Beil- und Axtschäfte

Elastische Schäfte

Geweihäxte und Scheiben- und Kernbeile, in Holz- oder Geweihfutter eingeklebt, wurden ähnlich geschäftet. Die Stiele waren meist nur 2 bis 3 cm dick und bestanden aus elastischen Hölzern, beispielsweise Esche, Schneeball und Vogelbeere.1 Die Stiele wichen deutlich von heutigen Axtstielen ab. Während heutige Stiele sehr massiv sind, um die auftretenden Kräfte zu absorbieren, waren die prähistorischen Stiele flexibel und konnten durch Nachschwingen die kinetische Energie ableiten. Massive Stiele, Holme, treten erstmals bei neolithischen Parallelbeilen auf. Die im Neolithikum häufiger werdenden Zwischenfutter aus Geweih dienten als Puffer und verhinderten so den Bruch des Holmes.2verschiedene SchäftungenFoto neolithische Rosenaxt mit Schaft

Dieses elastische Schäftungsprinzip gilt auch für Keulenköpfe, Setzkeile und gelegentlich auftretende neolithische Parallelbeilklingen mit Geweihfutter. → Foto Klinge mit FutterFoto mit Schaft

Die Bohrungen der steinernen Axtköpfe sind ähnlich dimensioniert. Die erhaltene Schäftung einer Doppelaxt mit sehr langem, durch Rindenaplikationen verzierten Schaft stellt wohl eine Sonderform dar. → Video

Starre Schäfte

– Knieholme

Knieholmschäftungen sind für Dechselklingen gelegentlich durch Feuchtboden- oder Brunnenfunde belegt, es handelt sich meist um jungneolithische Funde.3 Die Facharchäologie ging lange Zeit davon aus, dass Dechsel aller steinzeitlichen Epochen immer einen rechten oder spitzen Winkel zwischen Schaft und Klinge besaßen. → Zeichnung Schäftungen quer und parallelFoto Knieholm

Das berühmte Kupferbeil des Mannes vom Hauslabjoch ist ebenfalls mit einem Knieholm geschäftet, allerdings ist die Kupferklinge schaftparallel eingesetzt. →  Foto.

Der bandkeramische Brunnenfund der Dechselklinge mit Schäftungsresten von Altscherbitz hat jedoch diese Sicht geändert. Hier wurde in einem Brunnen eine Dechselklinge mit einem Hohlraum einer vergangenen Schäftung in situ gefunden. Ein Abguss ergab einen stumpfen Winkel von etwa 115°.4

Video zur Holzbearbeitung mit stumpfwinkligen Dechseln:

– Holme/Flügelholme

Massive Schäfte, Holme genannt, finden sich bei Parallelbeilen. Die Steinbeilklingen wurden in Sack- oder Durchgangslöcher eingepasst. Damit seitlich des Loches genügend Holz die beim Arbeiten auftretenden Kräfte absorbieren konnte, war ein massiver Querschnitt technisch bedingt notwendig. Zum Griffbereich nahm die Stärke des Holmes ab und entsprach in den Dimensionen etwa heutigen Axtstielen. Die Beilholme waren gerade oder oberhalb des Schaftloches nach hinten gebogen, Flügelholm. → Foto Beilholm gerade  → Foto Durchgangsloch  → Foto Flügelholm

Beilholm

Beilholm, Quelle: W. Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit, Kosmos, Stuttgart, 3/1911, S. 31, Abb. 7

Bei dieser Schäftungsart mussten die auftretenden Kräfte von dem statischen Schaft absorbiert werden und konnten nicht durch Schwingung abgeleitet werden. Es bestand zusätzlich die Gefahr der Spaltung, wenn die Beilklinge wie ein Keil durch den Schlag auf die seitlichen Holzflanken wirkte. Dieses Problem wurde gelöst, indem die Kräfte nur auf die stabilen Schmalseiten des Schaftloches abgeleitet wurden. Die Schaftlöcher wurden so angelegt, dass die Beilklinge die Flanken nicht berührte und sich nur mit den Lateralkanten verkeilte.

– Holme mit Zwischenfutter

Dennoch kam es durch die Keilwirkung häufig zur Spaltung des Holmes im Schaftlochbereich. Um dem entgegen zu wirken, wurden Zwischenfutter verwendet. Diese waren aus Holz oder Geweih. Dabei werden die abgesetzten Geweihzwischenfutter das erfolgreichste Modell gewesen sein. Durch das Absetzten des Zapfens wirkte die Schlagenergie auf den Bereich um das Schaftloch, die Schwachstelle Schaftloch wurde dabei nicht belastet. Bei Zwischenfuttern mit einen im Querschnitt quadartischem Zapfen wäre es möglich, ein Parallelbeil durch eine 90° Drehung des Futters in ein Querbeil umzuwandeln. Diese Schäftung mit einem Geweihzwischenfutter ist jedoch nur bei kleindimensionierten Klingen möglich, die Geweihquerschnitte sind für größere Klingen zu schwach. →  Zwischenfutter Geweih → Zwischenfutter Holz

Beil mit Zwischenfutter

Beil mit Zwischenfutter, Quelle: W. Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit, Kosmos, Stuttgart, 3/1911, S. 31, Abb. 7

Ein weiterer Vorteil dieser Schäftungsvariante ist der größere Abstand der Schneide vom Holm. Dadurch konnten auch stark abgearbeitete Beilklingen noch verwendet werden. Gelegentlich finden sich geschliffene Feuersteinbeilklingen, die nachträglich insbesondere im Nackenbereich überarbeitet wurden, um in ein solches Zwischenfutter eingepasst zu werden.

Beilklinge, Neolithikum

Sekundär formüberarbeitete Beilklinge

Sonderformen

Nicht jedes als Beilklinge angesprochene Artefakt muss auch tatsächlich eine solche sein. Gelegentlich wurden die Klingen in einfachen Handhaben aus Geweih gefunden, die eher eine beitelartige Verwendung nahelegen.

handhabe

Beilklinge in Handhabe aus Geweih

Handhaben

Beilklingen in Handhabe, Quelle: G. Schwantes, Deutschlands Urgeschichte, Leipzig 1913, 2. Aufl., Abb. 8

Auch direkt in einen Geweihgriff geschäftete Beilklingen sind überliefert, es handelt sich bei diesen Exemplaren sicher nicht um Fällbeile.

Geweihholm

Geweihholm, Quelle: W. Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit, Kosmos, Stuttgart, 3/1911, S. 31, Abb. 7

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  1. Kai Rie­del, Mate­rialo­ri­en­tierte und funk­tio­nelle Unter­su­chun­gen von Hirsch­ge­weih­ge­rä­ten aus dem Lei­ne­tal bei Kol­din­gen / Glei­din­gen, Lkr. Han­no­ver, Dis­ser­ta­tion, 2003, S. 69, PDF
  2. Joachim Hahn, 1991, S. 310
  3. Jürgen Fischer, Ufersiedlungen der Horgener Kultur im Strandbad von Allensbach, Kreis Konstanz Funde und Befunde aus den Grabungen und Sondagen 1983–1988, in  Hemmenhofener Skripte 6/2006, S. 54, Abb. 55, PDF
  4. Rengert Elburg, Eine Dechselklinge mit Schäftungsresten aus dem bandkeramischen Brunnen von Altscherbitz, in AFD 50/2008, S. 12, PDF