Grundlegendes zu Dechselklingen | Steinzeit & Co

Grundlegendes zu Dechselklingen

Dechsel- und Beilklingen sind nur Bestandteile von Kompositgeräten. Erst durch eine Schäftung sind sie komplette Werkzeuge.1 Meist ist jedoch der organische Schaft vergangen, nur die steinerne Klinge ist vorhanden. Anhand der Form der Klinge wird versucht, Rückschlüsse auf die Funktion zu ziehen. Dabei kann es sich jedoch in diesen Fällen nur um Wahrscheinlichkeiten handeln.

So bezieht sich Fiedler bei der Klassifizierung dieser Stücke auf die Form, nicht auf die Funktion und subsumiert Klingen mit asymmetrischem Querschnitt und meist bogenförmiger, aufgewippter Schneide unter den technischen Begriff Dechsel(-klinge), achssymmetrische Klingen als (Parallel-)Beile.2 Auch Hahn formuliert ähnlich: „Als Beil wird ein nicht durchlochtes Felsgesteinstück mit symmetrischer Beilklinge und mit einer Schneide bezeichnet. Stücke mit einer asymmetrischen Schneide sind Dechsel, bei denen eine Querschäftung angenommen wird. Es gibt jedoch nach Form und Querschnitt keine eindeutige Trennung.“3

Erhaltene Schäftungen, teils Knieholme in verschiedenen Ausführungen, teils Stangenholme mit/ohne Zwischenfutter mit/ohne Klinge zeigen, dass insbesondere kleinere, symmetrische Beilklingen auch quer geschäftet wurden.4 Insofern darf die Bezeichnung Beilklinge nicht zwingend mit einer Parallelbeilschäftung verknüpft werden. → Foto

Die Nutzung der bandkeramischen Dechselklingen ist weniger gut belegt, organische Reste sind sehr selten erhalten. Daher ist ihre Nutzung größtenteils spekulativ. Die Brunnenfunde von Altscherbitz und Eythra ermöglichten die Rekonstruktion einer Schäftung für eine breitflache Dechselklinge. Der Winkel war entgegen der allgemein üblichen Vermutung nicht etwa 70° sondern etwa 115°. → Foto Knieholm Eythra

Experimente ergaben, dass ein solches Gerät gut zum Glätten von waagerecht auf dem Boden liegenden Spaltbohlen eingesetzt werden kann. Daraus darf jedoch nicht zwangsläufig geschlossen werden, dass alle flachbreiten Dechselklingen so geschäftet wurden.

Hingegen kann das Fällexperiment mit quer geschäfteten Dechselklingen, → Video, weniger überzeugen. Obwohl das Experiment „erfolgreich“ war, ist damit nur belegt, dass ein Baum so gefällt werden kann, nicht jedoch, dass dies die gängige Methode in der Bandkeramik war.

Unbestritten eignen sich parallel geschäftete Beile oder Äxte gut zum Fällen von Bäumen. Querbeile hingegen werden, soweit dies noch praktiziert wird, zum Behauen von Balken und Bohlen verwendet. Dort sind sie Parallelbeilen überlegen, bei Fällarbeiten jedoch deutlich unterlegen. Symmetrische Beilklingen waren schon lange bekannt und sind schon im Protoneolithikum zahlreich belegt,5 im Mesolithikum waren sie weitgehend durch Geweihäxte mit schaftparalleler Schneide ersetzt worden, das Prinzip ist jedoch das Gleiche. Aus der östlichen Bandkeramik der ungarischen Tiefebene sind neben schmalhohen Dechselklingen auch verschiedene Beilklingenformen belegt.6 Eine ausschließliche Verwendung von Querbeilen in der westlichen Bandkeramik wäre ein technischer Rückschritt und ist nicht plausibel.

Dass Dechselklingen quer geschäftet waren, haben Gebrauchsspurenanalysen belegt.7 Das scheint auch die einzig vernünftige Schäftungsmethode zu sein: Bei einem Querbeil ist die Dechselklinge üblicherweise wohl mit ihrer flachen Unterseite an dem flach gearbeitetem kurzen Schenkel des Knieholms mittels einer Schnur-/Rohhautbindung fixiert.

Vereinzelt kommen durchbohrte schmalhohe Dechselklingen, „durchbohrte Schuhleistenkeile“, in bandkeramischen Inventaren vor, sie werden im Mittelneolithikum häufiger. Diese Dechselklingen sind parallel zur Schneide durchbohrt. Theoretisch ist eine Nutzung als Axt möglich. Allerdings deutet der geringe Durchmesser der Bohrlöcher, etwa 2 cm, auf einen ebenso dünnen Schaft hin. Ob mit einer solchen Schäftung Fällarbeiten effektiv sind, bleibt fraglich. Die durchbohrten Dechselklingen sind eher als Waffe zu deuten.8 Selbst bei einer Deutung als Axt wären sie zu selten, um Holzbearbeitungsgeräte mit schaftparalleler Schneide seit Beginn des Hausbaus zu belegen.

Somit bleibt die Frage offen, ob neben Dechseln auch Parallelbeile beispielsweise beim Hausbau zum Einsatz kamen. Einen indirekten Hinweis gibt die französische Bandkeramik. Dort sind kaum Dechselklingen überliefert, Parallelbeilnachweise fehlen völlig. Möglicherweise bestand ein Großteil der Dechselklingen aus organischen Materialien, denkbar sind Knochen und Geweih. Gleiches könnte auch für Parallelbeilklingen gelten. Genauso gut könnten T- und Rosenäxte verwendet worden sein.

Die ausschließliche Verwendung von Dechselklingen zur Holzbearbeitung erscheint wenig plausibel.

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→ Beil– und Axtschäftungen

  1. A. Hafner/P. J. Suter, Das Neolithikum in der Schweiz, www.jungsteinSITE.de, Artikel 27. November 2003, S. 12: Ein vollständiges neolithisches „Steinbeil“ setzt sich aus zwei oder drei Teilen (Klinge, Zwischenfutter, Holm) und aus unterschiedlichen Materialien (Stein, Hirschgeweih, Holz) zusammen. Dabei ist die Klinge direkt oder indirekt, d.h. mittels Hirschgeweihfassung, mit dem Holm verbunden.
  2. Lutz Fiedler, Formen und Techniken neolithischer Steingeräte aus dem Rheinland, in Rheinische Ausgrabungen, Band 19, Beiträge zur Urgeschichte des Rheinlandes III, Köln, 1979, S. 121ff
  3. Joachim Hahn, Erkennen und Bestimmen von Stein– und Knochenartefakten, Archaeologica Venatoria, Band 10, Tübingen, 1991, S. 230
  4. Hafner/Suter, S. 14, Abb. 6
  5. Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.), Vor 12.000 Jahren in Anatolien – Die ältesten Monumente der Menschheit, Stuttgart, 2007, Katalog Nr. 177,178,179, 180, 277, 282, 339-344, …
  6. N. Kalicz/J. Makkay, Die Linienbandkeramik in der großen ungarischen Tiefebene, Budapest, 1977, S. 26; 56; 91
  7. Jürgen Weiner/Alfred Pawlik, Neues zu einer alten Frage. Beobachtungen und Überlegungen zur Befestigung altneolithischer Dechselklingen und zur Rekonstruktion bandkeramischer Querbeilholme. In: Experimentelle Archäologie, Bilanz 1994. Arch. Mitt. Nordwestdeutschland, Beiheft 8, 1995, S. 111-144; Rengert Elburg, Eine Dechselklinge mit Schäftungsresten aus dem bandkeramischen Brunnen von Altscherbitz, in Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege, Band 50, 2008, S. 9ff, PDF
  8. Eric Biermann, Alt- und Mittelneolithikum in Mitteleuropa – Untersuchungen zur Verbreitung verschiedener Artefakt- und Materialgruppen und zu Hinweisen auf regionale Tradierungen, Köln 2001/2003, S. 109, PDF