Die steinzeitlichen Schneidwerkzeuge

Alt­pa­läo­li­thi­kum | Chop­per und Chop­ping Tools | Ab­schläge | Mit­tel­pa­läo­li­thi­kum | Faust­keile | Scha­ber | Mes­ser mit Rü­cken | Le­val­lois­klin­gen | Keil­mes­ser | Blatt­spit­zen | Ab­schläge | Jung­pa­läo­li­thi­kum | Blatt­spit­zen | Klin­gen | Spitz­klin­genAb­schläge | Spät­pa­läo­li­thi­kum und Me­so­li­thi­kum | Neo­li­thi­kum | Klin­genSpitz­klin­gen | Span­dol­che | Kern­dol­che | Ab­schläge

Alt­pa­läo­li­thi­kum

Seit Be­ginn der Stein­zeit ist die Mes­ser­funk­tion von Ab­schlä­gen oder beid­flä­chig be­ar­bei­te­ten Ge­rä­ten ei­nes der grund­le­gen­den tech­no­lo­gi­schen Prin­zi­pien.“1

Chop­per und Chop­ping Tools

Die ers­ten mes­ser­ar­tig zum Schnei­den ver­wen­de­ten Werk­zeuge sind kaum mit heu­ti­gen Mes­sern ver­wandt, es han­delt sich um grobe Ge­röll­ge­räte, Chop­per und Chop­ping Tools, die durch we­nige Schläge eine scharfe, zum Schnei­den ge­eig­nete Kante oder Schneide, er­hiel­ten; Chop­per sind ein­sei­tig, Chop­ping Tools sind beid­sei­tig ge­schla­gen.2 Diese Ver­wen­dung ist zwar bis­her nicht durch Ge­brauchs­spu­ren be­legt, wird aber durch eth­no­gra­phi­sche Ver­glei­che wahr­schein­lich.3

Oldowanwerkzuege, nicht maßstäblich, nach José-Manuel Benito Álvarez

Ol­do­wan­werk­zuege, nicht maß­stäb­lich, nach José-Manuel Be­nito Álvarez

Ab­schläge

Ne­ben Chop­ping Tools wur­den häu­fig un­re­tu­schierte Ab­schläge zum Schnei­den ge­nutzt, dies ist si­cher durch Schnitt­spu­ren auf Tier­kno­chen be­legt.4 Un­re­tu­schierte Ab­schläge wur­den durch alle Epo­chen der Stein­zeit zum Schnei­den ge­nutzt und sind da­mit eben­falls als Werk­zeuge an­zu­spre­chen.5

Mit­tel­pa­läo­li­thi­kum

Im Mit­tel­pa­läo­li­thi­kum tre­ten erst­mals re­tu­schierte Werk­zeuge auf, de­nen eine ein­deu­tige Mes­ser­funk­tion zu­ge­wie­sen wer­den kann. Es han­delt sich hier­bei um Le­val­lois­klin­gen, blatt­för­mige Scha­ber, re­gel­mä­ßige Faust­keile und Faust­keil­blät­ter, so­wie ge­streckte Keil­mes­ser und Blatt­spit­zen.6 Diese Werk­zeuge be­sit­zen Schnei­den­win­kel un­ter etwa 40° und re­la­tiv lange, li­neare Ar­beits­kan­ten.7

Faust­keile

Schon be­vor Ge­brauchs­spu­ren­ana­ly­sen mög­lich wa­ren, wur­den → Faust­keile als Uni­ver­sal­werk­zeuge an­ge­se­hen. Die oft deut­lich vor­han­dene Asym­me­trie der La­te­ral­kan­ten lässt auf eine be­or­zugte Schneid­kante schlie­ßen. Diese ist, wie auch die Spitze des Faust­keils, meist sorg­fäl­tig mit ei­nem spitz­wink­li­gen Quer­schnitt aus­ge­ar­bei­tet.8 Das gilt nicht für die frü­hen Faust­keile des Alt­pa­läo­li­thi­kums; ihr Kan­ten­ver­lauf war un­re­gel­mä­ßig ge­zackt, sie wur­den als Hieb­ge­räte ver­wen­det.9 Ge­brauchs­spu­ren­ana­ly­sen be­stä­ti­gen die Nut­zung als viel­fäl­ti­ges Schneid­werk­zeug für un­ter­schied­li­che Ma­te­ria­lien.10

symmetrischer Faustkeil

sym­me­tri­scher Faustkeil

Scha­ber

Da die mi­kro­sko­pi­schen Ge­brauchs­spu­ren­ana­ly­sen an mit­tel­pa­läo­li­thi­schen Ab­schlä­gen ge­zeigt ha­ben, dass auch diese weit­ge­hend un­re­tu­schier­ten For­men be­nutzt wor­den sind und auch oft ge­schäf­tet wa­ren, ist da­von aus­zu­ge­hen, dass sie mit ei­ner Kante in or­ga­ni­schen Hand­ha­ben ge­fasst wa­ren und so­mit kei­ner Rü­cken­re­tu­sche be­durf­ten. Das Glei­che gilt für flach re­tu­schierte Scha­ber → Scha­ber de­ren eine Kante un­re­tu­schiert und scharf­kan­tig ist. Mög­li­cher­weise sind letz­tere nach­be­ar­bei­tete Mes­ser, die zu­nächst als un­re­tu­schierte Ab­schläge ge­schäf­tet wa­ren.11 Dies mag für flach re­tu­schierte Scha­ber gel­ten. Es fin­den sich aber auch mit­tel­pa­läo­li­thi­sche Scha­ber mit stei­len Re­tu­schen, diese wa­ren zum Schnei­den un­ge­eig­net, sie konn­ten nur zum Scha­ben und ähn­li­chen Tä­tig­kei­ten ver­wen­det werden.

Schaber an Klinge

Scha­ber an Klinge

Mes­ser mit Rücken

Un­be­ar­bei­tete Ab­schläge, Ab­schläge mit na­tür­li­chem oder kan­ti­gem Rü­cken und Ab­schläge mit in­ten­tio­nel­ler Rü­cken­re­tu­sche wer­den als Mes­ser be­zeich­net. Al­len ge­mein­sam ist, dass die Schneide un­re­tu­schiert ist, al­len­falls durch Re­tu­schen re­du­zierte Ecken auf­weist 12 und Ge­brauchs­spu­ren trägt, die die Ver­wen­dung als Schneid­ge­rät be­le­gen.13 In der ar­chäo­lo­gi­schen Ty­pen­an­spra­che fal­len uni­fa­ci­ell re­tu­schierte Stü­cke mit ei­ner re­gel­mä­ßi­gen Ar­beits­kante un­ter den Be­griff Scha­ber, bi­fa­ci­ell re­tu­schierte zäh­len zu den Keilmessern.

Mes­ser mit na­tür­li­chem Rü­cken, cou­teau à dos na­tu­rel, tra­gen am Rü­cken Kor­tex. Der Rü­cken kann auch par­ti­elle Form­ge­bungre­tu­schen auf­wei­sen, es gibt Über­gangs­for­men zu rü­cken­re­tu­schier­ten Mes­sern und Klin­gen mit schrä­ger End­re­tu­sche.14 Mes­ser mit na­tür­li­chem Rü­cken kön­nen zu­fäl­lig bei der Kern­zer­le­gung an­fal­len, sie wur­den aber auch ziel­ge­rich­tet pro­du­ziert, wie bei­spiels­weise aus der Grotte Tour­nal, Bize, Frank­reich, belegt.

Mes­ser mit kan­ti­gem Rü­cken äh­neln Mes­sern mit na­tür­li­chem Rü­cken, sie tra­gen am Rü­cken kei­nen Kor­tex, son­dern ei­nen Kern­kan­ten­rest. Auch die Kom­bi­na­tion aus Kor­tex und Kern­kan­ten­rest ist mög­lich.15

Mes­ser mit re­tu­schier­tem Rü­cken, auch rü­cken­ge­stumpf­tes oder rü­cken­re­tu­schier­tes Mes­ser, cou­teau à dos abattu, wei­sen eine stump­fende, manch­mal auch zu­sätz­lich form­ge­bende Re­tu­sche des Rü­ckens auf. In diese Gruppe fal­len Abri-Audi-Messer, rü­cken­ge­stumpfte Mes­ser des Mous­te­rien, so­wie jün­gere For­men wie Gravette-Spitzen und Fe­der­mes­ser.16

Messer mit natürlichem Rücken

Mes­ser mit na­tür­li­chem Rücken

Le­val­lois­klin­gen

Ge­rade die Levallois-Produkte mit ih­ren an­nä­hernd gleich­mä­ßig star­ken Län­gen zeu­gen im Ge­gen­satz zu den „pri­mi­ti­ve­ren“ Ab­schlä­gen der dis­ko­iden Kern­tech­ni­ken von der Ab­sicht, Mes­ser für den zie­hen­den Schnitt zu schaf­fen. Eine be­son­dere Form von Mes­sern für den zie­hen­den Schnitt sind die cou­teaux à dos mous­té­ri­ens, die oft re­la­tiv dünn sind und fein re­tu­schierte Rü­cken be­sit­zen. Wahr­schein­lich han­delt es sich bei die­sen For­men um Mes­ser, die in der blo­ßen Hand ge­führt wur­den und so­wohl beim Zer­le­gen der Jagd­beute als auch beim Zer­tei­len des Flei­sches bei den Mahl­zei­ten dien­ten. Letz­te­res kommt für die­je­ni­gen Mes­ser in Frage, die kür­zer als 4 cm sind.17

Keil­mes­ser

Diese Werk­zeug­form ist eng mit den Faust­kei­len ver­wandt.18, → Keil­mes­ser wer­den der Gruppe der Faust­keile zu­ge­ord­net. Es han­delt sich um bi­fa­ci­ell ge­ar­bei­tete Stü­cke, die eine scharfe, breite Kante und ei­nen un­be­ar­bei­te­ten oder wink­lig be­ar­bei­te­ten Rü­cken auf­wei­sen.19

Die Form die­ser Ge­räte, noch mehr die manch­mal an den dis­ta­len En­den zu fin­den­den Pradnik-Abschläge, zei­gen ganz deut­lich, dass sie über­wie­gend in der Weise des Skal­pell­schnitts ge­führt wur­den. Ihre mas­sive und zu­gleich ma­te­ri­al­auf­wen­dige Aus­füh­rung zeigt fer­ner, dass sie keine ad-hoc-Werkzeuge für die plötz­lich er­for­der­li­che Ver­wen­dung wa­ren, son­dern für die län­ger­fris­tige Nut­zung ge­plant wa­ren. Sie hat­ten ih­ren ein­deu­ti­gen Schwer­punkt im Zer­schnei­den von Fleisch — sei es dem Zer­le­gen der Jagd­beute oder dem Auf­tei­len in hand­hab­bare Por­tio­nen. Da­ne­ben sind an Keil­mes­sern Ei­gen­schaf­ten er­kenn­bar, die sehr gut zum Zu­schnei­den von Häu­ten und Le­der pas­sen und ähn­lich de­nen heu­ti­ger Tep­pich­mes­ser sind.20

Blatt­spit­zen

Die mit­tel­pa­läo­li­thi­schen Blatt­spit­zen sind nicht so fein aus­ge­führt wie die des Jung­pa­läo­li­thi­kums. Sie wer­den als Speer­spit­zen und Mes­ser ge­deu­tet.21 Die Nut­zung als Speer­spit­zen ist we­gen der ho­hen Bruch­ge­fahr unwahrscheinlich!

Blattspitze, Mittelpaläolithikum

Blatt­spitze, Mittelpaläolithikum

Ab­schläge

Da die mi­kro­sko­pi­schen Ge­brauchs­spu­ren­ana­ly­sen an mit­tel­pa­läo­li­thi­schen Ab­schlä­gen ge­zeigt ha­ben, dass auch diese weit­ge­hend un­re­tu­schier­ten For­men be­nutzt wor­den sind und auch oft ge­schäf­tet wa­ren, ist da­von aus­zu­ge­hen, dass sie mit ei­ner Kante in or­ga­ni­schen Hand­ha­ben ge­fasst wa­ren und so­mit kei­ner Rü­cken­re­tu­sche be­durf­ten.22

Jung­pa­läo­li­thi­kum

Blatt­spit­zen

Die Di­cke der Blatt­spit­zen nimmt vom Mit­tel­pa­läo­li­thi­kum zum Jung­pa­läo­li­thi­kum hin ab, sie wer­den als Speer­spitze oder mul­ti­funk­tio­nale Mes­ser an­ge­se­hen.23 Je dün­ner die Blatt­spitze ist, desto an­fäl­li­ger ist sie; da­her er­scheint bei dün­nen Ex­em­pla­ren die Ver­wen­dung als Mes­ser wahr­schein­li­cher, als Speer­spitze wür­den sie so­fort brechen.

Der Fund ei­ner seit­lich in ei­nen ge­schlitz­ten Kno­chen ge­schäf­te­ten Lor­beer­blatt­spitze von Ba­de­goule, Dor­do­gne, be­legt zu­min­dest dort die Mes­ser­funk­tion.24 Ne­ben der seit­li­chen Schäf­tung ist auch eine pro­xi­male denk­bar.25

Klin­gen

Mit der Ent­wick­lung der Klin­gen­tech­nik im Jung­pa­läo­li­thi­kum über­nah­men vor al­lem la­te­ral­re­tu­schierte Klin­gen die Mes­ser­funk­tion. Auch zahl­rei­che schmale La­mel­len – un­re­tu­schierte und rü­cken­re­tu­schierte – li­near hin­ter­ein­an­der in or­ga­ni­sche Schäfte ein­ge­klebt oder  Blatt­spit­zen wur­den als Mes­ser ver­wen­det.26

Spitz­klin­gen

Spitz­klin­gen fin­den sich vor al­lem in Tech­no­kom­ple­xen, die Klin­gen als wich­tigste Grund­form auf­wei­sen. Im äl­te­ren und mitt­le­ren Jung­pa­läo­li­thi­kum Eu­ro­pas, im Au­ri­gnacien und im Gra­vet­tien sind sie in be­stimm­ten In­ven­ta­ren be­son­ders häu­fig.27 Ma­kro­sko­pisch lässt sich im Jung­pa­läo­li­thi­kum ein flie­ßen­der Über­gang zwi­schen Spitz­klin­gen und gro­ben Boh­rern auf­zei­gen.28

Ab­schläge

Auch in die­ser Epo­che bil­den un­re­tu­schierte Ab­schläge als ad-hoc-Schneidwerkzeuge eine wich­tige Gruppe.29

Spät­pa­läo­li­thi­kum und Mesolithikum

Im Spät­pa­läo­li­thi­kum und Me­so­li­thi­kum wur­den die meist sehr klein­tei­li­gen Ar­te­fakte vor­nehm­lich zu Kom­po­sitwerk­zeu­gen ver­ar­bei­tet. Schneid­werk­zeuge wur­den aus Klin­gen­seg­men­ten ge­fer­tigt, die so hin­ter­ein­an­der ge­schäf­tet wur­den, dass sich ein durch­gän­gig schnei­den­der Kan­ten­ver­lauf er­gab. Der Schaft konnte aus Holz, Kno­chen oder Ge­weih be­ste­hen. Da­ne­ben tra­ten auch Klin­gen mit Ge­brauchs­spu­ren auf, die auf eine Ver­wen­dung als Schneid­werk­zeuge hin­wei­sen.30

Neo­li­thi­kum

Erst im Neo­li­thi­kum tau­chen wie­der als Mes­ser ge­nutzte Groß­klin­gen auf. Diese Klin­gen sind la­te­ral­re­tu­schiert, kan­ten­re­tu­schierte Klin­gen.31

Eben­falls eine neo­li­thi­sche Er­schei­nung sind Dolch­klin­gen. Joa­chim Hahn fasst Spitz­klin­gen und Span­dol­che zu­sam­men mit Kern­dol­chen zu der Gruppe der Dol­che zu­sam­men.32 In der Re­gel wer­den diese Grup­pen dif­fe­ren­ziert be­trach­tet, zu­mal eine deut­li­che, an ver­schie­dene Epo­chen ge­bun­dene Ab­folge, zu er­ken­nen ist.

Je­doch ist die Be­zeich­nung Dolch ir­re­füh­rend. Ein Dolch ist eine kurze mehr­schnei­dige Stich­waffe mit meist sym­me­tri­schem Griff.33 Ge­brauchs­spu­ren­ana­ly­sen er­ge­ben eine viel­fäl­tige Nut­zung, bei­spiels­weise Schnei­den, Schnit­zen, Scha­ben, Boh­ren.34

Dolch von Allensbach, verändert nach Wikimedia User Opodeldok

Dolch von Al­lens­bach, ver­än­dert nach Wi­ki­me­dia User Opodeldok

Klin­gen

Alle Klin­gen mit deut­li­chen Kan­ten­re­tu­schen zäh­len zu die­ser Gruppe, wenn nicht re­tu­schierte En­den sie als Krat­zer oder Spitz­klin­gen aus­wei­sen.35 Bei den ven­tral re­tu­schier­ten Klin­gen ist eine Un­ter­schei­dung von in­ten­tio­nel­ler Re­tu­sche und Ge­brauchs­re­t­u­sche pro­ble­ma­tisch, weil bei fron­ta­lem Druck auf die Schneide ei­ner Klinge diese eher in ven­trale als dor­sale Rich­tung aus­split­tert. Bei län­ge­rer und durch­lau­fen­der, ven­tra­ler Kan­ten­re­tu­sche ist aber eine vor­sätz­li­che Mo­di­fi­ka­tion der Schneide wahr­schein­lich.36

Kantenretuschierte Klinge, Neolithikum, © Thomas van Lohuizen

Kan­ten­re­tu­schierte Klinge, Neo­li­thi­kum, © Tho­mas van Lohuizen

Ne­ben wirk­li­chen Klin­gen kom­men auch klin­ge­n­ähn­li­che, lang­ge­streckte Ab­schläge mit bo­gen­för­mig re­tu­schier­ter Schneide vor. Aus Brun­nen, Pfahl­bau­sied­lun­gen und an­de­ren Feucht­bö­den sind sol­che Mes­ser mit ge­schäf­te­tem Rü­cken er­hal­ten ge­blie­ben, Pfahl­bau­mes­ser. → Foto mit Pap­pel­rin­den­griff   → Pfahl­bau­mes­serAlt­hei­mer Kul­turPfahl­bau­mes­serPfahl­bau­mes­ser

Bogenförmige Schneide

Bo­gen­för­mige Schneide

Spitz­klin­gen

Ne­ben den ein­fa­chen, nur la­te­ral re­tu­schier­ten Klin­gen tritt eine wei­tere Klin­gen­form auf. Spitz­klin­gen be­sit­zen ein spitz zu­lau­fen­des Funk­ti­ons­ende, das ge­le­gent­lich auch ven­tral re­tu­schiert wurde.37

Spitzklinge, 77 mm lang

Spitz­klinge, 77 mm lang

Werk­zeuge mit schna­bel– und zun­gen­för­mi­gen Spit­zen gibt es im Neo­li­thi­kum in ver­schie­de­nen For­men. Sie un­ter­schei­den sich von Boh­rern durch ihre grund­sätz­lich nur in dor­sale Rich­tung re­tu­schier­ten Kan­ten. Da­her ha­ben sie eine fla­che Un­ter­seite und eine Ober­seite, die etwa die Ge­stalt ei­nes stark ver­klei­ner­ten, ge­streck­ten Bü­gel­ei­sens hat. Spitz­klin­gen un­ter­schei­den sich von zin­ken­ar­ti­gen Ge­rä­ten durch ihre schlanke und sym­me­tri­sche Form, aber die Über­gänge sind flie­ßend. Spitz­krat­zer sind kür­zer und ge­drun­ge­ner als Spitz­klin­gen und ha­ben zun­gen­för­mig re­tu­schierte En­den38

Die For­men der Spitz­klin­gen va­ri­ie­ren am meis­ten in den un­ter­schied­lich ge­stal­te­ten Spit­zen­par­tien. Sie kön­nen spitz­wink­lig, spitz­bo­gig oder zun­gen­för­mig ge­ar­bei­tet sein. Ex­em­plare mit aus­ge­prägt zun­gen­för­mi­ger Spitze sind von Krat­zern nicht mehr zu trennen.

Fragmente mit verschiedenen Spitzenausformungen

Frag­mente mit ver­schie­de­nen Spitzenausformungen

Die Grö­ßen der Spitz­klin­gen kön­nen im Rhein­land gut als typologisch-chronologische Merk­male gel­ten. Die un­ter­schied­li­chen Län­gen von Stü­cken des äl­te­ren und mitt­le­ren Neo­li­thi­kums ei­ner­seits und de­nen des jün­ge­ren Neo­li­thi­kums an­de­rer­seits sind auf­fäl­lig; sie be­tra­gen für das äl­tere Neo­li­thi­kum etwa 5 cm, für das mitt­lere Neo­li­thi­kum etwa 6 cm und für das jün­gere Neo­li­thi­kum etwa 10 cm. Die Ex­em­plare des äl­te­ren und mitt­le­ren Neo­li­thi­kums ent­spre­chen da­bei durch­aus den Grö­ßen von Boh­rern und zin­ken­ar­ti­gen Ge­rä­ten. Die Stü­cke aus band­ke­ra­mi­schem Zu­sam­men­hang dürf­ten funk­tio­nal wohl als Boh­rer an­zu­se­hen sein. Be­nut­zung und Ge­brauchs­spu­ren der Spitz­klin­gen zeich­nen sie als Viel­zweck­ge­räte aus. Die gro­ßen Ex­em­plare aus dem Urmit­zer Erd­werk tra­gen durch­weg an den Schnei­den und auf den Flä­chen fet­tig glän­zende Po­li­tu­ren, die beim lan­gen Ge­brauch als Schnitz­mes­ser auf Holz und Kno­chen ent­ste­hen.39 Spitz­klin­gen dürf­ten teil­weise un­ge­schäf­tet ge­hand­habt wor­den sein, es gibt aber auch Be­lege für Schäf­tun­gen.40

Spitz­klin­gen sind von Be­ginn des Neo­li­thi­kums an ver­brei­tet, als be­son­ders ty­pisch gel­ten große Spitz­klin­gen aus Ri­jck­holt­feu­er­stein für die Mi­chels­ber­ger Kul­tur. Sehr frühe Spitz­klin­gen sind aus Ro­mi­gny Lhery Feu­er­stein und ge­lang­ten aus Frank­reich in das Rheinland.

Spitzklinge, Rijckholt Feuerstein, Michelsberger Kultur

Spitz­klinge, Ri­jck­holt Feu­er­stein, Mi­chels­ber­ger Kultur

Span­dol­che

Span­dol­che sind stets aus ei­ner lan­gen Klinge ge­fer­tigt. Kenn­zeich­nend ist die (weit­ge­hend) un­be­ar­bei­tete Ven­tral­flä­che. Die Dor­sal­flä­che zeigt eine um­lau­fende, steile Rand­re­tu­sche. Diese Re­tu­sche kann ge­le­gent­lich auch zur Mitte hin auf die Ober­flä­che über­grei­fen. Der Mit­tel­grat der Dor­sal­flä­che bleibt ent­we­der un­be­ar­bei­tet oder ist halb­rund über­schlif­fen.«41.

Span­dol­che aus Grand Pres­si­gny Feu­er­stein sind die Leit­form der Glo­cken­be­cher Kul­tur schlecht­hin, im Rhein­land als Be­cher­kul­tu­ren be­zeich­net. Sie wur­den vor­wie­gend aus dem er­wähn­ten Ma­te­rial ge­fer­tigt und über große Ent­fer­nun­gen ver­brei­tet, auch bis in das Rhein­land. Sie sind eine ty­pisch männ­li­che Grab­bei­gabe.42

Spandolche, Grand Pressigny Feuerstein, mit und ohne Schliff

Span­dol­che, Grand Pres­si­gny Feu­er­stein, mit und ohne Schliff

Kern­dol­che

Die hier be­schrie­be­nen Dol­che sind Kern­dol­che. Sie wur­den nicht aus Klin­gen, son­dern aus fla­chen Aus­gangs­for­men, Plat­ten, ge­fer­tigt. Es han­delt sich um echte Kerngeräte.

Feu­er­stein­dol­che mit ein­fa­chem Schaft­griff wur­den (meist) aus nor­di­schem grauen Platten-Feuerstein ge­fer­tigt. Beide Sei­ten sind flä­chig, durch Druck­re­tu­sche blatt­ar­tig her­aus­ge­ar­bei­tet. Ein schma­ler Schaft­griff ist her­aus­ge­ar­bei­tet und im Quer­schnitt oval bis leicht tra­pez­för­mig. Das Dolch­blatt va­ri­iert im Um­riss als Folge von Nach­retu­schen bei Kan­ten­be­schä­di­gun­gen.43

Kerndolch, Sammlung Bitter

Kern­dolch, Samm­lung Bitter

Schon in die be­gin­nende nor­di­sche Bron­ze­zeit da­tie­ren die Fisch­schwanz­dol­che, Meis­ter­stü­cke der Stein­be­ar­bei­tung. Diese Stü­cke wur­den ver­mut­lich in den letz­ten Ar­beits­gän­gen mit Kup­fer­stä­ben ge­drückt. Da­bei wur­den feinste Ne­ga­tive par­al­lel ne­ben­ein­an­der ge­setzt. So­gar die Guss­nähte der da­mals auf­tre­ten­den ers­ten Kup­fer­dol­che wur­den immitiert.

Fischschwanzdolch, nordische Dolchzeit

Fisch­schwanz­dolch, nor­di­sche Dolchzeit

Ab­schläge

Auch im Neo­li­thi­kum sind un­re­tu­schierte Ab­schläge häu­fige Schneid­werk­zeuge.44

  1. Lutz Fied­ler, G. und W. Ro­sen­dahl, Alt­stein­zeit von A bis Z, Pu­bli­ka­tio­nen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 44, Darm­stadt 2011, WBG, S. 240
  2. Joa­chim Hahn, Erken­nen und Bestim­men von Stein– und Kno­che­nar­te­fak­ten, Archaeo­lo­gica Vena­to­ria, Band 10, Tübin­gen, 1991, S. 139
  3. Joa­chim Hahn, 1991, S. 139
  4. Joa­chim Hahn, 1991, S. 139
  5. Lutz Fied­ler, Das Schnei­den mit Stein­werk­zeu­gen, PDF, S. 6
  6. Lutz Fied­ler, PDF, S. 4
  7. Lutz Fied­ler, PDF, S. 4ff
  8. Joa­chim Hahn, 1991, S. 147
  9. Lutz Fied­ler, G. und W. Ro­sen­dahl, S. 121
  10. Joa­chim Hahn, 1991, S. 147
  11. Lutz Fied­ler, PDF, S. 4
  12. Fied­ler et al., 2011, S. 240
  13. Fied­ler et al., 2011, S. 242
  14. Fied­ler et al, 2011, S. 243
  15. Fied­ler et al., 2011, S. 242
  16. Fied­ler et al., 2011, S. 243
  17. Lutz Fied­ler, PDF, S.4
  18. Joa­chim Hahn, 1991, S. 149
  19. Joa­chim Hahn, 1991, S. 150
  20. Lutz Fied­ler, PDF, S. 5
  21. Joa­chim Hahn, 1991, S. 155; Lutz Fied­ler, G. und W. Ro­sen­dahl, Darm­stadt 2011, S. 62
  22. Lutz Fied­ler, PDF, S. 4
  23. Joa­chim Hahn, 1991, S. 155
  24. Lutz Fied­ler, G. und W. Ro­sen­dahl, S. 222
  25. Lutz Fied­ler, PDF, S. 4
  26. Lutz Fied­ler, PDF, S. 4
  27. Joa­chim Hahn, 1991, S. 190
  28. Joa­chim Hahn, 1991, S. 174
  29. Lutz Fied­ler, Das Schnei­den mit Stein­werk­zeu­gen, PDF, S. 6
  30. Arora, Meso­li­thi­sche Fund­plätze und Funde im ehe­ma­li­gen Kreis Er­kelenz, in Achäo­lo­gie im Kreis Heins­berg II, 1995, Gei­len­kir­chen, S. 240
  31. Lutz Fied­ler, 1979, S. 113
  32. Joa­chim Hahn, 1991, S. 219
  33. Wikipedia/Dolch
  34. Al­fred Paw­lik, Mi­kro­sko­pi­sche Ge­brauchs­spu­ren­ana­lyse ei­nes Dol­ches aus Al­lens­bach, PDF
  35. Lutz Fied­ler, 1979, S. 113
  36. Lutz Fied­ler, 1979, S. 114
  37. Lutz Fied­ler, 1979, S. 114
  38. Lutz Fied­ler, 1979, S. 111
  39. Lutz Fied­ler, 1979, S. 111f
  40. Lutz Fied­ler, 1979, S. 112
  41. Hans Joa­chim Kühn, Das Spät­neo­li­thi­kum in Schleswig-Holstein. Offa-Bücher 40, Neu­müns­ter 1979, S 31
  42. Mar­tin Heinen/Willy Schol, Die urge­schicht­li­che Besied­lung des Mön­chen­glad­ba­cher Rau­mes, in Loca Desi­de­rata,  Band 1, Köln, 1994, S. 188
  43. Ca­jus Di­ed­rich, Neo­li­thi­sche Stein­ge­räte im Kreis Her­ford zwi­schen Teu­to­bur­ger Wald und Wie­hen­ge­birge (Nord­west­deutsch­land),  www.jungsteinsite.de — Ar­ti­kel vom 1.Oktober 2002, Punkt 3.6.2
  44. Lutz Fied­ler, Das Schnei­den mit Stein­werk­zeu­gen, PDF, S. 6