Werkzeuge des Neandertalers und des Modernen Menschen | Steinzeit & Co

Werkzeuge des Neandertalers und des Modernen Menschen

Es bestehen markante Unterschiede zwischen den Werkzeugindustrien des Mittel- und Jungpaläolithikums. In der Übersicht werden einige Werkzeugtypen und ihre Laufzeiten behandelt.

Abschläge

Abschläge mit und ohne Modifikation wurden als einfache Geräte genutzt, vom Altpaläolithikum1 bis zum Ende des Neolithikums. Neandertaler und Moderner Mensch nutzten Abschläge schon lange vor einem Zusammentreffen unabhängig voneinander als Werkzeuge.

Faustkeile

Die als Universalwerkzeug fungierenden Faustkeile und ihre spezialisierten Formen, einschließlich der Keilmesser, zählen zu den wichtigen und typischen Werkzeugen des Mittelpaläolithikums. Mit dem Ende des Neandertalers finden auch diese Typen ihr Ende.2 Der Moderne Mensch nutzte vorwiegend modifizierte Klingen als Werkzeuge und sah sich offenbar nicht veranlasst, die Kernwerkzeuge zu übernehmen.

Schaber

Zu den häufigsten Werkzeugen des Mittelpaläolithikums gehören die Schaber.3 Es handelt sich um Grundformen mit mindestens einer kontinuierlich retuschierten, linearen Arbeitskante, diese liegt in der Regel lateral, bei Breitschabern terminal.4

Schematisch Schaber und Arbeitskante

Schematisch Schaber und Arbeitskante

Scha­ber sind zwar typisch für das Mit­tel­pa­läo­li­thi­kum, jedoch tre­ten ver­ein­zelt bis in das Neo­li­thi­kum hinein Stü­cke auf, die mor­pho­lo­gisch Scha­bern ent­spre­chen.5 Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Übernahme mittelpaläolithischer Werkzeugformen, sondern um gelegentlich auftretende, zufällige Parallelen.6 Unter einem gewissen Vorbehalt kann festgehalten werden, dass Schaber ebenfalls mit dem Neandertaler ihr Ende fanden. Diese Werkzeugform wurde nicht vom Modernen Menschen übernommen, statt dessen nutzte er unter anderem Kratzer an Stelle der Schaber.

Kratzer

Krat­zer sind Klin­gen oder Abschläge, die eine durch Retu­schen modi­fi­zierte, kon­vex gebo­gene Schmal­seite besit­zen, diese Krat­z­er­kappe ist die Arbeits­kante.7 Sie kön­nen zusätz­lich late­rale Retu­schen zur Stump­fung oder Form­ge­bung tra­gen.8

Schematisch Kratzer und Arbeitskante

Schematisch Kratzer und Arbeitskante

Nach Joachim Hahn treten Kratzer schon vor dem Jungpaläolithikum auf.9 Dabei handelt es sich um gelegentlich auftretende Stücke, nicht um feste Bestandteile der mittelpaläolithischen Inventare, sie stellen Ausnahmen dar. Einige Schaber weisen eine bogenförmig endende Lateralretusche auf. Der Bereich der Stirnretusche ähnelt dann mehr oder weniger einer Kratzerkappe. Ausplitterungen und Nachschärfungen belegen, dass diese kratzerähnlichen Arbeitskanten auch genutzt wurden.

Schaber mit Stirnretusche

Schaber mit gebogener Stirnretusche

Kratzer gehören neben Sticheln zu den wichtigsten Werkzeugformen des Jungpaläolithikums und sind in allen nachfolgenden Epochen gut vertreten.9 Kratzer treten in jungpaläolithischen Inventaren schon vor dem Zusammentreffen mit dem Neandertaler auf.

Stichel

Ab dem Jungpaläolithikum treten Stichel regelhaft auf und gehören zusammen mit Kratzern zu den wichtigsten jungpaläolithischen Werkzeugen.11 Im Mit­tel­pa­läo­li­thi­kum sind echte Sti­chel sehr sel­ten, dafür tre­ten gelegentlich funk­tio­nale Sti­chel auf, d.h. sta­bile Bruch- und Lateral­kan­ten von Grundformen wur­den wie die Kante der Sti­chelbahn ver­wen­det. Die Seltenheit der Stichel im Mittelpaläolithikum lässt vermuten, dass es sich um zufällig enstandene Formen handelt. Die wenigen als Stichel ansprechbaren Stücke reichen nicht aus, um die Sticheltechnik als festen Bestandteil mittelpaläolithischer Inventare anzusehen.

Funktionaler Stichel an Abschlagbruchkante

Funktionaler Stichel an Abschlagbruchkante

Stichelbahnen ähnelnde Ausbrüche können durch Auftreffen des Werkzeugs oder der Grundform auf einen harten Körper entstehen, 12 beispielsweise Impaktfrakturen bei Projektilen, lange Abplatzungen an ausgesplitterten Stücken, heruntergefallene Artefakte, die mit der Kante hart auftreffen etc. Zudem können Grundformen lateral Reste von vorangegangenen Hinges tragen, die den Eindruck einer Stichelbahn erwecken.13

Neolithische Pfeilspitze mit Aufprallschaden

Neolithische Pfeilspitze mit Aufprallschaden

Ausgesplittertes Stück mit Pseudostichelschlägen

Ausgesplittertes Stück mit Pseudostichelschlägen

Stichel sind im Jungpaläolithikum schon vor dem Zusammentreffen mit dem Neandertaler gut entwickelt und treten häufig auf, die Sticheltechnik endet mit dem Mesolithikum. Das Auftreten von Sticheln in den Übergangskulturen ist als Technologietransfer zu deuten, die späten Neandertaler machten sich die Sticheltechnik des Modernen Menschen zu eigen.

Stichel

Spätpaläolithischer Doppelstichel

Bohrer

Erste Bohrer im engen Sinne treten im Jungpaläolithikum auf, sorgfältig retuschierte Bohrenden fehlen im Mittelpaläolithikum. Im Mittelpaläolithikum existierten Grobbohrer, becs. Diese besassen ein spitz zugeformtes Arbeitsende, mit dem grobe Löcher gebohrt oder gestochen werden konnten. Auch unmodifizierte, spitz zulaufende Grundformen weisen oft Gebrauchsspuren auf, die eine bohrende Tätigkeit implizieren. Die sorgfältig gearbeiteten jungpaläolithischen Bohrer sind keine Weiterentwicklung der mittelpaläolithischen Becs.

Fazit

Werkzeugtypen des Neandertalers wurden nicht vom Modernen Menschen übernommen. Ein einseitiger Technologietransfer fand gegen Ende des Mittelpaläolithikums statt, der späte Neandertaler übernahm zur Zeit der Übergangskulturen offensichtlich Werkzeugformen vom Modernen Menschen oder versuchte, sie zu imitieren. Die Werkzeugformen des Jungpaläolithikums hingegen konnten sich teilweise bis Ende der Mittelsteinzeit, teilweise bis zum Ende der Steinzeit halten.

  1. Lutz Fiedler/ G. und W. Rosendahl, Altsteinzeit von A bis Z, Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 44, WBG, Darmstadt, 2011, S. 13
  2. Joachim Hahn, Erken­nen und Bestim­men von Stein– und Kno­chen­ar­te­fak­ten, Archaeo­lo­gica Vena­to­ria, Band 10, Tübin­gen, 1991, S. 147; 149
  3. Jürgen Richter, Schaber, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 281
  4. Jürgen Richter, 2012, S. 281
  5. Joachim Hahn, 1991, S. 169
  6. andernfalls müssten sie regelmäßig und kontinuierlich auftreten
  7. Claus-Joachim Kind, Krat­zer, in Floss (Hrsg.) Stein­ar­te­fakte vom Alt­pa­läo­li­thi­kum bis in die Neu­zeit, Tübin­gen 2012, Kerns Ver­lag, S. 415
  8. vergl. Ger­ken, Klaus 2001: Stu­dien zur jung– und spät­pa­läo­li­thi­schen sowie meso­li­thi­schen Besied­lung im Gebiet zwi­schen Wümme und Oste. Archäo­lo­gi­sche Berichte des Land­krei­ses Roten­burg (Wümme) 9, Olden­burg, 2001, S. 29
  9. Joachim Hahn, 1991, S. 177
  10. Joachim Hahn, 1991, S. 177
  11. Joachim Hahn, 1991, S. 182
  12. Clemens Pasda, Stichel, in Floss (Hrsg.) Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Kerns Verlag, S. 426
  13. vergl. Bir­git Geh­len, Die Silex­ge­räte des frü­hen Mit­tel­neo­li­thi­kums und der Rös­se­ner Kul­tur, in Floss (Hrsg.) Stein­ar­te­fakte vom Alt­pa­läo­li­thi­kum bis in die Neu­zeit, Tübin­gen 2012, Kerns Ver­lag, S. 735