tools and the transition from Mesolithic to Neolithic in Belgium and the Netherlands, 5300-4000 cal BC, in Journal of Archaeology in the Low Countries 1-4, Oct 2012, S. 12f, PDF, Lutz Fiedler, 1979, S. 129
  9. Lutz Fiedler, 1979, S. 129
  10. Raemaekers et al., 2011, PDF
  11. Franz Pielers, Neuaufnahme der Steinartefaktesammlung, in Archäologische Botschaften aus Oberösterreich, Sonius 04, Herbst 2008, S. 5, PDF
  12. Joa­chim Hahn, Erken­nen und Bestim­men von Stein– und Kno­chen­ar­te­fak­ten, Archaeo­lo­gica Vena­to­ria, Band 10, Tübin­gen, 1991, S 237
  13. C. Diedrich, Neolithische Steingeräte im Kreis Herford zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge (Nordwestdeutschland) www.jungsteinsite.de – Artikel vom 1.Oktober 2002, Abschnitt 3.1, PDF
  14. Joachim Hahn, 1991, S. 237
  15. Joachim Hahn, 1991, S. 237
  16. Joachim Hahn, 1991, S. 237
  17. E. Biermann, 2001/2003, S. 16 PDF
  18. Eric Biermann, 2001/2003, S. 109
  19. D. Walter/S. Birkenbeil/T. Schüler/M. Seidel/R.-J. Prilloff, Mittelneolithische Funde aus dem Einzugsgebiet der Goldenen Aue im südlichen Harzvorland, in Neue Ausgrabungen und Funde in Thüringen – Sonderband 2007, Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 48, Festschrift für Klaus-Dieter Jäger zum 70. Gebutstag, S. 257 mit weiteren Nachweisen, PDF
  20. Eric Biermann, 2001/2003, S. 109
  21. Lutz Fiedler, Jungsteinzeit, Bandkeramische Kultur in Hessen, S. 21, PDF
  22. Jürgen Weiner, Ein vollständiger Keulenkopf aus Pfaltdorf, in Archäologie im Rheinland 2001, Stuttgart, 2002, S. 35
  23. Milan Zapotocky, Streitäxte des mitteleuropäischen Äneolithikums, in Acta Humaniora, Weinheim, 1992, S. 166
  24. S. 167