Beile und Äxte der Mittelsteinzeit

Replik T-Axt

Geweihäxte

Im Mesolithikum treten erstmals wirkliche Beile und Äxte auf. Teils wurden aus Geweih Äxte gefertigt, teils wurden Kern- oder Scheibenbeilklingen in Geweihfutter eingeklebt. Die Laufzeit der Geweihäxte ist unterschiedlich, sie kommen noch in der Bandkeramik vor, im Norden laufen sie bis in die Eisenzeit durch.1

Bei den T-Äxten, auch Tüllenäxte genannt, handelt es sich meist um Axtköpfe mit schaftparalleler Schneide. Axtköpfe mit quergestellter Schneide kommen selten vor. Sie bestehen meist aus Rothirschgeweih. Ein mittlerer Geweihabschnitt erhielt eine Durchbohrung im Ansatz einer nicht bündig abgetrennten Sprosse.2 Diese bildet dann eine Art Tülle für den Schaft.

Replik T-Axt

Replik T-Axt, parallele Schneide

T-Axt

Grabungsfund Marienbad, LA 156

Rosenäxte sind aus dem Proximalende eines Geweihs gefertigt, der Ansatz, die Rose, ist Bestandteil der Klinge. Hier überwiegen die Queräxte, Paralleläxte sind seltener. Das Rosenende hat oft eine hammerartige Funktion gehabt, gelegentlich ist es seitlich orientiert und deshalb nicht nutzbar. Eine sehr genaue Beschreibung einer neolithischen Rosenaxt findet sich hier: Kristina Gau, Trocknungsmethoden für wassergelagerte Geweihobjekte am Beispiel einer neolithischen Geweihaxt mit Holzrest aus dem Bielersee, Diplomarbeit, 2009, PDF.

Replik Rosenaxt

Replik Rosenaxt, quergestellte Schneide

Undatierter Lesefund mit deutlichen Spuren der Zurichtung der Schneide

Undatierter Lesefund mit deutlichen Spuren der Zurichtung der Schneide

Daneben kommen auch Äxte aus anderen Geweihabschnitten vor, sie werden je nach Typologie unterschiedlich angesprochen.3

Steinbeilklingen

Im Mesolithikum treten erstmals  sicher als Beile ansprechbare Artefakte aus Feuerstein mit erhaltener Schäftung auf, Kern- und Scheibenbeile. Kern- und Scheibenbeile sind insbesondere im Norden stark vertreten, nach Süden nimmt ihre Häufigkeit ab, im Rheinland sind sie selten. Kernbeile sind die älteren Artefakte,4 sie wurden allmählich durch Scheibenbeile abgelöst.5 Kernbeilklingen sind allseitig bearbeitet und weisen keine Ventralfläche auf,6 Scheibenbeilklingen sind aus dicken Abschlägen, Trümmern oder Frostscherben gefertigt.7 Die Schneiden wurden meist durch laterale Schläge gebildet, Schneidenschlag, gelegentlich aber auch durch beidseitige Retuschen. Beide Typen weisen in der Regel keinen Schliff auf. In Norddeutschland kommen Scheiben- und Kernbeilklingen auch im neolithischen Kontext vor. Geschliffene Felsgesteingeräte, darunter auch geschliffene Geröllbeilklingen treten vereinzelt schon im Mesolithikum auf.8

Kernbeil

Kernbeil Länge ca. 10 cm

Zeichnung Kernbeil

Zeichnung Kernbeil9

Gebrauchsspurenanalysen durch Gramsch belegten die Nutzung vieler Artefakte als Querbeile,10 es gab aber auch Parallelbeile. Bei Querbeilen verläuft die Schneide quer zum Stiel wie bei einer Dechsel. Mesolithische Einbäume zeigen teilweise noch erkennbare Dechselspuren.11 Kern- und Scheibenbeile sind vereinzelt noch im französischem Chasséen und der Trichterbecherkultur anzutreffen.

Scheibenbeile

Scheibenbeile

Zeichnung Scheibenbeil

Zeichnung Scheibenbeil12

Gelegentlich sind Schäftungen dieser Beilklingen in durchbohrten Holz- oder Geweihfuttern mit Holzstiel durch günstige Lagerungsbedingungen als Parallel- und Querbeile überliefert. → verschiedene Schäftungen

Mehr zu diesem Thema:

→ Beile, Äxte & Co

Holz­be­ar­bei­tung in der Altsteinzeit

→ Neo­li­thi­sche Beile und Äxte — Übersicht

→ Neo­li­thi­sche Beile und Äxte — Linkliste

→ Beilklin­gen des Neo­li­thi­kums im Rheinland

→ Dech­sel­klin­gen aus dem älte­ren Neolithikum

→ Grundlegendes zu Dechselklingen

→ Dechselklingen aus Steingrundform

→ Durchlochte Felssteingeräte

→ Beil– und Axtschäftungen

  1. Grabung bei Segeberg durch Ingo Clausen
  2. Kai Riedel, Materialorientierte und funktionelle Untersuchungen von Hirschgeweihgeräten aus dem Leinetal bei Koldingen / Gleidingen, Lkr. Hannover, Dissertation, 2003, S. 63, PDF
  3. Leen Dierckx, Geweibijlen en andere bot- en geweiwerktuigen uit het Scheldedal, Magisterarbeit 2008/9, S 26, PDF
  4. E. Werth, S. 132
  5. Joachim Hahn, 1991, S. 165f
  6. Joachim Hahn, 1991, S. 165
  7. Joachim Hahn, 1991, S. 167
  8. Joachim Hahn, 1991, S. 227 u. 234
  9. Gerken, Klaus 2001: Studien zur jung- und spätpaläolithischen sowie mesolithischen Besiedlung im Gebiet zwischen Wümme und Oste. Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme) 9. Oldenburg 2001, 1-366, Tafel 2, Abb. 4
  10. B. Gramsch, Abnutzungsspuren an mesolithischen Kern- und Scheibenbeilen, in Ausgrabungen und Funde, 11/1966, S. 109ff
  11. Peter Kaute, Giannina Schindler, Harald Lübke: Der endmesolithisch/frühneolithische Fundplatz Stralsund- Mischwasserspeicher – Zeugnisse früher Bootsbautechnologie an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns, in Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 2004—52, S.226, Abb.7, PDF
  12. Gerken, Klaus 2001: Studien zur jung- und spätpaläolithischen sowie mesolithischen Besiedlung im Gebiet zwischen Wümme und Oste. Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme) 9. Oldenburg 2001, 1-366, Tafel 3, Abb. 1